Jenny, by Sigrid Undset—A Project Gutenberg eBook (2022)

The Project Gutenberg eBook of Jenny, by Sigrid Undset

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Title: Jenny

Author: Sigrid Undset

Translator: Thyra Dohrenburg

Release Date: July 12, 2022 [eBook #68511]

Language: German

Produced by: Jens Sadowski, Reiner Ruf, and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was produced from scanned images of public domain material, provided by the German National Library.)

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JENNY ***

Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von1921 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. TypographischeFehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nichtmehr gebräuchliche Schreibweisen, sowie fremdsprachliche Passagenbleiben gegenüber dem Original unverändert.

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Jenny

Sigrid Undset

Gyldendal’scher Verlag A. G. Berlin

Autorisierte Uebersetzung aus dem Norwegischen
von Thyra Dohrenburg

Alle Rechte vorbehalten

1921
Druck: Gyldendal’scher Verlag A. G., Abt. Buchdruckerei
Berlin SW 68

Erstes Buch

I.

Die Musik kam über die Via de Condotti, als Helge Gram in derDämmerung gerade in die Straße einbog. Die Melodie eines altbekanntenGassenhauers ertönte in sinnlos rasendem Tempo wie eine wilde Fanfare.Und die schwarzen kleinen Soldaten stürmten in dem kalten Nachmittagvorüber, als seien sie mindestens eine römische Kohorte, im Begriff,sich in fliegendem Laufschritt auf die Heerscharen der Barbaren zustürzen. Und sollten doch nur ganz friedlich heimwärts ziehen inihre nächtlichen Quartiere. Aber vielleicht war gerade das der Grundfür ihre stürmende Eile, dachte Helge und lächelte. Wie er so stand,den Mantelkragen gegen die Kälte hochgeschlagen, wallte eine seltsamhistorische Stimmung in ihm auf. Aber dann begann er, die wohlbekannteMelodie mitzusummen, und setzte seinen Weg die Straße hinab fort, inder Richtung, die, wie er wußte, zum Corso führte.

An der Ecke blieb er stehen und schaute hinüber. — Das also war derCorso. Ein unablässig rinnender Strom von Wagen in der engen Straße,und ein brodelndes Gewimmel von Menschen auf dem schmalen Bürgersteig.

Er stand und ließ den Strom an sich vorüberziehen und lächelte indem Gedanken, daß er nun Abend für Abend auf dieser Straße in derDunkelheit durch das Menschengewimmel würde schlendern dürfen, bis sieihm ebenso alltäglich geworden war wie die Carl Johannstraße daheim.

[S. 8]

Und das Verlangen überkam ihn, noch in dieser Stunde durch alleStraßen Roms zu laufen — ohne Aufhören — am liebsten die ganze Nachthindurch. Das Bild der Stadt stieg in ihm auf, wie sie vor kurzem zuseinen Füßen gelegen, als er auf dem Pincio stand und dem Untergang derSonne zuschaute.

Wolken breiteten sich über den ganzen Nachthimmel aus, dichtzusammengedrängt, wie kleine lichtgraue Lämmer. In der Sonne, diehinter ihm versank, erglühten ihre Ränder golden wie Bernstein. Unterdem bleichen Himmel lag die Stadt, und plötzlich kam es Helge zumBewußtsein: das war Rom! Nicht, wie er es in seinen Träumen erschaut —nein, wie es jetzt vor ihm lag.

Alles, was er auf seiner Reise gesehen, hatte ihn enttäuscht, weiles anders war, als er sich’s im Geiste ausgemalt daheim, in seinerSehnsucht hinauszukommen und es selbst zu schauen. Endlich, jetztendlich zeigte sich die Wirklichkeit, reicher als all seine Träume.

Und das war Rom ...

Eine weite Fläche von Dächern lag in der Talsenkung unter ihm — einGewimmel von Dächern alter und neuer, hoher und niedriger Häuser, die,wie es schien, aufs Geradewohl und so hoch gebaut worden waren, wie manihrer gerade bedurfte, denn nur an wenigen Stellen war die gerade Linieeiner Straße in dem Heer der Dächer deutlich erkennbar. Und diese ganzeWelt unruhiger Linien, die in Tausenden von harten Winkeln aufeinanderstießen, lag erstarrt und still unter dem fahlen Himmel, an dem eineunsichtbare, sinkende Sonne hier und da einen kleinen Lichtrand an denWolken entzündete. Sie lag und träumte unter einem feinen, weißlichenNebeldunst, in den sich nicht eine einzige lebende geschäftigeRauchsäule mischte. Denn ein Fabrikschlot war nicht zu entdecken,und von den kleinen drolligen Blechschornsteinen, die in die Luftstarrten, rauchte nicht ein einziger. Auf den rotbraunen, runden altenDachziegeln machten sich graugelbe Flechten breit, grüne Pflanzen undkleines Buschwerk mit gelben Blüten wucherte in den Wasserrinnen, am[S. 9]Rande der Terrassen reihten sich tote und schweigende Agaven in Urnen,und von den Gesimsen flossen Schlingpflanzen in stillen und totenKaskaden. Wo sich das oberste Stockwerk eines höheren Hauses über dieNachbarn erhob, starrten erstorbene und dunkle Fenster aus rotgelbemoder grauweißem Mauerwerk — oder schliefen hinter geschlossenen Läden.Aber aus dem Dunst ragten Altane, Stümpfen alter Wachttürme gleich, undkleine Lauben aus Holz und Blech erhoben sich auf den Dächern.

Ueber dem Ganzen schwebten die Kuppeln der Kirchen, Kuppel an Kuppel;die gewaltige graue weit draußen, jenseits der Stelle, wo Helge denLauf des Flusses vermutete, das war St. Peter.

Aber diesseits des Talkessels, wo die toten Dächer die Stadtbeschützten, die, wie Helge an diesem Abend empfand, mit Recht dieewige hieß, wölbte ein niedriger Höhenzug seinen langen Rücken genHimmel. Er trug in weiter Ferne eine Allee von Pinien, deren Kronenüber der schlanken Säulenreihe der Stämme ineinander liefen. Weitdrüben hinter der Peterskuppel, wo der Blick seine Schranke fand,erhob sich eine zweite Anhöhe mit lichten Villen zwischen Pinien undCypressen. Das mochte wohl der Monte Mario sein.

Ueber Helges Haupt breitete sich schützend das dunkle, dichteLaubdach der Steineichen, und hinter ihm plätscherte der Strahldes Springbrunnens mit einem eigenen lebendigen Laut — das Wasserklatschte gegen das steinerne Becken und rieselte, überfließend, in dasBassin hinab.

Ueber die Stadt seiner Träume, deren Straßen sein Fuß niemals betretenhatte, deren Häuser nicht eine vertraute Seele bargen, flüsterte Helgehin: „Roma, Roma, ewige Roma“. Eine Scheu erfaßte ihn vor seinemeigenen einsamen Ich und ein Bangen vor seiner Ergriffenheit, obwohl erwußte, hier war niemand, der ihn belauschen konnte. Er wandte sich undeilte hinab, der Spanischen Treppe zu.

Nun stand er an der Ecke der Via de Condotti und des Corso und empfandeine wunderbar süße Beklemmung,[S. 10] sollte er doch jetzt der Straßewimmelndes Leben durchkreuzen und versuchen, sich in der fremden Stadtzurechtzufinden — er wollte quer hindurch, gerade auf den Petersplatzzugehen.

Indem er die Straße überschritt, gingen zwei junge Mädchen an ihmvorüber. Das waren sicher Norwegerinnen, kam es ihm sofort in den Sinn,und er empfand eine gewisse Freude bei dem Gedanken. Die eine warlichtblond und trug einen hellen Pelz.

Die Straße, der er folgte, mündete auf einen offenen Platz aneiner weißen Brücke. Zwei Reihen Laternen kämpften mit ihrenschwindsüchtigen, grünlichgelben Lichtern gegen den gewaltigen,bleichen Schein, den der unruhige Himmel ausstrahlte. Am Wasser entlangzog sich fahl schimmernd eine niedrige steinerne Brustwehr und eineBaumreihe mit welkem Laub und Stämmen, deren Rinde sich in großenweißen Fetzen abschälte. Auf der anderen Seite des Flusses branntendie Gaslaternen unter den Bäumen, die Häusermasse hob sich schwarzgegen den Himmel ab. Doch diesseits des Stromes flackerte der Scheindes Abendlichtes noch in den Fensterscheiben. Der Himmel war jetztfast klar und wölbte sich in durchsichtigem Blaugrün über dem Hügel,dessen Kamm die Pinien trug; noch segelten aber einige wenige schwerezusammengeballte Wolkenberge darüber hin, rot und gelb aufleuchtend,als kündeten sie Sturm.

Helge stand auf der Brücke still und sah in die Tiber hinab. Wietrüb das Wasser war! Es stürzte reißend dahin, bunt aufflammend imWiderschein der abendlich leuchtenden Wolken — riß Zweige, Planken undGeröll mit sich in seinem weißen steinernen Bett da drunten. Seitwärtsan der Brücke führte eine kleine Treppe zum Wasser hinab. Helge kam derGedanke, wie leicht es doch sein müßte, sich eines Nachts, des Treibensmüde, hier aus dem Leben zu schleichen. Ob es wohl jemand tat?

Er fragte, auf Deutsch, einen Konstabler nach dem Wege zurPeterskirche; der Konstabler antwortete zunächst auf Französisch, dannitalienisch, und als Helge immer[S. 11] wieder den Kopf schüttelte, redete erwieder französisch und wies über den Strom. Helge schlenderte in dergewiesenen Richtung weiter.

Da stieg eine gewaltige, düstere Steinmasse vor ihm empor, einniedriger runder Turm mit zackigen Mauerkränzen von der tiefschwarzenSilhouette eines Engels gekrönt. — Helge erkannte die Umrisse derEngelsburg. Sein Weg hatte ihn gerade ihr zu Füßen geführt. Im letztenLicht des Himmels leuchteten die Statuen drüben auf der Brücke in derDämmerung, noch spiegelten die Wellen der Tiber den Schein der rotenWolken wider. Aber schon schossen die Gaslaternen ihre Lichtpfeileauf den Strom hinaus. Hinter der Engelsbrücke surrten elektrischeStraßenbahnen mit erleuchteten Fensterscheiben über eine neueschmiedeeiserne Brücke. Aus den Leitungsdrähten sprühten blauweißeFunken.

Helge lüftete den Hut vor einem Manne:

San Pietro favorisca?

Der Mann zeigte geradeaus und sagte etwas, das Helge nicht verstand.

Die Straße, in die er einbog, war eng und finster; so hatte er sicheine italienische Straße oft ausgemalt, und er empfand nun geradezu einGefühl der Wiedersehensfreude. Ein Antiquitätengeschäft lag hier nebendem anderen.

Helge schaute mit Interesse in die schlecht erleuchteten Fenster. Dasmeiste war Schund; die schmutzigen Streifen aus groben, weißen Spitzen,auf Schnüren aneinandergereiht — sollten dies italienische Spitzensein? Da lagen Scherben und Ueberreste von Tonwaren in staubigenSchachteldeckeln aus, kleine, giftgrüne Bronzefiguren, alte und neueMetalleuchter und Broschen mit unechten Steinen. Trotzdem wandelte ihnunerklärlicherweise eine Lust zum Kaufen an, zu fragen, zu feilschen,zu handeln —. Er war in einen kleinen dumpfen Laden geraten, fast ohneselbst zu wissen, wie. Da sah es übrigens lustig aus; es gab seltsameDinge aus aller Welt: alte Kirchenlampen, von der Decke herabhängend,Seidenlappen[S. 12] mit goldgestickten Blumen auf rotem und grünem und weißemGrunde, zerbrochene Möbel.

Hinter dem Ladentisch hockte ein gelbhäutiger dunkler Bursche, das Kinnblau von Bartstoppeln, und las. Er fragte und redete, während Helgeauf dies und jenes zeigte, und „quanto“ sagte. Das einzige, wasHelge begriff, war, daß die Sachen unerhört teuer waren — man müßtejedenfalls mit dem Kaufen warten, bis man der Sprache mächtig wäre, unddann gehörig feilschen.

Drüben auf einem Regal stand Porzellan, Rokokofiguren und Vasen mitmodellierten Rosenbuketts geziert. Sie schienen neu zu sein. Helgeergriff aufs Geratewohl einen solchen kleinen Gegenstand und setzte ihnauf den Tisch: „quanto?

Sette,“ sagte der Mann und spreizte sieben Finger.

Quattro.“ Helge streckte vier Finger in die Luft. Er hatte einfrohes und sicheres Gefühl, als er so plötzlich in die fremde Sprachegleichsam hinübersprang. Freilich begriff er nichts von dem Protest desMannes, doch jedesmal, wenn der andere ausgeredet hatte, kam er mitseinem quattro und seinen vier Fingern.

Non antica,“ warf er überlegen hin.

Der Ladenbesitzer beteuerte jedoch: „antica.“

Quattro,“ sagte Helge zum letzten Male — jetzt hatte der Mannnur fünf Finger in der Luft. Als Helge sich zur Tür wandte, rief derBursche ihn zurück. Er akzeptierte. Selig nahm Helge den Gegenstand ansich, der sorgsam in rotes Seidenpapier gehüllt worden war.

Am Ausgang der Straße konnte er die dunkle Masse des Doms gegenden Himmel unterscheiden. Er schritt kräftig aus und eilte überden vorderen Teil des Platzes, dort, wo die Läden mit den hellenFenstern lagen und die Bahnen vorübersausten, — auf die beidenhalbkreisförmigen Arkaden zu, die zwei gebogenen Armen gleich sichum einen Teil des Platzes legten und ihn hineinzogen in die Stilleder Dunkelheit. Helge flüchtete in den Schutz der gewaltigen dunklenKirche, die ihre breite Treppe in[S. 13] einer muschelförmigen Zunge bis aufdie Mitte des Marktes hinausschob.

Die Kuppel der Kirche und die Statuenreihe der Heiligenschardrüben über dem Dach des Säulenganges hoben sich schwarz gegen dasHelldunkel der Himmelswölbung ab; Baumkronen und Häuser, unregelmäßigübereinandergestapelt, breiteten sich über der Anhöhe dahinter aus.Hier waren die Gasflammen machtlos; die Finsternis sickerte durch dieSäulen der Arkaden, ergoß sich von der offenen Vorhalle der Kircheüber die Treppe hinab. Helge ging still hinüber bis an die Kirche,und schaute neugierig auf die verschlossenen Metalltüren. Dann kehrteer um und schritt zum Obelisk in der Mitte des Platzes. Hier blieber stehen und starrte auf die dunkle Kirche. Den Kopf zurückbiegendfolgte er mit den Augen dem schlanken steinernen Pfeil, der hoch in denAbendhimmel hinaufragte, dort, wo die letzten Wolken hinter den Dächernverschwunden waren und die ersten Sterne ihre funkelnden Lichtnadelndurch die sich vertiefende Dunkelheit schossen.

Wieder erklang in seinen Ohren der wunderliche durchdringende Lautvon plätscherndem Wasser, das in steinerne Becken herabstürzte, unddas weiche Rieseln des strömenden Ueberflusses, der sich von Schalezu Schale in das Bassin ergoß. Er ging bis dicht an den einen derSpringbrunnen heran und betrachtete die vollen weißen Strahlen, die wiein hitzigem Trotz aufschossen und hoch oben zusammenbrachen; dunkelgegen die Klarheit der Luft, sanken sie hinab in die Finsternis, in derdas bewegte Wasser weiß aufleuchtete. Helge starrte hinauf. Plötzlichfing ein kleiner Windstoß sich in der Wassersäule und fegte sie überihn hinweg. Jetzt plätscherte es nicht mehr klatschend gegen dassteinerne Becken, es rieselte hinab, und Helge war bedeckt von Tropfen,die in der kalten Abendluft zu Eis erstarrten.

Dennoch blieb er stehen, lauschte und starrte — schritt vorwärts undstand wieder — doch ganz behutsam, um das Flüstern in seinem Innernzu vernehmen. — Jetzt[S. 14] war er also hier, all das, von dem er sichverzehrend fortgesehnt hatte, lag in weiter, weiter Ferne. Und er tratnoch leiser auf und schlich wie einer, der dem Gefängnis entronnen war.

Unten an der Ecke der Straße lag ein Restaurant. Dort ging er hinüber.Unterwegs entdeckte er einen Tabaksladen, wo er sich Zigaretten,Ansichtskarten und Freimarken kaufte. Während er auf sein Essen warteteund hin und wieder in langen Zügen vom Rotwein trank, schrieb er Kartenan seine Eltern: „Ich denke an diesem Abend viel an Euch hier unten—“. Er lächelte schmerzlich — ja, Herrgott, so war es! An die Mutterschrieb er jedoch: „Ich habe schon eine Kleinigkeit für Dich gekauft,— das erste, was ich hier in Rom erstanden habe.“ Arme Mutter — wiemochte es ihr wohl ergehen. Er war in den letzten Jahren oft lieblosgegen sie gewesen —. Er packte das Geschenk aus — es war sicher eineEau de Cologneflasche — und betrachtete es. Dann fügte er noch einigeZeilen hinzu, er finde sich mit der Sprache zurecht und das Handeln inden Läden sei gar nicht so schwierig.

Das Essen war gut, doch teuer. Nun, wenn er sich erst hier eingelebthätte, würde er schon lernen, mit Wenigem auszukommen. Gesättigt undangeregt vom Wein ging er in einer neuen Richtung weiter, entdecktelange, niedrige, verfallene Häuser und hohe Gartenmauern, gelangtedurch einen zerstörten Torbogen auf eine Brücke, über die er hinwegwollte. Ein Mann erschien in der Tür des Zollhauses, hielt ihn an undmachte ihm verständlich, daß er einen Soldo entrichten müsse. Drübenauf der anderen Seite lag eine große dunkle Kuppelkirche.

Hier geriet er in einen Wirrwarr finsterer, enger Sackgassen; in dergeheimnisvollen Dunkelheit ahnte er in den Himmel hineinragende altePaläste mit vorspringenden Dachgesimsen, vergitterten Fenstern — ingleicher Front mit elenden Hütten und kleinen Kirchenfassaden. Einen[S. 15]Bürgersteig hatte die Straße nicht; Helge trat in verdächtigen Abfall,der im Rinnstein lag und übel roch. Vor den schmalen erleuchtetenHerbergstüren und unter den spärlichen Gaslaternen erblickte erundeutlich zweifelhafte menschliche Gestalten.

Er war von dieser Umgebung begeistert und beklommen zugleich — vollknabenhafter Spannung. Gleichzeitig begann er darüber nachzudenken,wo ein Ausweg aus diesem Labyrinth zu finden sei und wie er zu seinemHotel zurückgelangen sollte, das weit fort am anderen Ende der Weltlag. Er mußte sich wohl eine Droschke leisten.

So schritt er denn eine neue, enge, ganz menschenleere Gasse hinab.Zwischen den steilaufragenden Häusern mit den schwarzen Fensterhöhlen,die ohne Sims aus dem Mauerwerk starrten, zog sich ein StreifenHimmels hin, klarblau und dunkelleuchtend; unten auf dem holprigenSteinpflaster wirbelte ein leichter Windstoß Staub und Strohhalme undPapierfetzen vor sich her.

Zwei Frauen überholten ihn. Als er sie im Schein einer Laternebetrachten konnte, durchfuhr es ihn: das waren die, die er heuteNachmittag auf dem Corso bemerkt und für Norwegerinnen gehalten hatte.Das helle Pelzwerk der größeren erkannte er sofort wieder.

Plötzlich kam ihm ein verrückter Gedanke — er wollte ein Abenteuerversuchen, sie nach dem Wege fragen, um zu hören, ob es Norwegerinnenseien oder wenigstens Skandinavierinnen. Ihm klopfte aber doch das Herzein wenig, als er sich anschickte, ihnen nachzufolgen. Ausländerinnenwaren es sicher.

Die jungen Mädchen blieben weiter unten vor einem verschlossenen Ladenstehen, setzten aber gleich darauf ihren Weg fort. Helge überlegte:sollte er „Please“ oder „Bitte“ oder „Scusi“ sagen oderversuchsweise mit einem norwegischen „Verzeihung“ herausplatzen? Wielustig, wenn es wirklich Norwegerinnen waren.

Die Mädchen bogen um die Ecke. Helge war ihnen dicht auf den Fersen undauf dem Sprunge, sie anzureden.[S. 16] Da wandte sich die kleinere halb umund sagte etwas in italienischer Sprache, leise und empört.

Helge war herb enttäuscht. Er wollte eben „Scusi“ sagen undverschwinden, als die Große auf Norwegisch zur Freundin sagte: „Nichtdoch, Cesca, nichts sagen — es ist viel klüger, zu tun, als merke mannichts.“

„Ich ertrage aber dieses verdammte Italienerpack nicht, das nie einFrauenzimmer in Frieden lassen kann,“ erklärte die andere.

„Ich bitte um Entschuldigung“, sagte Helge. Die Mädchen blieben stehenund wandten sich brüsk um.

„Sie müssen wirklich entschuldigen.“ Helge stammelte und errötete,ärgerte sich darüber und erglühte nur tiefer in der Dunkelheit. „Ichbin nämlich heute aus Florenz gekommen, und jetzt habe ich mich indiesen Winkelgassen vollständig verloren. — Nun glaubte ich, die Damenseien Norwegerinnen — oder jedenfalls aus Skandinavien — und ichkomme so schlecht mit der italienischen Sprache zurecht — und da kammir die Idee —. Vielleicht haben Sie die Liebenswürdigkeit, mir zusagen, wo ich eine Straßenbahn finde? Mein Name ist Kandidat Gram“. Erlüftete wieder den Hut.

„Ja, wo wohnen Sie denn?“ fragte die Größere.

„Gleich neben dem Bahnhof, es heißt so ähnlich wie Albergo Torino“,erklärte ihnen Helge.

„Dann muß er mit der Trasteverebahn fahren vom San Carlo ai Catenariaus,“ sagte die Kleine.

„Nein, Sie steigen besser in die Linie 1 auf dem neuen Corso.“

„Die geht aber nicht bis zu den Termini“, antwortete wieder dieKleinere.

„Aber natürlich. Sie nehmen die, auf der San Pietro-Stazione Terministeht“, erklärte sie Helge.

„Die — die fährt doch erst über den Capo de Case und Ludovisi undso weiter bis ans Ende der Welt — mit der dauert es mindestens eineStunde bis zum Bahnhof.“

[S. 17]

„Nicht doch, Liebes — sie fährt direkt — den kürzesten Weg durch dieVia Nazionale.“

„Nein —“, beharrte die Kleine. „Sie fährt übrigens erst um den Lateranherum.“

Die große Dame wandte sich an Helge:

„Sie gehen nur die erste Straße zur Rechten hinunter bis zum Flohmarkt.Dann halten Sie sich links an der Cancelleria, bis Sie auf den neuenCorso hinausgelangen. Soviel ich mich entsinne, hält die Bahn an derCancelleria, jedenfalls gleich in der Nähe; Sie sehen schon das Schild.Sie müssen aber darauf achten, daß Sie den Wagen bekommen, auf dem SanPietro-Stazione Termini steht — es ist die Linie 1.“

Helge blickte mutlos drein, als die jungen Mädchen neben ihm mitden fremden Namen um sich warfen, als seien es Bälle. Er schüttelteschließlich den Kopf.

„Ich fürchte, ich finde mich da nicht zurecht, ich werde doch liebergehen, bis ich auf eine Droschke stoße.“

„Wir begleiten Sie gern bis zur Haltestelle“, sagte die Große wieder.

Die Kleine brummte mürrisch auf Italienisch etwas vor sich hin, dochdie Große antwortete in verweisendem Tone. Helges Mut sank noch um einBeträchtliches durch diese Bemerkungen über seinen Kopf weg, die ernicht verstand.

„Ich danke Ihnen, ich möchte Sie wirklich nicht damit belästigen — ichfinde sicher schon irgendwie nach Hause.“

„Das ist durchaus keine Mühe,“ erwiderte die Große und schickte sichzum Gehen an. „Wir haben ungefähr denselben Weg.“

„Es ist recht schwierig, sich in Rom zurechtzufinden“, versuchte Helge,ein Gespräch in Gang zu bringen. „Jedenfalls in der Dunkelheit.“

„O nein, man kennt sich schnell aus.“

„Ich kam also heute hierher — ich kam heute Vormittag mit dem Zuge ausFlorenz.“

Die Kleine sagte halblaut etwas auf Italienisch. Die Große fragtehierauf Helge:

[S. 18]

„Es ist wohl jetzt kalt in Florenz?“

„Ja, hundekalt. Ist es nicht hier in Rom milder? Ich schrieb übrigensgestern nach Hause an meine Mutter und bat um meinen Wintermantel.“

„Auch hier kann es oft recht scharf und kalt sein. Fühlten Sie sichwohl in Florenz? Wie lange waren Sie dort?“

„Vierzehn Tage“, sagte Helge. „Ich glaube, Rom wird mir doch bessergefallen.“

Das andere junge Mädchen lachte. Die ganze Zeit über hatte es aufItalienisch vor sich hingebrummelt. Doch die Große sprach zu ihm mitihrer warmen ruhigen Stimme:

„Ja, ich glaube, es gibt keine Stadt, die man so liebgewinnt wie Rom.“

„Ihre Freundin ist Italienerin?“ fragte Helge.

„Nein, Fräulein Jahrmann ist Norwegerin. Wir sprechen Italienischmiteinander, damit ich es lerne — sie ist nämlich schon sehr weitdarin. Mein Name ist Winge“, fügte sie hinzu. „Dort liegt Cancelleria“,und sie wies auf einen großen düsteren Palast.

„Ist der Hofraum so schön, wie man sich erzählt?“

„Ja, herrlich. — Nun werde ich Ihnen helfen, die richtige Straßenbahnzu finden.“

Während sie standen und warteten, kamen zwei Herren quer über dieStraße.

„Hallo, finden wir Sie hier?“ sagte der eine auf Schwedisch.

„Guten Abend“, begrüßte sie der andere. „Dann gehen wir doch zusammenhinüber? Seid Ihr unten gewesen, um Euch die Korallen anzusehen?“

„Der Laden war geschlossen“, erwiderte Fräulein Jahrmann mißmutig.

„Wir haben einen Landsmann getroffen, dem wir auf die richtigeStraßenbahn helfen wollen“, setzte Fräulein Winge auseinander undstellte vor: „Kandidat Gram, Maler Heggen, Bildhauer Ahlin.“

[S. 19]

„Ich weiß nicht, ob Sie sich meiner erinnern, Herr Heggen, Gram istmein Name — wir lernten uns einmal auf der Mysusenne kennen, vor etwadrei Jahren.“

„Ah, ja natürlich. Und nun sind Sie also in Rom?“

Ahlin und Fräulein Jahrmann hatten abseits gestanden und miteinandergeflüstert. Jetzt ging sie auf die Freundin zu:

„Du, Jenny, ich gehe heim. Ich bin doch nicht dazu aufgelegt, zuFrascati zu gehen.“

„Aber liebes Kind, du hast ja selbst den Vorschlag gemacht.“

„Ach nein, nicht Frascati — dazusitzen und sich mit dreißig altendänischen Weibern beiderlei Geschlechts abzuplagen.“

„Wir können ja etwas anderes wählen — doch da ist Ihre Straßenbahn,Kandidat Gram.“

„Ja, tausend Dank für Ihre Hilfe! Vielleicht sehe ich die Damen einmalwieder — im Skandinavischen Verein?“

Die Bahn hielt vor ihnen — da sagte Fräulein Winge:

„Sie haben vielleicht Lust, sich uns anzuschließen; wir hatten dieAbsicht, heute Abend ein wenig zu bummeln, Wein zu trinken und Musik zuhören.“

„Ja, danke.“ Helge war unsicher und verlegen und schaute auf dieanderen. „Recht gern, aber —“ er wandte sich vertrauensvoll anFräulein Winge mit dem hellen Antlitz und der freundlichen Stimme: „Siekennen sich ja untereinander und — nun, ist es nicht am gemütlichstenfür Sie alle, ohne fremde Gesellschaft zu sein?“ Er lachte verlegen.

„Aber nein, mein Lieber.“ Sie lächelte. „Im Gegenteil — sehen Sie,dort fährt Ihre Bahn schon — und Heggen kennen Sie ja doch von früherund jetzt uns. Wir werden schon darauf achtgeben, daß Sie richtig nachHause gelangen — wenn Sie also nicht zu müde sind.“

„Müde! Nein. — Ich möchte sehr gern mit Ihnen zusammen sein“,versicherte Helge eifrig und erleichtert.

[S. 20]

Die drei anderen begannen, Trattorien vorzuschlagen. Helge kanntekeinen der Namen, die fielen; es war keiner von denen darunter,die sein Vater erwähnt hatte. Fräulein Jahrmann aber verwarf jedenVorschlag.

„Nun gut, dann gehen wir eben nach St. Agostino. Du weißt, wo es denroten Wein gibt, Gunnar.“ Jenny Winge schlug ohne weiteres dieseRichtung ein; Helge folgte.

„Da ist keine Musik“, hatte Fräulein Jahrmann einzuwenden.

„Aber natürlich — der Scheeläugige und der andere sind dort fast jedenAbend. Laßt uns doch nur nicht hier stehen und Zeit verlieren.“

Helge folgte mit Fräulein Jahrmann und dem schwedischen Bildhauer.

„Sind Sie schon längere Zeit in Rom, Herr Gram?“

„Nein, ich kam heute Vormittag aus Florenz.“

Fräulein Jahrmann lachte leise, Helge wurde verlegen. Er überlegteim Gehen — sollte er nicht doch lieber sagen, daß er müde sei unddann umkehren? Während sie durch finstere enge Straßen ihren Wegfortsetzten, plauderte Fräulein Jahrmann ununterbrochen mit demBildhauer und antwortete kaum, wenn er den Versuch machte, mit ihr zusprechen. Ehe er sich jedoch entschlossen hatte, sah er das andere Paarvorn durch eine schmale Tür verschwinden.

II.

„Was zum Teufel ist nun wieder in Cesca gefahren — ihre Launen kennenja nachgerade keine Grenzen mehr; leg Deinen Mantel ab, Jenny, sonsterkältest Du Dich, wenn Du wieder hinauskommst.“ Heggen hängte Hut undFrühjahrsmantel an den Ständer und ließ sich in einen Korbsessel fallen.

„Das arme Ding, ihr geht es augenblicklich nicht gut — und außerdemlief uns dieser Gram ein Stück nach, ehe er es wagte, uns anzusprechenund nach dem Wege[S. 21] zu fragen; dergleichen bringt sie immer in Erregung,und dann, Du weißt ja, — ihr Herz.“

„Die Aermste. — Frecher Bursche übrigens.“

„O, nicht doch, er lief ja umher und wußte weder aus noch ein, glaubeich. Er macht nicht gerade den Eindruck, als habe er Erfahrung imReisen. Du kennst ihn?“

„Keine Ahnung. Aber deshalb kann ich ihn sehr gut mal getroffen haben.Ah, da sind sie.“

Ahlin nahm Fräulein Jahrmann den Mantel von der Schulter.

„Teufel auch,“ meinte Heggen, „wie fein du heut Abend bist, Cesca.“

Sie lächelte erfreut und strich mit der Hand den Rock über den Hüftenglatt, dann faßte sie Heggen bei den Schultern:

„Rück’ ein wenig zur Seite — ich will neben Jenny sitzen.“

„Herr des Himmels, wie ist sie schön,“ dachte Helge. Cescas Kleid warleuchtend grün, der üppige Busen hob sich aus dem hoch gearbeitetenRock wie aus einem Blumenkelch. Die Sammetbluse leuchtete in denFalten wie gleißendes Gold; aus dem tiefen Ausschnitt wuchs der runde,mattbraune Hals empor. Sie war sehr brünett; unter der braunen Glockedes Plüschhutes umschmeichelten kleine kohlschwarze Locken die reinen,pfirsichroten Wangen. Das Antlitz war ganz jungmädchenhaft, schwereLider bedeckten die tiefen, grauschwarzen Augen, und lächelnde Grübchenverschönten den kleinen, dunkelroten Mund.

Jenny Winge, so hübsch sie auch war, fiel gegen die Freundin ganzab. Sie war ebenso blond wie die andere dunkel: das Haar, von derhohen weißen Stirn zurückgestrichen, lugte goldig schimmernd unterdem kleinen grauen Pelzbarett hervor; die Haut war schneeig weiß undlichtrot. Selbst Augenbrauen und die Wimpern über den stahlgrauen Augenwaren hell — goldbraun. Der etwas bleiche Mund aber schien zu groß fürdas schmale Gesicht mit der kurzen geraden Nase und den blaugeäderten[S. 22]gewölbten Schläfen; wenn sie lachte, zeigte sie eine dichte Reiheblanker Zähne. Alles übrige an ihr war schmächtig, der lange schlankeHals, die Arme, von hellen feinen Härchen bedeckt, und die langen,mageren Hände. Lang und aufgeschossen, wie sie war, erschien ihrKörper knabenhaft — sie mußte noch erstaunlich jung sein. Sie trugkleine weiße Aufschläge an den Ellenbogen und am Halsausschnitt deshellgrauen, seidenen Kleides, das, leicht und wallend, über der Brustund an den Hüften gekräuselt war — wohl um ihre Magerkeit etwas zuverbergen. Den Hals schmückte eine Kette von kleinen mattrosa Perlen,die sich in rosenroten Lichtpünktchen auf der Haut widerspiegelten.

Helge Gram hatte sich bescheiden am Ende des Tisches niedergelassenund folgte der Unterhaltung. Die fremde Gesellschaft sprach von einerFrau Söderblom, die krank gewesen war. Ein alter Italiener mit einerschmutzigweißen Schürze über dem dicken Leib kam herbei und fragte nachihren Wünschen.

„Rot, weiß, sauer, süß — was wollen Sie trinken, Gram?“ wandte Heggensich an ihn.

„Kandidat Gram soll sich einen halben Liter von meinem Rotweinbestellen“, meinte Jenny Winge. „Es ist einer der besten in Rom, unddas will etwas heißen, wissen Sie!“

Der Bildhauer schob den Damen eine Zigarettendose hin. Cesca griff zu.

„O, nicht doch, Cesca“, bat Jenny.

„Nun erst recht“, sagte Cesca „Mir wird nicht besser, auch wenn ich eslasse. Und ich bin böse heute Abend.“

„Aber weshalb denn, liebes gnädiges Fräulein?“

„Ach. — Zum Beispiel weil ich die Korallen nicht bekam.“

„Brauchtest du sie denn heute Abend?“ fragte Heggen.

„Nein, aber ich hatte mich doch endlich entschlossen, sie zu kaufen.“

[S. 23]

„Und morgen hast du dich für die Malachitkette entschieden?“ lachteHeggen.

„Nein, da irrst du dich, mein Lieber. Aber es ist auch abscheulich.Jenny und ich stürzten nur der Korallen wegen dort hinüber.“

„Auf diese Weise trafst du uns aber. Sonst hättet ihr zu Frascati gehenmüssen, worauf du plötzlich auch ärgerlich geworden bist.“

„Ich wäre sicher nicht zu Frascati gegangen — das schwör’ ich dir,Gunnar. Und das wäre mir viel besser gewesen. Denn nun will ich rauchenund trinken und die ganze Nacht durchbummeln, da ihr mich nun einmalmitgelockt habt.“

„Ich glaubte, du hättest es vorgeschlagen.“

„Die Malachitkette war außerordentlich schön, finde ich,“ lenkte Ahlinab, „und sehr billig.“

„Ja, aber Malachit ist in Florenz viel billiger. Diese kostetsiebenundvierzig. Und in Florenz, dort wo Jenny ihre cristallorosso kauft, hätte ich sie für fünfunddreißig Lire haben können.Jenny hat für ihre Kette nur achtzehn gegeben. Er muß mir die Korallenaber für neunzig Lire lassen.“

„Ich begreife nicht recht, wie du mit deinem Gelde auskommst“, sagteHeggen und lachte.

„Ich mag nicht noch länger darüber sprechen,“ sagte Cesca. „Ich habedieses Hin- und Hergerede satt — morgen gehe ich und kaufe dieKorallen.“

„Sind aber neunzig Lire nicht furchtbar teuer für Korallen?“ wagteHelge zu fragen.

„Sie können sich denken, daß es nicht so ganz gewöhnliche sind“,antwortete Cesca herablassend. „Es sind diese Contadinakorallen — einedicke Kette mit Goldverschluß und langen schweren Ohrhängern.“

„Contadina — ist das eine besondere Art Korallen?“

„Nein, das sind die, mit denen die Contadine gehen.“

„Ich weiß nicht, was eine Contadine ist.“ Helge lächelte schüchtern.

[S. 24]

„Ein Bauernmädchen. Haben Sie niemals diese Ketten gesehen, die sietragen, diese schweren dunkelroten geschliffenen Korallen?“

„Meine Perlen haben dieselbe Farbe wie Rindfleisch und die mittelsteist so groß —“ sie bildete mit Daumen und Zeigefinger eine eigroßeRundung.

„Das muß wunderhübsch aussehen —“. Helge griff gierig denGesprächsfaden auf. „Ich kenne Malachit oder cristalla rossanicht — aber meiner Ansicht nach müßten solche Korallen Ihnen amallerbesten stehen.“

„Da können Sie hören, Ahlin — Sie wollten mich ja immer dazuverleiten, die Malachitkette zu kaufen. Heggens Schlipsnadel ist ausMalachit — bitte gib sie mir einen Augenblick, Gunnar. Und JennysPerlenhalsband besteht aus cristallo rosso — nicht rossa— rotem Bergkristall, wissen Sie?“

Sie reichte ihm die Nadel und die Halskette. Die Kette war warm vonihrem Hals. Helge betrachtete sie einen Augenblick. In jeder Perlewaren gleichsam kleine Spalten, die das Licht aufsogen.

„Sie müßten Korallen tragen, Fräulein Jahrmann. Wissen Sie, ich glaube,Sie sehen dann selbst aus wie eine römische Contadina.“

„Da könnt ihr’s hören.“ Sie lächelte leicht zu Helge hinüber und summtevergnügt vor sich hin. „Da könnt ihr’s selbst hören.“

„Sie haben ja auch einen italienischen Namen,“ fuhr Helge eifrig fort.

„Ach, der stammt noch von der italienischen Familie, bei der ich imvorigen Jahre wohnte, sie veränderten den häßlichen Namen, den ich vonmeiner Großmutter geerbt habe, und so behielt ich den italienischenbei.“

„Francesca,“ sagte Ahlin leise.

„Ich kann mir Sie nur als Francesca denken — Signorina Francesca.“

„Warum denn nicht Fräulein Jahrmann. Wir können leider nichtitalienisch miteinander sprechen. Sie können ja die Sprache nicht.“ Siewandte sich an die[S. 25] anderen. „Jenny und Gunnar, morgen kaufe ich alsodie Korallen.“

„Ja, das haben wir schon gehört,“ meinte Heggen.

„Aber ich will sie für neunzig haben.“

„Ja, man muß aber handeln,“ sagte Helge erfahren. „Ich war heuteNachmittag irgendwo in der Nähe der Peterskirche in einem Laden understand dies hier für meine Mutter. Er verlangte sieben Lire, ichbekam es aber für vier. Finden Sie es nicht billig?“ Er stellte denGegenstand auf den Tisch.

Franziska betrachtete ihn verächtlich.

„Die kosten anderthalb auf dem Fischmarkt. Ich habe im vorigenJahre zwei von der gleichen Art für jedes unserer Mädchen zu Hausemitgebracht.“

„Der Mann behauptete, es sei antik,“ wandte Helge unsicher ein.

„Das sagen sie immer, wenn sie merken, daß die Leute kein Verständnisdafür haben. Und nicht Italienisch können.“

„Es gefällt Ihnen also nicht?“ fragte Helge niedergeschlagen und hülltees wieder in das rosa Papier. „Finden Sie nicht, daß ich es meinerMutter schenken kann?“

„Ich finde es greulich,“ sagte Franziska. „Aber ich kenne ja denGeschmack Ihrer Mutter nicht.“

„Was soll ich denn nun aber mit diesem Ding anfangen?“ seufzte Helge.

„Schenken Sie es getrost Ihrer Mutter,“ meinte Jenny Winge. „Sie freutsich gewiß, daß Sie ihrer gedacht haben. Und außerdem — zu Hause habendie Leute Gefallen an solchen Dingen. Wir hier unten, wir sehen zuviel.“

Franziska griff nach Ahlins Zigarettendose, aber er weigerte sich, sieihr zu geben. Einen Augenblick flüsterten sie heftig miteinander. Dannschleuderte sie das Etui von sich:

„Guiseppe.“

Helge begriff, daß sie beim Wirt Zigaretten bestellen wollte. Ahlinfuhr auf:

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„Liebes Fräulein Jahrmann — ich meinte ja nur — Sie wissen doch, daßSie das viele Rauchen nicht vertragen.“

Franziska erhob sich, Tränen in den Augen.

„Das ist gleichgültig, ich gehe nach Haus.“

„Fräulein Jahrmann — Francesca.“ Ahlin hielt ihr den Mantel, währender leise bettelte. Sie trocknete ihre Augen mit dem Taschentuch.

„Doch — ich will heim. Kinder — ihr seht doch, daß ich heute Abendunmöglich bin. Nein, ich will nach Haus — allein — nein Jenny, dudarfst nicht mit mir gehen.“

Heggen erhob sich ebenfalls. Helge saß verlassen am Tisch.

„Du bildest dir doch wohl nicht ein, daß wir dich zu nächtlicher Stundeallein gehen lassen,“ meinte Heggen.

„Ahso, du verbietest mir’s vielleicht?“

„Ja, allerdings.“

„Still doch, Gunnar,“ sagte Jenny Winge. Sie schob beide Herren zurSeite — sie setzten sich schweigend nieder — während Jenny, denArm um Franziskas Hüfte gelegt, diese mit sich zog und leise mit ihrsprach. Kurz darauf kamen beide wieder an den Tisch zurück.

Die Gesellschaft war jedoch verstimmt. Franziska lag halb in JennysArm — sie hatte ihre Zigaretten bekommen, rauchte und schüttelte denKopf zu Ahlins Versicherungen, daß die seinen besser wären. Jennyhatte eine Schale mit Früchten bestellt; sie verzehrte eine Mandarineund schob hin und wieder eine Scheibe in Franziskas Mund. Oh — wiehübsch Franziska doch war, wie sie dalag, mit einem kleinen betrübtenKindergesicht und sich von der Freundin füttern ließ. Ahlin starrte sieununterbrochen an, und Heggen zerbrach abgebrannte Zündhölzer in kleineStümpfchen und steckte sie in die Mandarinenschalen.

„Sind Sie schon länger in Rom, Kandidat Gram?“ fragte er.

Helge versuchte humorvoll zu sein:

„Ich pflege zu sagen, daß ich heute Vormittag mit dem Zuge aus Florenzkam.“

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Jenny lachte höflich — Franziska jedoch lächelte ersterbend.

Im gleichen Augenblick trat ein barhäuptiges, dunkelhaariges Mädchenmit einem frechen, fetten bleichen Gesicht zur Türe herein. In derHand trug sie eine Mandoline. Hinter ihr her trippelte ein kleiner,verwitterter Bursche von schäbiger Eleganz mit einer Guitarre.

Jenny plauderte — wie zu einem Kinde.

„Sieh nur, Cesca, das ist Emilia — jetzt bekommen wir Musik.“

„Das bringt Leben herein,“ sagte Helge. „Ziehen diese Volkssänger hierin Rom wirklich immer noch von Osteria zu Osteria?“

Die Volkssänger begannen mit einem modernen Gassenhauer. Das Mädchenhatte eine seltsam hohe, klare, metallische Stimme.

„O pfui, nicht doch!“ Franziska erwachte: „Das wollen wir doch nichthören — wir wollen natürlich etwas Italienisches haben — ‚la lunacon palido canto‘ — nicht wahr?“

Sie schlüpfte zu den Musikanten hinüber und begrüßte sie wie alteFreunde — lachte und gestikulierte, ergriff die Guitarre und schlugein paar Töne an, während sie die eine oder andere Melodie dazu summte.

Die Italienerin sang. Süß und schmeichelnd flatterte die Melodie,begleitet vom Klingen der Metallsaiten, durch den Raum, und HelgesFreunde sangen den Kehrreim mit. Das Lied handelte von amore undbacciare.

„Es ist ein Liebeslied, nicht wahr?“

„Ein feines Liebeslied,“ lachte Franziska. „Uebersetzt darf es nichtwerden, aber auf italienisch klingt es wunderhübsch.“

„Ach, so häßlich ist es doch nicht,“ sagte Jenny Winge. Sie wandte sichmit ihrem zuvorkommenden Lächeln an Helge: „Nun, Kandidat Gram, findenSie es nicht gemütlich hier? Ist der Wein nicht gut?“

„Ja, ausgezeichnet. Und das Lokal ist gewiß sehr charakteristisch.“

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Er hatte jedoch den Mut vollständig verloren. Jenny Winge und Heggenwandten sich hin und wieder an ihn, er vermochte aber nicht, einGespräch in Fluß zu halten. Schließlich begannen die anderen, sichmiteinander zu unterhalten — über Gemälde. Der schwedische Bildhauersaß nur da und betrachtete Franziska. Die fremdartigen Melodienschwirrten von den klingenden Metallsaiten auf — an ihm, Helge,vorüber — als ein Gruß an die anderen. Der Raum, in dem er sichbefand, war, wie er sein mußte: der Fußboden aus gelbem Backstein,die Wände und die Deckenwölbung, weißgekalkt, ruhten auf einer dickenMittelsäule, die Tische waren vorschriftsmäßig ungestrichen, unddie Stuhlsitze aus grünen Weiden geflochten. Die Luft war säuerlichdurchzogen von gegorenem Brodem, der aus den Weinfässern hinter demmarmorenen Schenktisch aufstieg.

Künstlerleben in Rom! Es war ungefähr, als betrachte er ein Bild oderlese eine Beschreibung darüber in einem Buch. Nur mit dem Unterschied,daß er sich hier überflüssig fühlte — so hoffnungslos einsam. Solangeman es in den Büchern oder auf den Bildern erlebte, konnte man imTraume mit dabei sein. Er war jedoch davon überzeugt, daß er sich unterdiesen Leuten nie einleben würde.

Zum Teufel, das war auch das Beste! Im Grunde taugte er ja gar nichtdazu, unter Leuten zu sein — erst recht nicht unter Menschen dieserArt. Wie gedankenlos Jenny Winge nun nach dem dicken, undurchsichtigenGlas mit dem dunkelroten Weine griff! — Für ihn war es eineSehenswürdigkeit — sein Vater hatte davon erzählt — ihn auf das Glasaufmerksam gemacht, das jenes Mädchen auf Marstrands Römischem Bilde,im Kopenhagener Museum, in der Hand hielt. Nach Jenny Winges Ansichttaugte das Bild sicher nichts. — Diese jungen Damen hatten sicherniemals vom Hofraum des Bramante in der Cancelleria gelesen — „dieserPerle der Renaissancearchitektur“. Sie hatten ihn vielleicht zufälligeines Tages entdeckt, als sie auf dem Flohmarkt waren, um sich Perlen[S. 29]und anderen Staat zu kaufen — hatten wohl begeistert ihre Freundeherbeigeholt, um ihnen diese neue Herrlichkeit zu zeigen, die sie sichnicht hätten träumen lassen. — Die hatten wohl kaum in denBüchern nachgelesen über jeden Stein und jeden Ort, bis die Augen davonschmerzten, und all der Schönheit ringsum sich verschlossen, die sienicht schon in den Träumen daheim erschaut. Sie konnten sich vielleichtan irgendeiner weißen Säule erfreuen, die zum blauen Südhimmelemporragte, ohne pedantische Neugier, welcher Tempel und welchenvergessenen Gottes Heiligtum einst dort gestanden hatte.

Geträumt hatte er — und gelesen. Und er machte die Erfahrung —nichts sah in Wirklichkeit dem gleich, was er erwartet hatte. Alleswurde so grau und hart in des klaren Tages Licht — der Traum hattesein Phantasiegebilde in ein weiches Halbdunkel gehüllt, es harmonischabgerundet zu einem Ganzen vereint und über die Ruinen Sommergrüngebreitet. Er war nun gekommen, um nachzuschauen, ob all das, worüberer gelesen, auch auf seinem rechten Platze stand. Später könnte er esauf der Höheren Töchterschule aus den Büchern aufzählen und sagen,daß er es gesehen — und doch würde er nichts berichten können überDinge, die er selbst entdeckt. Nichts würde er kennenlernen außer dem,wovon er gelesen. Wenn er auf lebendiges Material stieß, versuchte er,unter ihnen eine der toten, erdichteten Gestalten zu finden, wie ersie kannte — ob einer wie sie dabei war. Wie sollte er auch etwas vonlebendigen Menschen wissen, er, der niemals gelebt ....

Heggen dort, mit dem dicken roten Mund, träumte jedenfalls kaumvon romantischen Abenteuern à la Romanbibliothek aus demFamilienjournal, wenn er Abends auf Roms Straßen mit einem kleinenMädchen anbändelte.

Helge begann zu verspüren, daß er Wein getrunken hatte.

„Wenn Sie jetzt gehen und sich zu Bett legen, so haben Sie morgenKopfweh,“ sagte Jenny Winge zu ihm, als sie wieder draußen auf derfinsteren Gasse standen. Die[S. 30] drei anderen gingen voraus; Helge folgtemit ihr in geringem Abstand.

„Ehrlich gesagt, Fräulein Winge, finden Sie nicht, daß Sie da einenschrecklich langweiligen Burschen mitbekommen haben?“

„Nein, mein Lieber. Es liegt ja nur daran, daß Sie uns nicht kennen undwir Sie nicht — noch nicht jedenfalls.“

„Mir wird es so schwer, mich anzuschließen — es gelingt mir eigentlichniemals. Ich hätte nicht mitgehen sollen, als Sie so liebenswürdigwaren, mich heute Abend einzuladen. Zum Amüsieren scheint man auchUebung haben zu müssen.“ Er versuchte zu lachen.

„Ja gewiß.“ Helge konnte an ihrer Stimme hören, daß Jenny lächelte.„Ich war fünfundzwanzig, ehe ich begann, mich zu üben, und weiß Gott,der Anfang war auch für mich nicht leicht.“

„Sie? Ich glaubte, daß Sie Künstlerleute immer ... Uebrigens dachteich, Sie hätten es noch weit bis fünfundzwanzig.“

„Oh, Gott sei Dank, ich bin schon weit darüber.“

„Und da sagen Sie Gott sei Dank? — Und ich dagegen als Mann. — Ichweiß nicht — jedes Jahr, das gleichsam von mir abbröckelt, hinabsinktin die Ewigkeit, ohne etwas gebracht zu haben — außer der demütigenErkenntnis, daß die Mitmenschen mich nicht brauchen, mich nicht zu denihren rechnen —“ Helge hielt plötzlich erschrocken inne. Er fühlte wieseine Stimme zitterte, hatte auch die Empfindung, als sei er ein wenigangetrunken, da er so zu einer Dame sprach, die er nicht einmal kannte.Er fuhr jedoch, gegen seine eigene Scheu ankämpfend, fort: „Ich finde,es ist völlig hoffnungslos. Wenn mein Vater von der Jugend seiner Zeiterzählte — sie führten große Worte im Munde von goldenen Illusionenund dergleichen. Zum Teufel, ich habe in all den Jahren nicht eineeinzige Illusion gehabt, von der ich hätte Wesens machen können. Unddie Jahre sind verflossen — verloren — nicht wiederzuerlangen.“

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„Das dürfen Sie nicht sagen, Kandidat Gram. Nicht ein Jahr unseresLebens ist verloren, solange man es nicht so weit getrieben hat,daß Selbstmord der einzige ist. Ich glaube nicht, daß die Altenaus der Zeit der goldenen Illusionen besser daran waren — ihreJugendillusionen verschlossen ihnen das Leben. Wir — die meistenjungen, die ich kenne, begannen ohne Illusionen — wir wurdenhinausgeschleudert in den Kampf um die Existenz, fast alle, ehe wirrecht erwachsen waren. Wir waren von Anfang an auf das Schlimmstegefaßt. Doch eines Tages lernten wir erkennen, daß wir uns dennochmancherlei Gutes herausholen könnten. Dies und jenes geschah, wobei wirdachten, erträgst du das, so hältst du auch das Messer aus. Bekommtman auf die Weise erst ein wenig Selbstvertrauen, dann gibt es keineIllusionen, deren uns zufällige Verhältnisse und Mitmenschen beraubenkönnen.“

„Ach — Verhältnisse — oder Zufall! Wenn sie stärker sind als wirselbst, so hilft uns auch das Selbstvertrauen nicht!“

„Ja,“ sie lachte. „Natürlich — wenn ein Schiff in See geht — so kannder Zufall wollen, daß es havariert. Ein Gußfehler im Rade und alleszerspringt. Ein Zusammenstoß ... Aber die ziehen wir nicht in Betracht.Und was die Verhältnisse betrifft, so müssen wir sie zu bekämpfensuchen. Meist findet man am Schluß doch einen Ausweg.“

„Sie sind also durchaus optimistisch, Fräulein Winge?“

„Ja.“ Sie schwieg. „Ich bin es geworden, als ich so nach und nach dieErfahrung machte, wieviel die Menschen wirklich ertragen können, ohneden Mut zum Weiterkämpfen zu verlieren — und ohne schlecht zu werden.“

„Das ist es ja eben — ich finde, sie werden schlecht. Verdorben —oder jedenfalls verkleinert.“

„Nicht alle. Und der Umstand, daß einige sich vom Leben nichtverderben oder — verkleinern lassen, finde ich, genügt, um unsoptimistisch zu machen. — Wir wollen hier einkehren,“ sagte sie.

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„Dies gleicht eher einer Montmartrekneipe oder ähnlichem, finde ich —nicht wahr?“ Helge sah sich um.

An den Wänden des winzigkleinen Lokales entlang liefen schmaleplüschüberzogene Bänke. Kleine Marmortische standen umher, und auf demSchenktisch brannte eine Flamme unter zwei großen Nickelkochern.

„Oh. Derartige Lokale sind wohl überall gleich,“ sagte Jenny. „KennenSie Paris?“

„Nein — ich dachte nur—“

Er wurde plötzlich ohne jeden Anlaß verwirrt. So ein kleinesKunstmädel, das sich natürlich nach eigenem Gutdünken in der Weltumhertummelt — Gott übrigens mochte wissen, woher ihresgleichen dasGeld nahm. Es schien ebenso natürlich, daß man in Paris gewesen warwie eines Abends im Café Dronningen in Kristiania. — Für diese Artvon Menschen war es weiß Gott ein Leichtes, von Selbstvertrauen zusprechen. Ein kleiner Liebeskummer in Paris, den sie in Rom vergaß, daswar vielleicht das Schwerste, das sie durchgemacht. Und nun fühlte siesich so verteufelt keck und übermütig und erfahren, daß sie meinte, dasganze Leben ertragen zu können.

Ihre Figur war eigentlich unschön, obgleich sie ein frisches Antlitzhatte mit wunderbaren Farben.

Am meisten reizte es ihn aber, mit Franziska Jahrmann zu plaudern. Siesprühte jetzt vor Lebendigkeit, war jedoch von Ahlin und Heggen völligin Anspruch genommen. Unterdes verzehrte Jenny Winge Spiegeleier mittrockenem Brot und trank kochend heiße Milch dazu.

„Hier scheint mir verdächtiges Publikum zu verkehren,“ wandte Helgesich an sie. „Die reinen Verbrechertypen alle miteinander, finde ich.“

„O ja, hier findet man Menschen von jeder Sorte. Sie dürfen nichtvergessen, Rom ist eine moderne Großstadt. Es gibt viele Leute, die inNachtschicht arbeiten. Und dieses Lokal ist eines der wenigen, die umdiese Stunde noch geöffnet sind. Sind Sie nicht hungrig? Ich werde mirjetzt schwarzen Kaffee kommen lassen.“

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„Halten Sie immer solange aus?“ Helge sah nach der Uhr. Es war um dievierte Stunde.

„Aber nein“, sie lachte. „Nur hin und wieder. Wir sehen uns denSonnenaufgang an und essen dann zusammen unser Frühstück. Heute Abendist es nun Fräulein Jahrmann, die nicht nach Hause will.“

Helge wußte selber kaum, weshalb er sitzen blieb. Man trank irgendeinenblaugrünen Likör, der ihn ganz taumelig machte, indes die anderenlachten und plauderten. Um ihn her schwirrten Namen von Menschen undOrten, die er nicht kannte.

„Nein, hört mal, Douglas mit seinen Moralpredigten, kommt mir nichtdamit! Ihr müßt nämlich wissen — eines Morgens waren wir allein obenim Aktsaal, er und der Finne. Ihr entsinnt euch doch, Lindberg und ich,und wir beide gingen hinunter, um etwas Kaffee zu trinken — es war imJuni vergangenen Jahres. Als wir zurückkamen, saß Douglas da, das Mädelim Arm. Nun, wir taten, als sei nichts vorgefallen. Er lud mich aberseitdem nie mehr zum Tee ein.“

„Herrgott,“ meinte Jenny, „war es denn so gefährlich?“

„Mitten im Frühling — in Paris,“ lachte Heggen. „Laß dir’s gesagtsein, Cesca: Norman Douglas war ein feiner Kerl — du darfstnicht das Gegenteil behaupten, und geschickt; er zeigte mir einigewunderhübsche Sachen von den Befestigungswerken draußen.“

„Ja — und besinnst du dich auf das Bild vom Père Lachaise — mit denvioletten Perlenkränzen links unten?“ sagte Jenny.

„Ja gewiß, das war verflucht hübsch — und das kleine Mädchen amKlavier.“

„Ach, aber stellt euch doch vor, das häßliche Modell,“ sagte Franziskawieder. „Es war obendrein die fette, ältliche, mit dem hellen Haar. Unddabei hat er sich doch so tugendhaft angestellt.“

„Er war es auch,“ sagte Heggen.

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„Pah. Und ich war eben im Begriff, mich aus diesem Grunde in ihn zuverlieben.“

„Ah so, das ändert die Sache allerdings erheblich.“

„Ja, er hatte oftmals um mich angehalten,“ sagte Franziskagedankenvoll. „Und ich hatte mich eigentlich entschlossen, Ja zu sagen.Nun war es freilich ein Glück, daß ich es nicht tat.“

„Hättest du ihm dein Jawort gegeben,“ meinte Heggen, „so hättest du ihnniemals mit dem Modell im Arm zu sehen bekommen.“

Franziskas Antlitz veränderte sich mit einem Male vollständig. Einblitzartiges Zucken lief über die weichen Züge. Dann lachte sie:

„Ach — ihr seid alle miteinander gleich — ich traue nicht einem voneuch, basta. Per bacco.

„So dürfen Sie nicht denken, Francesca.“ Ahlin hob einen Augenblick denKopf.

Sie lachte wieder.

„Ach, ich will mehr Likör haben, Herrschaften.“

Gegen Morgen ging Helge an Jennys Seite durch dunkle, ausgestorbeneStraßen. Einmal machte die Gesellschaft vorn Halt. Auf einerSteintreppe hockten zwei halbwüchsige Burschen. Franziska und Jennysprachen mit den Jungen und gaben ihnen Geld.

„Bettler?“ fragte Helge.

„Ich weiß es nicht — der große sagte, er trüge Zeitungen aus.“

„Die Bettler hierunten sind wohl im Grunde nur Simulanten?“

„Ich weiß nicht — einige vielleicht — oder die meisten. Vieleschlafen jedoch auf der Straße, sogar mitten im Winter. Mancher istverkrüppelt.“

„Ich sah es in Florenz. Es ist ein Skandal, daß Leute mit soscheußlichen Wunden oder furchtbar verunstaltet umhergehen und bettelndürfen! Das Armenwesen müßte sich dieser Jammergestalten annehmen.“

[S. 35]

„Ich weiß nicht recht. Es ist nun einmal so hier unten. Wir Fremdenkönnen ja nicht darüber urteilen. Es geht ihnen vielleicht besser so —sie verdienen mehr auf diese Art.“

„Auf dem Piazzale Michelangelo beobachtete ich einen Bettler ohne Arme— die Hände saßen ihm oben auf den Schultern. Ein deutscher Doktor,mit dem ich zusammen wohnte, sagte, er besäße eine Villa bei Fiesole.“

„Na also, ist das nicht sehr gut?“

„Daheim bei uns lernen die Krüppel arbeiten,“ wandte Helge ein, „so daßsie sich auf ehrliche Weise durchschlagen können.“

„Zu einer Villa reicht es aber kaum,“ sagte sie und lachte.

„Dennoch — ist etwas Demoralisierenderes denkbar, als davon zu leben,daß man seine Verkrüppelungen zur Schau stellt?“

„So oder so, das Bewußtsein, daß man ein Krüppel ist, wirkt sicherimmer demoralisierend.“

„Trotzdem, — davon zu leben, daß man das Mitleid der Leute anruft—.“

„Wer ein Krüppel ist, weiß ja doch, daß er bemitleidet wird und Hilfeannehmen muß — von Menschen oder Gott.“

Jenny stieg ein paar Treppenstufen hinan und hob den Zipfel einesTürvorhanges in die Höhe, der einer schlottrigen Matratze ähnlich sah.Sie standen in einer winzig kleinen Kirche.

Auf dem Altar brannte Licht. Der Schein brach sich mannigfaltig inden Messingstrahlen des Glorienkranzes über dem Monstranzschrank,flimmerte unruhig auf Leuchtern und Metallgegenständen und ließ diePapierrosen in den Vasen auf dem Altar blutigrot und goldgelb erglühen.Ein Priester las, mit dem Rücken gegen das Publikum, lautlos in einemBuche; ein paar Chorknaben huschten hin und her, neigten und bekreuztensich und machten Bewegungen, deren Sinn Helge nicht verstand.

Sonst war der kleine Kirchenraum dunkel — in zwei Seitenschiffenflackerten winzige Nachtlämpchen, an dunkelleuchtenden[S. 36] Metallkettenvor Bildern schwebend, die noch düsterer erschienen als die Dunkelheit.

Jenny Winge kniete auf einem Rohrschemel nieder. Sie legte ihre Händegefaltet vor sich auf das Pult und beugte den Kopf leicht hintenüber,so daß ihr Profil sich scharf gegen den weichen Goldglanz der Lichterabhob, der in dem hochgestrichenen Haarschopf flimmerte und sanft überdie schlanke nackte Wölbung des Halses hinfloß.

Heggen und Ahlin holten sich lautlos ein paar Rohrstühle herbei, die umeine der Säulen übereinandergestapelt waren.

Dieser stille Gottesdienst vor Tagesgrauen war eigentlich seltsamund stimmungsvoll. Gram folgte gespannt jeder Bewegung des Priestersam Altar. Einer der Chorknaben hängte ihm ein weißes Tuch mit einemgoldenen Kreuz über die Schultern. Jetzt nahm der Priester dieMonstranz vom Schrank über dem Altar, wandte sich um und hielt siehoch ins Licht. Die Knaben schwenkten die Weihrauchkessel; kurz daraufdrang scharfer, süßlicher Rauch zu ihnen hinüber. Helge wartete jedochvergebens auf Musik oder Gesang.

Jenny kokettierte augenscheinlich ein wenig mit dem Katholizismus,indem sie niederkniete. Heggen starrte geradeaus auf den Altar,er hatte den einen Arm um Franziskas Schulter gelegt — sie wareingeschlummert und hatte sich an ihn geschmiegt. Ahlin konnte er nichtsehen, er saß hinter einer Säule und schlief sicher ebenfalls.

Seltsam war es, hier mit diesen wildfremden Menschen zu sitzen. Helgefühlte sich einsam — aber jetzt schmerzte dieser Gedanke nicht. Jenefreie, glückliche Stimmung vom vergangenen Abend kehrte zurück —. Erbetrachtete die anderen, die beiden jungen Mädchen. Jenny und Franziska— er wußte nun ihre Namen, viel mehr aber auch nicht. Und keine vonihnen ahnte, was es für ihn bedeutete, hier zu sitzen, was er nun alleszurückgelassen hatte, all die schmerzlichen Kämpfe daheim, vor denener geflohen. Niemand kannte die Hindernisse, an denen er sich müdegearbeitet, die Fesseln, die ihn eingeschnürt[S. 37] hatten. Eine wundersame,fast hochmütige Freude erfüllte ihn bei diesem Gedanken, und seineAugen ruhten mit nachsichtigem Mitleid auf den beiden Frauen. So jungeDinger wie Cesca und Jenny, unverbraucht und frisch, mit kleinenunumstößlichen Ansichten hinter den weißen, glatten Jungmädchenstirnen.Zwei frische hübsche Mädels, die ihren geraden Weg durchs Lebenschritten, hier und da, wie zum Zeitvertreib, wohl ein kleinesSteinchen beiseite räumen mußten, von Schicksalen wie dem seinen abernichts wußten.

Er fuhr auf, als Heggen seine Schultern berührte, und errötete; er wareingenickt.

„Nun, Sie haben auch einen kleinen Schlummer getan, wie ich sehe“,sagte Heggen.

Draußen standen die hohen stillen Häuser in der grauen Dämmerung —schliefen mit geschlossenen Läden in allen Stockwerken. In einerSeitenstraße ratterte eine klappernde Straßenbahn vorüber, eineDroschke holperte über das Steinpflaster, und hier und da schlich eineverfrorene, schläfrige Gestalt den Bürgersteig entlang.

Sie bogen in eine Straße ein, an deren Ausgang man den Obelisk vor derTrinitat dei-Monti-Kirche erblicken konnte — er hob sich weiß gegendes Pincio schwarze Steineichen ab. Nicht eine Menschenseele war zusehen und nicht ein Laut zu hören außer ihren eigenen Schritten auf denSteinen und dem Rieseln einer kleinen Fontäne in irgend einem Hofe. Undweit entfernt durch die Stille plätscherte der Springbrunnen auf demMonte Pincio gegen das steinerne Becken. Helge erkannte den Ton wieder,und als sie dem Laut nachgingen, schoß in ihm ein feiner zarter Strahlvon Glückseligkeit auf — es war, als erwarte ihn seine eigene Freudevom verflossenen Abend da droben an dem springendem Quell unter denSteineichen.

Er wandte sich an Jenny, ohne zu ahnen, daß seine Augen und seineStimme für seine kleine Freude baten:

„Hier oben stand ich gestern abend und sah die Sonne untergehen. Eswar so wunderlich. Jahrelang habe ich dafür gearbeitet — mein Wunschwar es, Archäologe zu[S. 38] werden. Aber nach meinem zweiten Examen mußteich die Lehrtätigkeit ergreifen. Immer habe ich auf den Tag gewartet,an dem ich hierher kommen würde — mich gleichsam darauf vorbereitet.Und doch — als ich dann hier stand, so plötzlich — war ich gänzlichunvorbereitet.“

„Ja,“ meinte Jenny, „ich verstehe das sehr gut.“

„Uebrigens, als ich gestern aus dem Zug gestiegen war, da sah ich esgleich alles vor mir liegen: die Ruinen der Termen, die schweren,gelben, von der Sonne überfluteten Mauerreste, und mitten unterihnen die großartigen Neubauten mit Kaffees und Kinematographen,die Straßenbahnen auf dem Platz, die Anlagen und die herrlichenSpringbrunnen mit ihren übervollen Wasserbecken ... Die alten Mauerninmitten der modernen Häuserblocks und das Getriebe der Stadtringsumher — gerade das fand ich so schön.“

„Ja,“ sagte sie mit fröhlicher Stimme und nickte. „Ich liebe es auchsehr.“

„Und dann ging ich hinab. Altertum und Neuzeit vereint! UeberallSpringbrunnen, rieselnd und rauschend und plätschernd. Ich ginggeradenwegs zum St. Peter; es dunkelte, als ich dort ankam, und ichstand und betrachtete die beiden Fontänen auf dem Platz. Hier in derStadt springen sie wohl die ganze Nacht hindurch.“

„Die ganze Nacht — fast überall hört man Springbrunnen. Die Straßenhier sind ja so still des Nachts. Dort, wo wir wohnen, Franziska undich, ist eine kleine Fontäne unten im Hof. Wir haben einen Balkon vorunseren Zimmern, und wenn es abends milde ist, sitzen wir draußen undlauschen dem Rinnen bis in die tiefe Nacht hinein.“

Sie hatte sich auf das Steingeländer gesetzt. Helge Gram stand amgleichen Ort wie am Abend vorher und sah wieder über die Stadt mitihren Höhenzügen im Hintergrund, den grauweißen und verwitterten.Und der Himmel spannte sich darüber so hell und klar wie über[S. 39] demHochgebirge. Er sog die reine, eiskalte Luft in vollen Zügen ein.

„Nirgends auf der Welt,“ sagte Jenny, „ist der Morgen so wie hier inRom. Ich habe das Gefühl, als schlafe die ganze Stadt — einen Schlaf,der leichter und leichter wird — und plötzlich ist sie erwacht,ausgeruht und frisch. Heggen meint, es käme von den Fensterläden; dasind keine Scheiben, die das Morgenlicht einfangen.“

Sie hatten den Rücken dem Morgengrauen und dem goldenen Himmelzugewandt, gegen den sich die Pinienkronen des Medicigartens und diebeiden kleinen Türme der Kirche mit den Wimpeln auf der Spitze hartund scharf abzeichneten. Noch war die Sonne nicht aufgegangen. Diegraue Häusermasse dort unten aber begann langsam Farben auszustrahlen— es schien, als würde das Mauerwerk auf zauberhafte Weise von innenher mit Farben durchleuchtet; einige Häuser glühten in tiefem Rot auf,bis dies ganz langsam in einen rosenfarbenen Schein überging, andereschimmerten gelblich, andere wieder weiß. Die Villen draußen auf demdunklen Höhenzug des Monte Mario erhoben sich leuchtend aus den braunenGrashängen und schwarzen Zypressen.

Bis plötzlich draußen von den Höhen hinter der Stadt ein Blinken kamwie von einem Stern; da war doch eine Fensterscheibe, die den erstenSonnenstrahl eingefangen hatte. Das dunkle Laub dort drüben flammte aufwie das Gold von Oliven.

Eine kleine Glocke drunten in der Stadt begann zu läuten.

Cesca lehnte sich müde an ihre Freundin:

Il levar del sole.

Helge bog den Kopf weit zurück und starrte in das kühle Blau derHimmelskuppel. Jetzt schoß ein Sonnenstrahl hervor, die höchste Spitzeder Wassersäule des Brunnens streifend. Die Tropfen da droben funkeltenazurblau und golden.

„Ah — Gott segne Euch alle miteinander, ich bin so schauderhaft müde,“sagte Franziska und gähnte so[S. 40] laut sie konnte. „Uuh, so kalt. Jenny,erfrier dir deinen zarten Körperteil nicht auf den kalten Steinen —nun will ich zu Bett — subito.“

„Ja, müde.“ Heggen gähnte. „Wir wollen heim, Herrschaften. Das heißt,ich trinke erst eine Tasse kochende Milch auf meiner Latteria. Gehenwir also?“

Sie schlenderten die Spanische Treppe hinab. Helge betrachtete alldie kleinen grünen Blättchen, die zwischen den weißen Steinstufenhervorlugten.

„Seltsam, daß sie hier gedeihen, wo so viele Menschen gehen und allesniedertreten.“

„Oh ja, es sprießt hier überall, wo sich nur ein wenig Erde zwischenzwei Steinen findet. Sie hätten im letzten Frühjahr das Dach sehensollen, unter dem wir wohnen. Dort wächst ein kleines Feigenbäumchenzwischen den Dachziegeln. Cesca macht sich solche Sorge, daß es denWinter nicht überdauert — und wovon soll es leben, wenn es größerwird? Sie hat es gezeichnet.“

„Ihre Freundin malt auch, wie ich hörte?“

„Ja, Cesca ist sehr talentvoll.“

„Ich besinne mich jetzt, ich sah im vergangenen Herbst auf derstaatlichen Kunstausstellung ein Bild von Ihnen,“ sagte Helge ein wenigzaghaft. „Rosen in einer Kupferschale.“

„Ja, das hab’ ich im Frühling hier unten gemalt. Jetzt bin ich nichtmehr damit zufrieden —. Ich war im Sommer zwei Monate in Paris undfinde, daß ich in der Zeit sehr viel gelernt habe. Ich habe es aberverkaufen können, für dreihundert Kronen; das war der Preis, für denich es ausgeschrieben hatte. Ja, einiges ist übrigens ganz gut daran.“

„Sie malen etwas modern — aber das tun Sie gewiß alle?“

Jenny lächelte leise, antwortete aber nicht.

Die anderen standen am Fuß der Treppe und warteten. Jenny reichte allendie Hand und sagte Guten Morgen.

„Das sieht dir doch wieder ähnlich,“ sagte Heggen. „Ist es dein Ernst,jetzt hinaufzugehen und zu arbeiten?“

[S. 41]

„Gewiß.“

„Du bist völlig irrsinnig.“

„Jenny, komm’ mit nach Haus,“ jammerte Franziska.

„Warum soll ich nicht arbeiten, wenn ich nicht müde bin? Ja, KandidatGram, jetzt sollten Sie wohl eine Droschke haben und heimfahren.“

„Ja. Uebrigens: ist das Postamt nicht um diese Zeit geöffnet? Ich weiß,es soll nicht so weit von der Piazza di Spagna entfernt sein.“

„Dort muß ich vorüber — dann können Sie ja mit mir gehen.“

Sie nickte ein letztes Mal den anderen zu, die sich anschickten,heimzuziehen. Franziska hing an Ahlins Arm, taumelnd vor Müdigkeit.

III.

„Nun, Sie haben also Post bekommen,“ sagte Jenny. Sie hatte in derVorhalle des Postamtes gewartet. „Jetzt werde ich Ihnen zeigen, mitwelcher Straßenbahn Sie fahren müssen.“

Der Platz war vom Sonnenschein weiß überflutet, die Luft nochmorgenfrisch und rein. Doch schon wimmelten Wagen und Menschen ingeschäftiger Eile in den engen Straßen.

„Wissen Sie, Fräulein Winge — ich fahre nicht nach Haus; ich binjetzt so wach wie nur irgend möglich. Ich hätte die größte Lust, einenSpaziergang zu machen. Ist es aufdringlich, wenn ich frage, ob ich Sieein kleines Stückchen Wegs begleiten darf—?“

„Aber gar nicht —. Doch wie werden Sie nachher zu Ihrem Hotelzurückfinden?“

„Pah, am hellichten Tage.“

„Freilich, eine Droschke treffen Sie überall an.“

Sie kamen auf den Corso hinaus. Sie nannte die Namen der Paläste, warihm aber jeden Augenblick ein Stück voraus, da sie schnell ausschrittund sich geschmeidig[S. 42] durch die vielen Menschen wandte, die sich schonauf dem schmalen Bürgersteig drängten.

„Mögen Sie Wermut?“ fragte sie; „ich will eben hier hinein und einen zumir nehmen.“

Sie leerte das Glas in einem Zuge, während sie am marmornen Schenktischder Bar stand. Helge fand keinen Geschmack an dem bittersüßen Getränk,das zur Hälfte mit Chinin gemischt war. Es war aber etwas Neues für ihnund es gefiel ihm, so unvermittelt in eine Bar zu laufen.

Jenny bog in schmale Gassen ein, wo die Luft noch nächtlich kühl unddumpf war. Nur hoch oben streifte der Sonnenschein die Mauern derHäuser. Helge schaute mit überwachen Sinnen um sich, betrachtete dieblaugestrichenen Karren mit Maultiergespannen, deren Sattelzeug mitMessingbeschlägen und roten Troddeln geschmückt war, sah barhäuptigeFrauen und schwarze Kinder, kleine billige Läden und die Verkaufsständefür Obst und Gemüse in den Torwegen. In einer Häusernische stand einalter Mann und briet Schmalzgebäck auf einem kleinen Herd. Jenny kaufteeinige Kuchen und bot sie Helge. Er lehnte jedoch dankend ab. EinTeufelsmädchen! Sie aß die Kuchen mit gesundem Appetit, ihm aber wurdeübel bei der bloßen Vorstellung, eines dieser fettriefenden Stückezwischen die Zähne zu bekommen, noch dazu mit dem Wermutgeschmackim Mund und nach dem Genuß der vielen Getränke in dieser Nacht. Undaußerdem — so schmierig wie der Alte war.

Seite an Seite mit verfallenen, armseligen Häusern, wo graufarbenesLeinenzeug zum Trocknen zwischen den brüchigen Fensterläden hing, lagengroße, wuchtige Paläste mit vergitterten Fenstern und ausladendenGesimsen. Einmal ergriff Jenny ihn am Arm — ein brandrotes Automobilkam tutend aus einem Barockportal, wendete schwerfällig und saustedie schmale Straße hinauf, deren Rinnstein mit Müll und Kohlblätternangefüllt war.

Helge ging und genoß. Wie südlich fremd war hier alles .. Sein einzigesinneres Erlebnis seit vielen Jahren[S. 43] war immer nur der Zusammenstoßseiner phantastischen Traumwelt mit der kleinlichen Wirklichkeitdes Alltags gewesen, bis er schließlich gleichsam aus Notwehrgelernt hatte, seine Träumereien zu belächeln und seiner Phantasieeine Richtung ins Reale zu geben. So versuchte er auch jetzt, sichunwillkürlich klar zu machen, daß in diesem romantischen Quartierdie gleiche Art von Menschen lebte wie in anderen großen Städten.Ladenmädchen und Fabrikarbeiter, Typographen und Telegraphisten —Menschen, die tagtäglich in Geschäften, auf Kontoren und an Maschinenihre Arbeit verrichteten und nicht anders waren wie überall auf derWelt. — Er spann den Gedanken jedoch mit einer seltsamen Freude weiteraus, weil diese Straßen und Häuser, die seinen Traumgebilden glichen,doch helle Wirklichkeit waren.

Sie traten auf einen offenen Platz hinaus. Hier umfing sie die Sonnemit ihren weißen weichen Strahlen und befreite sie vom letzten Haucheklammer, dumpfer Luft aus den kleinen Gassen, die sie durchwanderthatten. Jenseits des Platzes war der Erdboden kreuz und quer zerwühlt,Berge von Schutt und Müll und Stapel alten Gerölls lagen einträchtigbeieinander. Alte, verfallene Häuser, zum Teil halb niedergerissen mitgähnenden Höhlen, vervollständigten in Gemeinschaft mit antiken Ruinendas Bild der Verwüstung.

An einigen zerstreut liegenden Gebäuden vorbei, die verlassen standen,als habe man nur vergessen, sie niederzureißen, gelangten Jenny undHelge auf den Platz am Vestatempel. Hier lag die große neue Dampfmühleund dort das schöne alte Kirchlein mit seiner Säulenhalle und demschlanken Glockenturm. Und im Hintergrunde stieg der Aventinerhügelklar zum sonnigen Himmel empor, mit den Klöstern auf dem Gipfel,staubiggrauen Bogen namenloser Ruinen in den Gärten auf den Hängen,überwuchert von schwarzem Efeu, grauem kahlen Dorngebüsch und gelbem,winterwelken Gras.

Immer wieder hatten diese Ruinen ihn enttäuscht, in Deutschland wiein Florenz. Er hatte von ihnen gelesen[S. 44] und sie im Geiste mit einemromantischen Rahmen aus grünem Laub umgeben. Blumen sah er in denMauerspalten blühen, wie auf alten Kupferstichen oder Theaterkulissen.In Wirklichkeit waren sie schmutzig und verstaubt; vergilbtes Papier,zerbeulte Blechbüchsen, schmutziger Abfall hatte sich ringsumangesammelt, rauhe, winterliche Luft entströmte dem Gemäuer. Dieeinzige Vegetation des Südens bildeten grauschwarzes Immergrün, nacktesdorniges Gebüsch und das welke, farblose Gras.

An diesem sonnigen, durchsichtigen Morgen aber wurde es ihm plötzlichklar, daß sie, betrachtete man sie mit den rechten Augen, dennoch schönsein konnten.—

Hinter der Kirche schlug Jenny einen Weg ein, der zwischen Gärtenhindurch führte. Pinien ragten dahinter auf und der Efeu fiel in losenRanken über die Mauern. Sie machte Halt und entzündete eine Zigarette.

„Ja,“ erklärte sie, „ich bin dem Tabak verfallen, doch Cesca verträgtdas Rauchen nicht, ihres Herzens wegen, darum muß ich mich mäßigen,wenn sie dabei ist; hier draußen dampfe ich wie eine Lokomotive — dasind wir.“

Ein kleines gelbes Haus lag vor ihnen, von einem Reisiggittereingezäunt. Im Garten standen ein Tisch und Bänke unter zwei großen,kahlen Ulmen, und eine Laube, aus Binsen geflochten. Jenny begrüßtevertraulich ein altes Weib, das in die Tür getreten war.

„Wie wär’s mit einem Frühstück, Kandidat Gram—?“

„Kein übler Gedanke. Vielleicht etwas starken Kaffee — und Brot undButter—.“

„Gott segne Sie — Kaffee! und Butter! Eier und Brot und Wein — Salatund Käse vielleicht —. Ja, sie hat Käse, sagt sie. Wieviele Eiermöchten Sie haben?“

Während die Frau den Tisch deckte, brachte Jenny Staffelei und Malgerätheraus. Ihren langen blauen Abendmantel vertauschte sie gegen eine vonOelfarbenflecken bedeckte Wetterjacke.

„Darf ich mir Ihr Bild anschauen?“ fragte Helge.

[S. 45]

„Ja, — ich werde wohl das Grün abtönen müssen, es liegt so hart auf.Bis jetzt ist kein rechtes Licht über dem Ganzen. Der Hintergrund ist,glaube ich, gut.“

Helge betrachtete das kleine Bild, auf dem die Bäume wie große grüneFlecken standen. Er konnte nichts Besonderes daran finden.

„Ah, das Essen steht bereit! Sie kriegt sie an den Kopf, wenn siehartgekocht sind. — Nein, Gottseigelobt!“

Helge war nicht hungrig. Jedenfalls brannte ihm jetzt der Hals von demsauren, weißen Wein, und das ungesalzene trockene Brot konnte er kaumherunterbringen. Jenny zermalmte große Stücke davon zwischen ihrenweißen Zähnen, stopfte kleine Bissen Parmesankäse dazu in den Mund undtrank Wein, denn drei Eiern hatte sie bereits den Garaus gemacht.

„Daß Sie das gräßliche Brot so trocken essen können,“ sagte Helge.

Sie lachte:

„Ich finde dieses Brot so gut. Butter habe ich kaum zu sehen bekommen,seit ich von Kristiania fort bin. Die pflegen Cesca und ich nur fürGesellschaften zu kaufen. Wir müssen nämlich sparen, sehen Sie.“

Er lachte auch:

„Was nennen Sie sparen — Perlen und Korallen—.“

„Ach, — das ist Luxus —. Ich finde beinahe, das ist das Notwendigste— ein wenig jedenfalls. Nein, wir wohnen billig und essen billig,kaufen Seidenschärpen und trinken ein paar Wochen lang des Abends Teeund genießen trockenes Brot und Rettiche dazu.“

Sie hatte ihre Mahlzeit beendet und entzündete eine neue Zigarette. DasKinn auf die Hand gestützt, saß sie und sah hinaus:

„Nein, Kandidat Gram. Sehen Sie — hungern — ja, ich habe das niemalserleben müssen, aber es kann ja noch einmal kommen. — Heggen zumBeispiel hat es durchgemacht — und doch gibt er mir Recht. Es istbesser, zu wenig vom Notwendigen zu haben, als niemals etwas von dem,was eigentlich überflüssig ist. Das[S. 46] Ueberflüssige, eben das ist es,wofür man arbeitet, wonach man sich sehnt—.

Daheim bei meiner Mutter — da hatten wir das dringend Notwendige jaimmer — freilich. Aber nichts darüber. Das mußte eben so sein — dieKinder sollten ja Essen haben.“

Helge lächelte ein wenig unsicher:

„Ich kann mir Sie gar nicht als einen Menschen denken, der jemals dieBekanntschaft mit — mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten gemacht hat!“

„Wieso?“

„Nein, Sie sind so unverzagt, so frei und sicher. Wenn man in engenVerhältnissen aufgewachsen ist, wo man nichts anderes hört als Sparen,da wagt man es bald nicht mehr, sich Anschauungen zuzulegen — inweiterem Sinne. Es ist peinlich, zu wissen, daß der Mammon allesregiert und daß man Mittel besitzen muß, will man sich Pläne und eineeigene Meinung gestatten.“

Jenny nickte nachdenklich.

„Das braucht man nicht, wenn man gesund und frisch ist und etwas kann.“

„Nun zum Beispiel ich. Ich habe immer geglaubt, ich hätte dieFähigkeiten zu wissenschaftlicher Arbeit. Das ist das einzige Ziel, dasich mir gesetzt. Ich habe einige kleine Bücher geschrieben — etwasganz Populäres natürlich; jetzt arbeite ich jedoch an einer Abhandlung:das Bronzezeitalter in Südeuropa. Ich bin aber Lehrer und habe einesehr gute Stellung. Bin Leiter einer Privatschule.“

„Jetzt sind Sie aber doch hierher gekommen, um zu arbeiten, wenn ichSie heute Morgen recht verstand,“ sagte sie lächelnd.

Helge antwortete nicht darauf:

„So erging es meinem Vater auch. Er wollte Maler werden — das Einzige,wozu er Lust hatte. Er hielt sich auch ein Jahr lang hier auf. Dannverheiratete er sich. Jetzt hat er nun eine lithographische Werkstätte— hat sie sechsundzwanzig Jahre hindurch in Gang gehalten,[S. 47] zum Teilunter großen Schwierigkeiten — Ich glaube nicht, daß er der Meinungist, er habe viel vom Leben gehabt.“

Jenny sah gedankenvoll in den Sonnenschein hinaus. In der Senkungihnen zu Füßen wuchsen Küchengemüse in Reihen mit kleinen bescheidenenBlätterbüscheln über der grauen Erde. Draußen über den grünen Wiesenleuchteten die Ruinen auf dem Palatin, gelbschimmernd in dem dunklenLaub. Der Tag versprach warm zu werden. Die Albanerberge drüben hinterden Pinien der fernen Villengärten lagen in dämmrigem Dunst unter demtauigen Blau des Himmels.

„Aber — Kandidat Gram.“ Sie nippte an ihrem Glase, den Blicknoch immer in die Ferne gerichtet. Helge folgte mit den Augen demlichtblauen Rauch ihrer Zigarette — ein kleiner Lufthauch erfaßtediesen und wirbelte ihn hinaus in die Sonne. Jenny hatte das eineBein über das andere geschlagen — über den ausgeschnittenenperlenbestickten Schuhen erschienen die schmalen Knöchel in dünnenvioletten Strümpfen. Die Wetterjacke stand offen über dem faltigen,silbergrauen Kleide mit dem weißen Kragen und über dem Perlenband,welches rosenrote Lichtflecken auf ihren milchweißen Hals warf. DiePelzmütze auf dem blonden, welligen Haar war weit zurückgeglitten.

„So haben Sie jedenfalls eine Stütze an Ihrem Vater — er versteht Sieund weiß, daß Sie nicht an die Schule gefesselt sein dürfen, da Ihneneine andere Arbeit am Herzen liegt?“

„Das weiß ich nicht. Er freute sich zwar sehr, daß ich Gelegenheithatte, ins Ausland zu kommen. Aber —“ Helge zögerte, „sehr vertrautmiteinander sind mein Vater und ich nie gewesen. Meine Mutter dagegenquälte mich mit ihrer ständigen Sorge, daß ich mich überanstrengenkönnte, daß meine Zukunft nicht genügend gesichert sei. Und meinerMutter widerspricht mein Vater nicht. Sie sind grundverschieden, Vaterund Mutter. Sie hat ihn wohl nie verstanden. So überschüttete sie dannuns Kinder mit ihrer heißen Liebe — in meiner Kindheit war[S. 48] sie mirunendlich viel — doch diese Liebe begleitete eine blinde Eifersucht.Mutter fürchtete sogar, daß Vater mehr Einfluß auf mich gewinnen könneals sie. Auch auf meine Arbeit war sie eifersüchtig, weil ich michabends einschloß, um zu studieren und zu schreiben, wissen Sie. Siesorgte sich, wie gesagt, um meine Gesundheit und fürchtete, daß ich denEinfall bekommen könne, meinen Posten aufzugeben—.“

Jenny nickte einige Male gedankenvoll.

„Der Brief, den ich eben holte, war von ihnen.“ Helge zog ihn hervorund betrachtete ihn, öffnete ihn jedoch nicht. — „Heut ist nämlichmein Geburtstag,“ sagte er und versuchte ein Lächeln. „Ich werde heutesechsundzwanzig.“

„Ich gratuliere.“ Jenny reichte ihm die Hand.

Der Blick, den sie auf ihn richtete, war so, wie wenn sie Franziska zubetrachten pflegte, wenn diese sich an sie schmiegte.

Sie hatte bisher noch nicht auf Grams Aussehen geachtet, hatte nur denEindruck, daß er groß und fein gebaut und dunkel war, und daß er einenkleinen Spitzbart trug. Eigentlich hatte er hübsche regelmäßige Zügeund eine hohe, etwas schmale Stirn. Seine Augen waren hellbraun, miteinem eigenen durchsichtigen Bernsteinglanz, der kleine Mund unter demSchnurrbart war weich und fein, er zeigte eine leise Wehmut.

„Ich verstehe Sie so gut,“ sagte sie plötzlich „Ich kenne das. Ichwar selbst Lehrerin bis Weihnachten vorigen Jahres. Ich kam fort alsErzieherin und blieb dabei, bis ich alt genug war, um im Seminaranzufangen.“ Sie lachte etwas verlegen. „Ich reiste fort — gab meineStellung an der Volksschule auf — da ich eine Kleinigkeit von einerTante meines Vaters erbte. Ich habe ausgerechnet, es kann etwa dreiJahre reichen — vielleicht auch länger — und wenn ich etwas verkaufenkann —. Aber meine Mutter war natürlich nicht damit einverstanden, daßich die ganze Summe aufbrauchen wollte. Und daß ich kündigte, nachdemich endlich nach all den Jahren,[S. 49] in denen ich mich mit Vertretungenund Privatschülern abgeplagt hatte, fest angestellt worden war. Einfestes Einkommen, — das halten die Mütter ja immer für das Wichtigste—.“

„Ich glaube fast, daß ich es in Ihrer Stelle nicht gewagt hätte, soalle Brücken hinter mir abzubrechen —. Ich weiß sehr wohl, es ist derEinfluß meines Vaterhauses. Ich wäre die Angst nicht losgeworden, wovonich leben sollte, wenn das Geld verbraucht sein würde.“

„Kleinigkeit,“ sagte Jenny. „Ich bin ja frisch und stark und kannsehr viel. Nähen, kochen und plätten und waschen. Auch Sprachen. InAmerika oder England kann ich immer Arbeit bekommen. Als Malerin,glaube ich, wird man dort viel zu tun finden. Franziska“ — sie lachtein die Sonne hinaus — „sie meint, wir sollten nach Südafrika reisenund Milchmädchen werden. Und dann wollen wir Akte bei den Zulukaffernzeichnen — es sollen ganz prachtvolle Modelle sein.“

„Der Gedanke ist durchaus nicht übel. Entfernungen rechnen Sie alsonicht als wesentliches Hindernis—.“

„Nein, ganz und gar nicht —. Ach ja, ich rede. Natürlich, in all denJahren daheim meinte ich, daß es ganz unmöglich sei, hinauszukommen— allein nach Kopenhagen, dort sich eine kurze Zeit aufzuhalten undnichts anderes zu tun als zu lernen und zu malen. Ich hatte natürlichstarkes Herzklopfen, als ich mich entschloß, alles aufzugeben und zureisen. Alle meine Angehörigen fanden es wahnsinnig. Und das wirktewohl auf mich. — Aber dann wollte ich erst recht. Malen ist ja dasEinzige, wozu ich immer Lust hatte, und ich begriff, daß ich zu Hausniemals so intensiv würde arbeiten können, wie es nötig wäre — dalenkte mich so vieles ab. Aber Mama konnte es einfach nicht begreifen,daß ich sofort mit dem Studium beginnen müsse, wollte ich noch etwaslernen, da ich nicht mehr die Jüngste war. Meine Mutter ist nämlich nurneunzehn Jahre älter als ich. Als ich elf Jahre alt war, heiratete siezum zweiten Male, und das brachte ihre Jugend zurück—.

[S. 50]

Das ist ja eben das Wunderbare, wenn man in die Welt geht —jede Beeinflussung durch Menschen, mit denen man zufällig daheimzusammenlebt, hört auf. Man muß mit seinen eigenen Augen sehen undselbständig denken. Wir lernen begreifen, daß es ganz von uns selbstabhängt, was diese Reise uns gibt — was wir zu sehen und zu erfassenvermögen, in welche Lage wir uns bringen und unter wessen Einflußwir uns freiwillig begeben. Man lernt verstehen, daß es von einemselbst abhängt, wieviel das Leben uns entgegenbringt. Ja, gewiß, einwenig auch von den Umständen, wie Sie vorher einmal sagten. Aber manentdeckt bald, wie man die Hindernisse nach seiner Veranlagung amleichtesten überwindet oder sie umgeht — sowohl auf Reisen wie auchim allgemeinen. Man sieht ja, daß man sich all das Schwere, das einembegegnet, immer selbst eingebrockt hat.

In seinem Heim ist man ja niemals allein, nicht wahr, Gram? Das ebenist das Beste am Reisen, finde ich — allein mit sich sein, nicht immerjemand um sich haben, der einem helfen oder über einen bestimmen will.— Das Gute, das man seinem Zuhause verdankt, kann man doch nicht sehenund schätzen, ehe man nicht fort gewesen ist. Man weiß, daß man niewieder davon abhängig wird, wenn man erst einmal selbständig gewordenist. Man kann nicht eher Freude daran haben — ja man kann überhauptkeine Freude an etwas haben, von dem man abhängt?“

„Ich weiß nicht. Man ist doch immer abhängig von dem, das man lieb hat?Sie sind doch abhängig von Ihrer Arbeit? — Und wenn man einen anderenMenschen liebt,“ sagte er leise, „ist man dann nicht völlig abhängig?“

„Ja, ja.“ Sie überlegte. „Aber da hat man selbst gewählt,“ sagtesie schnell. „Ich meine, man ist dann kein Sklave, man dient dannfreiwillig irgend jemandem oder irgendeiner Sache, die man höherbewertet als sich selbst. — Freuen Sie sich nicht, daß Sie ihr neuesJahr allein beginnen werden, frei und frank — nur arbeiten, was Sieselbst gern wollen?“

[S. 51]

Helge dachte an den vergangenen Abend auf dem Petersplatz. Er sahhinaus über die fremde Stadt, sah die gedämpften, grauverschleiertenFarben in der Sonne, und das fremde, blonde Mädchen.

„Ja,“ sagte er.

„Ja.“ Sie erhob sich, knöpfte ihre Jacke zu und öffnete den Malkasten.„Nun muß ich aber fleißig sein.“

„Sie wollen mich wohl nun los sein?“

Jenny lächelte: „Sie sind doch jetzt sicherlich müde?“

„Oh nein. Ich möchte aber zahlen—.“

Sie rief die Frau und stellte ihm seine Rechnung auf, während siegleichzeitig Farben auf der Palette ausdrückte.

„Glauben Sie nun, daß Sie zur Stadt zurückfinden?“

„Ja. Ich merkte mir genau, welchen Weg wir gingen. Und später finde ichschon einen Wagen. — Kommen Sie jemals in den Verein?“

„Oh ja, mitunter.“

„Ich möchte Sie sehr gern wiedersehen, Fräulein Winge.“

„Das werden Sie auch sicherlich.“ Sie überlegte einen Augenblick. „WennSie Lust haben — können Sie uns dann nicht besuchen — zum Tee? Wirwohnen in der Via Vantaggio 111 — Cesca und ich sind des Nachmittagsimmer daheim.“

„Ich danke Ihnen.“ Er zauderte ein wenig. „Nun, dann schönen GutenMorgen! Und vielen Dank für diese Nacht!“

Er reichte ihr die Hand. Sie gab ihm ihre schmale, magere: „Auch ichdanke.“

Als er sich in der Gartentür umwandte, stand sie und schabte mit demPalettmesser auf der Leinwand. Sie summte — es war die Weise von heutNacht, die ihm nun so vertraut schien. Er summt sie selbst, während erzur Stadt hinunter ging.

[S. 52]

IV.

Jenny zog die Arme unter der Decke hervor und verschränkte sie imNacken. Es war eiskalt im Zimmer und finster; nicht ein StreifenTageslicht fiel durch die Läden. Sie entzündete ein Streichholz und sahnach der Uhr — gleich sieben. Ein wenig konnte sie noch liegen undfaulenzen; sie kroch wieder ganz unter die Decke und bohrte die Wangeins Kopfkissen.

„Jenny — schläfst du?“ Franziska öffnete die Tür, ohne anzuklopfen.Sie kam an das Bett heran, tastete im Dunkeln nach der Freundin Gesichtund streichelte sie: „Müde?“

„Gar nicht. Jetzt werde ich aufstehen.“

„Wann kamst du nach Haus?“

„Gegen drei. Ich war draußen in Prati und badete vor dem Mittag, unddann aß ich dort bei der Ripetta, weißt Du? Als ich heimkam, legte ichmich hin. Ich bin jetzt völlig ausgeschlafen — nun will ich aufstehen!“

„Wart noch ein wenig, hier ist es so kalt; ich werde etwas bei Direinheizen.“ Franziska zündete die Lampe auf dem Tische an.

„Du brauchst doch nur nach der Signora zu rufen — nein, aber Cesca,komm her, darf ich sehen?“ Jenny setzte sich im Bett aufrecht.

Franziska stellte die Lampe auf das Nachttischchen und drehte sich imLicht langsam um sich selbst.

Sie hatte eine weiße Spitzenbluse zu ihrem grünen Rock angezogen undeine bronzefarbene Seidenschärpe mit pfauenblauen Streifen um dieSchultern geschlungen. Rund um den Hals lagen die großen tiefrotenKorallen in doppelter Reihe und lange, geschliffene Ohrgehänge tropftenauf ihre gelblichweiße Haut herab. Lächelnd schob Franziska das Haarzur Seite, um zu zeigen, daß sie mit einem Faden Stoffgarn an den Ohrenfestgebunden waren.

„Denk’ dir, ich bekam sie für sechsundachtzig Lire — ist das nichtgroßartig — nun, wie stehen sie mir?“

[S. 53]

„Hervorragend. Das Kostüm ist fabelhaft. — Du, ich hätte Lust, dichdarin zu malen.“

„Ja. Ich könnte jetzt gut für dich sitzen. Ich habe nicht die Ruhein mir, am Tage etwas zu tun. Ach du, Jenny —.“ Sie seufzte leiseund setzte sich auf die Bettkante. „Nein, ich muß jetzt nach dem Ofensehen.“

Sie kam zurück mit einem steinernen Krug voll Glut und hockte sich vordem kleinen Ofen nieder.

„Bleib nur liegen, Jenny, bis es hier warm geworden ist. Ich werdeschon das Bett machen, auch den Tisch decken und den Tee kochen. — Ah,du hast deine Studie mit heimgebracht — laß mich sehen!“

Sie stellte das Studienbrett gegen einen Stuhl und beleuchtete das Bild:

„Aber, nein!“

„Es ist nicht übel, findest du nicht? — Ich will noch einige Skizzendort draußen machen — ich plane ein großes Bild; ist das Motiv nichtgut — mit all den Arbeitsleuten und Maultierkarren dort unten imAusgrabungsfeld?“

„Ja, weißt du, — daraus müßtest du doch etwas machen können. Ichfreue mich darauf, Gunnar und Ahlin dies hier zu zeigen: Aber du bistaufgestanden? Jenny, laß mich dein Haar kämmen! Gott, was hast du dochfür Haar, Mädel. Darf ich nicht einmal versuchen, es auf moderne Art zufrisieren, so mit Locken? Bitte!“

Franziska ließ das lange blonde Haar durch ihre Finger gleiten. „Sitz’ruhig. Ein Brief ist heut Morgen für dich gekommen — ich nahm ihn mitherauf; fandest du ihn? Er war von deinem kleinen Bruder, nicht wahr?“

„Ja,“ sagte Jenny und lachte.

„War der Brief fröhlich — hast du dich gefreut?“

„Du kannst glauben, der war vergnügt. Ach, Cesca, mitunter wünschteich, daß ich nur so einen Sonntag Vormittag, weißt du — einen kleinenAbstecher nach Hause machen könnte, um mit Kalfatrus über Nordmarken[S. 54]spazieren zu gehen. Er ist wirklich ein guter Kerl, weißt du.“

Franziska betrachtete Jennys lächelndes Gesicht im Spiegel. Darauf nahmsie das Haar wieder herunter und begann aufs neue, es zu bürsten.

„Nein, Cesca — wir haben doch keine Zeit.“

„Natürlich. Kommen sie zu früh, dann können sie ja zu mir hineingehen.Da sieht es freilich aus wie in einer Rumpelkammer, aber meinetwegen.Uebrigens — die kommen nicht so früh. Gunnar wenigstens nicht — undvor ihm geniere ich mich wahrhaftig nicht. Vor Ahlin übrigens auchnicht. Ah richtig, er war heute Mittag bei mir — ich lag im Bett,während er saß und plauderte. Als ich mich ankleiden wollte, schickteich ihn auf den Balkon hinaus. Wir gingen dann fort und aßen vornehmauf Tre Re. Den ganzen Nachmittag sind wir zusammen gewesen.“

Jenny schwieg.

„Wir sahen Gram drinnen auf Nazionale. Uh, Jenny, er war schauderhaft.Ist dir etwas Schlimmeres je begegnet?“

„Ich finde ihn durchaus nicht so schauderhaft. Er ist nur unbeholfen,der arme Kerl. Genau so wie ich im Anfang war. Einer von den Menschen,die gern fröhlich sein wollen und nicht können.“

„Ich kam heute Vormittag mit dem Zug aus Florenz,“ äffte Franziska nachund lachte. „Puh. Wäre er dann wenigstens im Flugzeug gekommen!“

„Du warst recht ungezogen gegen ihn, mein Kind. Das darfst du nicht.Eigentlich hätte ich Lust gehabt, ihn heute Abend zu uns einzuladen.Ich wagte es aber deinetwegen nicht — ich wollte mich nicht der Gefahraussetzen, daß du gegen meinen Gast unhöflich bist.“

„Der Gefahr hättest du dich durchaus nicht ausgesetzt. Das weißt dusehr gut.“ Franziska war gekränkt.

„Besinnst du dich auf den Abend, als ich Douglas mit zu mir genommenhatte zum Tee?“

[S. 55]

„Nach der Geschichte mit dem Modell — danke ergebenst!“

„Herrgott. Was ging das im übrigen dich an?“

„So, meinst du nicht? Nachdem er um mich angehalten hatte? Und ichsozusagen entschlossen war, ihn zu nehmen?“

„Das konnte er schwerlich ahnen,“ sagte Jenny.

„Ich hatte jedenfalls nicht bestimmt Nein gesagt. Am Tage vorher warich mit ihm draußen in Versailles. Und da hatte er mich viele, vieleMale küssen und unten im Park seinen Kopf in meine Arme legen dürfen.Und wenn ich ihm sagte, daß ich ihm nicht gut sei, dann glaube er esnicht, meinte er.“

„Cesca.“ Jenny fing ihre Augen im Spiegel ein. „All das hat ja keinenSinn. Du bist das allerbeste kleine Ding auf der Welt, wenn durichtig überlegst. Manchmal ist es aber, als sähest du nicht, daß esMenschen sind, die du vor dir hast. Menschen mit Gefühlen, aufdie du Rücksicht nehmen mußt. Du würdest auch Rücksichtnehmen, wenn du nur nachdächtest. Du willst ja doch nur lieb undgut sein.“

Per bacco. Bist du dessen so sicher? Ach, nun sollst du abereinen Strauß Rosen sehen. Ahlin kaufte gestern Abend ein Bukett fürmich an der Spanischen Treppe.“ Cesca lächelte trotzig.

„Ich finde, du solltest dergleichen zu verhindern suchen. Unter anderemschon, weil du weißt, Ahlin hat nicht die Mittel dazu.“

„Geht denn das mich etwas an? Wenn er verliebt in mich ist, so machtihm das sicher Freude.“

„Ich will gar nicht von deinem Ruf sprechen. Der leidet durch dieseewigen Geschichten!“

„Reden wir nicht über meinen Ruf, das lohnt nicht. Aber du hast bitterwahr gesprochen. Meinen Ruf daheim in Kristiania — den habe ich einfür allemal gründlich zunichtegemacht.“ Sie lachte hysterisch. „Wasschert es mich aber! Ich lache darüber.“

[S. 56]

„Cesca, Geliebte. Ich begreife nicht — du machst dir ja aus keinemdieser Landsleute etwas. Warum also. Und das mit Ahlin. Kannst du dennnicht begreifen — daß es ihm Ernst ist? Auch Norman Douglas war esErnst. Du weißt nicht, was du tust. Ich glaube, Gott helfe mir, du hastkeinen Instinkt, Kind.“

Franziska legte Kamm und Bürste beiseite und betrachtete Jennysfrisierten Kopf im Spiegel. Sie suchte ihr herausforderndes kleinesLächeln festzuhalten. Es welkte jedoch dahin — ihre Augen füllten sichmit Tränen.

„Auch ich bekam heute morgen einen Brief.“ Ihre Stimme zitterte. Jennyerhob sich. „Aus Berlin — von Borghild. — Willst du dich nicht erstfertigmachen, Jenny? Soll ich jetzt das Teewasser aufsetzen oder erstdie Artischocken kochen? Sie kommen wohl bald?“

Sie huschte hin und her, und begann, das Bett in Ordnung zu bringen.

„Wir könnten ja auch Marietta rufen — aber wir machen es lieberselbst, nicht wahr Jenny?“

„Also — sie schreibt, Hans Hermann hat sich verheiratet. Vorige Woche.Es ist sicher schon sehr weit.“

Jenny legte die Streichholzschachtel beiseite, während sie ängstlich zuFranziskas weißem Gesicht hinübersah. Darauf schritt sie behutsam aufsie zu.

„Ja, es ist also die, mit der er verlobt war, weißt du. Diese Sängerin— Berit Eck.“ Franziska sprach mit leiser erloschener Stimme. EinenAugenblick beugte sie sich zur Freundin hinüber. Dann begann siewieder, mit ihren zitternden Händen das Laken wegzustopfen.

Jenny rührte sich nicht.

„Nun — du wußtest ja, daß sie verlobt waren — schon seit einem Jahre.“

„Ja.“

Jenny deckte still den Tisch für vier Personen. Franziska breitete dieDecke über das Bett und holte die Rosen herbei. Sie stand und nesteltean ihrem Blusenausschnitt, zog einen Briefumschlag hervor und drehteihn zwischen den Fingern.

[S. 57]

„Sie hatte die beiden im Tiergarten getroffen, schreibt sie. Sieschreibt ... Oh, sie kann so brutal sein, die Borghild.“ Franziskasprang zum Ofen, riß die Tür auf — und warf den Brief ins Feuer.Darauf sank sie in einem Lehnstuhl zusammen und brach in einbitterliches Weinen aus.

Jenny legte ihren Arm um ihren Nacken:

„Cesca, meine liebe kleine Cesca!“

Franziska preßte ihr Gesicht gegen Jennys Arm.

„Uebrigens sah sie so elend aus, das arme Ding. Sie ging und hing inseinem Arm, und er schaute verärgert und böse drein. Ja, das kann ichmir lebhaft vorstellen. Ach Gott, das arme, arme Wesen — sich in einesolche Lage zu bringen, daß sie auf diese Weise von ihm abhängig wird— er hat sie sicherlich auf den Knien zu sich kriechen lassen. — Daßsie so wahnsinnig sein konnte, wo sie ihn doch kannte. Aber zu denken,Jenny, daß er ein Kind von einer anderen haben soll — ach Gott, achGott, ach Gott.“

Jenny hatte sich auf die Stuhllehne gesetzt. Cesca schmiegte sich ansie:

„Nein, ich besitze scheinbar keinen Instinkt, wie du sagtest.Vielleicht habe ich ihn nicht einmal wirklich geliebt. Und doch hätteich so gern ein Kind von ihm gehabt. Doch dann vermochte ich nicht,mich dazu zu entschließen. — Mitunter wollte er, daß wir heiratensollten — ohne weiteres zum Standesamt gehen. Nein, ich wollte nicht.Zu Hause wären sie böse geworden. Die Leute hätten sicher gedacht,daß wir uns heiraten müßten! Und das wollte ich auch nicht.Sie glaubten ja trotzdem schon das Schlimmste. Aber das war mirgleichgültig. Ich wußte sehr wohl, ich machte meinen Ruf zuschanden umseinetwillen. Doch daraus machte ich mir nichts. Begreifst du das —ich war gleichgültig. Aber Hans dachte, ich weigerte mich aus Angst, erwürde mich hinterher nicht heiraten. Dann laß uns erst zum Standesamtgehen, verdammtes Mädel, sagte er. Aber ich wollte nicht. Er glaubte,das Ganze sei nur Berechnung gewesen. Du[S. 58] Eiszapfen, sagte er. Aber,bei Gott, du verstellst dich nur. Mitunter glaubte ich auch, daß ichkeiner sei. Vielleicht war ich nur deshalb so ängstlich, weil er sobrutal war. Er schlug mich oft — riß mir beinahe die Kleider vomKörper; ich mußte kratzen und beißen, um loszukommen — heulen undweinen.“

„Und doch gingst du immer wieder zu ihm?“ fragte Jenny leise.

„Ja. Die Portierfrau wollte nicht mehr bei ihm aufräumen. So ging ichhinauf und tat es. Ich hatte die Schlüssel zu seinen Zimmern. Ichwischte auf und machte das Bett — Gott weiß, wer dort mit ihm gelegenhatte.“

Jenny schüttelte den Kopf.

„Borghild war rasend darüber. Sie war es, die mir bewies, daß er eineGeliebte hatte. Ich wußte wohl etwas — aber ich wollte gar keineGewißheit haben! Borghild behauptete, er hätte mir nur die Schlüsselgegeben, damit ich kommen und sie überraschen sollte. Aus Eifersuchtsollte ich mich ihm geben, da ich ja doch schon kompromittiert sei.Aber darin irrte sie. Mich liebte er — auf seine Weise. Erhatte mich lieb, Jenny, so wie er es vermochte. Aber Borghildwar so erzürnt, weil ich den Diamantring von der Urgroßmutter Rustungversetzte. Ach, das habe ich dir niemals erzählt.“

Sie richtete sich auf und lachte leise.

„Ja, siehst du, er brauchte Geld. Hundert Kronen. Ich versprachihm, er sollte sie von mir erhalten. Ich ahnte nicht, woher sie nehmen.Papa wagte ich nicht um einen Oere zu bitten — ich hatte schonallzuviel verbraucht. So ging ich denn hin und versetzte — meineUhr und ein goldenes Kettenarmband und dann den Diamantring; einenganz alten, du weißt, mit vielen kleinen Diamanten auf einer größerenPlatte. Borghild war rasend, weil sie ihn nicht bekommen hatte, dennsie war doch die älteste, aber Großmutter hatte ausdrücklich gesagt,ich sollte ihn haben, weil ich nach ihr genannt war. Ich ging alsoeines Morgens hin, gleich nachdem geöffnet worden war. Es war einpeinlicher Augenblick. Aber[S. 59] ich bekam doch das Geld und ging hinauf zuHans. Er fragte, auf welche Weise ich es beschafft hätte, und ich sagtees ihm. Dafür küßte er mich. ‚Dann‘, sagte er, ‚gib mir den Leihscheinund das Geld, Pussel‘ — so nannte er mich immer. Ich gab ihm beides —ich glaubte ja, er wolle die Sachen wieder einlösen, und ich sagte, dasdürfe er nicht; ich war sehr gerührt, siehst du. Ich kann es auf andereWeise in Ordnung bringen, sagte Hans, und dann nahm er es und ging. Ichsaß bei ihm oben und wartete — oh, ich war so gerührt, denn ich wußte,er brauchte das Geld. Ich wollte am nächsten Tage hingehen und eswieder versetzen — ich empfand es nicht mehr als unangenehm, überhauptnichts würde mir peinlich sein; ich wollte ihm alles herbeischaffen,was er brauchte. Dann kam er zurück — weißt du, was er getan hatte“ —sie lachte unter Tränen — „es in der Volksbank eingelöst und bei einemPrivatbankier in Pfand gegeben, wie er sagte. Dort bekam er viel mehr.

Wir bummelten den ganzen darauffolgenden Tag zusammen, siehst du.Champagner und alles Mögliche! Dann blieb ich des Nachts auf, und erspielte — spielte — du großer Gott! Ich lag auf dem Fußboden undheulte. Mir war alles gleich, wenn er nur so spielte — und für michallein. Ach, du hast ihn nicht spielen hören, du — dann würdest dualles verstehen. Aber danach! Das war eine Geschichte. Wir kämpftenauf Leben und Tod. Aber ich entkam ihm doch. Borghild lag wach, alsich heim kam. Mein Kleid war ganz in Fetzen gerissen. — Du siehst auswie ein Straßenmädchen, sagte Borghild. So wirst du auch noch einmalenden, sagte sie. Ich lachte nur. Die Uhr war fünf.

Schließlich hätte ich mich ja auch ergeben, weißt du. Wäre da nichtein Hindernis gewesen. Mitunter sagte er: ‚Du bist, weiß der Teufel,auch das einzige anständige Mädchen, das ich getroffen habe — es gibt,weiß Gott, nicht einen einzigen Mann, der dich herumbringen kann.‘ Wares nicht furchtbar? ‚Ich habe Achtung vor dir, Pussel!‘ Denk dir, erhatte Achtung vor[S. 60] mir, weil ich das nicht tun wollte, worum er immergebettelt, weswegen er mir gedroht hatte. Ich, die ich immer wünschte,ich hätte die Kraft — ich wollte ja so gern alles tun, um ihm eineFreude zu machen. Wenn ich nur über diesen Widerwillen hinweggekommenwäre; er war so brutal — und ich wußte, er hatte andere. Ich wünschte,er sollte aufhören mich zu erschrecken — dann hätte ich es gekonnt.Aber dann wäre ich in seinen Augen eine Gefallene gewesen ... Deshalbbrach ich schließlich den Verkehr ab, weil er wollte, daß ich etwas tunsollte, um dessentwillen er mich dann verachtet hätte.“

Sie schmiegte sich an Jenny und ließ sich streicheln.

„Hast du mich lieb, Jenny?“

„Das weißt du ja — Cesca, Liebes du!“

„Du bist so gut. Gib mir noch einen Kuß! Gunnar ist auch gut. Ahlinauch. Ich werde auf mich achten — du kannst dir doch denken — ichwill ihm kein Leid zufügen. Uebrigens — vielleicht heirate ich ihn.Wenn er mir so gut ist! Ahlin würde nie brutal sein, das weiß ich.Glaubst du, er würde mich quälen? Wohl kaum. Dann könnte ich Kinderbekommen. Du weißt ja, ich erbe einmal. Und er ist so arm. Wir könntendann im Auslande leben. Ich würde immer arbeiten. Er auch. Du — überallen seinen Arbeiten liegt etwas ungemein Feines. Das Relief mit denspielenden kleinen Knaben! Und der Entwurf zum Almquistmonument! Es istja nicht so original in der Komposition, aber Herrgott, wie schön, wievornehm und ruhig und wie echt — diese plastischen Figuren.“

Jenny lächelte fein und strich Franziska über das Haar — es war an denSeiten feucht geworden von ihren Tränen.

„Wenn ich nur auch immer arbeiten könnte. Ach, aber Jenny. Diese ewigenStiche im Herzen. Und im Kopf. Die Augen schmerzen auch, Jenny — ichbin ja so totmüde.“

„Du weißt ja, was der Arzt sagt — alles nur Nervosität. Wenn du nurvernünftig sein wolltest.“

[S. 61]

„Ja — das sagen sie. Aber ich habe solche Furcht. Du sagst — ichhätte keinen Instinkt — nicht so, wie du meinst. Aber auf andereWeise. Ich bin häßlich gewesen in dieser Woche. Das weiß ich sehrwohl. Aber ich ging umher und lauerte — ich fühlte, daß etwasFürchterliches kommen würde. Und nun siehst du ja!“

Jenny küßte sie wieder.

„Ich war unten in der St. Agostino-Kirche heut Abend. Du kennst daswunderwirkende Madonnenbild. Ich kniete nieder und versuchte zurJungfrau Maria zu beten. Ich glaube, mir würde wohl sein, wenn ichkatholisch würde. Eine Frau wie die Jungfrau Maria zum Beispiel würdedas alles viel besser verstehen können. Ich dürfte mich im Grunde nichtverheiraten, so, wie ich veranlagt bin. Ich könnte ins Kloster gehen— nach Siena zum Beispiel. Ich könnte dann in der Galerie kopieren;das Kloster würde auf diese Weise Geld verdienen. Als ich den Engel zumMelozzo da Forli in Florenz malte, stand dort jeden Tag eine Nonne undkopierte. Es wäre nicht das Schlimmste.“ Sie lachte. „Ja, das heißt, eswäre geradezu schauderhaft. Aber sie sagten ja alle, meine Kopien seienso gut gewesen. Und das stimmt. Ich glaube, ich würde dabei glücklichwerden können. ... Ach, Jenny — wenn ich mich gesund fühlte! Wenn ichda drinnen Frieden bekäme — nicht so wirr und eingeschüchtert wäreinnerlich! Dann würde ich frisch, und könnte arbeiten, ohne Aufhören.Ich würde so lieb und gut werden. Gott, wie lieb ich dann sein würde... Ich bin nicht immer gut, das weiß ich wohl. Ich lasse mich vonmeinen Stimmungen hinreißen, wenn ich in einem Zustande bin wie ebenjetzt. Aber das soll ein Ende haben — wenn Ihr alle mich nur liebhabenwollt. Besonders du. — Wir wollen diesen Gram zu uns einladen — wennich ihn wiedertreffe, dann werde ich zu ihm gehen und so lieb und gutzu ihm sein, wie du dirs gar nicht vorstellen kannst. Wir wollen ihn zuuns einladen und ihn mitnehmen, wenn wir ausgehen; ich will gern Kopfstehen, um ihm eine Freude zu[S. 62] machen. Hörst du, Jenny — bist du nunzufrieden mit mir?“

„Ja, Cesca.“

„Gunnar nimmt mich nicht ernst,“ sagte sie gedankenvoll.

„Gewiß tut er das. Er findet nur, es ist oft so viel Kindisches an dir.Du weißt, wie er über deine Arbeit denkt — erinnerst du dich, was erin Paris sagte, über deine Energie — dein Talent? Fein und persönlich,sagte er. Da nahm er dich wahrhaftig ernst genug.“

„Ja, gewiß. Gunnar ist übrigens ein prächtiger Kerl. — Er war aberdoch böse über die Sache mit Douglas.“

„Jeder Mann wäre das gewesen. Ich wars auch.“

Franziska seufzte. Sie schwieg eine Weile.

„Wie wurdest du diesen Gram gestern los? Ich glaubte, es würde dir niegelingen — dachte, er wäre mit dir heim gegangen und hätte sich hieraufs Sofa gelegt — mindestens.“

Jenny lachte.

„Nein. Er begleitete mich hinaus auf den Aventinerhügel und frühstücktedort, und dann fuhr er nach Hause. Im übrigen — ich mag ihn gutleiden.“

Dio mio! Jenny, du bist abnorm in deiner Güte. Es muß doch eineGrenze bei dir geben in deiner Rolle, Mutter für uns alle zu sein. Oderbist du vielleicht in ihn verliebt?“

Jenny lachte wieder:

„Kaum. Aber er wird sich auch in dich verlieben. Wenn du nicht einwenig vorsichtig bist.“

„Das tun sie ja alle miteinander. Gott weiß, aus welchem Grunde. Aberes geht ja immer schnell wieder vorüber. Und hinterher werden sie dannböse auf mich.“ Sie seufzte.

Es kam jemand die Treppe herauf.

„Das ist Gunnar. Ich gehe ein wenig zu mir herüber, ich muß meine Augenkühlen.“

[S. 63]

Sie schlüpfte hinaus und flüsterte Heggen, mit dem sie in der Türzusammentraf, einen „Guten Tag“ zu. Er trat ein und zog die Tür hintersich ins Schloß.

„Du bist allright, wie ich sehe, Jenny. Das bist du übrigensimmer, verteufeltes Menschenkind. Du hast natürlich den ganzenVormittag gearbeitet. Aber sie?“ Er machte mit dem Kopf einebezeichnende Bewegung gegen Cescas Zimmer.

„Schlecht. Armes kleines Wesen.“

„Ich sah es in der Zeitung. Ich war oben im Verein auf dem Wegehierher. Darf ich sehen — bist du mit der Studie fertig? Aber hör mal,die ist fein, Jenny—.“

Heggen hielt das Bild gegen das Licht und betrachtete es lange.

„Fein, du. Dies hier — das ist glänzend. Ich finde es sehr stark ...Liegt sie jetzt wieder und weint?“

„Ich weiß es nicht. Sie saß hier drinnen und weinte. Die Schwesterschrieb es ihr.“

„Wenn ich dem Lump jemals begegne,“ sagte Heggen, „so werde ich wohlimmer einen Vorwand finden, um ihm eine gehörige Tracht Prügel zuverabreichen.“

V.

Helge Gram saß eines Nachmittags im Verein und brütete über dennorwegischen Zeitungen. Allein in dem dämmerigen Lesezimmer. Da kamFranziska.

Helge erhob sich und grüßte. Sie ging geradeswegs auf ihn zu undreichte ihm lächelnd die Hand:

„Nun, mein Lieber, was treiben Sie? Jenny und ich sprachen gerade vonIhnen — wir begriffen nicht, daß man Sie nicht sieht. Wir wollten amSonnabend hierher gehen und nach Ihnen schauen und Sie hinterher aufeinen kleinen Bummel mitnehmen. Haben Sie schon ein Zimmer?“

„Leider nein. Ich wohne noch im Hotel. Die Zimmer sind alle so teuer—.“

[S. 64]

„Im Hotel wird es auch nicht billiger! Sie geben doch mindestensdrei Franken pro Tag? Ja, das konnte ich mir denken. Rom ist nichtbillig, wissen Sie. Im Winter muß man ein sonniges Zimmer haben. Aberfreilich, Sie sprechen ja nicht Italienisch. Wären Sie doch nur zu unsheraufgekommen — Jenny und ich wären gern mit Ihnen gegangen, um etwasanzusehen.“

„Vielen Dank — aber damit konnte ich Sie doch wirklich nichtbehelligen!“

„Behelligen — aber Gram. Doch wie geht es Ihnen — haben Sie Bekanntegetroffen?“

„Nein. Ich war vergangenen Sonnabend oben im Verein, sprach aber mitniemandem. Ich saß und guckte in die Zeitungen. Ja doch, mit Heggenwechselte ich vorgestern in einem Café auf dem Corso ein paar Worte.Dann habe ich zwei deutsche Doktoren wiedergetroffen, die ich vonFlorenz her ein wenig kannte. Wir waren an einem dieser Tage draußenauf der Via Appia.“

„Uh. Hören Sie, sind deutsche Doktoren amüsant?“

Helge lächelte etwas verlegen.

„Wir haben ziemlich viel gemeinsame Interessen. Und wenn man soumhergeht und sonst niemanden hat, mit dem man reden kann—.“

„Ja, aber Sie müssen sich daran gewöhnen, Italienisch zu sprechen. Siehaben es ja gelernt. Wollen wir einen Spaziergang zusammen machen? Wirsprechen dann die ganze Zeit nur Italienisch miteinander. Ich werdeIhre maestra sein. Furchtbar streng!“

„Sie werden mich aber nicht besonders amüsant finden, Fräulein Jahrmann— höchstens unfreiwillig.“

„Still. — Nein, wissen Sie was, vorgestern reisten zwei dänischealte Damen nach Capri, vielleicht ist ihr Zimmer noch frei — achsicherlich. Klein, billig und sehr nett. Ich habe den Namen der Straßenicht behalten, aber ich weiß, wo es ist. Soll ich Sie hinbegleiten,dann sehen wir es uns an? Kommen Sie also!“

Unten auf der Treppe zögerte sie einen Augenblick und blickte mit einemleisen, zaghaften Lächeln zu ihm auf:

[S. 65]

„Ich war furchtbar ungezogen gegen Sie neulich Abend, als wir zusammenwaren, Gram. Ich muß Sie wohl um Verzeihung bitten.“

„Aber liebes Fräulein Jahrmann!“

„Doch. Ich war aber krank. Oh, Sie können mir glauben, ich bekamSchelte von Jenny. Ich hatte es aber auch verdient.“

„Ich war es ja, der sich Ihnen aufdrängte. Aber es kam so von selbst —ich sah Sie, und ich hörte Sie Norwegisch sprechen; der Versuch, Sieanzureden, lockte zu sehr.“

„Ja, natürlich. Es hätte so nett sein können — so ein kleinesAbenteuer. Wäre ich nur nicht so unartig gewesen. Aber ich war krank,wissen Sie. Ich bin tagsüber so nervös, dann kann ich nicht schlafen— und dann kann ich wieder nicht arbeiten. Schließlich werde ichunleidlich.“

„Geht es Ihnen augenblicklich nicht gut, Fräulein Jahrmann?“

„Ach nein. Jenny und Gunnar arbeiten — alle außer mir arbeiten. Wiegeht es mit Ihrer Arbeit — gut? — Haben Sie nicht Freude daran? Ichsitze übrigens jetzt nachmittags für Jenny. Heute habe ich frei. Ichglaube, sie tut es nur, damit ich nicht so allein sein und grübelnsoll. Mitunter fährt sie mit mir hinaus, jenseits der Mauern. Sie istganz wie eine Mutter zu mir. Mia cara mammina.

„Sie lieben Ihre Freundin sehr?“

„Sie ist so gut, so gut. Ich bin krankhaft und zerrissen. Keiner außerJenny hält es auf die Dauer mit mir aus. Sie ist aber so klug und sobegabt und energisch. Und schön — finden Sie sie nicht entzückend? Siesollten ihr Haar sehen, wenn es offen niederfällt! Wenn ich ein artigesKind bin, darf ich es kämmen und aufstecken —. Wir sind schon da,“sagte sie dann.

Sie klommen eine unheimlich düstere Steintreppe hinauf: „Daraus darfman sich aber nichts machen. Unser Aufgang ist noch schlimmer; Siewerden es ja sehen,[S. 66] wenn Sie kommen und uns besuchen. Kommen Sie docheinen Abend; wir sehen dann, daß wir die anderen erwischen und gehenauf einen gediegenen Romabummel. Den letzten habe ich ja doch völligverdorben.“

Sie läutete im obersten Stockwerk. Eine nett und gemütlich aussehendeFrau öffnete ihnen. Sie führte sie in ein kleines Zimmer mit zweiBetten. Das Fenster ging auf einen grauen Hinterhof hinaus, vor denFensterläden hing Wäsche, aber überall auf den Balkons standen Blumen,und hoch oben auf den grauen Dächern lagen Loggien und Lauben zwischengrünen Büschen.

Franziska redete endlich mit der Wirtin, während sie gleichzeitig inden Ofen guckte, die Betten befühlte und ihm zwischendurch Aufklärungengab:

„Sonne ist hier den ganzen Vormittag. Wenn das eine Bett herauskommt,so ist hier reichlich Platz. Der Ofen sieht ordentlich aus. Es kostetvierzig Lire ohne Licht und Heizung und zwei für servizio. Dasist billig. Soll ich ihr sagen, daß Sie es annehmen? Sie können morgeneinziehen, wenn Sie wollen!“—

„Nichts zu danken. Sie können sich doch vorstellen, daß es mir Freudemacht, Ihnen ein wenig zu helfen,“ sagte sie draußen auf der Treppe.„Wenn es Ihnen nur gefällt. Signora Papi ist sehr sauber, das weiß ich.“

„Gewiß eine seltene Tugend hierzulande?“

„Oh nein. Sie sind nicht anders als die Vermieterinnen daheim inKristiania, glaube ich. Dort, wo meine Schwester und ich wohnten, inder Holbergstraße — ich hatte ein paar neue Lackschuhe unter dasBett gestellt — getraute mich aber nicht, sie wieder hervorzuholen.Manchmal guckte ich nach ihnen — sie standen da und sahen aus wie zweiweiße zottige Lämmchen.“

„Ja,“ sagte Helge. „Ich habe ja immer zuhause gewohnt.“

Franziska lachte plötzlich laut auf:

„Denken Sie, die Signora glaubte, ich sei Ihre moglie — daß wirbeide dort wohnen sollten. Ich sagte, ich sei Ihre Kusine; sie kauteübrigens ein bißchen[S. 67] drauf herum. Cugina — das gilt sichergleich wenig überall auf der Welt!“

Sie lachten beide einen Augenblick darüber.

„Haben Sie Lust zu einem Spaziergang?“ fragte Franziska plötzlich.„Wollen wir auf die Ponte Molle hinausgehen? Sind Sie schon dortgewesen? Können Sie auch noch so weit laufen? Wir fahren mit derStraßenbahn nach Hause, wissen Sie.“

„Können Sie auch noch — Sie sind doch nicht wohl?“

„Es tut mir gerade gut, zu laufen — bitte geh’, sagt Gunnar immer —ich meine Heggen.“

Sie plauderte ununterbrochen und lugte ab und an zu ihm hinauf, um sichzu überzeugen, daß sie ihn gut unterhalte. Sie gingen den neuen Weglängs des Tiber hinauf; der Strom wälzte sich gelblichgrau zwischen dengrünen Hügeln dahin. Kleine perlmuttschimmernde Wölkchen lagen überdes Monte Mario dunklem Gebüsch mit graugelben Villen zwischen denimmergrünen Bäumen.

Franziska grüßte einen Konstabler und lachte zu Gram hinüber:

„Denken Sie sich, dieser Bursche hat mich heiraten wollen. Ich ginghier viel allein spazieren und dann pflegte ich mit ihm zu plaudern.Da fragte er mich. Der Sohn unseres Tabakhändlers hat übrigens auch ummich angehalten. Jenny schalt mich aus, sie sagte, es sei meine eigeneSchuld, und das war es vielleicht auch.“

„Ich finde, Fräulein Winge schilt Sie recht oft. Sie scheint einestrenge Mama zu sein?“

„Nur, wenn ich es verdiene. Hätte es doch schon früher jemand getan,“— sie seufzte. „Aber daran hat leider niemand gedacht.“

Helge Gram fühlte sich frei und leicht, wie er mit ihr dahinschritt.Etwas unsagbar Weiches lag über ihr, über dem Gang, der Stimme, demAntlitz unter dem großen rauhen Glockenhut. Es war fast, als könne erJenny Winge nicht recht leiden, wenn er jetzt an sie dachte — siehatte so selbstsichere hellgraue Augen — und solch[S. 68] fürchterlichenAppetit. Cesca erzählte eben, daß sie in diesen Tagen fast nichts essenkönne.

Und er sagte:

„Fräulein Winge ist gewiß eine junge Dame, die ganz von ihrer Eigenartdurchdrungen ist?“

„Ja, weiß Gott, sie hat Charakter. Denken Sie — sie wollte immer schonmalen. Mußte aber Lehrerin werden. Oh, wie hat sie gearbeitet! Ja, dassieht man ihr jetzt nicht an. Sie ist so stark, daß sie sich immersofort wieder aufrichtet. Aber als ich sie zuerst auf der Malschuletraf, da lag etwas Hartes und Verschlossenes — etwas Gepanzertes, sagtGunnar, — über ihr. Sie war erschreckend zurückhaltend. Ich lerntesie gar nicht recht kennen, ehe sie hier herunter kam. Die Mutterist zum zweiten Male Witwe — sie heißt jetzt Berner — drei kleineStiefgeschwister sind auch da. Denken Sie nur, sie hatten zwei kleineZimmer, und Jenny schlief in einer winzigen Mädchenkammer, arbeiteteund studierte und bildete sich nebenher aus und half der Mutter mitGeld und auch im Hause; sie hatten kein Mädchen. Freunde oder Bekanntebesaß sie nicht, wenn sie zu kämpfen hat, schließt sie sich gleichsamin sich ein, sie will nicht klagen; ist das Glück aber mit ihr, so istes, als öffne sie die Arme allen, die eine Stütze an ihr suchen.“

Franziskas Wangen glühten. Sie schlug ihre großen Augen voll zu ihm auf:

„Ich, sehen Sie, ich habe keine Hindernisse gehabt außer denen, die ichmir selbst in den Weg legte. Ich bin etwas hysterisch, und dann lasseich meine eigenen Stimmungen mit mir durchgehen. Aber Jenny spricht mitmir darüber; sie sagt, alles Leid, das uns begegnet, und nicht wiedergut zu machen ist, haben wir selbst verschuldet. Wenn man seinen Willennicht genügend in der Gewalt hat, um seine Stimmungen und Handlungen zubeherrschen, wenn man nicht mehr Herr über sich selber ist, tut man ambesten, sich zu erschießen, sagt Jenny.“

Helge blickte lächelnd auf sie nieder: „Sagt Jenny,“ und „Gunnar sagt,“und „ich hatte einen Freund, der[S. 69] zu sagen pflegte“. Wie jung undvertrauensvoll sie doch war.

„Für Fräulein Winge gelten vielleicht andere Gesetze als für Sie,“meinte er. „Können Sie sich das nicht denken, — so verschieden wieSie sind, — selbst der Begriff ‚Leben‘ hat für zwei Menschen eineverschiedene Bedeutung.“

Sie waren auf die Brücke hinaussgelangt. Franziska lehnte sich überdie Brüstung. Weiter oberhalb des Stromes am Fuße des bräunlichgrünenHügels lag eine Fabrik, deren hoher schlanker Schornstein dasgeschäftige gelbe Wasser zitternd widerspiegelte. Weit hinter derwelligen Ebene zeigten sich die Höhen der Sabinerberge, lehmgrau undkahl mit bläulichen Klüften und schneebedeckten Felsen im Hintergrund.

„Das hat Jenny gemalt, aber in glühroter Abendsonne Fabrik undSchornstein von rotem Lichte übergossen. Und die Stimmung, die nacheinem so heißen Tage herrscht, an dem man die Felsen vor Dunst nichtsehen kann, höchstens einen leisen Schimmer des Schnees hoch oben indem schweren, metallenen Blau. Und dazu Wolken, große Wolken über demSchnee. Es ist schön, ich muß Jenny bitten, es Ihnen zu zeigen.“

„Kann man hier etwas Wein bekommen?“ fragte er.

„Es wird bald kühl, aber einen Augenblick können wir wohl draußensitzen.“

Sie schlug den Weg über den runden Platz hinter der Brücke ein. Unterallen Osterien wählte sie einen kleinen Garten. Hinter einer ArtSchuppen mit Tischen und Rohrstühlen stand eine Bank unter kahlenUlmen. Vor dem Gärten lag eine grüne Wiese, dahinter erhob sich derHügel jenseits des Stroms dunkel gegen den fahlen bewölkten Himmel.

Franziska brach einen Zweig von den Holunderbüschen längs des Gitters.Er trug kleine, grüne, frische Knospen, deren Spitzen in der Kälteschwarz angelaufen waren.

„Sehen Sie her, so stehen sie und schlagen aus und[S. 70] frieren den ganzenWinter. Und wenn der Lenz kommt, hat der Winter ihnen doch nichtsanhaben können.“

Als sie den Zweig beiseite legte, ergriff er ihn. Er behielt ihn dieganze Zeit in der Hand.

Sie hatten sich Weißwein bestellt. Franziska mischte den ihren mitWasser und nippte nur. Dann lächelte sie flehend:

„Wollen Sie mir eine Zigarette geben?“

„Mit Vergnügen, — wenn Sie es vertragen?“

„Ach, ich rauche ja jetzt fast gar nicht mehr. Meinetwegen unterläßt esauch Jenny fast ganz. Heute Abend übrigens vermute ich, daß sie sichwieder etwas zu Gemüte führt. Sie ist mit Gunnar zusammen.“

Das Licht des Zündhölzchens beleuchtete Franziskas lächelndes Antlitz.

„Sie dürfen es aber Jenny nicht erzählen, daß ich geraucht habe, hörenSie?“

„Nein, nein.“ Er lachte.

„Ja.“ Sie blies den Rauch gedankenvoll vor sich hin. „Ich wünschteso sehr, daß Jenny und Gunnar sich verheirateten. Ich fürchte aber,sie tun es nicht, — sie sind immer so gute Freunde gewesen. Dannverliebt man sich nicht so leicht ineinander, nicht wahr? Nicht injemanden, den man von früher her so gut kennt. Sie sind sich im Grundeauch so ähnlich. Es sind aber die Gegensätze, die sich anziehen, sagtman. Ich finde, es ist dumm eingerichtet auf diese Weise — aber esstimmt sicher. Es wäre viel besser, man liebte jemanden, mit dem mangeistesverwandt ist. Dann gäbe es die Not und das Leid nicht, die Liebeimmer begleiten. Glauben Sie nicht auch? — Denken Sie, Gunnar stammtaus einer armen Häuslerfamilie drunten in Smaalene. Er kam aber nachKristiania — eine Tante von ihm auf Grünerlökken nahm ihn zu sich,weil es bei ihm zu Hause sehr ärmlich zuging. Damals war er erst neunJahre alt und mußte schon Wäsche austragen, die Tante hatte nämlicheine Plätterei, und später kam er in die Handwerkslehre. Was er kannund weiß, hat er sich[S. 71] selbst angeeignet. Er muß immer studieren,alles interessiert ihn dermaßen, daß er es bis auf den Grund kennenlernen muß. Jenny sagt, er vergißt ganz das Malen; jetzt hat er sogründlich Italienisch gelernt, daß er alle Bücher lesen kann, auchVerse. Jenny ist ebenso. Sie hat furchtbar viel gelernt, nur weil essie interessierte. Ich kann aus Büchern niemals etwas lernen — ichbekomme Kopfschmerzen vom Lesen. Aber Jenny und Gunnar erzählen mir.Das behalte ich dann. Sie wissen sicher auch sehr viel. — Können Siemir nicht ein wenig über ihr Studium erzählen? Das Schönste, das ichkenne, ist, wenn jemand mir erzählt. Das behalte ich gut.

Gunnar hat mich auch Malen gelehrt. Ich zeichnete immer als Kind —es fiel mir so leicht. Dann traf ich ihn einmal im Gebirge vor dreiJahren — ich war dort oben, um zu arbeiten. Ein wenig kannte ich ihnja von früher her. Ich war also dort und malte Bilder — furchtbarordentlich, aber ohne jede Spur von Kunst. Ich wußte es selbst sehrgut, kannte aber den Grund nicht. Ich wollte etwas in meine Bilderhineinbringen, aber ich wußte nicht recht, was, und ich ahnte nicht,wie ich mich dabei anstellen sollte. Aber dann sprach ich mit ihm.Zeigte ihm meine Sachen. Er konnte viel weniger als ich — ich meinetechnisch. Er ist auch nur ein Jahr älter als ich. Was er aber gelernthatte, das beherrschte er. Ja, ich malte dann zwei Sommernachtsbilder.Dieses wundersame clairobscur — alle Farben liegen so tief,sind aber doch leuchtend stark. — Natürlich waren die Bilder nichtgut. Aber etwas war in ihnen, wie ich es haben wollte — ich konntesehen, daß ich sie gemalt hatte, und nicht irgend ein anderesMädel, das ein bißchen gelernt hatte —. Verstehen Sie mich? Ich habeein Motiv hier draußen gefunden: einen anderen Weg zur Stadt. Wirgehen einmal da herunter. Es ist ein Weg zwischen zwei Gartenmauern— ganz schmal. An einer Stelle stehen zwei Portale im Barockstil mitEisengittern. An jeder Seite erhebt sich eine Zypresse. Ich habe einpaar[S. 72] Federzeichnungen gemacht und sie ausgetuscht. Ueber den Zypressenschwebt eine schwere, tiefblaue Wolke, ein Schimmer von grünlicherLuft und ein blinkender Stern; Dächer und Kuppeln der Stadt weit, weitdrinnen sind nur leise angedeutet —. Es sollte so ein gewisses Pathoshaben, wissen Sie—.“

Es begann bereits stark zu dämmern. Ihr Antlitz leuchtete bleich unterdem Hut.

„Nicht wahr, finden Sie nicht — ich muß wieder gesund werden, um zuarbeiten—.“

„Ja,“ flüsterte er. „Ach ja — Liebste—.“

Er hörte, wie schwer sie atmete. Ein Weilchen war es still. Dann sagteer leise:

„Wieviel Freude Sie an Ihren Freunden haben, Fräulein Jahrmann.“

„— Und ich wünschte, daß alle Menschen meine Freunde wären. Ich willallen gut sein, verstehen Sie.“ Sie sagte das ganz leis, während sietief aufatmete.

Helge Gram beugte sich plötzlich nieder und küßte ihre Hand, die weißund klein auf dem Tische vor ihm lag.

„Ich danke Ihnen,“ flüsterte Franziska still.

Sie saßen einen Augenblick schweigend.

„Wir müssen gehen, lieber Freund, es wird jetzt so kalt ...“

Am nächsten Tage, als er Einzug in sein neues Zimmer hielt, stand aufdem Tisch mitten im Sonnenschein ein Majolikakrug mit kleinen blauenIris. Die Signora erklärte, die Kusine hätte sie gebracht.

Als Helge allein war, beugte er sich über die Blumen und küßte sie alle— eine nach der anderen.

VI.

Helge Gram fühlte sich wohl in seinem neuen Zimmer unten an derRipetta. Er hatte die Empfindung, als arbeite es sich leicht undgut an dem kleinen Tisch vor dem Fenster mit dem Blick auf den Hof,trocknende[S. 73] Wäsche und die Blumentöpfe auf den Balkons. Die Familiegerade gegenüber hatte zwei kleine Kinder, einen Knaben und einMädchen, etwa sechs bis sieben Jahre alt. Kamen sie auf ihren kleinenAltan heraus, so nickten und winkten sie Helge zu, und er winktewieder. In letzter Zeit hatte er auch der Mutter einen Gruß zugenickt.Diese kleine Bekanntschaft aus der Ferne gab ihm ein warmes, traulichesGefühl. — Vor ihm stand Cescas Vase; er versäumte nicht, sie immer mitfrischen Blumen zu füllen. Signora Papi konnte sein Italienisch gutverstehen. Es käme daher, daß sie dänische Mieter gehabt hatte, sagteCesca; Dänen könnten ja fremde Sprachen nicht lernen.

Wenn die Signora bei ihm zu tun gehabt hatte, blieb sie immer eineEwigkeit in der Türe stehen und plauderte. Meist über die „Kusine“.„Che bella“, sagte Signora Papi. Einmal war Franziska allein beiihm gewesen, und einmal zusammen mit Jenny — beide Male, um ihn zumTee einzuladen. — Wenn Frau Papi schließlich unter Entschuldigungenwegen der Störung, selber unterbrach und verschwand, dann lehnte Helgesich weit zurück in seinem Stuhl, die Arme im Nacken verschränkt.Er dachte an sein Zimmer daheim — neben der Küche, wo Mutter undSchwester während ihrer Arbeit von ihm sprachen, laut, bekümmert,mißbilligend. Er konnte jedes Wort verstehen — was wohl auchbeabsichtigt war. Oh, jeder Tag hier unten wurde ihm zu einem kostbarenGnadengeschenk. Endlich, endlich hatte er Frieden, konnte arbeiten,arbeiten.

Die Nachmittage brachte er in Museen und Bibliotheken zu. Doch in derDämmerung, so oft er meinte, daß es anging, schaute er zu den beidenMalerinnen hinauf in der Via Vantaggio und trank den Tee bei ihnen.

Gewöhnlich waren sie beide daheim. Mitunter traf er andere Gäste —Heggen und Ahlin sogar sehr häufig. Zweimal hatte er Jenny alleinangetroffen und einmal nur Franziska.

Sie hielten sich immer in Jennys Zimmer auf.[S. 74] Dort war es warm undgemütlich, obgleich die Fenster offen standen, bis der letzte blaueAbendschein erloschen war.

Es glühte und knisterte im Ofen und der Wasserkessel summte auf demSpiritusapparat. Helge kannte jetzt jeden Gegenstand im Raume — dieStudien und Photographien an den Wänden, die blumengefüllten Vasen, dasblaue Teeservice, den Bücherständer neben dem Bett und die Staffeleimit Franziskas Bild. Ein wenig unordentlich sah es hier immer aus,der Tisch vorm Fenster war bedeckt mit Tuben und Farbenkästchen,Skizzenbüchern und fliegenden Blättern. Jenny schob mit dem FußePinsel und Malerlumpen, die auf dem Boden umherlagen, unter den Tisch,während sie damit beschäftigt war, den Teetisch zurechtzumachen. Häufiglagen Nähzeug und halbfertig gestopfte Strümpfe auf dem Sofa, die siebeiseite räumte, wenn sie sich niedersetzte, um Keks zu streichen.Dann erhob sie sich wieder, und stellte ein Spirituslämpchen an seinenPlatz, das immer irgendwo im Zimmer herumstand.

Unterdes pflegte er mit Franziska in der Ofenecke zu sitzen und zuerzählen. Es geschah auch, daß Cesca plötzlich die Idee hatte, häuslichzu sein; Jenny sollte sich setzen und feiern. Jenny wollte es nichtzugeben, aber Cesca räumte auf wie ein Wirbelwind und verstaute alleumherliegenden Kostbarkeiten an Orten, wo Jenny sie niemals wiederfand.Zuletzt klopfte sie fehlende Reißzwecken in die schief hängendenBilder, die sich auf den Wänden zusammenrollten, wobei sie ihreneigenen Schuh als Hammer benutzte.

Gram konnte nicht recht klug aus Franziska werden. Sie war immerfreundlich und liebenswürdig gegen ihn, niemals aber so von innenheraus vertraulich wie an jenem Tage auf der Ponte Molle. Mitunterschien sie so eigentümlich geistesabwesend — es war, als erfaßte sieüberhaupt nicht, was er sprach, obgleich sie freundlich antwortete.Einige Male hatte er das Gefühl, als ob er sie ermüde. Fragte er, wiees ihr ginge, so antwortete sie meist überhaupt nicht. Und als ereinmal ihr Bild[S. 75] mit den Zypressen erwähnte, sagte sie, allerdings aufeine sehr liebe Art:

„Sie dürfen nicht böse sein, Gram, aber ich möchte nicht von meinerArbeit sprechen, solange sie nicht fertig ist, jedenfalls nicht jetzt.“

Eine gewisse Ermunterung bedeutete es ihm, als er merkte, daß BildhauerAhlin ihn nicht leiden konnte. Der Schwede sah also immerhin einenRivalen in ihm —. Im übrigen hatte er den Eindruck gewonnen, als obFranziska sich von Ahlin zurückgezogen hätte.

Wenn er für sich allein war, malte Helge sich in Gedanken aus, was erCesca erzählen wollte und führte im Geiste lange Gespräche mit ihr. Ersehnte sich danach, mit ihr zu sprechen wie an jenem Tage an der PonteMolle, er wollte ihr zum Dank für ihr Vertrauen von seinem eigenenLeben berichten. Wenn er sie aber traf, so war er unsicher und nervösund wußte nicht, wie er das Gespräch auf das lenken sollte, worüberer zu sprechen wünschte. Er fürchtete, aufdringlich oder taktlos zuerscheinen, etwas zu tun, wodurch er in ihren Augen verlieren könnte.Sie fühlte seine Verlegenheit wohl und kam ihm zu Hilfe, verwickelteihn in einen Wortstreit, kicherte mit ihm, so daß es ihm ein Leichteswurde, auf den Neckton einzugehen und in ihr Lachen einzustimmen —.Im Augenblick war er ihr dankbar, sie füllte leicht und behende allePausen aus und half ihm, jedesmal, wenn er sich festgefahren hatte,wieder weiter. Erst hinterher, zu Hause, empfand er die Enttäuschung.Es war wieder nichts anderes gewesen als Geplauder über allerleimuntere Nichtigkeiten.

War er aber mit Jenny allein, so wurde immer ein vernünftigesGespräch über solide Dinge geführt. Hin und wieder fand er dieseernsten Diskussionen über abstrakte Materien etwas ermüdend. Aberhäufig liebte er auch diese Unterhaltungen, weil das Gespräch vonallgemeinen Verhältnissen auf seine persönlichen überging. Nach undnach erzählte er ihr sehr viel von sich selber, von seiner Arbeit, denSchwierigkeiten, die sich ihm nach[S. 76] seiner Ansicht in äußeren Umständenwie in seinem eigenen Wesen entgegenstellten. Daß Jenny Winge nicht vonsich selbst sprach, merkte er kaum, wohl aber, daß sie es vermied, dasProblem Franziska mit ihm zu erörtern.

Es fiel ihm auch nicht auf, daß er so wie mit Jenny niemals mitFranziska würde reden können, die ihn für weit weit bedeutender,stärker und sicherer halten würde, als er in seinen eigenen Augen war—.

Weihnachtsabend waren sie alle im Verein gewesen und gingen darauf zurMitternachtsmesse in die S. Luigi dei Franchesi.

Helge fand die Messe zuerst sehr stimmungsvoll. In der ganzen Kircheherrschte Halbdunkel trotz der schimmernden Kristallkronen, diefreilich hoch oben unter der Decke schwebten. Die Altarwand war eineinziges Lichtmeer, aus dem weichen, goldenen Schein unzähligerWachslichter zusammenfließend. Chorgesang und Orgelton zittertengedämpft durch den Kirchenraum. — Er saß neben einer schönenItalienerin, die einem sammetgefütterten Juwelenkästchen einenRosenkranz aus Lapislazuli entnahm und in ein andächtiges Gebet versank.

Nach einer kurzen Zeit aber begann Franziska halblaut zu murren. Siesaß mit Jenny auf der Bank vor ihm.

„Ach Jenny, wir wollen gehen. Ist das vielleicht Weihnachtsstimmung?Das ist ja nur ein gewöhnliches Konzert. Hör doch den Burschen, derjetzt singt; ganz ohne Ausdruck, die Stimme ist obendrein überschrieen.Pfui!“

„Still, Cesca, denk daran, daß wir in einer Kirche sind.“

„Kirche — pah. Dies hier ist ja ein Konzert — wir mußten sogarEintrittskarten und Programme haben. Greuliches Konzert — es nimmt mirdie ganze Laune.“

„Ja, ja, wir gehen, wenn diese Nummer zu Ende ist. Schweig jetzt aber,solange wir noch hier sind.“

„Nein,“ plauderte Cesca, „Sylvester im vorigen Jahre. Ich war in Gesu— da war Stimmung. Te Deum.[S. 77] Ich kniete neben einem altenBauern aus der Campagna und einem jungen Mädchen, das krank war — undso schön. Alle Menschen sangen, der alte Bauer konnte das ganze TeDeum auf Lateinisch. Das war stimmungsvoll!“

Während sie sich leise einen Weg durch die überfüllte Kirche bahnten,erklang das Ave Maria durch den Raum.

„Ave Maria,“ Franziska blies verächtlich durch die Nase. „Hört ihrnicht, sie denkt überhaupt nicht an das, was sie singt — wie einPhonograph. Ich ertrage es nicht, wenn solche Musik derartig mißhandeltwird.“

„Ave Maria,“ sagte ein Däne, der neben ihr ging. „Ich erinnere mich daeiner jungen norwegischen Dame — wie sang sie es doch herrlich. EinFräulein Eck.“

„Berit Eck — kennen Sie die, Hjerrild?“

„Sie war vor zwei Jahren in Kopenhagen und sang mit Ellen Bech dort.Ich kannte sie ziemlich genau. Sie kennen sie auch, Fräulein Jahrmann?“

„Meine Schwester war mit ihr bekannt,“ sagte Franziska. „Richtig, Sietrafen doch meine Schwester Borghild in Berlin. Mögen Sie Fräulein Eck— Frau Herrmann heißt sie jetzt übrigens?“

„Sie war ein ganz reizendes Mädchen — entzückend. Und ungewöhnlichbegabt.“

Franziska blieb mit Hjerrild zurück.

Es war verabredet, daß Heggen, Ahlin und Gram bei den Damen zu Abendessen sollten — Franziska hatte eine Weihnachtskiste von zu Hausebekommen. Man hatte norwegischen Weihnachtskäse auf den Tisch gebracht,der mit Tausendschön aus der Campagna und Kerzen in siebenarmigenLeuchtern geschmückt war.

Franziska trat als letzte ein und hatte den Dänen mitgebracht.

„Ist es nicht nett, Jenny — daß Hjerrild mit kam?“

[S. 78]

Es stellte sich heraus, daß es sowohl Bier wie auch Genfer Likör zuTisch gab. Und norwegische Butter, braunen Käse und kalten Auerhahn,Sülze und Räucherschinken.

Franziska hatte neben Hjerrild Platz genommen, und sobald das Gesprächam Tisch sich belebte, wandte sie sich an ihn.

„Kennen Sie den Pianisten Herrmann, mit dem Fräulein Eck sichverheiratet hat?“

„Ja, sehr gut. Ich habe in einem Pensionat mit ihm gewohnt, inKopenhagen, und jetzt in Berlin traf ich ihn wieder.“

„Wie finden Sie ihn?“

„Er ist ein netter Mensch. Ungeheuer begabt — er schenkte mir seineletzten, nach meiner Meinung äußerst originellen Kompositionen. Ja. Ichmag ihn recht gut leiden.“

„Haben Sie die Kompositionen mit? Darf ich sie nicht einmal sehen?Ich würde gern in den Verein gehen und sie durchspielen. Wir waren infrüheren Zeiten befreundet,“ sagte Franziska.

„Richtig! Jetzt entsinne ich mich. Er besitzt Ihre Photographie! Erwollte mir nicht erzählen, wer es war.“

„Ja, das stimmt,“ sagte Franziska leise. „Er bekam wohl einmal ein Bildvon mir, glaube ich.“

„Im übrigen —“ Hjerrild leerte sein Glas — „ist er ein wenig zubrutal, kann unglaublich rücksichtslos sein. Aber — vielleicht ist eseben das, was ihn bei den Frauen unwiderstehlich macht. Mir persönlichwar er mitunter etwas zu sehr — Prolet.“

„Eben das ist es.“ Sie suchte nach Worten. „Das bewunderte ich geradeso an ihm. Daß er sich von unten herauf durchgekämpft hatte zu dem, waser jetzt ist. So ein Kampf muß brutal machen, finde ich. Ja —meinen Sie nicht, es entschuldigt sehr viel — fast alles?“

„Halt, Cesca,“ sagte Heggen plötzlich: „Hans Herrmann wurde entdeckt,als er dreizehn Jahre alt war — und seitdem hat man ihm geholfen.“

[S. 79]

„Ja — aber fremde Hilfe annehmen — und für alles danken müssen! Immerfürchten müssen, nicht genug beachtet, übersehen, daran erinnertzu werden, daß er — nun wie Hjerrild sagte, ein Proletarierkind war.“

„Ich kann auch darauf pochen, daß ich ein Proletarierkind bin.“

„Nein, das kannst du nicht, Gunnar. Du bist immer erhaben über deineUmgebung gewesen, dessen bin ich sicher. Wenn du in einen Kreiskamst, der in sozialer Hinsicht höher stand als der, in welchemdu geboren bist — so warst du auch dort schon der Ueberlegene,wußtest mehr, warst klüger, dachtest vornehmer. Du hast immer in demstarken Bewußtsein leben dürfen, daß du dir alles selbst erkämpft underarbeitet hast. — Du warst niemals gezwungen, anderen Menschen zudanken, von denen du wußtest, daß sie vielleicht auf dich herabsahenum deiner Herkunft willen — Snobs, die sich etwas darauf zugutetaten, einer Begabung hilfreiche Hand zu leisten, von deren Größe siekeinen Dunst hatten, die dir innerlich unterlegen waren und glaubten,über dir zu stehen; du brauchtest niemandem zu danken, gegen den dukeine Dankbarkeit empfandest. Du kannst nicht von den Gefühlen desProletariers reden, Gunnar. Du hast ja niemals gewußt, was das heißt.“

„Ein Mensch, Cesca, der solche Hilfe annimmt — von Leuten,denen gegenüber er Dankbarkeit nicht empfinden kann — ist einunverbesserliches Individuum der Unterklasse.“

„Aber begreifst du denn das nicht, Junge? Man handelt so, wennman weiß, daß man Talent hat, vielleicht ein Genie ist, das nachEntwicklung verlangt. Im übrigen, du: der du sagst, du seiestSozialdemokrat, du solltest nicht von Individuen der Unterklassesprechen, finde ich.“

„Ein Mensch, der vor seinem eigenen Talent Achtung hat, prostituiertes nicht. Und was den Sozialdemokraten betrifft: Sozialdemokratie, dasist das Verlangen nach Gerechtigkeit. Aber die Gerechtigkeit fordert,daß Leute von seiner Art unterdrückt, auf den Boden der[S. 80] menschlichenGesellschaft niedergepreßt, mit Ketten und Peitschen niedergehaltenwerden. Die tatsächliche, legitime Unterklasse muß gebändigt werden.“

„Das ist ein eigentümlicher Sozialismus,“ lachte Hjerrild.

„Es gibt keinen anderen — für reife Menschen. Ich rechne nicht mitden hellen blauäugigen Kinderseelen, die da glauben, alle Menschenseien gut und an dem Bösen sei die Gesellschaft schuld. Wären alleMenschen gut, so wäre die soziale Gemeinschaft ein Paradies. DieProletarierseelen sind es aber gerade, die das Schlechte hineintragen.Sie sind in allen Gesellschaftsklassen zu finden: sind sie die Herren,so sind sie grausam und brutal; dienen sie, so sind sie kriechendund heuchlerisch und faul. Ich habe genug von dieser Sorte in denReihen der Sozialdemokraten angetroffen. — Ja, Herrmann rechnet sichja auch zu den Sozialisten. Wenn sie ein Paar Hände finden, die sievorwärtsbringen wollen, so nehmen sie die Hilfe an, um hinterher aufdiesen selben Händen herumzutrampeln. Wittern sie einen Trupp, dervorwärtsmarschiert, so schließen sie sich ihm an, um Teil an der Beutezu haben — Loyalität aber, Kameradschaftsgefühl, das besitzen sienicht. Das Ziel — sie verlachen es insgeheim. Die Gerechtigkeit —sie hassen sie im Grunde, denn sie wissen ja, wenn sie siegt, so gehtes ihnen übel. — Alle, die die Gerechtigkeit fürchten, nenne icheben das legitime Proletariat, das bekämpft werden muß, schonungslos.Hat es Macht über die Armen und Schwachen, so quält und tyrannisiertes sie und macht auch sie zu Proletariern. Ist es selber arm undschwach, so kämpft es nicht — nein, es bettelt und heuchelt sichvorwärts und überfällt jeden hinterrücks, wenn es seinen Vorteildarin erblickt. — Das Ziel muß eine Gemeinschaft sein, in welcherdie Oberklassenindividuen die Führer sind. Denn diese kämpfen niemalsfür sich selbst, sie sind sich ihrer eigenen unerschöpflichen Quellenwohl bewußt, sie verschwenden sie an die Armen, kämpfen um Licht undLuft für jedes schwache Zeichen von Gutem und Schönem, das sich beiden[S. 81] kleinen Seelen zeigt, die weder das eine noch das andere sind,gut, wenn sie sichs leisten können, schlecht, wenn das Proletariatsie dazu zwingt. Das Ziel ist, daß diejenigen zur Macht gelangen, dieein Verantwortungsgefühl haben für jede kleinste gute Regung, dieunterdrückt wird.“

„Du verstehst trotzdem Hans Herrmann nicht,“ sagte Franziska leise.„Er war nicht nur um seiner selbst willen aufgebracht über das sozialeUnrecht. Die kleinen guten Seelen, die untergingen — er war es,der von ihnen sprach, oh ja. Wenn wir einen Spaziergang nach dem Ostender Stadt machten und die kleinen blassen Kinder in den häßlichen,trüben, überfüllten Kasernen sahen, die er, wie er sagte, am liebstenin Brand stecken würde.“

„Phrasen. Wenn er die Hausmiete zu bekommen hätte—.“

„Pfui, Gunnar,“ sagte Franziska heftig.

„Ja, ja, er wäre eben kein Sozialist gewesen, wenn er reich geborenwäre. Aber ein ebenso unverfälschter Proletarier.“

„Bist du dessen so sicher, daß du Sozialdemokrat gewesen wärst?“ sagteFranziska — „wenn du — nun als Graf zum Beispiel geboren wärest?“

„Heggen ist ein Graf,“ lachte Hjerrild, „über viele luftigeSchlösser.“

Heggen warf den Kopf nach hinten und schwieg einen Augenblick.

„Ich habe jedenfalls niemals das Gefühl gekannt, arm geboren zu sein,“sagte er, mehr für sich.

„Nun ja,“ ließ sich Hjerrild vernehmen. „Um auf Herrmanns Kinderliebezurückzukommen — um seinen eigenen kleinen Jungen kümmert er sichnicht viel. Und die Art und Weise, wie er sich gegen sie benahm, warauch recht häßlich. Erst drohte und bettelte er, daß sie sein wurdeund als sie dann ein Kind bekommen sollte, mußte sie sicher drohen undbetteln, daß er sie heiratete.“

„Haben sie einen kleinen Jungen?“ flüsterte Franziska.

„Ja ja. Der kam, als sie sechs Wochen miteinander verheiratet waren —gerade in den Tagen, als ich Berlin[S. 82] verließ. Herrmann war nach Dresdengereist und hatte sie im Stich gelassen, nachdem sie einen Monatzusammen gehaust hatten. Ich begreife nicht, warum er sie nicht etwasfrüher heiraten konnte. Es war ja abgemacht, daß sie wieder geschiedenwerden sollten und sogar ihr eigener Wille.“

„Pfui!“ sagte Jenny. Sie hatte dem Gespräch eine ganze Zeit gelauscht.„Daß man hingeht und sich verheiratet mit dem Vorsatz, sich hinterherwieder scheiden zu lassen!“

„Herrgott.“ Hjerrild lachte ein wenig. „Wenn man einander außen undinnen kennt, und weiß, daß man nicht miteinander fertig wird.“

„Dann muß man das Heiraten lassen.“

„Gewiß. Der freie Zustand ist ja weit schöner. Aber Herrgott, siemußte ja. Sie will nächsten Herbst ein Konzert in Kristiania gebenund muß sehen, daß sie Gesangschüler bekommt. Das würde ihr aber alsunverheirateter Frau mit einem Kinde unmöglich sein. Armes Ding!“

„Mag sein. — Aber ekelhaft ist es darum doch. Wenn Sie unter freienZuständen das verstehen, daß sich Leute miteinander einlassen, obgleichsie genau wissen, sie werden einander überdrüssig, so habe ich dafürkein Verständnis. Schon die Auflösung einer so ganz alltäglichen,platonisch bürgerlichen Verlobung .... ich finde, schon daran haftetimmer ein Makel. Ist man aber einmal so unglücklich gewesen, sich zuirren — dann um der Leute willen noch diese abscheuliche Komödiespielen — eine blasphemische Trauung, wo man steht und Dinge gelobt,die man im voraus entschlossen ist, nicht zu halten! ...“

Die Gäste gingen erst beim Morgengrauen. Heggen blieb noch einenAugenblick zurück, nachdem die anderen fort waren.

Jenny öffnete die Balkontür um den Tabakrauch herauszulassen. Sieblieb stehen und sah hinaus. Der Himmel war schon fahlgrau mit einemschwachen rötlichgelben[S. 83] Schein über den Häuserdächern. Es warschneidend kalt. — Heggen trat an ihre Seite:

„Ich danke dir. So wäre also wieder einmal ein Weihnachtsabend dahin.Worüber sinnst du nach?“

„Daß jetzt der Weihnachtsmorgen anbricht. ... Ich möchte wissen, ob siezu Hause meine Kiste rechtzeitig bekamen,“ sagte sie nach einer Weile.

„Sandtest du sie nicht am elften — dann ist sie wohl zur Zeitangekommen.“

„Hoffentlich. — Es war immer eine große Freude für uns, amWeihnachtsmorgen hineinzukommen und den Baum und die Geschenke beiTageslicht zu besehen. Als ich noch klein war.“ Sie lachte leise. „Esist viel Schnee gefallen dieses Jahr, schreiben sie. Dann sind sie wohloben auf den Bergen heute, die Kinder.“

„Ja,“ sagte Heggen. Er schaute wie sie ein Weilchen in die Weite.„Aber, du erkältest dich, Jenny. Gute Nacht also — und für denheutigen Abend vielen Dank.“

„Gute Nacht. Fröhliche Weihnachten, Gunnar!“

Sie reichten einander die Hände. Nachdem er gegangen, blieb sie nochein wenig stehen, ehe sie die Balkontür schloß und ins Zimmer trat.

VII.

Eines Tages — es war in der Weihnachtswoche — kam Gram in eineTrattoria, wo auch Jenny und Heggen saßen. Sie sahen ihn jedoch nicht,und während er seinen Mantel an den Nagel hängte, hörte er Heggen sagen:

„Er ist weiß Gott ein gefährlicher Bursche.“

„Ja, abscheulich,“ seufzte Jenny.

„Und dann verträgt sie das nicht, Teufel auch! In diesemscirocco — morgen ist sie natürlich wieder ganz entkräftet. AnsArbeiten denkt sie wohl auch nicht und treibt sich nur mit diesem Kerlherum.“

„Nein, arbeiten? Aber ich kann doch nichts dazu tun. Sie marschiertgern von hier nach Viterbo mit[S. 84] ihm, in ihren kleinen, dünnenLackschuhen trotz scirocco und allem, nur weil der Mensch ihrvon Hans Herrmann erzählen kann.“

Gram grüßte im Vorübergehen. Jenny und Heggen machten eine Bewegung,als erwarteten sie, daß er sich zu ihnen setzen sollte. Er tat jedoch,als sähe er nichts und ließ sich weiter oben im Lokal an einem Tischnieder, den Rücken ihnen zugekehrt.

Er verstand, daß sie von Franziska sprachen.

Beinahe täglich ging er hinauf zur Via Vantaggio. Er konnte es nichtunterlassen. Jetzt saß Jenny fast immer allein zu Hause und nähte oderlas. Es schien, als freute sie sich, wenn er kam. Im übrigen fand er,daß sie sich in letzter Zeit ein wenig verändert hatte. Sie war nichtmehr so keck und sicher in ihren Aeußerungen, nicht mehr so aufgelegtzum Diskutieren und Dozieren. Sie schien traurig. Eines Tages fragteer, ob sie sich nicht wohl fühle.

„Wohl — oh doch. Wieso?“

„Ich weiß nicht recht — ich finde, Sie sind so still geworden,Fräulein Winge.“

Sie hatte eben die Lampe angezündet, so daß er sehen konnte, daß sieerrötete.

„Ich werde vielleicht bald nach Hause reisen müssen. Meine Schwesterhat Lungenspitzenkatarrh bekommen, und Mama ist so unglücklich.“ Sieschwieg einen Augenblick. „Und da bin ich freilich etwas betrübt.Wo ich doch so gern hier bleiben wollte — jedenfalls den Frühlinghindurch.“

Sie nahm ihr Nähzeug zur Hand und begann zu arbeiten.

Helge grübelte darüber nach, ob Gunnar Heggen der Anlaß sei — erwar sich niemals darüber klar geworden, ob zwischen den beiden etwasspielte. Zurzeit war Heggen, der, wie Helge gehört hatte, ein ziemlichleicht entzündbares Herz haben sollte, für eine junge dänischeKrankenschwester entflammt, die sich als Pflegerin einer alten[S. 85] Dame inRom aufhielt. — Jennys Erröten fand er so merkwürdig, es war ihm soneu an ihr.

An diesem Abend kam Franziska heim, ehe er ging. Er hatte sie seitWeihnachten wenig zu Gesicht bekommen und er wußte nun, daß er ihrvollkommen gleichgültig war. Von Launen oder kindischer Ungezogenheitkonnte keine Rede mehr sein. Es war, als sähe sie andereMenschen nicht mehr — irgend etwas erfüllte sie vollständig. Mitunterging sie umher wie eine Nachtwandlerin.

Er fuhr dennoch fort, Jenny aufzusuchen, entweder in der Trattoria, wosie zu speisen pflegte, oder daheim auf ihrem Zimmer. Er wußte selberkaum, warum er es tat. Es war ihm aber, als verlange ihn danach, sie zusehen.

An einem Nachmittag ging Jenny in Franziskas Zimmer, um nacheiner Terpentinflasche zu suchen. Da lag Franziska auf ihremBett und erstickte ihr Schluchzen in den Kissen. Sie mußte sichheraufgeschlichen haben, Jenny hatte sie nicht kommen hören.

„Aber liebes Kind — was ist geschehen? Bist du krank?“

„Nein, geh nur, Jenny — liebe Jenny, geh. Nein, ich kann es dir nichtsagen; du sagst ja doch nur, es sei meine eigene Schuld.“

Jenny sah ein, daß es ihr nichts nützte, mit ihr zu reden. — Docham Abend, als sie im Bett lag und las, schlüpfte Franziska plötzlichherein — im Nachthemd. Ihr Gesicht war rotfleckig und geschwollen vomWeinen.

„Darf ich heute Nacht bei dir schlafen, Jenny, ich kann nicht alleinsein.“

Jenny machte Platz. Sie schwärmte nicht für diese Sitte, aber Franziskapflegte zu kommen und zu bitten, bei ihr schlafen zu dürfen, wenn sieganz unglücklich war.

„Nein, lies nur Jenny — ich werde dich nicht stören, ich liege ganzstill an der Wand.“

Jenny tat, als lese sie eine Weile. Franziska schluchzte ab und zutrocken auf. Dann fragte Jenny:

[S. 86]

„Kann ich das Licht löschen, oder willst du lieber, daß es brennt?“

„Lösch es nur!“

Im Dunkeln schlang sie die Arme um Jenny und erzählte schluchzend.

Sie war mit Hjerrild wieder in der Campagna gewesen. Da hatte ersie dann geküßt. Erst hatte sie nur ein wenig gescholten, da siegeglaubt, es wäre ein Scherz. „Aber dann wurde er verletzend in seinerZudringlichkeit. Und schließlich wollte er, daß ich heute Nacht mitin sein Hotel gehen sollte. Er sagte es so, als lade er mich in eineKonditorei ein. Da wurde ich rasend, und auch er wurde zornig. Daraufsagte er mir dann einige gemeine, ekelhafte Dinge ins Gesicht.“ Sielag einen Augenblick still da, im Fieber erschauernd. „Er sagte dann— ja, du kannst dirs wohl denken — etwas von Hans. Hans hattevon mir erzählt, als er Hjerrild mein Bild zeigte, so daß Hjerrildglauben mußte ... Verstehst du es, Jenny,“ sie schmiegte sich dichtan die andere, „ja, ich tue es nicht mehr — ich will mich nichtlänger an diesen Schuft hängen — Hans hatte natürlich nicht meinenNamen genannt, weißt du,“ sagte sie nach einer Weile. „Und er konnteselbstverständlich nicht ahnen, daß Hjerrild mir jemals begegnen undmich nach der Photographie wiedererkennen würde, die gemacht wurde, alsich achtzehn Jahre alt war.“

Am siebzehnten Januar hatte Jenny Geburtstag. Sie und Franziska wollteneine Gesellschaft geben, ein Mittagessen draußen in der Campagna, ineiner kleinen Osteria an der Via Appianuova. Sie hatten Ahlin, Heggen,Gram und Fräulein Palm, die dänische Krankenschwester, eingeladen.

Sie gingen paarweise von der Straßenbahnhaltestelle die weißeLandstraße hinauf, die im Sonnenschein gebadet dalag. Der Frühlingwob in der Luft und die fahle, braune Campagna war von einemgraugrünen[S. 87] Schimmer übergossen, all die Tausendschön, die denganzen Winter über ihr Blühen nicht eingestellt hatten, begannensich in silberschimmernden Teppichen auszubreiten. Auch die Büschelungeduldiger lichtgrüner Knospen auf den Hollundersträuchern längs derGitter waren größer geworden.

Lerchen schwebten zitternd hoch oben in dem blauweißen Himmel.Die Wärme hüllte alles ein — drinnen über der Stadt und über denhäßlichen rotgelben Häuserblocks, die über die Ebene verstreut waren,lag der Dunst. Die Felsen der Albaner Berge mit den weißen Städtchenschimmerten hinter den gewaltigen Bogenreihen der Aquaedukte durch denNebel.

Jenny und Gram schritten voran, er trug ihren hellgrauen Staubmantel.Sie war strahlend schön, in schwarze Seide gekleidet — er hatte sievorher nie anders gesehen als in dem grauen Kleid oder in Kostüm undBluse. Aber heute war es ihm, als ginge er mit einer neuen fremden Fraudahin. Die Linie des schlanken Leibes war weich und rund in dem blankenschwarzen Kleide, das oben in einem schmalen tiefen Viereck bis auf dieBrust ausgeschnitten war. Die Haut und das Haar hoben sich leuchtendhell dagegen ab. Sie trug auch einen großen schwarzen Hut, mit demHelge sie früher schon gesehen hatte, ohne jedoch weiter darauf zuachten. Sogar ihr rosa Perlenhalsband sah anders aus zu diesem Gewand.

Man speiste draußen im Sonnenschein unter den nackten Weinranken, dieein feines, bläuliches Schattennetz auf das Tischtuch zeichneten.Fräulein Palm und Heggen hatten den Tisch mit Tausendschön geschmückt;die Makkaroni waren lange fertig, und die anderen hatten warten müssen,bis die beiden mit der Dekoration kamen. Doch das Essen war gut undder Wein vorzüglich, die Früchte hatte Franziska selbst in der Stadtausgewählt und mit hinausgenommen, ebenso den Kaffee, den sie selbstzubereiten wollte, darauf bestand sie, um sicher zu gehen, daß er auchgut würde.

Nach dem Essen gingen Heggen und Fräulein Palm umher und studierten dieMarmorstümpfe — Ueberreste[S. 88] von Reliefs und Inschriften, die auf demGrundstück gefunden und in die Hauswand eingemauert waren. Kurz daraufverschwanden sie um die Ecke. Ahlin blieb am Tisch in der Sonne sitzenund rauchte mit halbgeschlossenen Augen.

Die Osteria lag am Abhang eines Hügels. Gram und Jenny klommen aufsGeratewohl die Böschung hinauf. Sie pflückte einige von den kleinenwildwachsenden Ringelblumen, die aus dem rotgelben Sand des Abhangshervorlugten.

„Von diesen gibt es viele auf dem Monte Testaccio. Sind Sie dort einmalgewesen, Gram?“

„Ja, öfter. Ich war vorgestern drüben, um den protestantischen Kirchhofzu sehen. Die Kamelienbäume sind übersät mit Blüten. Und auf dem altenTeile fand ich Anemonen im Gras.“

„Ja, die kommen jetzt hervor.“ Jenny seufzte ein wenig. „Draußenvor der Ponte Molle, irgendwo an der Via Cassia, gibt es eine MengeAnemonen. Ich bekam von Gunnar heute früh blühende Mandelzweige — manhat sie schon an der Spanischen Treppe. Sie sind aber sicher künstlichzum Blühen gebracht worden.“

Sie waren auf der Höhe angelangt und gingen über Feld. Jenny sah zurErde. Es sproß überall auf dem kurzen, struppigen Grasboden. Rosettenvon bunten Distelblättern und irgendwelchen großen silberfarbenenBlättern standen und ließen sichs wohl sein in der Sonne. Jennyund Gram schlenderten auf eine einsame Mauermasse zu, die sich ausniedergestürztem Schutt mitten auf dem Anger erhob, formlos undnamenlos.

Fahl, graugrün dehnte sich die Campagna rund um sie her in sanftenWellen unter dem hellen Lenzhimmel mit den trillernden Lerchen. IhreGrenzen verloren sich im Dunst des Sonnenglanzes. Die Stadt dorthinter ihnen wurde zu einer hellen Luftspiegelung, Felsen und Wolkenliefen ineinander, und die gelben Bögen der Aquädukte ragten aus demLichtnebel, um nach der Stadt zu wieder zu verschwinden. Die zahllosenRuinen waren nur noch kleine schimmernde Mauerreste, im Grünenverstreut,[S. 89] während Pinien und Eukalyptusbäume vor den rosenroten undockergelben Häuschen grenzenlos einsam und düster und verlassen in demlichten Vorfrühlingstage standen.

„Erinnern Sie sich des ersten Morgens, als ich hier unten war, FräuleinWinge? Ich war enttäuscht und ich meinte, es käme von meiner großenSehnsucht und meinen heißen Träumen, deren Welt so reich war, daß dieWirklichkeit fade und armselig erscheinen müßte. — Haben Sie einmalan einem Sommertage mit geschlossenen Augen in der Sonne gelegen?Schlägt man sie wieder auf und blickt umher, so erscheinen alle Farbenplötzlich grau und erloschen. Die Augen sind geschwächt und daheraußerstande, die Mannigfaltigkeit der Farben aufzufangen, die sichihrem ersten Blick darbietet. Der erste Eindruck ist unvollkommen undkläglich. Verstehen Sie, was ich meine?“

Jenny nickte vor sich hin.

„Aehnlich ging es mir hier im Anfang. Rom überwältigte mich. Da sahich Sie — groß, licht und fern kreuzten Sie meinen Weg. Franziskabeachtete ich nicht sogleich, erst in der Trattoria fiel sie mir auf.Ich kam in Ihren Kreis, zu lauter mir unbekannten Menschen — eswar das erste Mal, daß ich mit Fremden zusammen war. Die flüchtigenBegegnungen daheim auf dem Wege zwischen Schule und Haus sind nicht zurechnen. Mich verwirrte das Neue einen Augenblick, ich glaubte, niemit Menschen reden zu können. Und da überfielen mich Gedanken an dieHeimat. Fast sehnte ich mich nach ihr und nach dem Rom, von dem ichgehört und Bilder gesehen hatte. Sie wissen, mein Vater ...“ er lachtekurz auf. „Ich hatte geglaubt, auf andere Art mich nicht zurechtfindenzu können. Bilder betrachten, die andere gemalt, lesen, was anderegeschrieben hatten, die Arbeiten anderer enträtseln und ordnen und miterdichteten Menschen aus den Büchern leben — darin lag meine Welt undmein Können. In Ihrem Kreis fühlte ich mich so grenzenlos verlassen... Da hörte ich Sie vom Alleinsein sprechen. Und jetzt verstehe ichSie. Sehen Sie den Turm da[S. 90] draußen? Dort war ich gestern. Es ist derUeberrest einer Befestigungsanlage aus dem Mittelalter, der Ritterzeit.Eigentlich ist eine große Anzahl solcher Türme in der Umgebung wiein der Stadt selbst erhalten. Man kann eine in die Fassadenreihe derStraße eingebaute Hauswand fast ohne Fenster finden — das ist so einkümmerlicher Rest aus dem Rom der Raubritter. Von dieser Zeit weiß manverhältnismäßig am wenigsten. Ich beginne jetzt, mich gerade hierfür ammeisten zu interessieren. Ich finde Namen verstorbener Menschen in denArchiven — man kennt von ihnen häufig nicht viel mehr als den Namen.Mich verlangt, mehr über sie zu erfahren. Ich träume von dem Rom desMittelalters — als sie in den Straßen kämpften und aus heißen, rotenKehlen bluteten, als die Stadt voller Raubburgen war — auf denen sieeingesperrt waren, ihre Frauen, Töchter dieser wilden Tiere, ihresStammes und Blutes — und es geschah, daß auch sie ausbrachen und insLeben hinausstürzten, das um die schwarzroten Mauern lockte. Herrgott,welch’ ein Strom von Leben ist doch über dieses Land hinweggebraust!Die Wellen brachen sich an jeder Felsenspitze, die Stadt und Burgtrug. Und dennoch erheben sich die Felsen über dem Ganzen nach wievor nackt und öde. Allein die endlosen Massen von Ruinen nur hierdraußen in der Campagna! Und die Berge von Büchern, die über ItaliensGeschichte geschrieben sind, ja über die ganze Weltgeschichte! Dasganze Heer toter Menschen, das wir kennen. Wie bitter, bitterwenig istdennoch als Rest verblieben von all den Lebenswogen, die über die Welthinweggegangen sind, eine nach der anderen ... Ich finde aber eben dasso wunderbar! ... Nun habe ich so viel mit Ihnen gesprochen, Jenny.Und Sie ebenso viel mit mir. Trotzdem aber kenne ich Sie ganz und garnicht. Wie Sie jetzt dort stehen — Sie sollten sich selber sehen!Wie ihr Haar schimmert! So sind auch Sie ein solcher unbekannter Turmfür mich. Und das ist gerade das Wundersame. Haben Sie jemals darübernachgedacht, daß Sie niemals Ihr eigenes Antlitz gesehen haben? Nur[S. 91]ein Spiegelbild. Unser Gesicht, wenn es schläft, wenn es die Augenschließt — das können wir niemals sehen. Ist das nicht seltsam? Damalswar mein Geburtstag. Heute ist es der Ihre. Sie werden achtundzwanzig.Freuen Sie sich dessen? Sie finden ja, jedes Jahr, das man durchlebthat, ist kostbar.“

„Das sagte ich nicht. Ich meinte nur, meist hat man in den erstenfünfundzwanzig Jahren vieles durchzukämpfen, so daß man froh sein kann,wenn sie überstanden sind—.“

„Und jetzt?“

„Jetzt —“.

„Ja. Wissen Sie so sicher, was Sie im kommenden Jahre erreichen werden?Wie Sie die Zeit am besten nützen? Das Leben ist so ungeheuer reichan Möglichkeiten — nicht einmal Sie mit all Ihrem Reichtum an Kraftkönnen sich alles untertan machen. Denken Sie daran nie — beunruhigtdas niemals Ihr Herz, Jenny?“

Sie lächelte nur, sah nieder und zertrat ein Zigarettenstümpfchen,das sie hingeworfen hatte. Ihre Knöchel schimmerten weiß durch denschwarzen, durchsichtigen Strumpf. Sie folgte mit den Augen einergrauweißen Schafherde, die die Hügelböschung gerade ihnen gegenüberhinablief.

„Aber der Kaffee, Gram! Sie warten natürlich auf uns —“.

Sie gingen nach der Osteria zurück, ohne ein Wort zu sprechen. DerHügel lief in eine steile, sandige Böschung aus, die sich gerade überdem Tisch, an dem sie gesessen hatten, erhob.

Ahlin lag mit dem Oberkörper auf dem Tisch, den Kopf auf denverschränkten Armen. Das Tischtuch war bedeckt mit Käserinden undObstschalen zwischen Gläsern und Tellern.

Franziska, im laubgrünen Kleide, stand über ihn gebeugt — die Arme umseinen weißen Hals geschlungen — sie versuchte, seinen Kopf in dieHöhe zu heben:

„Nicht weinen, Lennart! Ich will dir auch gut sein — ich will michgern mit dir verheiraten — hörst du,[S. 92] Lennart, aber du darfst nicht soweinen. Ich glaube wohl, daß ich dich liebhaben kann, Lennart, — wenndu nur nicht so verzweifelt sein wolltest.“

Ahlin schluchzte:

„Nein, nein — so nicht — so will ich nicht, Cesca —“.

Jenny wandte sich um und ging denselben Weg zurück. Gram sah, daß siebis auf den Hals hinab von glühender Röte übergossen war. Der Fußpfadführte am Hügelabhang hin in den Gemüsegarten der Osteria.

Rund um das kleine Wasserbassin jagte Heggen Fräulein Palm. Siebespritzten sich gegenseitig mit Wasser, daß die Tropfen in der Sonnefunkelten, während sie lachend aufschrie.

Wieder floß tiefe Röte über Jennys Hals und Nacken. Helge folgte ihrdurch die Gemüsebeete. Heggen und Fräulein Palm schlossen drunten amBassin Frieden miteinander.

„Der Reigen schließt sich,“ sagte Helge leise.

Jenny nickte schwach und versuchte zu lächeln.

Am Kaffeetisch herrschte keine rechte Stimmung. Franziska versuchte zuplaudern, während sie am Likör nippten. Nur Fräulein Palm war guterLaune. Sobald es irgend anging, schlug Franziska einen Spaziergang vor.

So machten sich denn die drei Paare auf den Weg über die Campagna. DerAbstand zwischen ihnen wurde größer und größer, bis sie sich zwischenden Hügeln verloren. Jenny ging mit Gram.

„Wo wollen wir eigentlich hin?“ sagte sie.

„Wir können ja zum Beispiel zur Egeriagrotte gehen.“ Diese lag geradein entgegengesetzter Richtung des Weges, den die anderen eingeschlagenhatten. Sie schlenderten aber doch über die sonnenbeschienenen Hügel,auf den Bosco sacro zu; — über den dunklen Kronen der uraltenKorkeichen glühte die Sonne.

„Ich sollte wohl lieber den Hut aufsetzen.“ Jenny strich sich übersHaar.

[S. 93]

Im heiligen Haine war der Erdboden überdeckt mit Papierabfällen, erstrotzte von Unreinlichkeit. Auf einem Baumstumpf am Rande saßen zweiDamen und häkelten, ein paar kleine Jungen spielten Verstecken hinterden gewaltigen Stämmen. Jenny und Gram verließen den Hain und wandertenden Hügel hinab der Ruine zu.

„Eigentlich,“ sagte sie, „was wollen wir da unten,“ und setzte sich aufden Abhang, ohne eine Antwort abzuwarten.

„Nein, warum auch —“, Helge streckte sich in dem trockenen kurzenGras zu ihren Füßen aus. Er nahm den Hut vom Kopf und, sich auf dieEllenbogen stützend, sah er zu ihr hinauf, ohne zu sprechen.

„Wie alt ist sie eigentlich? —“ fragte er plötzlich leise. „Ich meineCesca.“

„Sechsundzwanzig Jahre.“ Sie saß still da und sah in die Weite.

„Ich bin nicht traurig,“ sagte er wieder leise. „Sie verstehen mich,— vor einem Monat wäre es etwas anderes gewesen —. Sie war einmal solieb, so warm und vertrauensvoll zu mir. — Nun ja, Aufforderung zumTanz. Aber jetzt —. Ich finde sie sehr lieb. Aber es rührt mich nicht,daß sie mit einem anderen tanzt.“

Er betrachtete sie.

„Ich glaube, Sie sind es, die ich liebe, Jenny,“ sagte er plötzlich.

Sie wandte sich ihm halb zu, lächelte leise und schüttelte den Kopf.

„Doch,“ sagte Helge bestimmt. „Ich glaube es. Genau weiß ich es nicht.Ich habe ja niemals geliebt — das weiß ich jetzt. Trotzdem ich verlobtgewesen bin“ — er lachte leise. „Ja, diese Dummheit beging ich einmalin meiner frühesten Jugend —. Aber, mein Gott, Jenny — es muß wohlwahr sein. Sie waren es, die ich an jenem Abend sah — nichtdie andere. Ich sah Sie schon am Nachmittag, Sie gingen über denCorso. Ich stellte Betrachtungen an über das Leben, fand es so neu undabenteuerlich, da gingen Sie an mir vorüber, licht und[S. 94] rank und fremd.Später, nachdem ich in der Dunkelheit rund durch die fremde Stadtgeirrt war, traf ich Sie wieder. Oh ja, ich erblickte jetzt auch Cesca,so daß es ja nicht weiter merkwürdig war, daß ich verwirrt wurde. Aberzuerst sah ich doch Sie. — Und nun ist es so gekommen, daß wir beidehier zusammensitzen —“.

Ihre Hand, auf die sie sich stützte, lag auf dem Erdboden dicht nebenihm. Plötzlich strich er darüber. Da zog sie sie zurück.

„Sie sind doch nicht böse? Nein, denn warum auch. — Warum sollte ichIhnen nicht sagen dürfen, daß ich Sie liebe? Ich konnte nicht anders,ich mußte Ihre Hand berühren, mußte fühlen, daß sie wirklich da war.Wie seltsam, daß Sie hier sitzen. Ich kenne Sie ja gar nicht. Trotzall dem, wovon wir gesprochen haben — ich weiß freilich, daß Sie klugsind, klar und energisch, gut und wahrheitsliebend, aber das wußte ichgleich, als ich Sie sah und Ihre Stimme vernahm. Mehr weiß ich jetztnicht — aber natürlich ist da noch vieles andere. Darüber erfahre ichvielleicht niemals etwas. Aber ich kann zum Beispiel sehen, daß Ihrseidenes Kleid glühend heiß ist — wenn ich mein Gesicht an Ihre Brustlegte, so würde ich mich verbrennen —“.

Sie machte mit der Hand eine unwillkürliche Bewegung über ihren Schoß.

„Ja, die Seide saugt die Sonne an sich. Es knistert in Ihrem Haar.Drinnen in Ihren Augen funkeln die Lichtstrahlen auf. Ihr Mund ist ganzdurchsichtig — wie ein Kredenzbecher in der Sonne—.“

Sie lächelte, sah jedoch ein wenig gequält aus.

„Küssen Sie mich, Jenny —,“ bat er plötzlich.

Sie betrachtete ihn eine Sekunde.

„Aufforderung zum Tanz —?“ Sie lächelte weh.

„Sie dürfen nicht böse werden, nur weil ich Sie um einen einzigen Kußbitte. An so einem Tage. Ich erzähle Ihnen doch nur, was ich wünsche.Im Grunde ... weshalb könnten Sie es nicht tun?“

Sie rührte sich nicht.

[S. 95]

„Ist da denn irgend ein Grund — Herrgott, ich will ja nicht versuchen,Sie zu küssen, aber ich verstehe nicht, warum Sie sich nicht eineSekunde herabbeugen und mir einen ganz, ganz kleinen Kuß geben können,so wie Sie dort sitzen, mit der Sonne auf den Lippen — es ist janur, als klopften Sie einem Jungen auf die Schulter und gäben ihmeinen Soldo. Jenny — für Sie ist es nichts weiter, und alles, was ichwünsche, gerade in diesem Augenblick wünsche ich es so heiß —.“ Erlächelte, während er sprach.

Plötzlich beugte sie sich nieder ... Nur eine Sekunde spürte er ihrHaar und ihren warmen Mund an seiner Wange. Jede Bewegung ihresKörpers unter der schwarzen Seide konnte er sehen, als sie sichniederbeugte und wieder aufrichtete. Er sah auch, daß ihr Antlitz, dasruhig lächelte, als sie ihn küßte, hinterher ein wenig verwirrt underschrocken war.

Aber er rührte sich nicht — lag nur und lächelte in die Sonne hinein.Da wurde auch sie wieder ruhig.

„Sehen Sie,“ sagte er schließlich und lachte. „Nun ist ihr Mund genauwie früher. Die Sonne scheint auf die Lippen, bis hinein ins Blut. Wasbedeutete es Ihnen? Und ich bin so froh —. Sie begreifen wohl, daß ichnicht erwarte, Sie sollen weiter an mich denken. Ich möchte nur an Siedenken dürfen. — Setzen Sie sich nur still hin und denken Sie an allemöglichen Dinge. Die anderen tanzen Reigen, aber dies hier ist weitköstlicher — wenn ich Sie nur ansehen darf.“

Sie schwiegen beide. Jenny hatte das Gesicht abgewandt und sah über diesonnige Campagna hinaus.

Während sie zur Osteria zurückgingen, plauderte er leicht und muntervon allen möglichen Dingen, erzählte Geschichten von den deutschenGelehrten, mit denen er bei seiner Arbeit zusammengetroffen war. Jennylugte ab und an verstohlen zu ihm auf. Er war so anders als sonst,so frei und sicher. Er schaute im Gehen geradeaus; eigentlich war erschön; die hellbraunen Augen glänzten wie Bernstein in der Sonne.

[S. 96]

VIII.

Jenny zündete die Lampe nicht an, als sie heimgekehrt war. Im Dunkelngriff sie nach ihrem Abendmantel und setzte sich auf den Balkon hinaus.

Der Himmel erhob sich über den Dächern wie schwarzer Sammet, von demGewimmel funkelnder Sterne durchwoben. Die Nacht war kalt.

Er hatte gesagt, als sie sich trennten:

„Ich komme morgen zu Ihnen hinauf, um Sie zu fragen, ob sie mit mir indie Campagna fahren wollen—.“

In Wirklichkeit war ja nichts geschehen. Sie hatte ihn geküßt. Es waraber der erste Kuß, den sie einem Manne gegeben hatte. Und es war ganzanders gekommen, als sie es sich gedacht —. Fast wie ein Scherz war esgewesen — dieser Kuß.

Sie liebte ihn keineswegs. Und hatte ihn doch geküßt. Sie hattegezaudert und gedacht: ich habe nie geküßt —. Doch da glittgewissermaßen eine fröhliche Gleichgültigkeit und süße Müdigkeit durchihren Körper; ach Gott, warum dies alles so lächerlich feierlichnehmen. Sie tat es eben — warum sollte sie auch nicht—.

Nein, es machte ja nichts. Er hatte ja doch ganz ehrlich darum gebeten,weil er glaubte, er wäre verliebt in sie und weil die Sonne schien.Er hatte sie nicht darum gebeten, ihn zu lieben — nichts hatte erverlangt außer einem harmlosen Kuß. Und sie hatte ihn hingegeben,schweigend. Das alles war schön gewesen. Da war nichts geschehen, umdessentwillen sie sich hätte schämen müssen.

Herrgott — achtundzwanzig Jahre war sie geworden. Sie verhehlte essich selbst auch nicht, daß sie sich nach einem Manne sehnte, den sieliebte und der sie lieb hatte, an den sie sich fest anschmiegen konnte.Jung war sie, gesund und schön — warm war sie und voller Sehnsucht—. Aber da sie mit kalten Augen sah, und sich selber niemals etwasvorzulügen pflegte ...

Sie war dem einen oder anderen Manne begegnet und hatte sich gefragt:ist es dieser? Diesen oder jenen[S. 97] hätte sie vielleicht lieben können,wenn sie wirklich gewollt hätte — wenn sie nachgeholfen und dieOhren der leisen Stimme verschlossen hätte, die immer da war — unddie einen hartnäckigen Widerspruch in ihr erweckte, den sie hättebetäuben müssen. Aber keinen hatte sie getroffen, den sie hätte liebenmüssen.

So hatte sie es nicht gewagt—.

Cesca freilich vermochte es zu ertragen, daß einer nach dem anderen sieküßte und sie umschmeichelte. Ihr machte es nichts aus. Es berührte nurihre Lippen und ihre Haut. Nicht einmal Hans Herrmann, den sie dochliebte, konnte ihr merkwürdig dünnes, erstarrtes Blut erwärmen.

Sie selbst war anders. Ihr Blut war rot und warm. Das Glück, nachdem sie sich sehnte, sollte heiß und verzehrend sein, aber rein undfleckenfrei. Sie selbst wollte gut und treu und ehrlich gegen den sein,dem sie sich hingab. Es mußte einer kommen, der sie ganz hinnehmenkonnte, so daß keine Regung in ihr unberührt blieb und irgendwo tiefdrinnen verkam und vergiftet wurde —. Nein — sie wagte es nicht,wollte nicht leichtsinnig sein. Sie nicht—.

Dennoch — sie konnte die Menschen begreifen, die der Mühe des Wollensaus dem Wege gingen. Einen Trieb bezähmen und ihn schlecht nennen,einen anderen aber großziehen und ihn gutheißen. Allen kleinen billigenFreuden entsagen, seine Kräfte aufsparen in Erwartung einer großenFreude. Die vielleicht — vielleicht niemals kam. Sie warsich durchaus nicht gewiß, daß ihr Weg zu ihrem Ziele führte, daß esihr nicht doch einmal Eindruck machen könnte, wenn Menschen zynischeinräumten, keinen bestimmten Weg zu gehen und keine Ziele zu haben,während diejenigen, die sich an die Moral und ihre Ideale hielten, nachdem Monde im Wasser fischten.

Auch sie hatte es einst erlebt, vor vielen Jahren, daß ein Mann siein einer Nacht bat, mit ihm nach Hause zu gehen — ungefähr so, alshätte er sie eingeladen,[S. 98] ihn in eine Konditorei zu begleiten. InWirklichkeit reizte es sie wohl gar nicht — außerdem wußte sie, Mamasaß oben und wartete auf sie, so daß es völlig unmöglich war. Auchkannte sie den Menschen kaum, mochte ihn nicht leiden und war obendreinärgerlich, daß er sie an diesem Abend nach Haus begleiten wollte.Sie hatte kein sinnliches Empfinden dabei, nur eine intellektuelleNeugierde trieb sie dazu, in Gedanken einen Augenblick mit der Frage zuexperimentieren: Wenn ich es nun täte? Was würde ich empfinden,wenn ich Willen und Selbstbeherrschung und meinen alten Glauben überBord würfe?—

Es war nur dieser Gedanke, der einen aufreizenden, wollüstigen Schauderdurch ihren Körper gejagt hatte. War dieses Leben besser als ihreigenes—?

Denn mit ihrem eigenen war sie ja an diesem Abend nicht zufrieden.Sie hatte wieder dagesessen und dem Tanz der anderen zugeschaut —Wein hatte sie auch getrunken, die Musik umtoste sie, und sie hattegesessen und die bittere Einsamkeit gefühlt, zu der sie, so jung noch,verdammt war, weil sie ja nicht tanzen, nicht die Sprache der übrigenJugend sprechen, nicht in ihr Lachen einstimmen konnte — dabei hattesie noch versucht, zu lächeln und zu plaudern und sich wieder denAnschein zu geben, als unterhielte sie sich gut. Während sie dann inder eiseskalten Frühlingsnacht heimging, dachte sie daran, daß sie amnächsten Morgen um acht Uhr eine Vertretung in der Kampfschen Schuleübernehmen mußte. Sie arbeitete an ihrem großen Bilde, und es war immernoch so tot und schwerfällig, wie sie sich auch mühte und abarbeitete— in den freien Stunden, bis um sechs Uhr ihre Privatschülerinnen zumMathematikunterricht kamen. — Sie arbeitete hart zu jener Zeit, so daßsie manchmal das Gefühl hatte, als zittere jeder Nerv vor Ueberspannung— und doch hielt sie in dieser bewußten Ueberanstrengung aus bis zuden Sommerferien.

Und da hatte sie sich einen Augenblick gewissermaßen von seinemZynismus angezogen gefühlt — wohl nur[S. 99] einen Augenblick — aber ...Sie hatte zu dem Menschen aufgelächelt und Nein gesagt, so trocken undgeradezu, wie er gefragt hatte.

Er war übrigens ein Narr, denn nun begann er, ihr Predigten zu halten— flaue Komplimente, sentimentalen Unsinn von Jugend und Lenz, demRecht der Leidenschaft und dem Evangelium des Blutes. Sie lachte ihnganz ruhig aus und rief eine vorüberfahrende Droschke herbei.

Oh nein, sie war reif genug, um die begreifen zu können, die sichbrutal weigerten, für irgend etwas im Leben zu kämpfen, und sichstatt dessen niederlegten und vom Strome treiben ließen —. Aber dieGrünschnäbel, die davon faselten, eine Mission zu erfüllen, wenn siesich nach ihrem Geschmack amüsierten — diese Jugend, die für das ewigeRecht der Natur zu kämpfen vorgab, während sie es nicht der Mühe werthielt, ihre Zähne zu putzen und ihre Nägel zu reinigen — die konntesie nicht irreführen.

Es war wohl am besten für sie, an ihrer eigenen kleinen Moralfestzuhalten. Die baute sich im wesentlichen auf Wahrhaftigkeit undSelbstbeherrschung auf.

Diese Moral hatte sich zu formen begonnen, als Jenny auf die Schulekam. Sie war nicht wie die anderen Kinder in der Klasse, nicht einmalin der Kleidung. Ihre kleine Seele aber war ganz, ganz anders. Sielebte ja mit ihrer Mutter zusammen, die zwanzigjährig Witwe gewordenwar und nichts auf der Welt besaß als ihr kleines Mädchen. Und auch mitihrem Vater zusammen, der gestorben war, lange bevor sie sich erinnernkonnte. Er war im Grabe und im Himmel, aber in Wirklichkeit wohnteer daheim bei Mutter und ihr —. Sein Bild hing über dem Klavier undseine Augen schauten auf alles herab, was Mutter und sie unternahmen,er hörte alles, was sie sagten — die Mutter sprach beständig von ihmund erzählte, was er zu allen Dingen meinte — dies dürften sie tunund dies müßten sie lassen des Vaters wegen. Jenny sprach von ihm, alskenne sie ihn,[S. 100] und des Abends sprach sie mit ihm und mit Gott,der ja mit Vater zusammen war und ebenso dachte, wie der Vater.

Der erste Schultag. Jenny entsann sich seiner deutlich und lächelte indie dunkle römische Nacht hinaus.

Die Mutter hatte sie unterrichtet, so daß sie mit acht Jahren indie dritte Klasse kam. Die Mutter pflegte immer alles an Beispielenzu erklären, die Jenny kannte. Sie wußte also sehr wohl, was einVorgebirge war. Da fragte die Lehrerin in der Geographiestunde geradesie, ob sie ein norwegisches Vorgebirge nennen könnte. Jenny sagte„Naesodden.“[1]

Die Lehrerin lächelte, und die ganze Klasse lachte. „Signe,“sagte die Lehrerin, und ein kleines Mädchen erhob sich und sagteprompt: „Nordkap, Stat, Lindesnes.“ Jenny aber lächelte überlegen,gleichgültig, über der anderen Gelächter. Das war vielleicht der ersteZusammenstoß. — Sie hatte niemals Kameraden unter den anderen Kinderngehabt. Und sie bekam auch niemals welche.

Ueberlegen und gleichgültig hatte sie zu dem Gehänsel und Gespött derganzen Klasse gelächelt, aus einem schweigenden und unversöhnlichenHaßgefühl heraus, das sich zwischen sie — die nicht so war wie jene —und alle die übrigen Kinder schob, die für sie eine einförmige Massewaren, ein vielköpfiges Ungeheuer. Die verzehrende Wut, die unter allihren Quälereien in Jenny aufstieg, verschloß sie hinter höhnischem,gleichgültigem Lächeln. Die wenigen Male, da ihre Selbstbeherrschungsie im Stiche ließ — ein einziges Mal hatte sie in Leid undVerbitterung gar jämmerlich geschluchzt — die wenigen Male hatte siebemerkt, wie die anderen triumphierten. Nur, wenn sie „hochmütig“ war,wenn die anderen von ihrer indianischen Gefühllosigkeit ihrem Tun undLassen gegenüber verwirrt wurden, konnte sie sich gegen die vielenbehaupten.

[S. 101]

In der obersten Klasse gewann sie ein paar Freundinnen. Das war indem Alter, wo kein Kind es erträgt, anders zu sein als die anderen.Sie versuchte es den Mädchen gleich zu tun. Viel Freude hatte sie vondiesen Freundinnen übrigens nicht gehabt.

Sie entsann sich, wie die Mädchen sie verspotteten, als sie entdeckten,daß Jenny mit vierzehn Jahren noch mit Puppen spielte. Sie aberverleugnete ihre geliebten Kinder und sagte, sie gehörten den kleinenSchwestern.

In dieser Zeit war es auch, daß sie zur Bühne gehen wollte. Sie wiealle Freundinnen waren vollkommen versessen aufs Theater — sieverkauften Schulbücher und Konfirmationsbroschen, um sich Billets zuverschaffen. Abend für Abend saßen sie unten auf dem Sperrsitz fürsechzig Oere. Aber eines Tages hatte sie verspielt, als sie erzählte,wie sie Eline Gyldenlöve darstellen würde.

Die Freundinnen lachten Sturm. Sie war also in der Tat völliggrößenwahnsinnig. — Man wußte wohl, daß sie eingebildet war, abernun war die Grenze erreicht. Sie bildete sich also tatsächlich ein,sie könne Schauspielerin werden! Sie, die nicht einmal tanzen konnte!Es würde hübsch aussehen, sie auf der Bühne herumwackeln zu sehen mitihren langen, stocksteifen Stelzen—.

Auch damals hatte Jenny mit ihren Freundinnen nicht gebrochen. — Nein,sie konnte nicht tanzen. Als sie ganz klein war, pflegte die Mutter ihrTänze vorzuspielen, während Jenny umhertrippelte, sich verneigte unddrehte, wie es ihr in den Sinn kam; Mutter lächelte dann und nanntesie ihr kleines Linerle. Dann kam sie auf den ersten Schülerball, infeierlicher Freude, mit einem neuen grüngeblümten Kleid angetan, —oh, sie entsann sich dessen so deutlich. Es reichte ihr fast bis aufdie Füße herab; Mutter hatte es nach einem alten englischen Bildegenäht. Sie erinnerte sich dieses Kinderballes. Noch konnte sie diesewunderliche Steifheit in allen Gliedern spüren —. Seitdem hatte diesesGefühl ihren weichen schlanken Körper losgelassen, er wurde wie einHolzstock,[S. 102] wenn sie den Versuch machte, selber das Tanzen zu erlernen.Sie konnte nicht. Schließlich wollte sie in die Tanzstunde gehen, aberdazu fehlten die Mittel.

Sie lachte. O diese Freundinnen! Zwei von ihnen hatte sie auf derAusstellung wiedergesehen, als sie das erste Mal ein Bild ausgestellthatte — und einige lobende Worte über sie in die Zeitung gekommenwaren. Sie stand mit einigen Malern, darunter auch Heggen, zusammen,den sie damals aber nicht näher kannte. Da kamen die Freundinnen heranund gratulierten:

„Das haben wir schon in der Schule gesagt, Jenny wird Künstlerin. Wirwaren alle so überzeugt, daß aus dir noch einmal etwas werden würde.“

Sie hatte gelacht:

„Ich auch, Ella.“

Seit jener Zeit war sie allein gewesen.—

Sie war wohl ungefähr zehn Jahre alt, als die Mutter Ingenieur Bernertraf. Die beiden waren zusammen in einem Büro tätig gewesen.

So klein sie war, hatte sie es doch gleich begriffen. Der tote Vaterentglitt gleichsam dem Heim. Sein Bild hing weiterhin an seinem Platz— aber nun war er tot. Plötzlich kam ihr das Verständnis dafür,was der Tod bedeutete. Die Toten existierten nur in der Erinnerungder Lebenden — die Anderen konnten willkürlich ihr armseligesSchattendasein auslöschen. Dann waren sie gar nicht mehrvorhanden.

Sie verstand, warum die Mutter wieder so jung, so schön und froh wurde.Sie sah wohl den Lichtschein, der über ihr Antlitz sich breitete,wenn Berner an ihrer Türe läutete. Sie saß und hörte die beidenmiteinander sprechen. Niemals waren es Dinge, die das Kind nicht mitanhören durfte, sie schickten sie nie hinaus, wenn sie in der MutterHeim zusammen waren. Bei aller Eifersucht, die sie im Herzen trug,fühlte Jenny, daß es so vieles gab, worüber eine Mutter nicht mit einemkleinen Mädchen sprechen konnte. Und diese Erkenntnis rief ein starkesGerechtigkeitsgefühl[S. 103] in ihr wach — sie wollte ihrer Mutter nichtzürnen. Hart war es indessen doch.

Aber das zu zeigen, war sie zu stolz. Wenn jedoch die Mutter dem Kindegegenüber Gewissensbisse empfand und sie nervös und ganz unvermitteltmit Zärtlichkeit und Fürsorge überschüttete, so schwieg sie kalt undabweisend. Und sie schwieg, als die Mutter sagte, sie solle BernerVater nennen, und ihr eifrig erzählte, wie lieb er die kleine Jennyhätte. — In den Nächten versuchte sie, zu ihrem eigenen, richtigenVater zu sprechen wie ehedem — leidenschaftlich versuchte sie, ihnam Leben zu erhalten. Sie vermochte es aber nicht allein — siekannte ihn ja nur aus den Erzählungen der Mutter. Nach und nach starbJens Winge auch für sie. Und da er auch der Mittelpunkt all ihrerVorstellungen von Gott, dem Himmelreich und dem ewigen Leben gewesenwar, so verblaßten auch diese mit seinem Bilde. Sie erinnerte sich,daß sie schon im Alter von dreizehn Jahren dem Religionsunterrichtmit vollbewußtem Unglauben zugehört hatte. Und da alle anderen in derKlasse an Gott glaubten, und den Teufel fürchteten und dennoch feigund grausam, schmutzig und gemein waren, jedenfalls in ihren Augen, sowurde die Religion für sie zu etwas beinahe Verächtlichem, Feigem, daszu ihnen gehörte.

Gegen ihren Willen mußte sie Sympathie für Nils Berner haben. In derersten Zeit, nachdem er die Mutter geheiratet hatte, mochte sie ihneigentlich lieber als die Mutter. Er forderte nicht das Recht desVaters über die Stieftochter — klug, gut und natürlich kam er ihrentgegen. Sie war das Kind der Frau, die er liebte, und deshalb liebteer auch Jenny.

Was sie ihm verdankte, erkannte sie erst jetzt als Erwachsene klar.Wieviel Krankhaftes und Verschrobenes hatte er ihr doch ausgetriebenund an ihr bekämpft! Solange sie mit der Mutter allein in diesertreibhausschwülen Luft von Zärtlichkeit, Fürsorge und Träumereigelebt hatte, war sie furchtsam gewesen, hatte Angst vor Hunden,Straßenbahnen, Angst vor Zündhölzern, hatte vor Allem[S. 104] Angst. DieMutter wagte kaum, sie allein zur Schule gehen zu lassen. Und wieempfindlich war sie gegen körperlichen Schmerz gewesen!

Berners erste Tat war, das Mädel mit hinauf in die Wälder zu nehmen.Sonntag für Sonntag zog er mit ihr in die Nordmarken. In brennenderSommersonne, in weicher Lenzluft und strömendem Herbstregen, denganzen Winter über auf Schneeschuhen. Und Jenny, die es gewöhnt war,ihre Gefühle nicht zu offenbaren, versuchte, Müdigkeit und Angst zuverbergen. Bis sie sie nach einer Weile gar nicht mehr empfand.

Berner lehrte sie, Karte und Kompaß zu gebrauchen. Er verhandelte mitihr wie mit einem Kameraden. Er lehrte sie, Zeichen für Wetterumschwungin Wind und Wolken zu entdecken, Zeit und Richtung aus dem Standeder Sonne zu lesen. Mit Tieren und Pflanzen machte er sie vertraut.Sie zeichnete und malte Blumen mit Wasserfarben, Wurzel und Stengel,Blatt und Knospe, Blüte und Frucht. Ihr Skizzenbuch und seinPhotographenapparat lagen immer im Rucksack.

Wieviel Liebe und Güte der Stiefvater in dieses Erziehungswerk gelegthatte, konnte sie erst jetzt ermessen. Ein kleines unscheinbaresMädchen hatte er zum Kameraden gemacht und erzogen, sie, die soungeschickt gewesen, wie ein blindes Kätzchen nach der Geburt. Er, dernamhafte Skiläufer und Bergsteiger in Jotunheim und auf den Bergzinnendes Nordlandes!

Er hatte ihr versprochen, sie mit dort hinaufzunehmen. Das war in demSommer, als sie fünfzehn Jahre alt war, dem schwierigsten Alter. Dahatte er sie auf Schneehühnerjagd mitgenommen. Die Mutter mußte daheimbleiben — sie trug damals das Kleine.

Sie wohnten in einer einsamen kleinen Sennhütte unterhalb Rondane. Oh,niemals war sie je so glücklich gewesen wie in jenen Morgenstunden,wenn sie in ihrem kleinen Alkoven erwachte. Sie mußte aufstehen und fürBerner Kaffee kochen; er nahm sie dann mit hinauf auf die Rondespitzenund in die Stygfelsen, auf Engelfahrten,[S. 105] oder sie gingen hinab insFoltal, um Proviant zu holen. Wenn er draußen war und jagte, dannbadete sie in eisigen Gebirgsbächen oder wanderte endlose Wege überherbstlich öde Strecken. Oder sie saß in der Hüttentür, strickte undträumte romantische Sennerinnenträume von einem Jäger, der Berner rechtähnlich sah, nur ganz jung war und bildschön. Er sollte aber erzählen,wie Berner es tat, des Abends am Herd, von Jagd und Gebirgsfahrten; ersollte ihr auch ein Gewehr versprechen und sie mit hinausnehmen auf nieerstiegene Zinnen, wie Berner es versprochen hatte.

O ja, sie entsann sich, wie sie damals begriff, daß die Mutter ein Kindhaben sollte. Wie zerquält, beschämt, unglücklich sie war, als sie esentdeckte. Sie suchte vor der Mutter zu verbergen, was sie empfand,ganz gelang es ihr nicht, das wußte sie. Erst Berners Angst um seinWeib, als die Stunde der Geburt sich näherte, brachten eine Veränderungin ihre Gefühle. Er sprach mit Jenny darüber: „Ich habe Angst, Jenny.Ich habe deine Mutter doch so lieb, weißt du.“ Er sprach auch davon,wie krank sie gewesen war, als Jenny geboren wurde.

Das Gefühl des Unnatürlichen und Unreinen an dem Zustand derMutter wich von ihr, während er sprach. Aber auch das Gefühl, daßdas Verhältnis zwischen ihr und der Mutter etwas Mystisches undUebernatürliches war. Es wurde alltäglich und selbstverständlich —sie war geboren worden, und die Mutter hatte Schweres erlitten umihretwillen, sie war sehr klein gewesen, hatte der Mutter bedurft, undum alles dessentwillen hatte sie die Mutter geliebt. Nun aber kam einneues kleines Kind, das der Mutter mehr bedürfen würde. Jenny fühltesich mit einem Male erwachsen, sie hatte Sympathie sowohl für dieMutter als für Berner und sie tröstete ihn altklug: „Ja, aber du weißtdoch, es pflegt doch gut auszugehen. Ich finde, sie sterben doch fastnie daran.“

Dennoch hatte sie vor Verlassenheit geweint, als sie ihre Mutter mitdem neuen kleinen Kinde sah, das all ihre Zeit und ihre Sorge inAnspruch nahm.

[S. 106]

Aber sie gewann das kleine Ding lieb, besonders als Klein-Ingeborg daserste Jahr überschritten hatte und der süßeste, schwärzeste kleineZigeunerkobold wurde, den man sich denken konnte, und als die Mutterein neues Kindchen bekam.

Eigentlich hatte sie niemals das Gefühl gehabt, als seien dieBernerschen Kinder ihre Geschwister. Sie glichen ganz ihrem Vater.Jetzt bezeichnete sie ihr Verhältnis zu ihnen annähernd als tantenhaft— sie kam sich fast wie eine ältere „vernünftige Tante“ vor, sowohlihrer Mutter als den Kindern gegenüber.

Als das Unglück geschah, war die Mutter jünger und schwächer als Jenny.Sie war wieder jung geworden, Frau Winge, in ihrer neuen glücklichenEhe, nur ein wenig müde und mitgenommen von den drei Wochenbetten, diedicht aufeinander folgten. Nils war nur fünf Monate alt, als sein Vaterstarb.

Berner stürzte eines Sommers drüben von den Skagastölspitzen abund starb auf der Stelle. Jenny war damals sechzehn Jahre alt. DieVerzweiflung ihrer Mutter war grenzenlos; sie liebte ihren Mann und warvon ihm vergöttert worden. Jenny versuchte, ihrer Mutter zu helfen,so gut sie konnte. Wie sehr sie selber um ihren Stiefvater trauerte,zeigte sie niemanden. Sie wußte nur zu gut, daß sie den einzigenKameraden verloren hatte, den sie je besessen.

Nach dem Mittelschulexamen war sie auf die Zeichenschule gegangen undhatte zu Hause geholfen. Berner hatte sich immer für ihre Zeichnungeninteressiert und war der erste gewesen, der sie einiges überPerspektive und dergleichen lehrte, soviel, wie er selber wußte. Erhatte geahnt, daß sie Talent hatte.

Leddy, seine Hündin, zu behalten, dazu fehlten ihnen die Mittel. Diebeiden kleinen, dicken Jungen wurden verkauft, und die Mutter meinteauch, Leddy müßte weggegeben werden — es war ein kostbares Tier. Estrauerte tief um seinen Herrn. Aber niemand anderes durfte Berners Hundbekommen, wenn sie ihn nicht selbst behalten konnten[S. 107] — das setzteJenny durch; einmal bekam sie aus diesem Anlaß einen hysterischenAnfall. Sie brachte das Tier selbst an einem Abend zu RechtsanwaltIversnäs, Berners altem Kameraden, der es an einem Sonntage mit überLand nahm, es erschoß und neben einer Hütte begrub.

Was Berner ihr gewesen war — Kamerad und Freund — das versuchte sie,seinen Kindern zu sein. Zu den Stiefschwestern wurde das Verhältnis,als sie nach und nach heranwuchsen, weniger innig, jedoch ganzfreundschaftlich — sozusagen mit großem Abstand. Jenny machte auchnicht den Versuch, ihnen näherzukommen. Sie waren jetzt zwei sehrliebe, kleine Mädchen im Backfischalter, mit Bleichsucht, kleinenVerliebtheiten, Freunden und Freundinnen und ständigen Tanzvergnügen,munter und reichlich indolent. Doch der kleine Nils und Jenny warenim Laufe der Jahre immer bessere Kameraden geworden. Kalfatrus hatteVater den kleinen Burschen getauft, und Jenny behielt den Namen bei. Erselbst nannte die Schwester Indiana.

In den ganzen letzten Jahren der Trübsal waren die Nordmarksfahrten mitKalfatrus die einzigen Stunden gewesen, in denen sie sich ausruhte.Am liebsten zogen sie im Frühling oder Herbst hinaus, wenn nur wenigMenschen in den Wäldern waren. Dann saß sie mit dem Jungen schweigendda und starrte in das Feuer, das sie sich gemacht hatten — oder sielagen langgestreckt auf dem Boden, in ihrem eigenen fürchterlichenPöbeljargon schwatzend, den sie daheim nicht hören lassen durften mitRücksicht auf die Gefühle der Mutter.

Das Porträt von Kalfatrus war das erste Bild, mit dem sie zufriedengewesen war. Es war auch brillant, und Gunnar schwor darauf, daß es indie Galerie hätte kommen müssen. Sie hatte seitdem auch nie wieder einBild gemalt, das so gut gelungen war.

Sie hätte Berner malen müssen, Papa. Sie hatte ihn so gerufen, alsseine Kinder zu sprechen anfingen. Damals hatte sie auch die MutterMama genannt. Damit hatte sie gewissermaßen vor sich selbst dieVeränderung[S. 108] bestätigt, die mit der Mutter ihrer kurzen Kindheit und indem Verhältnis zwischen ihnen vor sich gegangen waren.

Und dann die erste Zeit hier unten! Als endlich der wahnsinnige Druckwich, der auf ihr gelegen hatte. Dieser Druck hatte ihr weh getan.Jetzt fühlte sie erst, wie jeder Nerv in ihr vor Ueberanstrengunggezittert hatte. Und sie hatte geglaubt, sie sei zu alt geworden, umjemals die Jugend zurückzuerobern. Von Florenz erinnerte sie sich annichts weiter, als daß sie dort gefroren und sich verlassen gefühlt undnicht imstande gewesen war, das Neue in sich aufzunehmen. Ab und zu sahsie blitzartig den unendlichen Schönheitsreichtum um sich her und wurdeverrückt vor Sehnsucht danach, ihn zu erfassen, zu verstehen und jungzu sein, zu lieben und geliebt zu werden.

Dann die Lenztage, als Gunnar und Franziska sie mit nach Viterbonahmen. Sonnenschein in dem nackten Eichenwalde, wo Anemonen undVeilchen und gelbe Aurikeln in dichten Massen zwischen dem bleichen,welken Laube blühten. Die kochenden, stinkenden Schwefelquellen, diedraußen auf der fahlen steppenartigen Ebene vor der Stadt dampften,das Feld rings um den klagenden Quell war leichenblaß von erstarrtemKalk. Der Hohlweg dort hinaus mit den Tausenden von smaragdgrünen,blitzähnlich hin- und herschießenden Vögeln in den Steinwällen, dieOlivenbäume in den Wiesen, über denen weiße Schmetterlinge sichwiegten. Dann die alte Stadt mit den singenden Springbrunnen, denschwarzen mittelalterlichen Häusern und den Türmen an der Ringmauerund über allem der Mondschein in den Nächten. Und der gelbe, leichtprickelnde Wein, der von der vulkanischen Erde, auf der er gewachsenwar, feurig schmeckte.

Sie hatte mit den neuen Freunden Brüderschaft getrunken. Des Nachtsvertraute Franziska ihr die Geheimnisse ihres ganzen bunten jungenLebens an und kroch schließlich in ihr Bett, um sich trösten zu lassen.Während sie lag, wiederholte sie: Wie gut du bist! In[S. 109] der Schule hatteich immer Angst vor dir! Daß du so gut bist!

Gunnar war in beide verliebt. Er war übermütig wie ein junger Faun vonLenz und Sonne. Und Franziska ließ sich küssen und lachte und nannteihn einen Schwatzmichel.

Sie aber hatte Angst — nicht vor ihm. Aber sie wagte nicht, seinenheißen roten Mund zu küssen, weil es sie nach etwas Sinnlosem, etwasBerauschendem und Leichtsinnigem gelüstete, das nur diese Tage überwähren sollte, während Sonne und Lenz und Anemonen leuchteten undsie hier waren, etwas, worüber sie sich keine Rechenschaft zu gebenbrauchte. Sie wagte aber nicht, aus ihrem alten Ich zu schlüpfen, siefühlte, sie würde dem Leichtsinn nicht leichtsinnig ein Ende machenkönnen und er gewiß auch nicht. Sie hatte Gunnar Heggen des öfterenbeobachtet — mit anderen Frauen, mit denen er kleine Liebeleien gehabthatte. Er war so, wie sie waren, und doch wieder nicht ganz, tief imInnern war er er selbst, ein Mann, der besser war als die meistenFrauen.

Später hatte er über seine eigene Verliebtheit gelacht. Sie warenFreunde geworden, mehr und mehr. In der herrlichen, friedvollen,arbeitsreichen Zeit in Paris und später wieder hier unten.

Aber dies hier mit Gram war ja etwas ganz anderes. Er weckte wahrhaftigkeine verwegenen Gelüste oder wilden Sehnsuchtsgefühle in ihr. Herrgott— sie mochte ihn eben gern. Er war durchaus nicht dumm, wie sieerst gedacht hatte, nur gleichsam verschüchtert war er gewesen, alser hierher kam. Das war nun freilich etwas, das sie am besten hätteverstehen müssen. Etwas Weiches, Junges und Frisches lag über ihm, dassie an ihm gern mochte. Es war ihr deshalb, als sei er viel mehr alsnur zwei Jahre jünger als sie. Was er indes von seiner Verliebtheitsagte — war es wohl etwas anderes als nur ein kleiner Ueberschuß anFreude, wie sie ihn bei all dem Neuen und Befreienden erfaßte? Es warsicher ganz ungefährlich, sowohl für ihn als für sie.

[S. 110]

Sie hatten sie wohl lieb, die zu Hause. Franziska und Gunnar auch. Unddoch — ob wohl einer von ihnen heute Nacht an sie dachte? Sie war ganzund gar nicht betrübt darüber, daß sie von einem wußte, der es tat.

IX.

Als sie am Morgen erwachte, sagte sie zu sich selber, er würde wohlnicht kommen, und das wäre natürlich auch das Beste. Als er aber anihre Türe klopfte, war sie dennoch froh.

„Fräulein Winge, ich habe noch nicht gefrühstückt, können Sie mir nichtein wenig Tee geben und einen Bissen Brot?“

Jenny sah sich im Zimmer um.

„Ja, hier ist aber noch nicht aufgeräumt, Gram.“

„Ich mache die Augen zu, und dann sperren Sie mich hinaus auf denBalkon,“ sagte er an der Tür. „Ich bin ja so schrecklich durstig aufTee!“

„Na ja, dann warten Sie einen Augenblick.“ Jenny warf die Decke überdas ungemachte Bett und räumte den Waschtisch auf. Den Frisiermantelvertauschte sie gegen ihren langen Kimono.

„So, bitte. Setzen Sie sich auf den Balkon hinaus, dann werde ich IhnenTee bringen.“

Sie stellte ein kleines Taburett hinaus und brachte Brot und Käseherbei. Gram betrachtete ihre bloßen weißen Arme und die langen Aermeldes Kimono, die um sie herflatterten. Das Gewand war dunkelblau, mitgelben und violetten Iris durchwirkt.

„Wie wunderhübsch ist das Kleid — ein echtes Geishagewand!“

„Ja, es ist auch echt. Franziska und ich kauften uns beide eines inParis — für die Morgenstunden im Hause.“

„Das liebe ich an Ihnen, daß Sie so gut gekleidet umhergehen, auchwenn Sie allein sind.“ Er zündete sich[S. 111] eine Zigarette an und blicktein den Rauch. „Ach — des Morgens daheim — das Mädchen und Mutter undSchwester liefen umher und sahen aus wie —. Finden Sie nicht, Frauenmüßten sich so schön machen, als es ihnen nur möglich ist?“

„Doch. Aber es geht nicht, wenn man des Morgens den Haushalt in Ordnungbringen muß, Gram.“

„Zum Frühstück jedenfalls könnten sie sich doch das Haar machen undein Kleid anziehen wie dies da, nicht wahr?“ Im selben Augenblick finger eine Teetasse auf, die sie mit dem Zipfel ihres Aermels beinaheheruntergerissen hätte.

„Nun, da können Sie sehen, wie praktisch das ist — so, trinken Sie nunIhren Tee, Sie waren ja so durstig.“ Sie entdeckte plötzlich Franziskassämtliche helle Strümpfe, die zum Trocknen draußen hingen, und rafftesie in etwas nervöser Hast zusammen.

Er aß und trank, während er sprach.

„Ja, sehen Sie — ich lag und überlegte gestern, bis fast zum Morgen.Darum verschlief ich und hatte nicht mehr Zeit, noch in eine Latteriazu gehen. Ich finde, wir sollten auf die Via Cassia hinauswandern, zudem Plätzchen, wo Ihre Anemonen stehen.“

„Das Anemonenplätzchen.“ Jenny lachte leise. „Als Sie ein Junge waren,Gram, hatten Sie da auch Anemonenwinkel und Veilchenplätzchen unddergleichen, wo Sie jedes Jahr Ihre Blumen holten, die Sie vor denanderen Kindern verheimlichten?“

„Und ob ich welche hatte. Ich weiß noch einen Birkenhain, wo esduftende Veilchen gab, an dem alten Holmenkollenweg.“

„Oh, ich weiß,“ unterbrach sie ihn triumphierend. „wo der Sörkedalswegabbiegt, gleich rechts.“

„Richtig. Einen Ort wußte ich auch auf Bygdö, innerhalb Fredriksborg.Und in Skaadalen.“

„Aber ich muß jetzt hinein und mich umziehen,“ sagte Jenny.

[S. 112]

„Ziehen Sie das Kleid an, das Sie gestern trugen, das wäre lieb vonIhnen,“ rief er ihr nach.

„Es wird so staubig.“ Aber im selben Augenblick ärgerte sie sich. Warumsollte sie sich nicht damit putzen — das alte schwarzseidene Kleid warviele Jahre hindurch ihre Staatsrobe gewesen — nun brauchte sie eswirklich nicht mehr so ehrerbietig zu behandeln.

„Ach, Unsinn! Ja, aber es ist im Rücken zu schließen, und Cesca istjetzt nicht zu Hause.“

„Kommen Sie, ich werde es zuknöpfen, ich bin darin Spezialist, ichhabe meine Mutter und Sofie mein ganzes Leben lang im Rücken geknöpft,müssen Sie wissen.“

Es waren nur zwei Knöpfe, gerade in der Mitte, die sie nicht alleinschließen konnte. So ließ sie denn Grams Hilfe zu.

Er spürte den schwachen, milden Duft ihres Haares und Körpers, währendsie bei ihm draußen in der Sonne stand und ihn das Kleid zuknöpfenließ. An der einen Seite entdeckte er plötzlich einige kleineBruchstellen in der Seide, die sorgsam gestopft waren. Da füllte sichsein Herz mit einer unendlich weichen Zärtlichkeit für sie.—

„Finden Sie den Namen Helge nett?“ fragte er, als sie später in einerOsteria, weit draußen in der Campagna, zusammen bei Tisch saßen und zuMittag speisten.

„Ja, er ist hübsch.“

„Wissen Sie, daß ich mit Vornamen Helge heiße?“

„Ja, ich sah, daß Sie sich im Verein hatten eintragen lassen.“Gleichzeitig errötete sie, denn ihr fiel ein, daß er wohl denkenkönnte, sie hätte danach geforscht.

„Ja, ich glaube auch, der Name ist hübsch. Im Grunde gibt es wenige,die hübsch oder häßlich sind, nicht wahr? Kennt man irgend jemanden,der diesen oder jenen Namen hat, so kommt es darauf an, ob man diesenMenschen leiden mag oder nicht. Als ich ein Knabe war, hatten wir einKindermädchen, das Jenny hieß, die konnte ich nicht ausstehen. Seitdemmeinte ich immer, es sei ein häßlicher und gewöhnlicher Name und ichfand es so unglaublich, daß[S. 113] Sie Jenny hießen. Jetzt dagegen finde ichden Namen wunderhübsch, gleichsam so blond. Hören Sie nicht, daß seinKlang ganz lichtblond ist? Jenny — eine dunkle Frau kann so nichtheißen, Fräulein Jahrmann zum Beispiel nicht. Franziska paßt nun wiedergenau zu ihr, nicht wahr? Der Name ist so kapriziös, Jenny aber ist sohell, so frisch und klar.“

„Ich bin nach meinen Vorfahren so genannt. Es ist ein Familiennameväterlicherseits,“ erwiderte sie, nur um etwas zu sagen.

„Was stellen Sie sich zum Beispiel unter einer Rebekka vor?“ fragte erkurz darauf.

„Ich weiß nicht. Ist das nicht ganz hübsch? Vielleicht ein wenig hartund klappernd.“

„Meine Mutter heißt Rebekka,“ sagte Helge nach einer Weile. „Ich findeauch, es klingt hart. Und meine Schwester heißt Sofia. Sie heiratete,nur um von Hause fortzukommen und in ein eigenes Heim, davon bin ichüberzeugt. Ist es nicht merkwürdig, daß meine Mutter so entzückt war,sie verheiraten zu können? selbst hat sie mit meinem Vater wie Hund undKatze gelebt. Aber der Staat, der mit Kaplan Arnesen gemacht wurde,war grenzenlos, als meine Schwester und er sich verlobten. Ich kannmeinen Schwager nicht ausstehen. Ich glaube auch, mein Vater kann ihnnicht leiden. Aber Mutter. — Meine ehemalige Verlobte hieß Katharine,sie wurde aber immer nur Titti genannt. Ich sah, daß sie auch Tittiin die Zeitung setzen ließ, als sie sich verheiratete. Sie können mirglauben, das war eine dumme Geschichte. Es ist jetzt drei Jahre her.Sie hatte eine Vertretung an der Schule, wo ich Lehrer war. Hübsch warsie nicht im geringsten, nur rasend kokett allen Männern gegenüber; ichaber hatte es niemals erlebt, daß eine Dame sich etwas daraus machte,mit mir zu kokettieren. Das können Sie sich vielleicht denken, wennSie sich erinnern, welch eine Figur ich im Anfang hier unten machte.Und außerdem lachte sie immer — sie sprühte Funken, wenn sie sich nurbewegte. Sie war erst neunzehn Jahre alt, Gott[S. 114] weiß, warum sie micheigentlich nahm —. Ja, dann war ich natürlich rasend eifersüchtig,und das machte ihr Spaß. Je eifersüchtiger sie mich machte, destoverliebter wurde ich. Vielleicht war es meine Männereitelkeit — aberich hatte nun einmal eine Braut, die rasend umschwärmt war. Ich wardamals ja noch sehr grün. Natürlich verlangte ich, sie sollte sicheinzig um mich bekümmern, das war vermutlich ein ziemlich unbilligesVerlangen, so wie ich damals war. Wie gesagt, der Herrgott mag wissen,was Titti mit mir wollte. Zu Hause wollten sie, das Verlöbnis solltenoch geheimgehalten werden, weil wir so jung waren. Titti wollte esaber gern veröffentlichen, sie pochte darauf, daß ich fände, siesei zu sehr von anderen in Anspruch genommen, daß sie aber nichtausschließlich mit mir zusammen sein könnte, wenn wir nur heimlichverlobt wären. Sie kam dann nach Haus zu uns. Aber Mutter und siezankten sich immer. Titti haßte Mutter geradezu. Im übrigen wäre esimmer genau dasselbe gewesen, mit wem ich mich auch verlobt hätte.Mutter genügte der Umstand, daß sie meine Braut war. Ja, dann lösteTitti die Verbindung.“

„Waren Sie sehr unglücklich?“ fragte Jenny leise.

„Ja, das war ich. Ich kam eigentlich nicht ganz darüber hinweg, erst,als ich hier war. Es war sicher vor allem meine Eitelkeit, welche litt.Wenn ich sie wirklich geliebt hätte, so hätte ich wünschen müssen, daßsie mit dem anderen glücklich würde, den sie jetzt geheiratet hat. Daswar aber durchaus nicht der Fall.“

„Das wäre wohl ein bißchen zu viel Edelmut gewesen,“ sagte Jennylächelnd.

„Ich weiß nicht. Dies Gefühl müßte man eigentlich haben, wenn manwirklich liebte. Nicht wahr? Aber wissen Sie, was ich so sonderbarfinde? Daß Mütter gegen die Bräute ihrer Söhne so wenig freundlichgestimmt sind. Das ist nämlich immer dasselbe.“

„Eine Mutter meint wohl, keine Frau sei gut genug für ihren Jungen.“

[S. 115]

„Ja, es ist aber nicht so, wenn die Töchter sich verloben. Ich sah esdoch bei dem ekelhaften, rothaarigen, fetten Kaplan. Ich habe niemalsmit meiner Schwester sympathisiert. Wenn ich aber daran dachte, daßdieser Kerl — pfui. Wenn er zu Hause saß, und mit ihr koste ... Nein,wissen Sie, ich habe manchmal überlegt: Wenn Frauen eine Zeitlangverheiratet gewesen sind, werden sie weit zynischer als wir Männer.Sie sagen es nicht, aber ich merke es dennoch, wie zynisch sie imtiefsten Herzensgrunde geworden sind. Das Ganze ist ihnen nur einGeschäft — wenn die Tochter sich verheiratet, so sind sie froh.Nun hat man sie einem Kerl auf den Hals geladen, der sie mit sichschleppen, sie ernähren und kleiden muß. Daß sie sich als Gegenleistungin die Pflichten der Ehe zu finden hat, ist kein Grund, um die Sachebesonders feierlich zu nehmen. Wenn dagegen ein Sohn für die gleicheGegenleistung eine solche Last auf sich lädt, so sind sie naturgemäßnicht so begeistert. Glauben Sie nicht, daß darin ein Körnchen Wahrheitsteckt?“

„Mitunter trifft es wohl zu,“ sagte Jenny.

Als Jenny abends heimkehrte, zündete sie die Lampe an und begann andie Mutter zu schreiben — sie wollte am liebsten gleich für dieGeburtstagsgrüße danken und berichten, wie sie den Tag verlebt hatte.

Ueber ihre eigene Feierlichkeit am vergangenen Abend mußte sie lachen.

Ach, Herrgott! Ja, gewiß hatte sie es bitter gehabt und war einsamgewesen. Aber schwer hatten es eigentlich die meisten jungen Menschen,die sie gekannt. Viele noch weit schlimmer als sie. Sie brauchte nuran alle die alten und jungen Mädchen, Lehrerinnen auf der Volksschule,zu denken. Beinahe die meisten hatten eine alte Mutter zu versorgenoder Geschwister, denen sie vorwärtshelfen mußten. Auch Gunnar —und jetzt wieder Gram —. Sogar Cesca — das verwöhnte Geschöpf auseinem reichen Hause — mit ihren einundzwanzig Jahren hatte sie alle[S. 116]Brücken hinter sich abgebrochen und sich seitdem durchgehungert undvorwärtsgearbeitet, wobei ihr nur das kleine Muttererbe ein wenig half.

Und was ihre eigene Einsamkeit betraf, so hatte sie die ja selbstgewählt. Stellte sie eins zum anderen, so war der Grund dafür wohlder, daß sie ihren eigenen Fähigkeiten mißtraute. Und um den Zweifeltotzuschweigen, hatte sie sich daran geklammert, daß sie etwasBesonderes sei, etwas ganz Anderes als ihre Umgebung. Sie hatte dieanderen selbst von sich gestoßen. Nun sie ein Stück Wegs eroberthatte, sich bewußt war, daß sie zu etwas taugte, da war sie ja weitumgänglicher geworden, weit menschenfreundlicher. Sie mußte zugeben,daß sie nie versucht hatte, anderen entgegenzukommen, weder als Kindnoch als Erwachsene. Sie war zu hochmütig gewesen, den ersten Schrittzu tun.

Alle Freunde, die sie gehabt — vom Stiefvater bis zu Cesca und Gunnar— alle hatten zuerst die Hand nach ihr ausstrecken müssen.

Dann das andere: War sie wirklich die leidenschaftliche Natur, für diesie sich selbst hielt? Ach! Sie war achtundzwanzig Jahre alt geworden,ohne je das kleinste Gefühl der Liebe gekannt zu haben. Und dieseTatsache berechtigte sie zu dem Vertrauen zu sich selbst, daß sie alsFrau nicht Schiffbruch erleiden würde, sollte sie jemals einen Mannlieben. Gesund und schön war sie auch — mit frischen Sinnen, die nochempfänglicher geworden durch ihre Arbeit und ihr Leben in der Fremde.Selbstverständlich sehnte sie sich danach, zu leben und geliebt zuwerden — leben zu dürfen.

Sich jedoch selber weiszumachen, daß sie einer beliebigen Mannspersonin die Arme fliegen würde, die im kritischen Augenblick ihren Wegkreuzte — nur weil das Blut aufsässig war ...! Einbildungen, meinKind! Im Grunde wollte sie sich nur nicht eingestehen, daß sie sichhin und wieder ein wenig langweilte und ganz einfach das Verlangenempfand, eine kleine Eroberung zu machen und ein wenig umschwärmt zuwerden wie die kleinen[S. 117] Mädchen — was sie sonst eigentlich als einniedriges Verlangen ansah. So zog sie es vor, das Gefühl feierlichals Lebenshunger auszulegen und sehnsüchtige Sinne vorzutäuschen,Faseleien, auf die die armen Männer gekommen waren, weil die Aermstennicht wissen, daß die Frauen im allgemeinen gewöhnlich eitel unddumm sind, so daß sie sich langweilen, wenn sie nicht einen Mannzur Unterhaltung haben. Daher die ganze Fabel von den sinnlichenFrauen, die ebenso selten zu finden sind wie schwarze Schwäne unddisziplinierte, guterzogene Frauen.

Jenny stellte das Bildnis von Franziska auf die Staffelei. Die weißeBluse und der grüne Gürtel lagen jetzt noch hart und häßlich auf. DieFarben mußten gedämpft werden. Das Antlitz versprach gut zu werden, dieStellung war natürlich.—

Jedenfalls war kein Grund vorhanden, wegen dieser Geschichte mit Gramfeierlich zu werden. Sie mußte doch weiß Gott einmal beginnen sichnatürlich zu geben; diese Angst, die auch in den ersten Tagen ihrerBekanntschaft mit Gunnar in ihr war, und die sie immer empfand, wennein neuer Mann in ihren Gesichtskreis trat, Angst davor, daß sie sichin ihn verlieben könnte oder er sich in sie, mußte sie abzustreifensuchen. Der Gedanke, daß ein Mann an ihr Gefallen finden könnte, warihr so ungewohnt, daß auch er ihr Angst einflößte und sie verwirrte.

Man mußte doch gut Freund miteinander sein können; es wäre ja sonsttraurig bestellt um die Menschheit. Gunnar und sie waren ja Freunde —ruhig und fest. Zwischen ihr und Gram war so vieles, das die Grundlageeiner Freundschaft hätte bilden können. Sie hatten soviel Gleichesdurchgemacht.

Etwas so Junges und Vertrauensvolles lag in seinem Wesen ihr gegenüber.Dieses „Nicht wahr?“ und „Finden Sie nicht?“, mit dem er immer kam.

Sein Gerede von gestern, daß er sie liebe — oder zu lieben glaube, wieer sich ausdrückte! Sie lachte vor[S. 118] sich hin. Nein, ein erwachsenerMann sprach nicht so, wenn er eine Frau ernstlich liebte und gewinnenwollte.

Er war wirklich ein lieber Junge.

Heute hatte er diese Frage gar nicht berührt.

Ein warmes Gefühl für ihn war in ihr aufgewallt, als er sagte, wenn ersie wirklich geliebt hätte, hätte er doch wünschen müssen, daß seineehemalige Braut mit dem Andern glücklich würde.

X.

Jenny und Helge liefen Hand in Hand die Via Magnanapoli hinab. DieStraße bestand aus einer einzigen Treppe, die zum Trajanischen Forumhinunterführte. Auf der letzten Stufe zog er sie an sich und gab ihrblitzschnell einen Kuß.

„Bist du toll, weißt du nicht, daß es hierzulande nicht erlaubt ist,auf der Straße zu küssen?“

Dann lachten sie beide. An einem der ersten Abende hatten zwei Wächtersie auf dem Lateranplatz angesprochen. Sie waren unter den Pinien ander alten Stadtmauer auf und ab gegangen und hatten sich geküßt.

Der letzte Sonnenstreifen berührte die Bronzestatue des Heiligen aufder Säule und flammte an dem Mauerwerk der Häuser und an den Baumkronender Anhöhe auf. Der Platz mit seinen alten verfallenen Häusern rings umdas ausgegrabene Forum unterhalb des Straßenkörpers lag im Schatten.

Jenny und Helge lehnten sich über das Geländer und versuchten,die fetten faulen Katzen zu zählen, die sich zwischen den grauenSäulenstümpfen drunten auf der grasüberwucherten Schuttstätte breitmachten. Jetzt bei beginnender Dämmerung erwachten sie allmählich zumLeben. Ein rotes Tier, das auf dem Sockel der Trajanssäule gelegenhatte, reckte sich, wetzte seine Krallen am Mauerwerk und setzte inlautlos weichem Sprung auf das Gras, glitt wie ein heller Schattendavon und verschwand.

[S. 119]

„Ich zähle nicht mehr als dreiundzwanzig,“ sagte Helge.

„Ich fünfundzwanzig.“ Sie wandte sich halb um und verscheuchte einenAnsichtskartenverkäufer, der herbeigekommen war und seine Ware in allenmöglichen Sprachen anbot.

Dann beugte sie sich wieder über das Geländer und starrtegedankenverloren in das buschige Gras, sich der leisen, glücklichenMattigkeit hingebend, die eines langen Sonntages unzähligen Küssendraußen auf der mattgrünen Campagna folgte. Helge hielt ihre Hand aufseinem Arm fest und streichelte sie; Jenny strich über seinen Aermelund barg die Hand zwischen seine beiden Hände, während Helge leise undfroh vor sich hinlachte.

„Lachst du, Jung?“

„Ich dachte nur an die Altertumsforscher.“ Da lachte sie auch — stillund gedankenlos, wie glückliche Menschen über etwas Gleichgültigeslachen.

Des Morgens waren sie über das Forum gegangen, hatten eine Weileoben auf dem hohen Sockel der Foscassäule gesessen und miteinandergeflüstert. Zu ihren Füßen breitete sich das Ruinenfeld aus, vomSonnenlicht vergoldet und vom Alter verwittert, während Touristen,klein und schwarz, zwischen den Mauerresten umherkrabbelten. Aberein wenig abseits, inmitten der Scharen der Reisegesellschaft dieEinsamkeit suchend, schlenderte ein jungverheiratetes Paar. Er warfettleibig, sommersprossig und blond, mit Kniehosen und Kodak, undlas seinem jungen Weibe aus dem Baedeker vor. Sie aber, ganz jung,üppig und dunkel, mit einem angeborenen hausfraulichen Gepräge indem weichen, mehlweißen Gesicht, setzte sich auf einer umgestürztenSäule in Positur, worauf der Mann sie knipste. Die beiden aber, dieoben zu Füßen der Foscassäule saßen und von ihrer Liebe flüsterten,gedankenlos, unbekümmert darum, daß sie sich zufällig auf dem ForumRomanum befanden, lachten.

„Bist du hungrig?“ fragte Helge.

„Nein. Du?“

[S. 120]

„Nein. Weißt du, wozu ich Lust hätte?“

„Nein?“

„Mit dir nach Haus zu gehen, Jenny. Bei dir zu Hause heute Abend Tee zutrinken. Geht das nicht?“

„Ja, natürlich.“

Sie schickten sich an, durch die Stadt hinabzugehen, durch dieSeitengassen, Arm in Arm.

Auf ihrem dunklen Treppenflur riß er sie plötzlich an sich. Sein Armlag hart unter ihrer Brust, und er küßte sie wild und heftig, daß ihrHerz plötzlich stark und angstvoll zu schlagen begann. Zorn über sichselbst stieg in ihr auf, weil sie diese Furcht nicht zu überwindenvermochte.

„Mein lieber Junge,“ flüsterte sie in der Dunkelheit; sie wollte sichdadurch selber zur Ruhe zwingen.

„Wart’ noch einen Augenblick,“ flüsterte Helge, als sie drin das Lichtanzünden wollte. Er küßte sie wie vorher. „Zieh dieses Geishagewand an,du siehst so lieb darin aus — ich setze mich solange auf den Balkonhinaus.“

Jenny zog sich im Finstern um. Dann setzte sie Teewasser auf und fülltedie Vasen mit Anemonen und Mandelzweigen, bevor sie ihn hereinrief unddie Lampe anzündete.

„O Jenny!“ Er zog sie wieder an sich.

„Du bist so schön. Alles ist so schön an dir. O, es ist herrlich beidir zu sein. Ich wünschte, ich könnte immer bei dir sein.“

Sie legte beide Hände um sein Gesicht.

„Jenny, möchtest du das auch, daß wir immer beisammen sein könnten?“

Sie blickte ihm in die schönen, goldbraunen Augen:

„Ja Helge. Das möchte ich auch.“

„Wünschst du nicht auch, daß er nie ein Ende nähme, dieser Lenz hierunten — unser Lenz?“

„Doch.“ Sie warf sich jäh im seine Arme „O ja, Helge.“ Sie küßte ihnund ließ ihre halbgeöffneten Lippen und ihre geschlossenen Augen ummehr Küsse flehen. Die Worte von ihrem nimmer endenden Frühling[S. 121]schienen einen leisen angstvollen Schmerz in ihr zu wecken, sie wußte,daß dieser Frühling und ihr Traum einmal ein Ende finden würden.Und im Unterbewußtsein lag eine leise Furcht, über die sie sich keineRechenschaft geben wollte, die aber lebendig geworden war, als ersagte: möchtest du, daß wir immer zusammen blieben?

„Ich wünschte, ich brauchte nicht heimzureisen,“ sagte Helge innig.

„Ich reise doch auch,“ flüsterte sie sanft. „Wir kehren wieder hierherzurück, Helge. Zusammen.“

„Du hast dich also entschlossen, nach Hause zu fahren? Und nun kommeich dazwischen und zerstöre alle deine Pläne?“

Sie küßte ihn rasch und sprang fort zum kochenden Teewasser.

„Nein, ich war schon vorher halb dazu entschlossen, siehst du, da Mamamich ja doch sehr nötig hat.“ Sie lachte. „Fast schäme ich mich — sieist ja so gerührt darüber, daß ich nach Hause komme und ihr helfenwill. Und dabei ist es nur, weil ich mit meinem Liebsten zusammen seinmöchte. Aber es ist schon gut so. Ich wohne ja billiger zu Haus, wennich ihr auch beistehe, und kann vielleicht ein wenig sparen. Dannbewahre ich das Geld auf — bis auf später ...“

Helge nahm die Teetasse, die sie ihm reichte. Dann ergriff er ihre Hand.

„Aber wenn du das nächste Mal fortreist, nimmst du mich mit! Ja, denn— du willst doch — du meinst doch — daß wir uns heiraten, Jenny?“

Sein Antlitz war so jung und sah in so banger Frage zu ihr auf, daß siees wieder und wieder küssen mußte. Sie vergaß, daß sie sich vor diesemWort selbst gefürchtet hatte, das vorher zwischen ihnen nicht gefallenwar.

„Es wird wohl das Praktischste sein, mein Junge. Da wir uns dochdarüber einig sind, daß wir immer zusammen bleiben wollen.“

Helge küßte still ihre Hand.

[S. 122]

„Wann?“ flüsterte er nach einer Weile.

„Wann du willst,“ erwiderte sie ebenso leise — und fest.

Wieder küßte er ihre Hand.

„Ich wünschte, es ließe sich so einrichten, daß wir uns hier untenheiraten könnten,“ sagte er kurz darauf in einem anderen Ton.

Sie antwortete nicht, sondern strich nur über sein Haar.

Helge seufzte auf: „Aber es geht nicht. Wenn wir doch bald nach Hausefahren müssen ... Es würde wohl auch deine Mutter kränken — so eineübereilte Hochzeit, nicht wahr?“

Jenny schwieg. Es war ihr noch niemals in den Sinn gekommen, daß sieihrer Mutter Rechenschaft schuldig war für ihre Heirat, so wenig alsihre Mutter sie gefragt hatte, als sie wieder heiratete.

„Ich weiß jedenfalls, daß es meine Eltern verletzen würde. Ich binnicht eben froh darüber, Jenny, aber ich weiß, es würde der Fall sein.Am liebsten möchte ich nach Hause schreiben, daß ich mich verlobt habe.Und da du etwas früher als ich nach Hause reisen willst — würdest dudann wohl zu uns hinaufgehen und sie begrüßen?“

Jenny warf den Kopf zurück, geradeso, als wollte sie ein unbehaglichesGefühl verjagen. Dann sagte sie:

„Ich werde tun, was du willst, mein Freund; das kannst du dir wohldenken.“

„Ich denke selbst nicht gern daran, Jenny. O nein. Es ist so herrlichgewesen, dies hier — nur du und ich auf der ganzen Welt. Aber eswürde meine Mutter sehr verletzen, weißt du. Ich möchte ihr das Lebennicht noch schwerer machen, als es für sie schon ist. Ich liebe meineMutter nicht mehr so wie früher — das weiß sie auch, und grämt sichsehr darüber. — Es sind ja nur Formalitäten, aber sie würde sehrdarunter leiden, wenn sie glauben müßte, ich wollte sie übergehen. Siewürde denken, daß es eine Rache sei für die Geschichte, du[S. 123] weißt....Wenn das dann überstanden ist, Jenny, können wir heiraten. Dann hatuns niemand weiter dreinzureden. Ich wünschte, daß es recht bald seinkönnte. Du nicht auch?“

Sie küßte ihn als Antwort.

„Ich sehne mich ja so nach dir, Jenny,“ flüsterte er. Jenny wehrte sichnicht gegen seine Liebkosungen. Aber plötzlich ließ er sie los, scheuund hastig ...

Ein wenig später saßen sie am Ofen und rauchten, sie im Lehnstuhl, erauf dem Fußboden, den Kopf in ihrem Schoß.

„Kommt Cesca auch heute Nacht nicht nach Hause?“ fragte er plötzlichleise.

„Nein, sie bleibt bis Ende der Woche in Tivoli,“ sagte Jenny schnellund ein wenig nervös.

Helge liebkoste ihre Knöchel und Spann unter dem Saum dem Kimono.

„Du hast so schöne, schmale Füße, Jenny!“ Er strich über die schlankeWade. Und plötzlich preßte er ihr Bein heftig an seine Brust.

„Du bist ja so herrlich, so herrlich. Ich hab dich so lieb — weißtdu, wie ich dich liebe, Jenny? Ich will hier auf dem Boden liegen, dirzu Füßen — setz die kleinen schmalen Schuhe auf meinen Nacken — tues!“ Er warf sich plötzlich lang vor ihr nieder, versuchte, ihre Beinehochzuheben und ihre Füße auf seinen Kopf zu legen.

„Helge. Helge!“ Seine plötzliche Heftigkeit jagte einen kurzen Schreckdurch ihren Körper. Aber ich habe ihn doch lieb, sagte sie zu sichselbst. Fürchte ich mich denn vor dem, was mein Geliebter will? Siefühlte seine brennend heißen Hände durch die dünnen Strümpfe.

Als sie aber merkte, daß er sie unter die Schuhsohle küßte, stiegplötzlich ein Unwillen in ihr empor. In einem verwirrten Gefühl vonAngst und Unlust lachte sie gezwungen auf.

„Nein Helge, laß sein — die Schuhe, mit denen ich auf den schmutzigenStraßen umhergehe!“

[S. 124]

Helge Gram richtete sich auf — ernüchtert und gedemütigt. Sie suchtees wegzulachen:

„Bedenke doch, die Schuhe — du kannst dir doch denken, daß Tausendevon ekelhaften Bakterien daran kleben.“

„Ach, du Pedant! Und du willst Künstlerin sein?“ Jetzt lachte er auch.Uebertrieben lustig, um seine Verwirrung zu verbergen, nahm er siein seine Arme, während sie beide aus vollem Halse lachten: „ReizendeBraut, laß mich sehen — gewiß doch. Du riechst nach Terpentin undOelfarben.“

„Unsinn, Geliebter! Ich habe bald drei Wochen lang keinen Pinselangerührt. Du sollst dich aber waschen, bitte sehr.“

„Hast du vielleicht Karbolwasser, damit ich gehörig desinfiziertwerde?“ Er überfiel sie mit eingeseiften Händen. „Frauenzimmer sindchemisch gereinigt von aller Poesie, sagte mein Vater immer.“

„Ja, darin hat dein Vater Recht, Junge!“

„Du verstehst es, eine Kaltwasserkur zu verordnen,“ sagte Helge lachend.

Jenny wurde plötzlich ernst. Sie ging auf ihn zu und legte beide Händeauf seine Schultern, indem sie ihn küßte:

„Ich will nicht, daß du auf dem Erdboden zu meinen Füßen liegst, Helge!“

Als er aber gegangen war, schämte sie sich. Es war wohl doch so, alswenn sie eine Kaltwasserkur hätte verordnen wollen, dachte sie. Siewollte es aber nicht wieder tun. Sie liebte ihn doch.

Heute Abend hatte sie eine Niederlage erlitten. Ihr war der Gedankegekommen, was wohl Signora Rosa sagen würde, wenn sich etwas ereignete.Und diese Furcht vor einem Auftritt mit einer gekränkten Signora, undihr eigener Versuch, aus diesem Grunde das Versprechen, das[S. 125] sie ihremJungen gegeben hatte, nicht einzulösen, demütigte sie.

Denn, als sie seine Küsse entgegennahm, seine Küsse erwiderte, daverpflichtete sie sich ja, ihm alles zu geben, was er von ihr erbittenwürde. Sie war ja die Letzte, die sich auf ein Spiel einlassen wollte— Liebe annehmen und Kleinigkeiten zurückgeben, nicht mehr, als daßsie sich ohne Verlust von dem Spiele zurückziehen könnte, wenn sie sichanders entschieden hätte.

Diese Angst vor etwas, das sie noch nie durchgemacht hatte, war imGrunde nur Nervosität.

Und doch, sie war froh gewesen, solange er sie nicht um mehr gebeten,als sie fröhlich gewähren konnte. Die Stunde mußte ja kommen, wo sieselbst den Wunsch hatte, ihm alles zu geben.

Ach, es war so langsam und unmerklich gekommen, wie der Frühling hierim Süden. Ebenso gleichmäßig und sicher, ohne schroffe Uebergänge. Esgab keine kalten und stürmischen Tage, die das Herz wild machten vorSehnsucht nach Sonne und überströmendem Licht, nach verzehrender Glut.Keinen jener unheimlich klaren, endlosen, hinreißenden Lenzabende wiedaheim. War der Sonnentag vorübergegangen, so fiel die Nacht still undgleichmäßig hernieder, die Kühle kam im Gefolge der Finsternis undverleitete nur zu geborgenem, ruhigem Schlummer zwischen den warmen,schimmernden Tagen. Jeder Tag war ein wenig wärmer als der vergangene,jeder Tag brachte einige Blumen mehr auf der Campagna, die doch nichtgrüner war als gestern und dennoch soviel grüner und weicher als voreiner Woche.

So war zu ihr auch die Liebe gekommen. Jeden Abend war ihre Sehnsuchtnach dem folgenden Sonntag mit ihm draußen vor den Mauern gewachsenund ganz allmählich wandelte sich ihr Sehnen und suchte ihn selberund seine junge, warme Liebe. Sie hatte seine Küsse hingenommen, weiles sie glücklich machte, und Tag für Tag waren ihrer Küsse mehr, bisendlich die Gespräche zwischen ihnen verstummt und zu lauter Küssengeworden waren.

[S. 126]

Sie sah, daß er reifer und männlicher wurde, mit jedem Tage. AlleUnsicherheit glitt von ihm ab; die plötzliche Niedergeschlagenheitüberfiel ihn jetzt nie mehr. Sie selbst wurde sicherer, wärmer,fröhlicher. Es war nicht mehr ihrer Jugend kühle, streitbareSelbstsicherheit, sondern eine herzliche Sorglosigkeit; sie war nichtmehr mißtrauisch gegen das Leben, das sich ihren Träumen nicht hattefügen wollen. Jetzt nahm sie vertrauensvoll jeden Tag hin, in froherErwartung, daß das Unvorhergesehene gut werde und zum Guten gewendetwerden könne.

Warum sollte die Liebe nicht so kommen dürfen — langsam wie die Wärme,die von Tag zu Tag wuchs und sich Zeit ließ, sich auszubreiten undglühender zu werden. Weil sie früher geglaubt hatte, die Liebe käme wieein Unwetter, das im Nu einen anderen Menschen aus ihr schüfe, den sieselbst nicht kannte, über den ihr alter Wille keine Macht mehr hatte?

Helge — er nahm dieser Liebe langsames, gesundes Erblühen so unendlichsanft und ruhig hin. An jedem Abend, wenn sie einander Gute Nachtgewünscht hatten, war ihr Herz von Dank für ihn erfüllt, daß er sienicht um mehr gebeten, als sie an diesem Tage geben konnte.

Oh, wenn sie doch nur hierbleiben könnte, bis zum Mai, zum Sommer, denganzen Sommer über! Wenn ihre Liebe hier unten reifen könnte, bis sieganz eins geworden waren, so selbstverständlich, wie sie jetzt einandernäher traten.

Irgendwo in den Bergen zusammen wohnen können, diesen Sommer! DieFormalitäten der Eheschließung könnten sie dann hier in der Stadt inOrdnung bringen oder im Herbst zu Hause. Natürlich wollten sie sichheiraten, wie es üblich war, wenn zwei einander liebten.

Dachte sie daran, daß sie nach Hause reisen sollte, so war es ihr, alsfürchte sie, aus einem Traum zu erwachen.

Aber das war ja alles Unsinn. Sie hatten sich doch so unsagbar lieb.Nein, sie konnte diese Störungen mit[S. 127] Verlöbnis und Besuch beiVerwandten und dergleichen nicht leiden. Doch das waren Nichtigkeiten.

Aber ewig Dank für diesen weichen Lenz hier unten, der sie so stillund sanft einander zugeführt hatte, Beide allein draußen zwischen denTausendschön der frühlingsjungen Campagna.

„Glaubst du nicht, Jenny wird es eines Tages bereuen, daß sie sichmit diesem Gram verlobt hat,“ fragte Franziska Gunnar Heggen, als sieeinmal oben bei ihm saß.

Heggen wendete und drehte seine Zigarre hin und her. Er bemerkteplötzlich, daß es ihm früher niemals in den Sinn gekommen war, wieindiskret es sei, Franziskas Angelegenheiten mit Jenny zu erörtern.Aber über Jennys intimere Verhältnisse mit Franziska zu sprechen, waretwas anderes.

„Begreifst du, was sie mit ihm will?“ fragte Franziska wieder.

„Das begreift man in den meisten Fällen nicht, Cesca. Besonders, wasihr mit diesem oder jenem Menschen wollt. Ich glaube bei Gott,“ erlachte leise vor sich hin, „wir bilden uns ein, daß wir wählen. Aberwir gleichen unseren Brüdern, den unvernünftigen Tieren, mehr, als wirzugeben wollen. Eines schönen Tages ist über unsere Liebe verfügt,wobei unsere natürliche Veranlagung die Hauptschuld trägt, während Ortund Gelegenheit das Uebrige tun.“

„Ich verstehe dich nicht, Gunnar,“ sagte Franziska und zog dieSchultern hoch. „Ist denn so über dich dauernd verfügt worden?“

Gunnar lachte — ein wenig unwillig:

„Vielleicht nie — in genügendem Maße. Ich habe nie den kritiklosenGlauben an eine Frau, daß sie die einzige sei, kennen gelernt. Dergehört aber auch mit zur rechten Liebe, und wiederum ist die natürlicheVeranlagung des Menschen die Ursache dazu.“

[S. 128]

Franziska starrte gedankenvoll vor sich hin:

„Es mag häufig der Fall sein. Aber es kommt auch vor, daß man einenbestimmten Menschen liebt, ohne daß Zeit und Umstände die Triebfedersind. Ich — ich liebe jenen Mann, weil ich ihn nicht verstehe. Ichkonnte es damals nicht fassen, daß es Menschen seiner Art geben sollte.Ich wartete auf ein Ereignis, das alles, was ich gesehen und beobachtethatte, ins rechte Licht rücken und erklären würde. Ich grub nach einemverborgenen Schatz — und da wurde ich besessen, je länger ich grub.Und der Gedanke, daß eine andere Frau ihn finden könnte, brachte michschließlich an den Rand des Wahnsinns. — Es gibt Menschen, dieeinen anderen lieben, weil dieser in ihren Augen vollkommen ist, weilsie in ihm gefunden haben, wonach es sie verlangte. Hast du nie dieLiebe gekannt, die dich nur Gutes und Schönes und Edles an einem Weibesehen ließ, so daß du alles an ihm lieben mußtest?“

„Nein,“ sagte er kurz.

„Ja, aber das ist erst die richtige Liebe. Meinst du nicht? Undich hätte gewünscht, daß Jenny auf diese Art lieben würde. Aber sokann sie Gram nicht lieben.“

„Ich kenne ihn eigentlich gar nicht, Cesca. Ich weiß nur, er ist nichtso dumm wie er aussieht, wie man zu sagen pflegt. Das heißt, ichglaube, er ist bedeutender, als man nach dem ersten Eindruck denkensollte. Jenny hat wohl gemerkt, wes Geistes Kind er eigentlich ist.“

Cesca schwieg. Sie entzündete eine Zigarette und ließ dasWachszündhölzchen ausbrennen, mit den Augen gedankenvoll der Flammefolgend.

„Hast du nicht bemerkt — er fragt immer ‚finden Sie nicht?‘ und‚stimmt das nicht?‘ und so. Liegt nicht etwas Feminines oder Unfertigesüber ihm?“

„Vielleicht. Aber es kann ja sein, daß gerade dies Jenny angezogen hat.Sie ist ja stark und auch selbständig. Vielleicht mag sie am liebstengerade einen Mann, der schwächer ist als sie selber.“

[S. 129]

„Ich will dir etwas sagen, Gunnar. Ich glaube gar nicht, daß Jennyso stark und selbständig ist. Sie war aber auch auf sich selberangewiesen. Daheim mußte sie unterstützen und helfen und selbst besaßsie keine Seele, bei der sie Schutz suchen konnte. Als wir uns kennenlernten, nahm sie sich meiner an, weil sie sah, daß ich viel weicherwar als sie und ihrer bedurfte. Jenny hat immer Menschen getroffen, diebei ihr Zuflucht suchten. Auch Gram bedarf ihrer. Ja, sie iststark und sicher, sie fühlt es auch, und niemand bittet vergebens umihre Hilfe. Aber kein Mensch vermag auf die Dauer immer Anderen eineStütze zu sein, ohne je selber zu empfangen. Begreifst du denn nicht,daß sie furchtbar einsam werden muß, wenn sie immer die Stärkste seinsoll? Sie ist allein, und heiratet sie diesen Menschen, so wirdes auch nicht anders. Alle sprechen wir mit Jenny über uns selbst, sieaber hat niemanden, mit dem sie reden kann. Oh, Jenny sollte einen Mannhaben, zu dem sie aufsehen könnte, dessen Autorität sie fühlte, zu demsie sagen könnte: so und so habe ich gelebt, so habe ich gearbeitetund so habe ich gekämpft, denn so, meinte ich, sei es recht gewesen.Sie sollte einen Menschen haben, der über ihr Recht und Unrecht zuentscheiden imstande ist. Gram kann es nicht, er ist ihrunterlegen. Und dann kann sie auf sein Urteil nicht vertrauen, nichtwahr? Der Mann, den Jenny braucht, muß genügend Autorität besitzen,um ihre Gedanken zu bestätigen oder zu verwerfen. ‚Nicht wahr?‘ und‚finden Sie nicht?‘ — jetzt sollte Jenny so fragen dürfen!“

Sie schwiegen beide lange, dann blickte Heggen auf und sagte:

„Es ist recht seltsam, Cesca. Gilt es deine eigenen Geschichten,so weißt du meistens weder aus noch ein. Wenn du aber über dieAngelegenheiten anderer sprichst, so habe ich oft den Eindruck, alssähest du am klarsten von uns allen.“

Franziska seufzte schwer auf:

„Darum habe ich ja auch oft die Idee, ins Kloster[S. 130] zu gehen, Gunnar.Wenn ich außerhalb des Ganzen stehe und es beschaue, so glaube ich,alles zu begreifen. Wenn ich aber selbst mitten drin sitze, so verwirrtes mich vollständig.“

XI.

Die saftigen, blaugrünen Riesenblätter der Kaktusbüsche waren zerrissenvon Namen, Buchstaben und Herzen. Helge stand und schnitzte ein H undein J hinein. Jenny hatte den Arm um seine Schulter gelegt und sah ihmzu.

„Wenn wir hierher zurückkehren,“ sagte Helge, „so ist es eine solchebraune Narbe wie die anderen. Glaubst du, daß wir es wiederfinden,Jenny?“

Sie nickte.

„Unter all den anderen,“ sagte er mißmutig. „Es stehen so viele Namenhier. Wir gehen dann wieder hier hinaus und suchen danach — wollenwir?“

„Ja.“

„Glaubst du daran, daß wir wieder hierher kommen, Jenny? Daß wir wiederhier stehen werden wie jetzt — oder nicht?“ Er zog sie an sich.

„Warum sollten wir nicht, mein Freund?“ Eng umschlungen gingen sie aufihren Tisch zu. Und dicht aneinandergeschmiegt saßen sie und starrtenauf die Campagna hinaus.

Der Sonnenschein des Frühlingstages rückte höher hinan und dieSchlagschatten wanderten über die Hügel. Mitunter schoß das Licht ingroßen Strahlenbündeln hervor, wenn blanke Wolken, leicht und ruhigbewegt, über den blauen Himmel dahinsegelten. Aber draußen am Horizont,wo der dunkle Eukalyptuswald bei Tre Fontane über den entferntestenHügelkamm lugte, dampfte ein perlenweißer Nebel auf; gegen Abend würdeer wohl wachsen und den ganzen Himmel überfluten.

Weit drüben in der Ebene floß die Tiber dem Meere zu, golden, wenn sieder Sonnenschein traf, doch bleigrau[S. 131] mit mattem Glanz wie der Baucheines Fisches, wenn die Wolken sich in ihr spiegelten.

Die Tausendschön leuchteten wie frischgefallener Schnee auf den Hügeln.Auf dem Abhang unterhalb des Gemüsegartens der Osteria keimte der jungeWeizen empor, lichtgrün und seidenweich. Mitten auf dem Acker draußenstanden zwei Mandelbäumchen, deren Blütenkronen blaßrot schimmerten.

„Unser letzter Tag in der Campagna,“ sagte Helge. „Ist es nichtseltsam?“

„Für dieses Mal —“. Sie küßte ihn und wollte ihrem eigenen Mißmutnicht nachgeben.

„Ja. Denkst du niemals daran, Jenny, daß es, wenn wir wieder hiersitzen, dann so nicht wieder sein kann wie jetzt? Man ändert sichdauernd, Tag für Tag — wir sind nicht mehr dieselben, wenn wir wiederhier unten sitzen. Nächstes Jahr — nächsten Frühling — es ist dannnicht mehr dieser Frühling, Jenny. Wir sind dann auch nicht mehrgenau dieselben. Und unsere Liebe? Wir werden uns ebenso lieben,aber nicht auf ganz dieselbe Art.“

Jenny zog die Schultern hoch, als wenn es sie fröstelte:

„So etwas würde eine Frau niemals sagen, Helge,“ und sie versuchte zulachen.

„Findest du es so seltsam, daß ich das sage? Ich kann nicht von demGedanken loskommen. Denn ich finde, diese Monate haben mich so sehrverändert. Dich auch — entsinnst du dich des ersten Morgens? Dusagtest, alles sei dir so verändert erschienen, als du hinaustratest.So wie ich war, als ich hierher kam, konntest du mich damals ja nichtliebgewinnen, Jenny, nicht wahr?“

Sie strich ihm über die Wangen:

„Aber Helge, mein Jung, das ist ja eben die große Veränderung —daß wir uns liebgewonnen haben. Und unsere Liebe wächst und wächstbeständig. Wenn wir uns jetzt verändern, so liegt das nur daran, daßunsere Liebe wächst. Darum braucht man doch keine[S. 132] Furcht zu hegen? Wirsind zwei frohe Menschen geworden — das ist die Veränderung. Entsinnstdu dich des Tages — meines Geburtstages — des Tages auf der ViaCassia? Die ersten feinen Fäden begannen damals, sich zwischen uns zuspinnen; jetzt ist ein starkes Band daraus geworden und es wird immerstärker. Ist das ein Grund, sich zu fürchten, Helge?“

Er küßte sie auf den Hals:

„Morgen reist du —“.

„Ja. Und in sechs Wochen kommst du nach.“

„Ja. Aber dann sind wir nicht hier. Wir können nicht in die Campagnafahren. Das ist es eben, daß wir mitten im Frühling aufbrechen müssen.“

„Daheim haben wir auch Frühling, Helge. Auch dort gibt es Lerchen. Siehdiese treibenden Wolken — das ist fast wie daheim. Denk an den VestreAker, Jung — an ganz Nordmarken. Da wollen wir zusammen hinauf gehen.Oh, der Frühling daheim, mit weißen Schneestreifen in allen Schluchtenrings um den blauen, blauen Fjord! Dann die letzten Schneeschuhfahrtenauf der Frühjahrsbahn; wir machen vielleicht in diesem Jahre auch nocheine Skifahrt zusammen. Wenn der Schnee so naß ist, daß er nicht einmalknirscht, wenn alle Bäche brausen und sprudeln, der Abendhimmel sichüber uns breitet, grün und klar, mit großen glitzernden Goldsternenbestickt und die Skier in den Felsspalten schürfen und knirschen.“

„Ja, ja.“ Er bog sie sanft zu sich hinüber. „Vestre Aker — Nordmarken.... Ich bin dort soviel allein umhergegangen, daß es mir davor graut.Ich habe das Gefühl, als müßten dort Fetzen meiner alten abgelegtenSeelen auf jedem Busche hängen.“

„Still, still! Es kann so schön werden. Mit meinem Freunde an all denOrten umherzugehen, wo ich so viel allein und traurig gewesen bin, somanchen Lenz hindurch.“

Hand in Hand wanderten sie über die graugrüne Campagna. Jetzt, gegenAbend, hatte der Wolkenschleier sich über den ganzen Himmel gebreitet,und ihnen entgegen wehte der Frühlingswind.

[S. 133]

Jenny sagte weh und sehnsuchtsvoll jedem einzelnen Dinge Lebewohl.Drunten auf der Fahrstraße knirschten Heuwagen, von Ochsen gezogen,deren weißgraue Haut in sammetweiches Braun überging, und vor denblaubemalten Weinkarren läuteten die Glöckchen an dem roten Saumzeugder Maultiere.

Alles war lieb und vertraut hier draußen, alles hatte sie Tag für Tagmit ihm zusammen hier gesehen und selber nicht gewußt, daß sie essah; nun fühlte sie plötzlich, daß alles in ihre Seele eingebrannt warzugleich mit der Erinnerung an diese Tage.

Hier der trockene, rotbraune Hügel, dessen starres, kurzes Wintergrasvon Tag zu Tag weicher und grüner geworden war, die treuen Tausendschönauf der mageren Erde, die geheimnisvollen Gruben, in die das Erdreichzusammengestürzt war, vor denen sie verwundert gestanden hatten; diedornigen Hecken am Rande der Wege und die blanken, saftiggrünen Blätterder wilden Kalla unter den Büschen ...

Der Lerchen unablässiges Trillern hoch oben unter der weißenHimmelskuppel, die wunderlich glasartigen Töne der unzähligenDrehorgeln, die weit draußen auf den Osterien in der Ebene zum Tanzaufspielten und immer die gleichen kleinen italienischen Melodien hörenließen.

Der Gedanke, daß sie von diesem allen lassen sollte, kam ihr so sinnlosvor.

Sie ging mit Helge durch den flutenden Frühlingswind, der ihrenKörper durchkühlte wie ein Bad; sie fühlte sich selbst wie ein kühles,frisches, saftgefülltes Blatt, und sie sehnte sich danach, sich ihm zugeben.

In ihrem dunklen Hausflur sagten sie sich zum letzten Male Lebewohl.Sie wollten nicht voneinander lassen.

„Könnte ich doch heute Nacht bei dir bleiben! Jenny!“

„Helge.“ Sie drängte sich an ihn. „Du darfst!“

Er umfaßte sie heftig, ihre Hüften, ihre Schultern. Aber sobald sie esausgesprochen hatte, erzitterte sie. Sie[S. 134] wußte selbst nicht, warumihr Angst wurde — sie wollte nicht ängstlich sein. Im selbenAugenblick bereute sie, daß sie eine Bewegung gemacht hatte, als wolltesie sich aus seiner harten Umarmung befreien. Aber da hatte er sieschon freigegeben.

„Nein. Nein. Ich weiß ja, daß es unmöglich ist.“

„Ich will ja so gern,“ flüsterte sie gedemütigt.

„Ja, ja.“ Er küßte sie. „Ich weiß, daß du ... aber ich weiß auch, daßich nicht darf—.“

„Dank, Jenny! Hab Dank für alles! Jenny, Jenny — Dank für deine Liebe!Gute Nacht.“—

Die Tränen rannen kalt über ihre Wangen, als sie in ihrem Bett lag. Sieversuchte sich selbst klarzumachen, daß es sinnlos sei, zu liegen undso zu weinen als wäre irgend etwas Schönes zu Ende gegangen, irgend einGlück zersprungen.

Zweites Buch

[S. 137]

I.

Als Jenny in Fredrikshald über den Bahnsteig lief, um im Warteraumein wenig Kaffee zu sich zu nehmen, hielt sie einen Augenblick inne.Irgendwo über ihr tirilierte eine Lerche.

Sie schloß die Augen, als sie dann am Abteilfenster saß. Die Sehnsuchtnach dem Süden war schon erwacht.

Der Zug sauste an kleinen, mutwillig zerrissenen und geborstenenBergkuppen aus rotem Granit vorbei. Der Fjord schimmerte stellenweisein ungebrochenem, leuchtendem Azurblau hindurch. An den Felsen hinanklammerte sich die Föhre fest. Die Nachmittagssonne lag auf roten,erzen schimmernden Stämmen und tiefgrünen, metallblanken Kronen; eswar, als glänzte alles vom Bade nach der Schneeschmelze. Bächleingurgelten den Bahnkörper entlang, und die nackten Kronen der Laubbäumeleuchteten in der klaren Luft.

Es war hier so anders als im Lenz des Südens. Sie aber sehnte sich nachihm — seinem langsamen, gesunden Atem, seiner Farben milder Freude.Diese Farbenorgien hier erinnerten sie an andere Lenztage — mit wilderSehnsucht nach heißen Freuden, die ihrem jetzigen ruhigen Glück nichteigen waren.

Oh, der Frühling dort unten mit dem leise sprießenden Grün auf derendlosen Ebene! Das Gebirge umgab sie mit strengen, festen Linien. DieMenschen hatten den Wald gerodet und ihre mauergekrönten steingrauenStädte auf den Felsspitzen errichtet, ihre silberfarbenen Olivenhainean den Hängen aufgepflanzt. Das Leben hatte[S. 138] sich Jahrtausende überin den Felsen geregt, und die Berge trugen geduldig die kleine Weltauf ihren Schultern, dennoch in ewiger Einsamkeit und Ruhe ihreScheitel gen Himmel hebend. Diese stolzen, strengen Linien, der Farbengedämpftes Silbergrau, Graublau und Grüngrau, diese uralten Städte undder langsam vorwärtsschreitende Frühling! Wie viel man auch erzähltevon des Südens schäumendem Leben, so schien dort doch der Lebensodemin ruhigem, gesünderem Zeitmaß die Menschen zu durchströmen als hierim Norden. Trotz des Lenzes mutwilliger Gewalt im Süden war es dortleichter, die Frühlingswoge vorüberbrausen zu lassen.

Ach Helge! Könnte ich doch bei dir sein! Ihr schien die Zeit, die siemit ihm verlebt, so unendlich fern. Kaum eine Woche war vergangen, seitsie sich getrennt hatten, und doch war ihr alles wie ein Traum, als seisie nie von der Heimat fortgewesen.

Wie dankte sie dem Schicksal, das sie von hier geführt. So hatte sienicht zu sehen und zu fühlen brauchen, wie der weiße, ruhevolle,frostklare Winter wich, wie die klingende, stärkende, lichtblaueLuft, von silberreinem, feuchtem Dunst durchtränkt, über den braunenErdschollen zitterte. Die Luft flimmerte, alle Linien lösten sich auf,während die Farben scharf und brennend, gleichsam nackt, hervortraten,bis der Abend kam, und alles unter einer Flut blaßgrünen, zehrendenLichtes erschauerte, das nicht weichen wollte.

Mein kleiner Junge, was du wohl jetzt treibst. Ich sehne mich ja sonach dir — ich kann es fast nicht glauben, daß du mir gehörst. Ichwill bei dir sein, ich will nicht allein hier umhergehen und mich denganzen langen, unheimlich hellen Frühling hindurch nach dir verzehren.—

Weiter hinauf in Smaalene lagen schmelzende Schneestreifen amWaldessaum und unter den Steinwällen. Die welkbraunen Erdschollen undumgepflügten Aecker breiteten sich in milden Farben aus, und hier,wo die Himmelskuppel sich höher wölben konnte, erblaßte das blendendstarke Blau nach dem Horizonte zu allmählich. Die niedrige[S. 139] welligeKette der bewaldeten Bergkuppen lag weit drüben, während das feineGeäst der einzelnen freistehenden Baumgruppen draußen im Lande sich wieSpitzenwerk in der Luft abzeichnete.

Altersgraue Gehöfte gleißten wie Silber, und neue rote Nebengebäudeglühten tief auf. Der Föhrenwald leuchtete olivengrün, Birkendickichtund Espenstämme hoben sich rotviolett und lichtgrün dagegen ab.

Ja, es war Frühling. Die hitzigen Farben brennen eine Weile, bis allesgelbgrün schimmert und vor Lebensfreude eine Zeitlang strahlt, um einpaar Wochen später zu dunkeln und zu reifen und dem Sommer zu weichen.

Der Frühling des Nordens ist unersättlich — kein Glück ist ihmstrahlend genug!—

Der Abend fiel hernieder, während der Zug gen Norden brauste. Dieletzten langen, roten Sonnenstrahlen blitzten über eine Felskuppe.Dann blieb nur ein güldener Schein am wolkenlosen Himmel zurück, derunendlich langsam hinstarb.

Als der Zug Moß verließ, ragten die Berge kohlschwarz zumgrünlichklaren Himmel auf. Die Spiegelung lag noch tiefdunkler,durchsichtig schwarz auf dem grasgrünen Fjord. Ein einziger großerStern stand über der Bergspitze, sein Bild drunten auf dem Wasserzitterte wie ein dünner Strahl Goldes.

Jenny mußte an Franziskas Nachtbilder denken. Das Leben der Farben nachSonnenuntergang war das, was Cesca am liebsten festzuhalten suchte.Gott weiß, wie es ihr eigentlich ging. Sie arbeitete übrigens fleißigin der letzten Zeit. Jenny hatte Gewissensbisse. Die beiden letztenMonate hatte sie Cesca kaum gesehen und doch durchfuhr sie oftmalsder Gedanke, daß Cesca es wohl schwer hatte. Aber alle guten VorsätzeJennys, sich einmal mit Cesca auszusprechen, waren umsonst gewesen.

Es war Nacht, als sie in Kristiania einfuhr. Mutter, Bodil und Nilsnahmen sie auf dem Bahnhof in Empfang.

[S. 140]

Ihr war, als hätte sie die Mutter erst vor einer Woche gesehen. FrauBerner weinte, als sie die Tochter küßte: „Willkommen daheim, meinliebes Kind — Gott segne dich!“

Bodil aber war groß geworden. Sie sah fesch und elegant aus in demfußfreien Straßenkostüm. Kalfatrus begrüßte sie ein wenig fremd.

Diese Luft auf dem Bahnhofsmarkt war etwas für sich, die gab es in derganzen Welt nicht wieder — Geruch von Seewasser und Kohlenruß undHeringslauge.

Die Droschke holperte über die Carl Johannstraße, an den bekanntenHäusern vorüber. Die Mutter fragte sie nach der Reise. — Jenny überkamein seltsam alltägliches Gefühl. Es war ihr, als sei sie niemals fortgewesen. Die Kinder auf dem Rücksitz sprachen kein Wort.

Oben auf dem Wergelandswege, vor einer Gartentür, standen zwei jungeMenschen und küßten sich unter einer Gaslaterne. Ueber den nacktenBaumkronen des Schloßparkes wölbte sich der Himmel tiefblau undklar mit wenigen mattschimmernden Sternen. Jenny spürte einen Hauchwie von moderndem Laub durch die Nacht, einen Hauch aus vergangenensehnsuchtsschweren Tagen.

Der Wagen hielt vor dem Tore daheim, ein großer ummauerter Hof zog sichhinter dem Hause den Haegdehaug hinauf. Im Milchladen des Erdgeschosseswar Licht und die „Delikatesse“ guckte heraus, als sie den Wagen haltenhörte, rief Guten Tag und bot Jenny ein Willkommen.

Ingeborg kam die Treppe herabgestürmt und umfing Jenny. Dann lief siemit dem Handkoffer der Schwester wieder nach oben.

Im Wohnzimmer war der Teetisch gedeckt. Jenny erblickte ihre Serviettemit dem alten Silberring, der noch vom Vater stammte, auf ihrem altenPlatz, neben Kalfatrus auf dem Sofa.

Ingeborg stürzte in die Küche hinaus, während Bodil Jenny in ihrKämmerchen führte, das nach dem Hofe hinausging. Ingeborg hatte esbewohnt, während Jenny im Auslande war, sie hatte noch nicht alle ihreSachen[S. 141] beiseite geräumt. An den Wänden hingen Schauspielerkarten;Napoléon und Madame Recamier in Mahagonirahmen waren an jeder Seite vonJennys altem Empirespiegel über der Kommode angebracht.

Jenny wusch sich und ordnete ihr Haar. Sie hatte das Gefühl, als seiihre Haut schwarz von der Reise, und fuhr sich mit der Puderquasteein paar Mal über das Gesicht. Bodil schnupperte am Puder — ob erparfümiert sei.

Sie gingen hinein zum Tee. Ingeborg hatte ein warmes Fischgerichtzubereitet, sie war in diesem Winter auf der Kochschule gewesen. Hierdrinnen unter der Lampe sah Jenny, daß beide Schwestern die dickenkrausen Flechten im Nacken mit weißer Seidenschleife hochgebundentrugen. Ingeborgs kleines Mulattenfrätzchen war ein wenig schmaler undbleicher geworden, sie hustete aber jetzt nicht.

Und nun sah Jenny auch, daß die Mutter älter geworden war. Odertäuschte sie sich? Hatte sie vielleicht damals, während sie daheim warund sie jahrelang Tag für Tag sah, nur nicht bemerkt, daß der feinenFältchen in Mutters blondem Antlitz mehr und mehr, daß die Schulternspitzer wurden, die hohe, mädchenhaft schlanke Gestalt gebeugter? SeitJenny erwachsen war, hatte sie hören müssen, daß Mama aussah wie ihreetwas ältere, schönere Schwester.

Es wurde von allem gesprochen, was sich im verflossenen Jahre daheimzugetragen hatte.

„Warum nahmen wir eigentlich kein Automobil für den Heimweg?“ fragteNils plötzlich. „Das wäre doch das Praktischste gewesen.“

„Du kommst nun allerdings reichlich spät mit deinem Vorschlag, Junge.“Jenny mußte lachen.

Das Gepäck kam, und Mutter wie Schwestern folgten atemlos demAuspacken. Ingeborg und Bodil trugen die Sachen ins Kämmerchen undverstauten sie in den Kommodeschiebladen. Sie befühlten fast mitAndacht die gestickte Wäsche, die, wie Jenny erklärte, in Paris gekauftwar. Ueber die Geschenke jubelten sie — Rohseide für Sommerkostüme undvenetianische Perlenketten. Sie standen[S. 142] vor dem Spiegel, warfen dieSeide prüfend über die Schulter und legten die Halsketten um die Stirn.

Nur Kalfatrus fragte nach ihren Bildern und lüftete die Blechtrommelmit der Leinwand.

„Wieviel hast du da, Jenny?“

„Sechsundzwanzig. Es sind aber meistens kleine Bilder.“

„Wirst du eine Separatausstellung veranstalten?“

„Ich weiß noch nicht recht, gedacht habe ich daran.“

Die Mädels hatten aufgewaschen, Nils hatte sein Bett auf dem Sofa inder Wohnstube zurechtgemacht. Frau Berner und Jenny saßen im Zimmer derTochter bei einer zweiten Tasse Tee und einer Zigarette.

„Wie findest du Ingeborg?“ fragte die Mutter ängstlich.

„Sie ist frisch und lebhaft, sieht auch nicht schlecht aus. Abernatürlich, in ihrem Alter ist nicht damit zu spaßen. Wir müssen sehen,daß wir sie aufs Land hinausschicken, bis sie wieder ganz frisch ist,Mama.“

„Ingeborg ist immer so lieb und gut, munter und vergnügt. Und sotüchtig im Haushalt. Ich bange mich so um ihretwillen, Jenny. Ichglaube, sie hat diesen Winter zu viel getanzt, ist allzu viel draußengewesen und zu spät ins Bett gekommen. Aber ich brachte es nicht übersHerz, es ihr zu verbieten. Du hattest es so trübselig, Jenny, und ichsah sehr wohl, daß du Vergnügen und Freude entbehrtest. — Ich warüberzeugt, sowohl du wie Papa würden mir Recht geben, wenn ich demKinde sein Vergnügen ließe, solange es sich bot.“ Frau Berner seufzte.„Meine armen kleinen Mädels — Mühsal und Arbeit, das ist es nur, wassie erwartet. Was soll werden, Jenny, wenn ihr mir noch obendrein krankwerdet? Ich kann so wenig für euch tun, meine Kinder.“

Jenny beugte sich zu ihr hinüber und küßte ihr die Tränen von denschönen, kindergroßen Augen. Sie[S. 143] schmiegte sich an die Mutter unddie Sehnsucht, Zärtlichkeit zu erweisen und selber zu empfangen, dieErinnerung an vergangene Tage der Kindheit und das Bewußtsein, daß ihreMutter der Tochter Leben mit seinen früheren Sorgen und seiner jetzigenGlückseligkeit nicht gekannt hatte, flossen zusammen zu dem Gefühlschützender Liebe. Frau Berner legte ihren Kopf an der Tochter Brust.

„Nicht weinen, Mama — das wird alles schon werden, du sollst nursehen. Nun bleibe ich ja vorläufig zu Hause. Und dann haben wir dochGott sei Dank noch etwas von Tante Katharines Geld übrig.“

„Aber Jenny, das brauchst du doch für deine Ausbildung. Ich habe janach und nach eingesehen, daß du an deiner Ausbildung nicht gehindertwerden darfst. Es war eine solche Freude für uns alle, als du das Bildim letzten Herbst verkauftest.“

Jenny lächelte ein wenig. Jenes Bild, das verkauft wurde, und diewenigen Worte in der Zeitung über sie — es war, als sähe ihre ganzeFamilie danach mit ganz anderen Augen auf ihre Malerei.

„Das renkt sich noch alles ein, Mama. Alles. Ich kann etwas nebenherverdienen, wenn ich zu Hause bin. Ein Atelier muß ich haben,“sagte sie einen Augenblick darauf. Und sie fügte hinzu, hastig,erläuternd: „Denn ich muß meine Bilder im Atelier vollenden.“

„Ja aber,“ die Mutter sah ganz entsetzt aus. „Du wohnst doch zu Hause,Jenny?“

Jenny antwortete nicht gleich.

„Ich finde, es geht nicht anders, mein Kind,“ fuhr die Mutter fort.„Ein junges Mädchen kann nicht allein im Atelier wohnen.“

„Nein, gewiß, wohnen kann ich hier,“ entgegnete Jenny.—

Sie holte Helges Photographie hervor, als sie allein war. Dann setztesie sich hin, um an ihn zu schreiben.

Erst ein paar Stunden war sie jetzt zu Hause. Aber alles, was sie dortunten erlebt hatte, schien ihr so[S. 144] grenzenlos fern und fremd. So ohneZusammenhang mit ihrem Leben hier zu Hause — früher und jetzt.

Der Brief wurde zu einer einzigen sehnsüchtigen Klage.

II.

Jenny hatte ein Atelier gemietet. Sie ging umher und räumte ein.Nachmittags kam Kalfatrus, um ihr zu helfen.

„Du bist ein gefährliches Langbein geworden, Kalfatrus. Ich war nahedaran, Sie zu dir zu sagen, Bengel, als ich dich das erste Mal sah.“

Der Junge lachte.

Jenny erkundigte sich nach all seinem Tun und Lassen während ihrerAbwesenheit, und Nils erzählte. Er und Jakop und Bruseten — zwei neueJungen, die im vergangenen Herbst in die Klasse gekommen waren —hatten eine Zeitlang oben in Nordmarken in den Holzhauerkojen als Wildegelebt, und ihrer Abenteuer waren unzählige. Jenny fragte sich, währendsie ihm zuhörte, ob wohl je wieder Zeit bliebe zu Nordmarksfahrten fürsie und Kalfatrus.—

An den Vormittagen streifte sie in der Gegend von Bygdö umher —allein in dem weißen Sonnenschein. Bleich lag die Erde mit demtoten, gelblichweißen Gras da. Am Waldrande nach Norden zu fand sichnoch immer alter Schnee unter den stahlschwarzen Nadeln. Aber anden Südhängen schimmerten die nackten Zweige der Laubbäume in dersonnengetränkten Luft, und unter dem alten, wärmenden Laub lugtenweiche Blauanemonenknöspchen hervor. Dort draußen war die Luft schonvon Vogelgezwitscher erfüllt.—

Helges Briefe las sie wieder und wieder — sie trug sie bei sich.Sie sehnte sich nach ihm, krankhaft, ungeduldig, sehnte sich, ihn zuschauen, ihn zu berühren, zu fühlen, daß sie ihn auch wirklich besaß.

[S. 145]

Zwölf Tage war sie nun daheim, und noch war sie nicht dazu gekommen, zuseinen Eltern zu gehen. Als er schließlich zum dritten Male in einemBriefe fragte, raffte sie sich auf. Morgen sollte es Wahrheit werden.

Das Wetter war im Laufe der Nacht umgeschlagen. Ein beißender Nordwindfegte daher — stechende Sonnenglut und wirbelnde Wolken von Staub undPapier in den Straßen — und plötzlich ein Hagelschauer, so heftig,daß sie in einem Torweg Schutz suchen mußte. Die harten weißen Körnerspritzten rings um ihre niedrigen Schuhe und dünnen Sommerstrümpfe vonden Pflastersteinen auf.

Dann kam die Sonne wieder hervor.

Grams wohnten in der Welthavensstraße. Jenny stand einen Augenblick ander Ecke still. Der Schatten lag klamm und eiskalt zwischen den beidenReihen schmutziggrauer Häuser. Nur auf der einen Seite fiel hoch obenein Sonnenstreifchen hinein. Sie wurde froh, sie wußte, daß HelgesEltern im vierten Stock wohnten.

Diese Straße war vier Jahre hindurch ihr Schulweg gewesen. Da warensie wieder, die winzig kleinen dunklen Kaufläden, die Fenster mitBlumentöpfen in zerrissenem Seidenpapier und farbigen Majolikakrügenund die vergilbten Modenzeitungen an den Fenstern der Näherinnen,die Torwege, die auf kohlschwarze Hinterhöfe hinausstarrten. Nochimmer lagen hier Haufen schmutzigen Schnees und machten die Luft inden Hofräumen rauh. Die Straßenbahnen fuhren mit schwerem Getöse diehügelige Straße hinauf.

Gleich daneben, an der Pilengasse, lag eine von den rußigen, grauenMietskasernen mit einem Hofplatz, der einer dunklen Höhle glich. Dorthatten sie gewohnt, als der Stiefvater starb.

Sie verweilte ein wenig draußen vor der Eingangstür mit demMessingschilde G. Gram. Sie hatte Herzklopfen und versuchte, über sichselbst zu lachen. Immer ging es ihr so; sinnlos beklommen war sie, wennsie in eine Lage kam, die sie sich nicht Jahre im voraus hatte ausmalenkönnen. Herrgott — ein Paar zukünftiger Schwiegereltern[S. 146] waren dochkeine besonders wichtigen Persönlichkeiten für sie. Auffressen würdensie sie jedenfalls kaum können. Sie läutete.

Drinnen hörte sie jemanden durch einen langen Korridor kommen, undgleich darauf wurde die Tür geöffnet. Helges Mutter. Jenny erkannte sievon der Photographie her.

„Frau Gram? — Mein Name ist Winge.“

„Ah so — bitte sehr, wollen Sie nicht nähertreten?“

Sie ging vor Jenny her durch einen langen, engen Gang, der angefülltwar mit Schränken, Kisten und Mänteln.

„Bitte schön,“ sagte Frau Gram wieder und öffnete die Tür zumWohnzimmer. Helles Sonnenlicht lag auf den schweren moosgrünenPlüschmöbeln; der Raum war nicht groß und gestopft voll von Nippes undPhotographien. Auf dem Fußboden lag ein Teppich in schillernden Farben,vor allen Türen hingen Plüschportieren.

„Entschuldigen Sie die Unordnung, ich habe hier so lange nicht Staubwischen können,“ sagte Frau Gram. „Wir sind an Werktagen nämlich niein diesem Zimmer, und ich bin augenblicklich ohne Mädchen. Das letztemußte ich wegjagen — die ärgste Schmutzliese, und dann konnte sieihren Mund nie halten. So sagte ich ihr denn, sie sollte machen, daßsie fortkäme. Aber eine neue zu bekommen — das ist unmöglich, undschließlich sind sie eine wie die andere. Nein, Hausfrau, das ist derschlimmste Beruf, den es gibt. — Ja, Helge hatte uns ja auf IhrenBesuch vorbereitet, jetzt hatten wir aber die Hoffnung wahrhaftigaufgegeben, daß Sie uns die Ehre geben würden.“

Während sie lächelte und sprach, zeigte sie eine Reihe großer, weißerVorderzähne. An beiden Seiten fehlten die Augenzähne und hatten einedunkle Lücke hinterlassen.

Jenny betrachtete sie, Helges Mutter.

Sie hatte sich dies alles so ganz anders gedacht.

Nach seinen Erzählungen hatte sie sich ein Bild von seinem Heim undseiner Mutter gemacht. Die Mutter[S. 147] mit dem schönen Antlitz, das aufder Photographie Helge ähnlich war, mochte sie gern. Sie, die der Mannnicht liebte, die aber ihre Kinder so geliebt hatte, daß sie sichdagegen auflehnten und rebellierten, hinaus wollten, fort von diesertyrannischen Mutterliebe, die es nicht ertrug, daß sie etwas anderesseien als nur ihre Kinder. In ihrem Herzen hatte Jenny Partei ergriffenfür diese Mutter. Männer konnten kaum verstehen, wie eine Frau werdenmußte, die Liebe gab und niemals Liebe zurück empfing, außer derKindesliebe der ersten Jahre. Die Kinder begriffen ja die Gefühle einerMutter nicht, wenn sie sie heranwachsen und sich von ihr abwenden sah,begriffen nicht, daß eine Mutter sich in Trotz und Zorn gegen dasunerbittliche Leben auflehnte, das daran Schuld war, daß die Kindergroß wurden und nicht mehr ihr Ein und Alles in der Mutter sahen, fürdie doch bis in alle Ewigkeit die Kinder das Höchste bedeuteten.

Jenny hatte Helges Mutter lieben wollen.

Und nun empfand sie eine rein physische Abneigung gegen diese FrauGram, die da vor ihr saß und unaufhörlich redete.

Es waren wohl Helges Züge wie auf dem Bilde. Diese hohe, ein wenigschmale Stirn, die fein gebogene Nase und die gradlinigen, dunklenBrauen, der kleine Mund mit den feinen schmalen Lippen und das spitzeKinn.

Um ihren Mund lag aber ein Ausdruck, als ob alles, was sie sprach, nurSpott sei. Ein spöttischer und bösartiger Zug war in all den feinenRunzeln des Gesichts. Die großen Augen, selten schön geschnitten mitganz emailleblauem Weiß im Apfel, hatten einen harten, stechendenBlick, diese großen, tiefbraunen Augen, die viel dunkler waren als dieHelges.

Schön mußte sie gewesen sein, selten schön. Und dennoch wußte Jennyganz bestimmt, was ihr früher schon einmal eingefallen war, daß GertGram diese Frau kaum aus Liebe geheiratet hatte. Dame war sie auchdurchaus nicht — weder in Sprache noch Wesen. Es gab ja so vielenette junge Mädchen im Mittelstande, die zu Vetteln[S. 148] wurden, sobaldsie eine Weile verheiratet waren und sich in der Enge des Hauses mitDienstmädchen- und Wirtschaftssorgen einige Jahre abgeplagt hatten.

„Kandidat Gram bat mich, zu Ihnen zu gehen und Sie von ihm zu grüßen,“sagte Jenny. Sie empfand es plötzlich als eine Unmöglichkeit, Helge beiseinem Namen zu nennen.

„Ja, er war in der letzten Zeit nur mit Ihnen zusammen, in den letztenBriefen erwähnt er jedenfalls niemand anderes. Uebrigens schwärmte erim Anfang wohl ein bißchen für ein kleines Fräulein Jahrmann, glaubeich?“

„Meine Freundin, Franziska — ja, im Anfang waren wir eine ganze Schar,die sich oft zusammenfand. Aber jetzt zuletzt war Fräulein Jahrmann miteiner größeren Arbeit beschäftigt.“

„Sie ist wohl die Tochter von Oberstleutnant Jahrmann in Tegneby? Hatsie nicht Geld?“

„Nein. Ihre Ausbildung bestreitet sie von dem Wenigen, was sie vonihrer Mutter geerbt hat, sie steht nicht eben auf gutem Fuße mit ihremVater, d. h. er wünschte nicht, daß sie Malerin wurde, und dann wolltesie nichts von ihm annehmen.“

„Wie töricht. — Meine Tochter, Frau Kaplan Arnesen,“ sagte Frau Gram,„kennt sie flüchtig, sie war hier zu Weihnachten. Sie meinte übrigens,da spielten andere Gründe mit, weshalb Oberstleutnant Jahrmann nichtsmit ihr zu tun haben wollte; sie soll ja so hübsch sein, aber einenrecht schlechten Ruf haben.“

„Das ist durchaus unwahr,“ sagte Jenny steif.

„Ja, Sie Künstlerinnen haben es gut,“ Frau Gram seufzte. „Aber ichbegreife nicht, wie Helge arbeiten konnte. Ich fand, er schrieb nievon etwas anderem, als daß er mit Ihnen hier und dort in der Campagnaherumgestreift sei.“

„Oh — oh,“ sagte Jenny. — Es war peinlich über das Leben dort untenaus Frau Grams Munde zu hören.[S. 149] „Kandidat Gram war sehr fleißig, fandich. Einen Feiertag muß man doch hin und wieder haben.“

„Ja. Wir Hausfrauen müssen freilich ohne solche auskommen. WartenSie, bis Sie verheiratet sind, Fräulein Winge. Aber auch andereMenschen sollen ihre freien Tage haben. Ich habe eine Nichte, die ebenVolksschullehrerin geworden ist. Sie sollte Medizin studieren, konntees aber nicht aushalten, sie mußte aufhören und aufs Seminar gehen.Ja, ich finde, die hat immer frei. Du wirst dich doch wahrhaftig nichtüberanstrengen, Aagot, sage ich zu ihr.“

Frau Gram verschwand durch eine Tür auf den Korridor hinaus. Jennyerhob sich und betrachtete die Malereien.

Ueber dem Sofa hing eine große Campagnalandschaft. Man konnte wohlsehen, daß Helges Vater in Kopenhagen gelernt hatte. Das Bild war gutund solide gezeichnet, aber dünn und trocken in der Farbe. Besondersder Vordergrund mit den beiden Italienerinnen in Nationaltracht undden miniaturartig gemalten Pflanzen an einer umgestürzten Säule warenlangweilig. Die Modellstudie eines jungen Mädchens darunter war besser.

Sie mußte lächeln. — Man konnte beim Anblick dieser italienischenRomantik verstehen, daß es Helge im Anfang schwer gefallen war, sich inRom zurechtzufinden, und daß es ihn enttäuscht hatte.

Da waren viele kleine braune, zierlich gezeichnete Landschaften vonItalien mit Ruinen und Nationaltrachten. Aber die Studie des Priestersdort war gut.

Einige Kopien dagegen — Corregios Danaë und Guido Renis Aurora —oh Gott! Außerdem fanden sich noch einige andere Kopien von barockenBildern, die sie kaum kannte.

Dann hing an der einen Seite noch eine große hellgrüneSommerlandschaft. Gram hatte versucht, impressionistisch zu malen. DasBild war aber dünn und häßlich in den Farben. Das dort über dem Klavierwar besser.[S. 150] Sonnenglut über den Felsspitzen, die Luft war entzückendwiedergegeben.

Daneben hing ein Porträt der Frau des Hauses. Das war das beste.Tatsächlich, es war gut. Die Gestalt plastisch modelliert. Ebenso dieHände. Dann das hellrote Kleid mit den Verzierungen, die durchbrochenenschwarzen Halbhandschuhe. Das olivenbleiche Gesicht mit den dunklenAugen unter den Stirnlocken und der hohe, spitze schwarze Hut mit roterFeder. Sie stand aber leider wie an den Hintergrund geklebt, der miteinem säuerlichen Graublau übermalt war.

Und dort noch ein Kinderbild „Bamse vier Jahre“, stand oben auf demRahmen. Nein, Herrgott — war das Helge, der kleine schmollende Kerl imweißen Hemdchen? O, wie lieb er aussah!

Frau Gram brachte ein Tablett mit Rhabarberwein und Kakes herein. Jennymurmelte etwas von Umstände machen:

„Ich habe mir die Bilder Ihres Gatten angesehen, Frau Gram.“

„Ja, ich verstehe mich ja nicht sonderlich darauf, aber ich findesie großartig. Mein Mann behauptet freilich, es wäre nichts an ihnendran, aber das ist wohl nur so hingesagt. Nein,“ sie lachte etwasbitter. „Mein Mann ist so sonderbar. Von der Malerei konnten wir nichtleben, als wir heirateten und Kinder bekamen, so daß er daneben etwasNützliches betreiben mußte. Dann hatte er aber keine Lust, so nurnebenher zu malen, und darum behauptete er eines schönen Tages, erhätte kein Talent. Ich finde ja seine Bilder schöner als die modernenSachen, aber Sie sind wohl anderer Meinung, Fräulein Winge?“

„Ja, die Bilder Ihres Gatten sind sehr schön,“ entgegnete Jenny.„Besonders das Bildnis von Ihnen, Frau Gram. Das ist wirklich reizvoll.“

„O ja. Aber es hat freilich nicht viel Aehnlichkeit — geschmeichelthat Gram mich nicht.“ Sie lachte wieder ihr kleines, bitteres, bösesLachen. „Nein, das kann man nicht gerade behaupten. Ich findeja, er malte[S. 151] viel netter, ehe er begann, all das nachzuäffen, wasdamals plötzlich modern wurde — Sie wissen, Thaulow und Krogh undKonsorten.“

Jenny trank ihren Rhabarberwein schweigend aus, während Frau Gramsprach.

„Ich würde Sie gern zu Mittag einladen, Fräulein Winge. Aber ich machedie Wirtschaft allein und dann ist man ja nicht auf Gäste vorbereitet,das können Sie sich wohl vorstellen. Ich kann also leider nicht. Aberdas nächste Mal, hoffe ich.“

Jenny verstand, daß Frau Gram sie gern los sein wollte. Das war ja auchbegreiflich, wenn sie kein Mädchen hatte. Sie war wohl gerade beimMittagkochen. So verabschiedete sie sich denn.

Auf der Treppe traf sie Gram. Er mußte es sein. Sie empfing so imVorbeigehen den Eindruck, als sähe er sehr jugendlich aus und hätteleuchtend blaue Augen.

III.

Zwei Tage später, als Jenny des Nachmittags arbeitete, bekam sie Besuchvon Helges Vater.

Jetzt, als er dastand, mit dem Hute in der Hand, sah sie, daß seinHaar ganz grau war, so grau, daß man nicht mehr unterscheiden konnte,welche Farbe es ursprünglich gehabt hatte. Jung sah er aber trotzdemaus. Die Gestalt war schlank, ein wenig gebeugt, aber nicht wie beieinem alten Manne, eher, als sei er ein wenig zu schmächtig für seineGröße. Seine Augen waren jung, obgleich sie trüb und müde aus demmageren, glattrasierten Antlitz blickten. Sie waren aber so groß undso leuchtend blau, daß sie einen merkwürdig offenen Eindruck machten,verwundert und grüblerisch zugleich.

„Ja, Sie werden begreifen, daß es mich danach verlangt, Sie zubegrüßen, Fräulein Winge,“ sagte er und reichte ihr die Hand. „Nein —ich bitte Sie, legen Sie[S. 152] die Schürze nicht ab. Und sagen Sie’s mir,wenn ich Sie störe.“

„Nein, lieber Herr Gram,“ sagte Jenny fröhlich; seine Stimme und seinLächeln gefielen ihr. Sie warf die Malerschürze auf den Kohlenkasten.„Es wird sowieso bald dunkel. Wie liebenswürdig von Ihnen, mich zubesuchen!“

„Es ist eine Ewigkeit her, daß ich in einem Atelier war,“ sagte Gramund blickte umher. Dann setzte er sich aufs Sofa.

„Verkehren Sie mit keinem anderen der Maler — irgend jemandem ausIhrer Zeit?“ fragte Jenny.

„Nein, mit niemandem,“ antwortete er kurz.

„Aber.“ Jenny überlegte. „Aber wie in aller Welt haben sie hierhergefunden? Haben Sie sich bei mir zu Hause erkundigt — oder imKünstlerbund?“

Gram lachte.

„Nein. Ich sah Sie ja vorgestern auf der Treppe. Dann gestern, alsich in mein Geschäft ging, sah ich Sie wieder. Ich ging ein Stückhinter Ihnen her, da ich die Absicht hatte, Sie anzuhalten und michIhnen vorzustellen. Sie gingen hier hinein, und ich wußte, daß indiesem Hause ein Atelier war. Nun ja, so bekam ich die Idee, zu Ihnenhinaufzusteigen und Ihnen eine Visite zu machen.“

„Wissen Sie,“ Jenny lächelte vergnügt, „Helge lief auch auf der Straßehinter mir her, einer Freundin und mir. Er hatte sich allerdingsverlaufen, unten in den alten Straßen am Flohmarkt. Dann kam er ebenauf uns zu und sprach uns an — bändelte an, wie der feine Ausdruckdafür heißt. So wurden wir bekannt. Wir fanden zuerst, daß er ein wenigdreist war. Aber es scheint so, daß er von Ihnen seinen Mut geerbt hat.“

Gram runzelte die Stirn und schwieg einen Augenblick. In Jenny stiegein unbehagliches Gefühl auf, als hätte sie etwas Dummes gesagt. Sieüberlegte, wie sie fortfahren sollte.

[S. 153]

„Dürfte ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten, während Sie hier sind?“

Sie zündete ohne weiteres den Apparat an und setzte Wasser auf.

„Ja, ja, Fräulein Winge — Sie brauchen nicht zu fürchten, daß Helgemir sonst irgendwie ähnelt. Ich glaube, daß er glücklicherweise nichtdas Geringste mit seinem Vater gemein hat.“ Er lachte.

Jenny wußte nicht recht, was sie darauf erwidern sollte. Siebeschäftigte sich damit, Teetassen herbeizuholen:

„Ja, hier ist es recht leer, wie Sie sehen. Aber ich wohne zu Haus beimeiner Mutter.“

„Ah so, Sie wohnen zu Hause? — Das Atelier ist sicher sehr gut —nicht wahr?“

„O ja, ich glaube.“

Er schwieg wieder und blickte geradeaus.

„Ja, Fräulein Winge — ich habe viel an Sie gedacht. Ich glaubte ja,meines Sohnes Briefe so zu verstehen, daß Sie und er—“

„Ja, Helge und ich haben uns sehr gern,“ sagte Jenny. Sie standaufrecht da und sah ihn an. Gram ergriff ihre Hand und hielt sie fest.

„Ich kenne meinen Sohn so wenig, Jenny Winge. Ich weiß im Grunde nichtsGenaues von ihm — wie er ist. Aber wenn Sie ihn gern haben, so kennenSie ihn wohl sicher besser als ich. Und daß sie ihn lieben, beweistmir, daß ich seiner froh sein darf und stolz auf ihn. Ich habe immergeglaubt, daß er ein guter Junge sei, auch recht begabt. Daß er Sielieb hat, dessen bin ich sicher, jetzt, da ich Sie gesehen. Möge er Sienur glücklich machen, Jenny.“

„Ich danke Ihnen,“ sagte Jenny und reichte ihm nochmals die Hand.

„Ja.“ Gram sah vor sich hin. „Sie können sich denken, daß ich übermeinen Jungen froh bin. Mein einziger Sohn. Ich glaube auch, Helge hatmich im Grunde lieb.“

[S. 154]

„Das hat er. Helge hat Sie sehr lieb. Sowohl Sie als seine Mutter.“Gleich darauf errötete sie aber, als hätte sie etwas Taktloses gesagt.

„Ja, ich glaube wohl. Aber er sah natürlich früh ein, daß sein Vaterund seine Mutter einander nicht liebten. Helge hat ein trauriges Heimgehabt, Jenny. Ich kann es ebensogut selbst sagen; haben Sie es nochnicht bemerkt, so werden Sie es bald selber sehen. Sie sind ja sicherein kluges Mädchen. Aber eben deshalb glaube ich, Helge weiß, was eswert ist, wenn zwei sich lieb haben. Und er wird Sie und sich behüten—.“

Jenny schenkte Tee ein:

„Helge pflegte in Rom nachmittags zum Tee zu mir zu kommen. Eigentlichlernten wir uns gerade in diesen Nachmittagsstunden näher kennen,glaube ich—.“

„Und da gewannen Sie sich lieb.“

„Ja — nicht gleich. Das heißt, im Grunde vielleicht doch. Aber wirdachten an nichts anderes, als gute Freunde zu sein — damals. Ja,später kam er dann natürlich auch und trank seinen Tee bei mir—.“

Sie lächelten beide.

„Können Sie mir nicht ein wenig erzählen, wie Helge als Knabe war —als kleiner Junge, meine ich — oder sonst etwas—?“

Gram schüttelte trübe lächelnd den Kopf:

„Nein, Jenny. Ich kann Ihnen nichts von meinem Sohn erzählen. Er warimmer gut und folgsam. Fleißig auf der Schule — nicht gerade einLicht, doch recht fleißig und tüchtig. Aber Helge war als Knabe sehrverschlossen — auch als Erwachsener — jedenfalls mir gegenüber —.Erzählen Sie lieber, Jenny,“ lachte er warm.

„Wovon?“

„Von Helge natürlich. Ja — zeigen Sie mir, wie mein Sohn in denAugen des jungen Mädchens aussieht, das ihn liebt. Sie sind ja keingewöhnliches junges Mädchen, sondern eine tüchtige Künstlerin, und ichglaube auch, Sie sind klug und gütig. Können Sie mir nicht erzählen,wie es kam, daß Sie Helge liebgewannen, welche[S. 155] Eigenschaften an demJungen Sie veranlaßt haben, ihn zu wählen? Lassen Sie mich hören!“

„Ja.“ Dann lachte sie. „Das ist nicht so ohne weiteres zu erklären, —wir hatten uns eben gern—.“

„So.“ Er lachte auch. „Ja, es war eine dumme Frage, Jenny. Es scheintja fast, als hätte ich vergessen, wie es zuging, als man jung war undverliebt — nicht wahr?“

„Nicht wahr! Wissen Sie, das sagt Helge auch so oft. Auch etwas, dasich so gern an ihm mochte. Er war so jungenhaft. Ich sah sehr wohl, daßer verschlossen war, dann aber öffnete er mir nach und nach sein Herz—.“

„Das kann ich gut verstehen — daß man zu Ihnen Vertrauen bekommt,Jenny. Ja, aber erzählen Sie weiter — aber, Sie brauchen nicht soerschrocken auszusehen. Sie verstehen doch, ich meinte nicht, Siesollten mir Ihre und Helges Liebesgeschichte auseinandersetzen oderdergleichen —. Nur ein wenig von sich selbst erzählen — und vonHelge. Von Ihrer Arbeit, Kind. Und von Rom. Damit ich alter Mann wiederweiß, wie es ist, Künstler zu sein. Und frei. An Dingen zu arbeiten,die einem Freude machen. Jung zu sein. Verliebt und glücklich—.“

Gram blieb etwa zwei Stunden bei ihr. Dann, als er gehen wollte und imUeberzieher, den Hut in der Hand, dastand, sagte er leise:

„Hören Sie zu, Jenny. Es hat ja keinen Zweck, Ihnen zu verbergen, wiedie Verhältnisse in meiner Familie liegen. Es ist besser, daß, wenn wiruns zu Hause wiedersehen, wir uns noch nicht kennen. Daß Helges Mutternicht erfährt, daß ich Ihre Bekanntschaft auf eigene Faust gemachthabe. Auch Ihretwegen — damit Sie nicht Spott und Unannehmlichkeitenausgesetzt sind. Es liegt nun einmal so, daß die Tatsache, daß icheinen Menschen gern habe, besonders eine Dame, schon genügt, um meineFrau gegen den Betreffenden aufzubringen ... Sie finden das seltsam.Aber Sie begreifen—?“

[S. 156]

„Ja,“ sagte Jenny schwach.

„Nun, leben Sie wohl, Jenny. Ich freue mich Helges wegen — glauben Siemir?“

Sie hatte am Abend vorher an Helge geschrieben und ihm von ihrem Besuchbei seiner Mutter erzählt. Als sie den Brief noch einmal durchlas,quälte es sie, daß der Abschnitt von ihrer Begegnung mit der Mutter soarmselig und trocken ausgefallen war.

An diesem Abend schrieb sie ihm wieder und berichtete von dem Besuchseines Vaters. Aber dann riß sie den Brief entzwei und begann vonneuem. — Es war so peinlich zu erzählen, daß Frau Gram von dieserSache nichts erfahren dürfe. Widerwärtig war es, Geheimnisse mit demeinen gegen den anderen zu haben. Helges wegen empfand sie es wie eineDemütigung, daß sie mit einem Male Mitwisser von dem Elend gewordenwar, das in seinem Vaterhause herrschte. Schließlich erwähnte sie dieAngelegenheit gar nicht. Es war leichter, ihm alles zu erklären, wenner kam.

IV.

Ende Mai hatte Jenny ungewöhnlich lange Zeit keine Post von Helgebekommen. Sie begann ängstlich zu werden und hatte gerade beschlossen,am nächsten Tage zu telegraphieren, falls sie bis dahin nichts hörte.Nachmittags war sie im Atelier, als jemand an die Tür klopfte. Nachdemsie geöffnet, wurde sie plötzlich von einem Manne, der draußen imDunkel des Bodenganges stand, ergriffen, umarmt und geküßt.

„Helge!“ Sie jubelte. „Helge, Helge — laß dich anschauen! Oh, nein,wie du mich erschreckt hast! Laß sehen — Helge — bist du es dennwirklich und gewiß?“ Sie zog ihm die Reisemütze vom Kopfe.

„Ja, natürlich, ein anderer kann es doch kaum sein,“ lachte erunbekümmert.

„Aber, Liebster — was hat denn das zu bedeuten?“

[S. 157]

„Das will ich dir gleich erklären,“ sagte er, fand aber nicht die Zeitdazu, sondern preßte sein Gesicht an ihren Hals.

„Ich wollte dich nämlich überraschen, weißt du.“ Sie saßen Hand in Handauf dem Sofa und schöpften Atem nach den ersten heißen Küssen. „Unddas ist mir doch gut geglückt, nicht wahr? Laß mich sehen, Jenny. Wieschön du bist! Zu Hause denken sie, ich bin in Berlin. Ich übernachteheute im Hotel und bleibe einige Tage inkognito in der Stadt — findestdu das nicht großartig? Es ist übrigens dumm, daß du zu Hause wohnst.Sonst könnten wir den ganzen Tag über zusammen sein—.“

„Weißt du,“ sagte Jenny, „als du klopftest, dachte ich, es sei deinVater.“

„Vater?“

„Ja.“ Sie wurde im selben Augenblick ein wenig verwirrt. Es fiel ihrplötzlich schwer, ihm den ganzen Zusammenhang zu erklären. „Ja, siehstdu, dein Vater machte mir eines Tages einen Besuch, und seitdem ist ermanchmal zum Tee zu mir gekommen. Wir haben dann gesessen und von dirgesprochen—.“

„Aber Jenny — davon hast du ja kein Wort geschrieben! Du hast ja garnicht erwähnt, daß du Vater getroffen hast!“

„Nein, das hab’ ich auch nicht. Ich wollte es dir lieber erzählen —.Die Sache ist also die, siehst du, deine Mutter weiß nichts davon. DeinVater meinte, es sei besser, es nicht zu erwähnen —“.

„Nicht mir gegenüber?“

„Nein, nein, davon haben wir gar nicht gesprochen. Er denkt sicher, ichhabe es dir erzählt. Nein, deine Mutter durfte nicht erfahren, daß wiruns kennen.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Ich fand, es war — nun ichmochte dir nicht schreiben, daß ich mit deinem Vater ein Geheimnis vordeiner Mutter hatte. Verstehst du mich?“

Helge schwieg.

„Es hat mich selber recht bedrückt,“ fuhr sie fort. „Aber er kam ebenherauf und besuchte mich. Und ich[S. 158] finde ihn furchtbar nett, Helge; ichhabe ihn sehr gern, deinen Vater.“

„Ja — Vater kann ein sehr gewinnendes Wesen haben, wenn er will. Unddaß du Malerin bist und—.“

„Deinetwegen, Helge, hat dein Vater mich gern. Das ist der Grund.“

Helge antwortete nicht.

„Und Mutter hast du nur das eine Mal gesehen?“

„Ja. — Aber liebster, bester Freund, bist du nicht hungrig? Soll ichdir ein wenig zurecht machen?“

„Vielen Dank. Und heute Abend gehen wir zusammen essen!“

Wieder pochte jemand an die Tür.

„Das ist dein Vater,“ flüsterte Jenny.

„Pst — sei still, — nicht öffnen!“

Nach einem Weilchen ging jemand über den Gang wieder fort. Helge verzogdas Gesicht.

„Aber liebster Junge, was ist dir?“

„Ich weiß nicht —. Wenn wir ihm nur nicht begegnen, Jenny — wirwollen nicht gestört werden, nicht wahr? Niemanden treffen!“

„Nein.“ Sie küßte seinen Mund, bog seinen Kopf zurück und küßte ihnhinter beide Ohren.

„Und Franziska?“ sagte Jenny plötzlich, während sie nach dem Kaffee beieinem Glase Likör saßen und plauderten.

„Ja! Ja, du wußtest es wohl im voraus; sie hatte dir doch geschrieben?“

Jenny schüttelte den Kopf.

„Nicht ein Wort. Ich fiel ja aus allen Wolken, als ich ihren Briefbekam — sie schrieb in aller Kürze, morgen hätte sie Hochzeit mitAhlin. Ich ahnte nichts.“

„Wir auch nicht. Die beiden waren ja viel zusammen. Daß sie sich aberheiraten wollten, wußte nicht einmal Heggen, bis sie kam und ihn bat,ihr Trauzeuge zu sein.“

„Hast du sie seither gesehen?“

[S. 159]

„Nein. Sie reisten noch am selben Tage nach Rocca di Papa und warennoch oben, als ich Rom verließ.“

Jenny saß eine Weile in Gedanken.

„Ich glaubte, sie hätte nur ihre Arbeit im Kopf,“ sagte sie.

„Heggen erzählte, daß sie das große Bild mit dem Tor beendet hätte, unddaß es sehr gut ausgefallen sei, auch, daß sie mehrere andere Arbeitenbegonnen habe.“

„Dann verheiratete sie sich also ganz plötzlich. Ich weiß nicht, ob sieeine Weile verlobt gewesen sind—.“

„Aber du, Jenny — du schriebst, du hättest ein neues Bild angefangen?“

Jenny zog ihn mit sich zur Staffelei.

Die große Leinwand zeigte eine Straße, die sich nach links hinüberverlor, mit einer Häuserreihe in starker Perspektive, Kontor- undWerkstattsgebäude in graugrünen und dunklen, backsteinroten Farben. Aufder rechten Seite der Straße standen einige Lumpenhändlerbuden, unddahinter ragten die Brandmauern zum Himmel empor, in dessen kräftigemBlau hier und da schwere Regenwolken, graublau wie Blei und weiß wieSilber, standen. Greller Nachmittagssonnenschein fiel in die Straße,auf die Buden und Hausmauern, die rotgold aufleuchteten, und auf einpaar goldiggrüne, mit halbaufgesprungenen Knospen übersäte Baumkronen,die auf dem Platz zwischen Buden und Brandmauer standen. Als Staffagedienten Arbeitsleute, Karren und Geschäftswagen auf der Straße.

„Ich verstehe ja nicht viel davon. Aber —.“ Helge hielt sie festumschlungen. „Ist es nicht sehr gut, du? Ich finde es wunderschön, Jenny— herrlich!“

Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter:

„Während ich hier umherlief und auf meinen Jungen wartete — ich bin jaim Frühling immer hier einsam und trübselig umhergeirrt. Als ich sah,wie Bergahorn und Kastanie ihr klares, lichtes Laub vor den rußigenHäusern und roten Mauern entfalteten — als ich den prachtvollenFrühlingshimmel erblickte, der sich über all den schwarzen Dächernspannte, über Schornsteinen und[S. 160] Telephondrähten: da lockte es mich,dies alles zu malen, die feinen hellen Frühlingsknospen mitten in derschmutzigen schwarzen Stadt.“

„Wo liegt diese Stelle?“ fragte Helge.

„In der Stenerstraße. — Ja, weißt du, dein Vater sprach von einigenBildern von dir als kleinem Jungen, die er drüben im Büro hatte; diesollte ich mir ansehen. Und da entdeckte ich das Motiv von seinemBürofenster aus und durfte dann in der Kistenfabrik nebenan arbeiten.Von dort aus ist es gemalt; ich mußte natürlich hin und wieder einigesumgestalten, ein wenig abändern—.“

„Du bist viel mit Vater zusammen gewesen?“ fragte Helge kurz darauf.„Er interessierte sich wohl sehr für dein Bild?“

„Ja, gewiß. Er kam mitunter zu mir herüber und betrachtete es, gab mirauch einige Ratschläge, die übrigens sehr gut waren. Er weiß ja eineMenge.“

„Glaubst du, daß Vater als Maler Talent hatte?“ sagte Helge.

„Ja. Das glaube ich. Die Bilder, die bei euch zu Hause hängen, warennicht so besonders. Er hat mir aber einige Studien gezeigt, die er imBüro aufbewahrt. Ich glaube nicht, daß dein Vater großes Talenthatte, aber es war ganz fein und eigentümlich. Nur von allen Seiten zuleicht zu beeinflussen. Aber das, glaube ich, hängt wieder mit seinergroßen Fähigkeit zusammen, das Gute zu werten und zu lieben, das er beianderen gesehen hat. Denn er hat so viel Verständnis für Kunst — undLiebe zu ihr—.“

„Armer Vater,“ sagte Helge.

„Ja —.“ Jenny liebkoste ihren Freund. „Dein Vater leidet vielleichtweit mehr als du und ich ahnen.“

Dann küßten sie sich und vergaßen, weiter von Gert Gram zu sprechen.

„Bei dir zu Hause wissen sie nichts?“ fragte Helge.

„Nein,“ erwiderte Jenny.

[S. 161]

„Aber im Anfang, als ich all meine Briefe an deine Mutter adressierte,fragte sie nie, wer da so jeden Tag an dich schrieb?“

„Nein. Meine Mutter ist nicht so!“

Meine Mutter,“ sagte Helge plötzlich heftig. „Mutter istdurchaus nicht so taktlos, wie du meinst. Du bist nicht gerade gerechtgegen meine arme Mutter — ich finde, um meinetwillen könntest du esunterlassen, so von ihr zu reden—.“

„Aber Helge!“ Jenny sah zu ihm auf. „Ich habe ja doch nicht ein Wortüber deine Mutter gesagt!“

„Du sagtest: Meine Mutter ist nicht so.“

„Das ist nicht wahr. Meine Mutter, sagte ich.“

Meine Mutter, sagtest du. Daß du sie nicht leiden kannst, isteine Sache für sich, obgleich du schließlich keinen Grund hast —. Aberdu könntest doch daran denken, daß es meine Mutter ist, von derdu sprichst. Und ich habe sie lieb, wie sie auch sein mag—.“

„Helge! Aber Helge —.“ Sie hielt inne, denn sie fühlte, wie ihr dieTränen in die Augen stiegen. Es war ihr so fremd, Tränen zu vergießen,daß sie schwieg, beschämt und erschrocken. Er hatte es aber schonbemerkt:

„Jenny! Habe ich dir wehgetan? Herrgott! Da siehst du es selbst.Kaum bin ich heimgekehrt, so fängt es auch schon an —.“ Er schrieplötzlich, indem er die geballte Faust drohend erhob: „Oh, ich hassedas, ich hasse das, es wird mein Heim zerreißen.“

„Mein Junge, lieber Junge — du darfst nicht —. Geliebter, nimm esdoch nicht so schwer!“ Sie zog ihn fest, fest an sich. „Helge! Hör zu,geliebter Freund — was hat denn das mit uns zu schaffen. Sie könnenuns doch nichts tun —,“ und sie küßte ihn, bis er aufhörte zuschluchzen und zu beben.

[S. 162]

V.

Helge und Jenny saßen in seinem Zimmer auf dem Sofa und hielten sichschweigend umschlungen.

Es war an einem Sonntag Ende Juni. Jenny hatte am Vormittag einenSpaziergang mit Helge gemacht und bei Grams Mittag gegessen. Nach demKaffee hatten sie alle vier im Wohnzimmer gesessen und sich durch denNachmittag gequält, bis Helge Jenny mit in sein Zimmer zog unter demVorwande, sie sollte etwas durchlesen, was er geschrieben hatte.

„Puh,“ sagte Jenny, als sie draußen waren.

Helge fragte nicht, warum sie so sprach. Er legte seinen Kopf fest inihren Arm, und sie strich ihm übers Haar, stumm, ohne Aufhören.

„Ja, du.“ Helge seufzte „Es war gemütlicher bei dir in der ViaVantaggio — nicht wahr, Jenny?“

Draußen in der Küche rasselten Teller, es brutzelte in der Bratpfanneund roch nach Fett. Frau Gram bereitete etwas Warmes zum Abendessen.Jenny ging an das offene Fenster und sah einen Augenblick in denschwarzen Schacht des Hofes. Alle Fenster nach hier hinaus warenKüchen- oder Schlafzimmerfenster mit Zuggardinen. In jeder Ecke desHofes befand sich ein größeres Fenster, schräg eingebaut. Oh! Wie gutsie diese Eßzimmer kannte mit einem einzigen Fenster in der Ecke aufden Hof hinaus, dunkel und trübe, ohne einen Streifen Sonne. Der Rußfegte hinein, wenn man lüftete, und der Essensgeruch setzte sich fest.

Aus dem Fenster eines Mädchenzimmers klang Guitarrespiel und einkräftiger, ungeübter Sopran:

„Such Schutz bei unserem Herrn Jesus Christus, mein Freund, du brauchstnur anzuklopfen, und der Himmel tut sich auf.“

Die Guitarre erinnerte sie an die Via Vantaggio, an Cesca und Gunnar,der in der Sofaecke zu liegen pflegte, die Beine auf einem Stuhle, aufCescas Guitarre zupfend und leise ihre italienischen Weisen summend.Plötzlich[S. 163] überfiel sie eine wilde Sehnsucht nach all dem dort unten.

Helge kam auf sie zu:

„Woran denkst du?“

„An die Via Vantaggio.“

„Ja, du — wie herrlich hatten wir es dort, Jenny!“

Sie umschlang plötzlich seinen Hals und barg liebkosend seinen Kopfan ihrer Schulter. Schon als er sprach, hatte sie gemerkt, daß er denGrund ihrer Sehnsucht nicht verstanden hatte.

Sie hob seinen Kopf wieder in die Höhe und blickte in seinebernsteingelben Augen; sie wollte an all die sonnenhellen Tage in derCampagna denken, als er, im Grase zwischen den Tausendschön liegend, zuihr aufgeblickt hatte.

Sie wollte dieses schwere, erstickende Unlustgefühl von sichabschütteln, das jedesmal wieder Macht über sie gewann, wenn sie inseinem Hause war.

Alles war hier so unleidlich. Gleich vom ersten Abend an, als sie nachHelges offizieller Ankunft eingeladen war. Wie hatte sie es gequält,daß sie dastehen und Komödie spielen mußte, als Frau Gram sie ihremManne vorstellte; und Helge war zugegen und sah zu, wie sie seineMutter betrogen. Es quälte sie fürchterlich. Dann geschah etwas, dasnoch viel ekelhafter war. Sie war einen Augenblick mit Gram allein; dahatte er beiläufig erwähnt, daß er an jenem Nachmittag oben an ihrerTür gewesen sei, sie aber nicht angetroffen habe. „Nein, ich war an demTage nicht im Atelier,“ hatte sie geantwortet, war aber gleichzeitigblutrot geworden. Dann hatte er sie so merkwürdig erstaunt angesehen,als sie — sie wußte nicht, warum? — plötzlich sagte: „Doch, ich warübrigens zu Hause. Ich konnte aber nicht öffnen, es war jemand bei mir.“

Gram hatte gelächelt und gesagt: „Ich habe es wohl gehört, daß jemandim Atelier war.“ Und in ihrer Verwirrung hatte sie erzählt, daß esHelge gewesen, und[S. 164] daß er sich ein paar Tage inkognito in der Stadtaufgehalten.

„Liebe Jenny,“ hatte Gram sichtbar unwillig erwidert: „Ihr hättet euchdoch nicht vor mir zu verstecken brauchen. Ich hätte euch wahrhaftig inFrieden gelassen. Ja, ja. — Aber ich muß doch sagen, daß es mich rechtgefreut haben würde, wenn Helge mich begrüßt hätte—.“

Sie hatte darauf nichts zu erwidern gewußt.

„Ich werde aber achtgeben, daß Helge nicht erfährt, daß ich etwas davonweiß.“

Es war gar nicht ihre Absicht gewesen, Helge zu verheimlichen, daß sieseinem Vater davon erzählt hatte. Aber jetzt sagte sie es doch nicht— aus Furcht, daß er darüber ärgerlich sein könnte. Sie litt aber undwurde nervös in dieser Umgebung, in die sie hineingeraten war: der einedurfte es nicht wissen und der andere durfte es nicht wissen.

Daheim hatten sie auch keine Ahnung. Aber das war etwas anderes. Es lagdaran, daß sie nicht gewöhnt war, mit ihrer Mutter von ihren eigenenAngelegenheiten zu sprechen, sie hatte dort nie Verständnis gefunden,auch niemals gesucht oder erwartet. Dabei war ihre Mutter jetzt mit derSorge um Ingeborg beschäftigt. Jenny hatte die Mutter dazu bestimmt, imBundefjord eine Sommerwohnung zu mieten; Bodil und Nils fuhren von dortzur Schule in die Stadt, Jenny aber wohnte im Atelier und aß auswärts.

Sie war jedoch nie so glücklich über die Mutter und ihr Heim gewesenwie jetzt. Es kam nicht allein daher, daß die Mutter sie jetzt einwenig verstand. Sie merkte auch hin und wieder, daß es Jenny schwerhatte, und zeigte dann ehrlichen Willen, zu helfen und zu trösten— ohne zu fragen. Denn schon der Gedanke, einem ihrer Kinder eineaufdringliche Frage zu stellen, hätte ihr die Schamröte ins Gesichtgetrieben. Aber dies hier, Helges Heim, mußte ja eine wahre Hölle fürdie Kinder gewesen sein. Und es war, als würfe die Mißstimmung ihreSchatten auf sie, auch wenn sie sonst zusammen waren.[S. 165] Aber sie wolltees überwinden. Ihr armer, armer Junge!

„Mein Helge!“ Und sie überfiel ihn plötzlich mit Liebkosungen.—

Jenny hatte Frau Gram angeboten, ihr mit dem Aufwaschen und demAbendessen behilflich zu sein, aber jedesmal hatte die Hausfrau miteinem Lächeln erwidert:

„Nein, meine Liebe — dazu sind Sie doch nicht hergekommen, damitsollen Sie wahrhaftig nichts zu tun haben, Fräulein Winge.“

Vielleicht war es nicht so gemeint, aber Frau Gram lächelte immer sospöttisch, wenn sie mit ihr sprach. Die Arme, vielleicht besaß sie keinanderes Lächeln mehr.

Gram kehrte heim; er hatte einen Spaziergang gemacht. Jenny und Helgesetzten sich zu ihm ins Rauchzimmer.

Die Hausfrau kam auch einen Augenblick herein:

„Du hattest deinen Regenschirm vergessen, mein Freund — wiegewöhnlich. Es war tatsächlich ein Glück, daß du einem Regenschauerentgingst. Ja diese Männer, wie man auf sie achtgeben muß —!“ Sielächelte zu Jenny hinüber.

„Du bist ja außerordentlich um mich bemüht,“ sagte Gram. Stimme undWesen waren immer peinlich höflich, wenn er mit seiner Frau sprach.

„Aber warum sitzt ihr denn hier drinnen?“ sagte sie zu Helge und Jenny.

„Es ist merkwürdig,“ erwiderte Jenny, „— ich finde, es ist in allenHäusern dasselbe: das Herrenzimmer ist immer am gemütlichsten. Bei unswar es auch so, als mein Vater noch lebte,“ fügte sie schnell hinzu.„Es kommt wohl daher, daß es als Arbeitszimmer eingerichtet ist.“

„Dann müßte ja die Küche der allergemütlichste Raum im ganzen Hausesein,“ lachte die Hausfrau. „Aber wo meinst du, daß am meistengearbeitet wird, Gert, hier in deinem Zimmer oder in meinem — nun ja,die kann ja als mein Arbeitszimmer gelten—.“

[S. 166]

„Ich gebe zu, daß zweifellos die nützlichste Arbeit in deinemArbeitszimmer verrichtet wird.“

„Ja,“ sagte Frau Gram. „Jetzt glaube ich aber beinahe, ich muß Ihrliebenswürdiges Anerbieten für eine Weile annehmen — würden Sie solieb sein, und mir ein wenig helfen, Fräulein Winge? Sonst wird es sospät—.“

Als sie beim Essen saßen, läutete es. Es war Frau Grams Nichte, AagotSand. Frau Gram stellte Fräulein Winge vor.

„Ah, Sie sind die Malerin, mit der Helge in Rom so viel zusammen war.Ich konnte es mir beinahe denken.“ Sie lachte. „Ich sah Sie drüben inder Stenerstraße jetzt im Frühling, Sie gingen in Begleitung von OnkelGert und trugen Malgerät in der Hand—.“

„Das ist sicher ein Irrtum, mein Kind,“ unterbrach sie Frau Gram. „Wannsollte das gewesen sein?“

„Einen Tag vor Bußtag. Ich kam von der Schule.“

„Ja, es ist schon richtig,“ sagte Gram. „Fräulein Winge stand und hatteihren Malkasten auf der Straße fallen lassen, und da half ich ihr, beimAufsammeln.“

„Das kleine Abenteuer hast du deiner Frau gar nicht gebeichtet.“ FrauGram lachte laut. „Ich hatte keine Ahnung, daß Ihr Euch von früher herkanntet.“

Gram lachte ebenfalls.

„Fräulein Winge schien mich nicht wiederzuerkennen. Es war zwar wenigschmeichelhaft für mich — ich wollte sie aber nicht daran erinnern.Hatten Sie wirklich keine Ahnung, als Sie mich trafen, daß ich derliebenswürdige alte Herr war, der Ihnen geholfen?“

„Ich war meiner Sache nicht sicher,“ sagte sie leise, von tiefer Röteübergossen. „Ich glaubte, Sie hätten mich nicht wiedererkannt.“ Sieversuchte zu lachen, fühlte jedoch mit peinigender Deutlichkeit, wieunsicher ihre Stimme war, wie ihre Wangen brannten.

„Nun, das war ja ein richtiges Abenteuer,“ lachte Frau Gram.„Tatsächlich ein drolliger Zufall.“

[S. 167]

„O Gott, habe ich denn schon wieder etwas Verkehrtes gesagt?“ fragteAagot. Sie saßen nach dem Abendessen beisammen im Wohnzimmer. Gram warin sein Zimmer hinübergegangen, die Hausfrau machte sich in der Küchezu schaffen. „In diesem Hause ist man gänzlich ahnungslos, bis dieBombe plötzlich explodiert — das ist doch wirklich schauderhaft. Abererkläre mir doch, ich begreife ja nicht.“

„Herr des Himmels, Aagot, kümmere du dich um deine eigenenAngelegenheiten,“ sagte Helge heftig.

„Ja, ja, lieber Freund, beiß mich nur nicht! Ist Tante Bekka jetzt aufFräulein Winge eifersüchtig?“

„Du bist doch wahrhaftig das taktloseste Wesen, das existiert.“

„Nächst deiner Mutter — ja danke, das hat mir Onkel Gert einmalgesagt.“ Sie lachte. „Aber das ist doch die größte Dummheit —eifersüchtig auf Fräulein Winge!“ Sie lugte neugierig zu den beidenanderen hinüber.

„Ich möchte dich bitten, dich nicht in Dinge zu mischen, die nur unshier im Hause etwas angehen, Aagot,“ schnitt Helge alles weitere ab.

„Ja ja, — ich dachte nur — nun gewiß — es ist ja schließlichgleichgültig.“

„Das ist es, weiß Gott.“

Frau Gram kam herein und machte Licht. Jenny blickte fast ängstlichauf ihr verschlossenes, haßerfülltes Gesicht, das mit den harten,funkelnden Augen vor sich hinstarrte. Dann begann Frau Gram den Tischabzuräumen. Sie hob Jennys Stickschere auf, die auf den Boden gefallenwar:

„Es scheint Ihre Spezialität zu sein, etwas zu verlieren. Sie dürfennicht so nachlässig mit Ihren Sachen umgehen, kleines Fräulein Winge.Helge ist nicht so galant wie sein Vater, scheint es.“ Sie lachte.„Soll ich jetzt bei dir drinnen die Lampe anzünden, mein Junge?“ Sieging ins Rauchzimmer und zog die Tür hinter sich ins Schloß.

[S. 168]

Helge lauschte einen Augenblick zum anderen Zimmer hinüber — dieMutter sprach leise und heftig. Dann lehnte er sich wieder zurück.

„Kannst du denn mit deinem Gerede nicht einmal aufhören?“ ertönte GramsStimme deutlich von drinnen herüber.

Jenny neigte sich zu Helge:

„Ich gehe jetzt nach Hause — ich habe Kopfweh.“

„O nicht doch, Jenny. Dann gibt es hier nur Szenen bis ins Unendliche,wenn du gegangen bist. Sei so lieb und bleib; es geht nicht, daß dujetzt das Feld räumst, Mutter wird nur noch gereizter.“

„Ich kann aber nicht mehr,“ flüsterte sie, dem Weinen nahe.

Frau Gram ging durchs Zimmer. Gram kam und setzte sich zu ihnen.

„Jenny ist müde — sie will jetzt nach Hause gehen, Vater. Ich begleitesie.“

„Wollen Sie schon gehen? Wollen Sie nicht noch ein wenig bleiben?“

„Ich bin müde, ich habe Kopfschmerzen,“ murmelte Jenny.

„Bleiben Sie doch noch etwas,“ flüsterte Gram plötzlich. „Sie“ —er machte eine Kopfbewegung nach der Tür — „sagt Ihnen nichts. Undwährend Sie hier sind, entgehen wir anderen Szenen.“

Jenny setzte sich wieder still an den Tisch und griff nach ihrerStickerei. Aagot häkelte eifrig an einem weißen Umlegeschal.

Gram schritt zum Klavier. Jenny war nicht musikalisch, konnte aberhören, daß er es war, und nach und nach kam ein wenig Ruhe über sie,während er seine kleinen weichen Melodien spielte — für sie, dasfühlte Jenny.

„Kennen Sie dies, Fräulein Winge?“

„Nein.“

„Du auch nicht, Helge? Habt ihr es nicht in Rom gehört? Zu meiner Zeitsang man es überall. Ich habe hier einige Hefte mit italienischenMelodien.“

[S. 169]

Sie stand neben ihm und blätterte in den Noten.

„Tut mein Spiel Ihnen wohl?“ flüsterte er.

„Ja.“

„Soll ich weiter spielen?“

„Ja. Bitte.“

Er strich über ihre Hand:

„Arme kleine Jenny! Aber gehen Sie jetzt — ehe sie kommt.“

Frau Gram brachte ein Tablett mit Rhabarberwein und Gebäck herein.

„Nein, das ist aber nett, daß du ein wenig spielst, Gert! Finden Sienicht, daß mein Mann schön spielt, Fräulein Winge? Hat er Ihnen schonfrüher etwas vorgespielt?“ fragte sie harmlos.

Jenny schüttelte den Kopf:

„Ich wußte gar nicht, daß Herr Gram Klavier spielen kann.“

„Wie wunderschön Sie sticken!“ Sie ergriff Jennys Stickerei undbetrachtete sie. „Ich dachte wirklich, Künstlerinnen hielten es fürunter ihrer Würde, sich mit derartigen Handarbeiten zu beschäftigen.Welch bezauberndes Muster — wo haben Sie das her? Vom Auslande?“

„Das habe ich mir selber ausgedacht.“

„Nein wirklich? Dann ist es freilich leicht schöne Muster zu arbeiten— sieh her, Aagot, ist das nicht reizend? Sie sind sicher eintüchtiges Mädchen, Fräulein Winge.“ Sie streichelte Jennys Hand.

Was für abscheuliche Hände sie doch hat, dachte Jenny. Kleine Finger,deren Nägel breiter waren als lang und plattgedrückt.

Helge und Jenny begleiteten erst Aagot bis zu ihrer Pension oben inder Sofienstraße. Dann gingen sie zusammen über die Pilengasse zurück,durch die blaßblaue Juninacht. Nach den Regenschauern strömten dieweißen Blütenkerzen der Kastanien an der Hospitalsmauer einen fadenDuft aus.

[S. 170]

„Helge,“ sagte Jenny leise. „Du mußt es so einrichten, daß wirübermorgen nicht mit ihnen zusammen sind.“

„Das ist unmöglich, Jenny. Sie haben dich eingeladen und du hast Jagesagt. Deinetwegen ist es ja nur.“

„Helge, du kannst dir doch denken, daß es nur zu Unzuträglichkeitenführt. Stell dir vor, wenn wir allein irgend wohin fahren könnten,Helge. Ganz für uns allein, nur wir beide, Helge. Wie in Rom.“

„Glaub mir, Jenny, nichts würde ich lieber wollen. Es gibt nur zuHause so viele Unannehmlichkeiten, wenn wir diese Johannisfahrt nichtmitmachen.“

„Unannehmlichkeiten bringt es auch so,“ sagte sie mit scharfem Spott.

„Aber anders wird es viel schlimmer. Herrgott, kannst du denn nichtversuchen, dich um meinetwillen zu überwinden? Du brauchst doch nichtin all diesem Elend umherzugehen — darin zu leben und zu arbeiten.“

Er hat Recht, dachte sie und machte sich bittere Vorwürfe, daß sienicht geduldiger war. Ja, ihr armer Junge, er mußte in diesem Heimleben und arbeiten, wo sie es kaum zwei Stunden aushalten konnte. Dortwar er aufgewachsen und dort hatte er sich durch seine ganze Jugendgekämpft.

„Helge. Ich bin schlecht und egoistisch.“ Sie klammerte sich an ihn —matt und gequält und gedemütigt. Sie sehnte sich nach seinen Küssen,nach seinem Trost. Es ging sie beide ja doch gar nichts an; sie hattenja sich, sie gehörten zusammen, irgendwo weit außerhalb dieser Luftvoller Haß, Mißtrauen und Schlechtigkeit.

Der Jasmin in den alten Gärten duftete zu ihnen herüber.

„Wir fahren einmal zusammen über Land, wir beide ganz allein, Jenny,“tröstete er.

„Aber daß ihr auch so hirnverbrannt sein konntet,“ sagte er plötzlich.„Nein, ich kann das nicht fassen! Ihr mußtet euch doch denken, daßMutter es erfahren würde.“

[S. 171]

„Sie glaubt natürlich die Geschichte nicht, die dein Vater erzählte,“sagte Jenny zaghaft.

Helge blies durch die Nase.

„Ich wünschte, er sagte ihr, wie das Ganze zusammenhängt,“ seufzte sie.

„Du kannst ganz sicher sein, daß er es nicht tut. Und du mußtnatürlich tun, als wüßtest du nichts. Das ist das Einzige, was dumachen kannst. Es war einfach hirnverbrannt von euch.“

„Ich kann doch nichts dafür, Helge.“

„Ach, ich habe dir genug von den Verhältnissen zu Hause erzählt. Duhättest dafür sorgen müssen, daß es bei Vaters erstem Besuch blieb —all die späteren Visiten im Atelier und auch die Zusammenkünfte in derStenerstraße hättet ihr unterlassen sollen.“

„Zusammenkünfte? Ich sah das Motiv und wußte, daß ich ein gutes Bildvon dort aus malen konnte — das habe ich auch getan.“

„Nun ja. Es ist natürlich vor allem Vaters Schuld. — Ach!“ Er fuhrheftig auf. „Diese Art und Weise, wie er von ihr spricht — ja, duhast gehört, was er zu Aagot gesagt hat. Und heute Abend wieder zudir. ‚Sie!‘“ äffte er nach, „‚Ihnen sagt sie nichts!‘ Es ist aber dochunsere Mutter.“

„Ich finde aber, Helge, dein Vater ist weit rücksichtsvoller undhöflicher gegen sie als sie zu ihm.“

„Oh, diese Rücksichtnahme von Vater, ja! Nennst du das rücksichtsvoll,wie er vorgegangen ist, um dich auf seine Seite zu bekommen? SeineHöflichkeit! Du solltest wissen, was ich als Kind gelitten habe undjetzt als Erwachsener — unter dieser Höflichkeit. Wenn er kerzengeradedastand, ohne ein Wort zu sagen, und höflich aussah. Sprach er aber,dann klang es so eisig, so schneidend kalt, so höflich! Er bedanktesich fast noch für Mutters Schreien und Schelten und Toben. — Oh!“

„Liebster Junge!“

„O Gott, Jenny. Es ist auch nicht nur Mutters Schuld. Ich kannsie auch verstehen. Alle Menschen geben[S. 172] Vater den Vorzug. Du jetztauch. Es ist verständlich. Im Grunde tue ichs ebenfalls. Aber geradedeshalb begreife ich, daß sie so geworden ist. Sie will ja doch überalldie Erste sein, siehst du. Und sie ist es nirgends. Arme Mutter!“

„Ja, die Aermste!“ sagte Jenny. Doch ihr Herz blieb eiskalt gegen FrauGram.

Der Abend war schwer von Duft, Laub und Blüten, als sie durch dasStudentenwäldchen schritten. In der bleichen Dämmerung der Sommernachtraschelte es geschäftig auf den Bänken tief drinnen zwischen den Bäumen.

Ihr einsamer Schritt hallte in den ausgestorbenen Geschäftsstraßenwieder, deren hohe Häuser mit einem blauen Schein in den großen blankenFensterscheiben wie ausgestorben lagen.

„Darf ich mit hinaufkommen?“ fragte er vor ihrer Tür.

„Ich bin müde, du,“ sagte Jenny leise.

„Ich möchte so gern ein wenig bei dir sitzen — findest du nicht, daßwir es sehr nötig haben, einmal für uns allein zu sein?“

Sie widersprach nicht mehr, sondern stieg die fünf Treppen vor ihmhinan.

Die Nacht breitete sich blau über ihren Häuptern und blickte durchdie großen schrägen Dachfenster zu ihnen hinein. Jenny entzündete densiebenarmigen Leuchter auf dem Schreibtisch, nahm eine Zigarette undhielt sie in die Flamme.

„Willst du rauchen, Helge?“

„Danke.“ Er nahm ihr die Zigarette von den Lippen.

„Das ist es eben, siehst du,“ sagte er plötzlich. „Da war einmal etwasmit Vater und — einer anderen Frau. Ich war damals zwölf Jahre alt.Wieviel daran wahr ist, weiß ich ja nicht. Aber Mutter —. Oh, es wareine fürchterliche Zeit. Nur unseretwegen blieben sie zusammen — dashat Vater selbst einmal gesagt. Der Herrgott weiß, ich danke ihm dasnicht. Mutter ist jedenfalls ehrlich und gibt zu, daß sie ihn mitHänden und Füßen festhält, sie will ihn nicht freigeben.“

[S. 173]

Er warf sich aufs Sofa. Jenny setzte sich zu ihm und küßte ihn auf Haarund Augen. Er glitt auf die Knie nieder und legte den Kopf in ihrenSchoß.

„Erinnerst du dich des letzten Abends in Rom, als ich Gute Nacht zu dirsagte, Jenny? Hast du mich heute ebenso lieb wie damals?“

Sie erwiderte nichts.

„Jenny?“

„Wir haben heute keinen guten Tag miteinander gehabt, Helge,“ flüstertesie. „Zum ersten Male.“

Er hob den Kopf:

„Bist du mir böse?“ fragte er leise.

„Nein, nicht böse.“

„Was dann?“

„Ach nichts. Nur—“

„Nur, was?“

„Heute Abend —.“ Sie stockte. „Jetzt auf dem Heimwege —. Wir werdennoch allein eine Reise zusammen machen — ein andermal, sagtest du. Esist nicht wie in Rom, Helge. Jetzt bist du es, der bestimmt und sagt,was ich tun soll und was nicht.“

„Nein, nein, Jenny!“

„Doch. Du mußt mich verstehen, ich will ja auch, daß es so ist.Du bestimmst. Aber dann Helge, dann mußt du mir auch helfen, über alldas Andere — das Schwere — hinwegzukommen.“

„Du meinst also, ich habe dir heute nicht geholfen?“ fragte er langsamund richtete sich auf.

„Lieber — doch, du konntest ja nichts tun.“

„Soll ich jetzt gehen?“ flüsterte er kurz darauf und zog sie an sich.

„Du sollst tun, was du willst“, erwiderte sie leise.

„Du weißt, was ich will. Was möchtest du — am liebsten?“

„Ich weiß nicht, was ich möchte, Helge.“ Sie brach in Tränen aus.

„Jenny, ach Jenny!“ Er küßte sie behutsam viele,[S. 174] viele Male. Als sieruhiger geworden war, ergriff er ihre Hand.

„Ich gehe jetzt. Schlaf gut. Du darfst nicht böse auf mich sein. Dubist so müde, armes Kleines!“

„Sag mir lieb Gute Nacht,“ bat sie und hing an seinem Halse.

„Gute Nacht, meine süße, geliebte Jenny. Du bist müde, Armes — somatt. Gute Nacht. Gute Nacht.“

Dann ging er. Und wieder weinte sie.

VI.

„Hier ist es, was ich dir eigentlich zeigen wollte,“ sagte Gert Gramund erhob sich. Er hatte auf den Knien gelegen und in dem unteren Fachdes Geldschrankes gekramt.

Jenny schob die alten Skizzenbücher beiseite und rückte die elektrischeTischlampe zu sich hinüber. Er wischte den Staub von der großen Mappeund reichte sie ihr.

„Es ist viele Jahre her, seit ich dies irgend jemandem zeigte oder mirselber angesehen habe. Aber lange habe ich gewünscht, du solltest essehen, seit dem ersten Male, als ich bei dir im Atelier war. An jenemTage, als du dir hier die Bilder von Helge als kleinen Jungen ansahst,nahm ich mir vor, dich zu fragen, ob du die anderen sehen willst.Und später, während du hier arbeitetest, habe ich immer wieder darangedacht. — Ja, es ist sonderbar, Jenny. Wenn ich daran denke, währendich hier den Alltag mit meiner Arbeit zubringe.“ Er blickte sich indem kleinen engen Büroraum um. „Hier bin ich gelandet mit all meinenJugendträumen. Drüben im Schrank liegen sie, wie Leichen in ihremSarkophage, und hier gehe ich selbst umher — ein toter und vergessenerKünstler.“

Jenny schwieg. Gram drückte sich mitunter ein wenig sentimental aus,fand sie. Obgleich sie wußte, daß das Gefühl, das ihm die Worte gab,bitter aufrichtig war.[S. 175] Einer plötzlichen Eingebung folgend, strich sieihm leicht über das graue Haar.

Gram beugte den Kopf ein wenig nieder, gleichsam als wollte er ihreflüchtige Liebkosung verlängern. Dann — ohne aufzublicken, löste erdie Bänder an der Mappe. Seine Hand bebte leicht.

Sie merkte mit Erstaunen, daß ihre eigenen Hände zitterten, als sie daserste Blatt entgegennahm. Ihr war so merkwürdig beklommen ums Herz,als fühlte sie, daß ein Unglück geschehen würde: ihr wurde plötzlichAngst bei dem Gedanken, daß ja niemand von dem Besuch wissen durfte,daß sie nicht wagte, es Helge zu sagen. Sie wurde mißmutig, als siejetzt an ihren Verlobten dachte. Seit langem hatte sie es absichtlichunterlassen, darüber nachzudenken, was sie eigentlich für ihn fühlte.Sie wollte der Ahnung, die in dieser Sekunde in ihr aufdämmerte, nichtRaum geben und wollte sich nicht noch mehr in Unruhe bringen durch dieFrage, was eigentlich Gert Gram für sie empfand.

Blatt für Blatt nahm sie aus der Mappe, die seine Jugendträumeenthielt, und es wurde ihr dabei unsagbar traurig zumute.

Er hatte ihr von diesem Werk — Zeichnungen zu Landstads Volksliedern— erzählt, so oft sie allein waren. Es war ihr klar geworden, daß erum dieser einzigen Arbeit willen geglaubt, er sei zum Künstler geboren.

Seine Bilder zu Hause hatte er selber einmal Dilettantenarbeit einesfleißigen und gewissenhaften Schülers genannt. Aber dies hier — daswar sein Eigen. Sie sahen auf den ersten Blick sehr gut aus, diesegroßen Blätter mit der reichen Umrahmung romantischen Laubwerks und denzierlichen Mönchsbuchstaben des Textes. Die Farbenwirkung war überallrein und fein, bei einigen sogar verblüffend. Aber die eingefügtenVignetten und Friese mit Figuren, so sorgfältig und richtig ihreminiaturartige Zeichnung auch war, so leblos und stillos erschienensie. Einige waren durchaus naturalistisch, wieder andere lehnten sichso eng an italienisch-mittelalterliche Kunst,[S. 176] daß Jenny einzelne ganzbestimmte Offenbarungsengel und Madonnen unter den Kopfbedeckungender Ritter und Jungfrauen wiedererkannte. Ja, sogar die Farbenwirkungselbst, so z. B. von dem Hukaballiede mit den goldenen und rotviolettenTönen, erkannte sie aus einem bestimmten Meßbuch, das sie in der SanMarco-Bibliothek gesehen hatte. Wie seltsam die groben, festgeformtenVerse sich dagegen abhoben, in den zierlichen Typen des Klosterlateinsgeschrieben. Bei einigen der großen, ganzseitigen Bilder warenFormensprache und Komposition in barockem Stil gehalten, römischenAltarbildern entlehnt. Ein Widerklang all dessen, das er gesehen, woriner gelebt, was er geliebt, das war Gert Grams Jugendmelodie. Keinerdieser Töne war sein eigen, es war nur ein Echo vieler Töne, wenn auchdies Echo alles mit eigenem, weichem, melancholischem Klange wiedergab.

„Du bist nicht damit zufrieden,“ sagte er lächelnd. „O nein, ich sehewohl.“

„Doch, natürlich. Es liegt so viel Schönes und Zartes darin. Du weißt,“sie suchte nach dem Ausdruck, „es wirkt auf uns etwas fremd, da wir diegleichen Motive anders behandelt gesehen — und so gut, daß wir sie unsin anderer Art nicht recht vorstellen können.“

Er saß ihr gegenüber, das Kinn auf die Hand gestützt. Nach einer Weilesah er auf — ihr Herz krampfte sich bei diesem Blick zusammen:

„Ich wußte übrigens schon damals, was daran hätte besser sein sollen,“sagte er still und versuchte zu lächeln. „Wie ich dir sagte, ich habedie Mappe soviele Jahre nicht hervorgeholt.“

„Ich habe niemals recht verstehen können,“ sagte sie nach einer Weileablenkend, „daß du dich zu Spätrenaissance und Barock so hingezogenfühltest.“

„Es ist auch nicht zu verlangen, kleine Jenny, daß du dasverstehst.“ Er blickte ihr mit einem sonderbar wehen Lächeln insGesicht. „Siehst du, es gab wohl eine Zeit, da ich felsenfest anmein eigenes Talent glaubte. Aber doch nie so unbedingt, daß nichtein kleiner nagender Zweifel[S. 177] zurückgeblieben wäre. Nicht daranzweifelte ich, daß ich nicht auszudrücken vermöchte, was ich sagenwollte, ich war mir nicht klar darüber, was ich eigentlich ausdrückenwollte. Ich sah ja, daß die romantische Kunst abgeblüht und im Begriffwar, hinzuwelken. Fast auf der ganzen Linie hatten Verfall undUnwahrhaftigkeit um sich gegriffen, und gerade der Romantik gehörtemein ganzes Herz. Nicht nur in der Malerei. Ich sehnte mich nach densonntäglichen Bauern der Romantik, trotzdem ich als Knabe lange genugauf dem Lande gelebt hatte, um zu wissen, daß es sie nicht mehr gibt.Als ich in die Welt zog, war mein Ziel das Italien der Romantik. Ichweiß sehr wohl, du und deine Zeit, ihr sucht die Schönheit in dem,was ist, sinnlich und wirklich. Ich fand sie nur in derUmbildung der Wirklichkeit, die andere schon vorgenommen hatten. Duweißt, die achtziger Jahre kamen mit ihrem neuen Glaubensbekenntnis,ich machte den Versuch, zu folgen, doch mein Herz lehnte sich auf.“

„Ja, aber Gert,“ Jenny richtete sich auf, „die Wirklichkeit istdoch nicht ein bestimmter Begriff. Sie zeigt sich jedem einzelnenanders. ‚There’s beauty in everything,‘ sagte ein englischerMaler einmal zu mir, ‚only your eyes see it or see it not, littlegirls‘“.

„Ja, aber, Jenny — ich vermochte ja die Wirklichkeit nicht zusehen, ich erfaßte nur ihren Widerschein in den TräumenAnderer. Ich war nicht einmal fähig, aus der Mannigfaltigkeit derWirklichkeitswelt meine Schönheit herauszufinden. — Ichfühlte meine eigene Ohnmacht deutlich. Als ich dann dort hinunterkam,eroberte der Barock mein Herz. Begreifst du die tiefe Ohnmacht und dieSeelenpein, die man unter der Unfähigkeit, der Phrase, erleidet? NichtsPersönliches, Neues zu besitzen, um die Form damit zu erfüllen. — Nurdie Technik vervollkommnet sich, die rauschende Bewegung der Gewänder,die halsbrecherischen jähen Reduktionen, die gewaltigen Effekte inLicht und Schatten, die geschraubte Komposition. Die Leere wird unterder Ekstase verborgen — verzerrte Gesichter, verrenkte Glieder,Heilige,[S. 178] deren einzig wahre Leidenschaft die Furcht vor ihrem eigenenhartnäckigen Zweifel ist, den sie in krankhafter Erregung erstickenwollen. Ja, wahrhaftig, du, das ist die Verzweiflung des Niederganges,das Werk der Epigonen, das nur blenden will — und meist sich selbst.“

Jenny nickte. „Dies ist jedenfalls deine subjektive Anschauung.Ich bin durchaus überzeugt, daß die Maler, von denen du sprichst,außerordentlich stolz und zufrieden mit sich selber waren.“

Er schlug plötzlich einen anderen Ton an und lachte: „Möglich.Vielleicht wurde dies mein Steckenpferd, weil, wie du sagtest, es nuneinmal mein subjektiver Standpunkt war.“

„Aber das Bild, das du von deiner Frau gemalt hast — in Rot — das istdoch ganz impressionistisch, und es ist ausgezeichnet. Je öfter ich esmir anschaue, desto besser finde ich es.“

„O ja. Aber das ist ja ein vereinzelter Fall.“ Er schwieg. „Als ichmalte, war sie für mich das Leben. Ich war toll verliebt in sie — unddoch haßte ich sie schon so grenzenlos.“

„Daß du die Malerei aufgabst,“ fragte Jenny leise, „war das ihreSchuld?“

„Nein, Jenny. Alles, was uns an Unglück zustößt, ist unsere eigeneSchuld. Ich weiß, du bist nicht, was man gläubig nennt. Darin gehtes mir ähnlich. Aber ich glaube — an Gott meinetwegen, odereine seelische Macht, oder was du sonst willst, die in gerechter Weisestraft. — Sie war irgendwo draußen in der Großen Straße Kassiererin ineinem Geschäft. Ich sah sie dort zufällig. Sie war herrlich schön; daskannst du vielleicht jetzt noch sehen. Nun ja, ich lauerte ihr einesAbends auf, als sie aus dem Geschäft kam, und sprach sie an. Lernte siekennen. — Ich verführte sie,“ sagte er leise und hart.

„Und dann hast du sie eben geheiratet, weil sie ein Kind bekam. Dashabe ich mir gedacht. Zum Dank hat sie dich siebenundzwanzig Jahre langgequält und[S. 179] geplagt. — Weißt du, die Gerechtigkeit, an die du daglaubst, ist recht grausam.“

Er lächelte müde: „Ich bin gar nicht so altmodisch, Jenny, wie duvielleicht denkst. Ich erblicke darin keine Sünde, daß zwei jungeMenschen, die sich lieben und fühlen, daß sie zusammengehören, sicheinander hingeben, ob nun unter gesetzlichen oder ungesetzlichenUmständen. Ich aber habe Rebekka tatsächlich verführt. Sie warunschuldig, als ich sie traf, nicht nur rein körperlich, meine ich.Ich sah, wie sie war — sie ahnte es selber nicht. Ich wußte,wie leidenschaftlich sie war, wie eifersüchtig und tyrannisch sie inihrer Liebe sein würde. Ich machte mir aber den Teufel etwas daraus,ich fühlte mich geschmeichelt, daß gerade mir diese Leidenschaft galt,daß ich dieses herrliche Mädchen so ganz mein eigen nennen durfte.Natürlich hatte ich nie die Absicht, mich ihr ganz zu opfern, trotzdemich wußte, sie würde alles fordern. Ich hatte nicht gerade vor, siezu verlassen, glaubte aber, ich würde mich schon zu behaupten wissen.Ich hoffte, aus unserem Verhältnis ausschalten zu können, was ich ihrnicht geben wollte — meine Interessen, meine Arbeit: mein eigentlichesLeben — obwohl ich wußte, sie würde versuchen, alles an sich zureißen. Es war erzdumm von mir; ich wußte, ich war schwach, und siestark und rücksichtslos. Aber ich rechnete darauf, daß ihre stärkereLeidenschaft mir, der ich in gewissen Punkten verhältnismäßig kalt war,ein Uebergewicht geben würde. — Ich entdeckte, daß sie außer ihrergroßen Fähigkeit zu lieben keine starken Eigenschaften besaß. Sie wareitel und ungebildet, neidisch und roh. Wir hatten keine seelischeGemeinschaft, was ich aber nicht vermißte. Ich wollte ja nur ihrenherrlichen Körper besitzen, ihre verzehrende Leidenschaft genießen.“

Er erhob sich und ging zu Jenny hinüber, ergriff ihre Hände und preßtesie einen Augenblick an seine Augen.

„Konnte ich denn wissen, daß eine Ehe mit ihr ein einziges Elend seinwürde? — Ich mußte ernten, was ich gesät. Ich mußte sie also heiraten.Es war eine fürchterliche[S. 180] Zeit. Vorher, als sie zu mir ins Atelierkam — wild und toll vor Uebermut — verhöhnte sie jedes altväterischeVorurteil. Sie war stolz, Geliebte zu sein, übermütig — für sie gab esnichts als dies freie Liebesleben. Als es dann eine schlimme Wendungmit ihr nahm, blies sie aus einem anderen Horn. Ich bekam von ihrerachtbaren Familie in Frederikshald zu hören, ihrer unbefleckten Tugend,ihrem guten Ruf — ich dagegen war ein Schurke, ein Wicht, wenn ich sienicht augenblicklich heiratete. Soundso viele Männer hatten sie aufdiese oder jene Weise haben wollen, sie aber wollte sich weder verlobennoch sich verführen lassen.

Ich hatte nichts zum Heiraten — ich war Student, nicht einmal tüchtig,und hatte außer der Malerei nichts gelernt. Monate gingen hin. Ichmußte zu meinem alten Vater gehen. Dann heirateten wir, und zwei Monatespäter kam Helge. — Meine Familie half mir, dies Geschäft zu beginnen.Ich hatte ja einmal große Träume von einem Kunstverlag ... meineVolksliederblätter! — Aber die Herbeischaffung des täglichen Brotesund meine Familie machten mir Sorge und Mühe genug. Ich mußte sogareinmal akkordieren, wie du vielleicht gehört hast — in den neunzigerJahren. Sie nahm ehrlich und redlich ihr Teil an Arbeit, Entbehrung undArmut auf ihre Schultern und hätte mit Freuden für mich und die Kindergehungert. Es war bei meinen Gefühlen für sie beschämender, eingestehenzu müssen, daß sie sich für mich abarbeitete, sich aufopferte und fürmich litt. — Ich mußte auf alles verzichten, was mir lieb war. Zollfür Zoll zwang sie mich all das aufzugeben, was ich vor ihr voraushatte. Mein Vater und sie waren Todfeinde von der ersten Stunde an.Sie war ihm unsympathisch! Und das verletzte ihre Eitelkeit. So triebsie einen Keil zwischen uns beide. Vater war Beamter von der altenSchule, vielleicht ein wenig engherzig, steif und trocken — aber sofein und vornehm und rechtlich denkend und im Grunde so warm, so weichund gut. Wir waren einander immer viel — ja, Jenny, ich liebte ihn,aber[S. 181] das durfte ich natürlich nicht. — Dann die Malerei! Ich sah, daßich nicht die Fähigkeiten hatte, wie ich erst geglaubt. Ich vermochteaber nicht, mich immer und immer wieder zu versuchen, da ich doch nichtan mich selber glauben konnte, müde, wie ich war von der Jagd nach demtäglichen Brot und von diesem Zusammenleben, das mehr und mehr zu einerKarikatur wurde. Sie machte mir Vorwürfe, aber heimlich triumphiertesie. — Und dann die Kinder! Sie war eifersüchtig, wenn sie merkte, ichfreute mich über sie oder wenn sie sah, sie waren fröhlich mit mir. Siewollte die Kinder nicht mit mir teilen, aber sie wollte mich auch nichtmit den Kindern teilen. Ihre Eifersucht wuchs sich mit den Jahren zueiner Art Irrsinn aus. Nun, du hast ja selbst gesehen.“

Jenny blickte zu ihm auf.

„Sie kann es kaum ertragen, daß wir in einem Raume zusammen sind, nichteinmal, wenn Helge dabei ist.“

Sie zauderte einen Augenblick, ehe sie auf ihn zuging und ihre Händeauf seine Schultern legte:

„Ich begreife nicht,“ flüsterte sie, „daß du dies Leben ausgehaltenhast.“

Gert Gram beugte sich vor und legte seinen Kopf auf ihre Schulter:

„Ich verstehe es ja selber nicht, Jenny.“

Als er kurz darauf sein Antlitz hob und ihre Augen sich trafen, legtesie ihre Hand um seinen Nacken, und, überwältigt von einem unendlichverzweifelten, zarten Mitleid, küßte sie ihn auf Stirn und Wange.

Sie erschrak hinterher selbst, als sie auf sein Gesicht mit dengeschlossenen Augen herniederblickte, wie es an ihrer Schulter ruhte.Aber dann richtete er sich sanft auf und erhob sich.

„Danke, kleine Jenny.“

Gram legte die Blätter in die Mappe zurück und räumte den Tisch ab.

„Ja, Jenny, ich wünsche dir, du mögest recht, recht glücklich werden.Du bist so jung und hell, so frisch und[S. 182] energisch und begabt. Meinliebes Kind — du bist so, wie ich es selbst hatte sein wollen. Icherreichte es aber niemals.“ Er sprach mit leiser, geistesabwesenderStimme.

„Ich glaube,“ sagte er kurz darauf ganz ruhig, „solange ein Verhältnisneu ist und man sich noch nicht eingelebt hat, kann einem so vielesbegegnen, das schwer zu überwinden ist. Ich wünschte, ihr wohntetspäter nicht hier in der Stadt. Ihr sollt allein sein — in der erstenZeit — fern von Verwandtschaft und dergleichen.“

„Helge hat ja die Stellung in Bergen beantragt, weißt du,“ sagte Jenny.Wieder überfiel sie diese närrische Verzweiflung und Angst, wenn sie anihn dachte.

„Sprichst du nie mit deiner Mutter über diese Dinge, Jenny? Warumnicht? Hast du deine Mutter nicht lieb?“

„Doch, gewiß habe ich Mama lieb.“

„Du solltest sie um Rat fragen, mit ihr reden—“

„Es nützt mir nichts, andere um Rat zu bitten. Ich mag nicht übersolche Dinge mit anderen sprechen,“ sagte sie abweisend.

„Nein, nein. Du bist —“ Er stand dem Fenster halb zugewandt, als erplötzlich zusammenfuhr und leise und aufgeregt ihr zuflüsterte:

„Jenny — sie geht dort vorüber!“

„Wer?“

„Sie — Rebekka.“

Jenny erhob sich. Sie hatte das Gefühl, als müßte sie schreien,vor Erbitterung und Ekel. Ein Zittern überfiel sie, jede Fiber inihr krampfte sich zusammen, lehnte sich auf. Sie wollte nichthineingezogen werden in all das Häßliche, Schauderhafte, in diesesMißtrauen, diesen Hader, diese haßerfüllten Worte, Zänkereien undSzenen ... Nein, sie wollte nicht da hinein—.

„Jenny, du bebst ja, Kind — du solltest keine Furcht haben, dir darfsie nichts tun—.“

„Das ist es nicht — ich bin nicht ängstlich.“ Sie wurde plötzlich kaltund hart. „Ich bin hier gewesen,[S. 183] um dich zu holen — wir haben uns dieMappen angesehen und nun trinke ich bei euch Tee.“

„Es ist ja nicht sicher, daß sie etwas gesehen hat—“

„Das brauchen wir, weiß Gott, auch nicht zu verbergen! Weiß sie nicht,daß ich hier gewesen bin, so erfährt sie es eben. Ich gehe mit dir nachHause, hörst du? Wir müssen es tun, sowohl deinet- als auchmeinetwegen—.“

Gram blickte sie an:

„Nun ja, nehmen wir es also auf uns.“

Als sie auf die Straße hinunter kamen, war Frau Gram gegangen.

„Wir fahren mit der Straßenbahn, Gert; es ist spät.“ Sie schwieg.Plötzlich fuhr sie auf. „Helges wegen müssen wir es auch tun; dieseGeheimniskrämerei zwischen uns muß auch um seinetwillen ein Ende haben.“

Frau Gram öffnete ihnen selbst die Tür, als sie kamen. Während GertGram seine Erklärung vorbrachte, begegnete Jenny frei ihren bösen Augen:

„Das ist doch ärgerlich, daß Helge heute Abend nicht zu Hause ist.Glauben Sie nicht, daß er früher zurückkommt, Frau Gram?“

„Es ist aber auch merkwürdig, lieber Freund, daß du nicht daran gedachthast,“ sagte Frau Gram zu ihrem Manne. „Es ist für Fräulein Wingeschließlich kein Vergnügen, mit uns beiden einsamen Alten den ganzenAbend zu verbringen.“

„Oh, was das betrifft,“ meinte Jenny.

„Ich kann mich wirklich nicht entsinnen, daß Helge davon sprach, erginge heute Abend fort,“ sagte Gram.

„Man ist es nicht gewöhnt, Sie ohne Handarbeit zu sehen,“ lächelte FrauGram, als sie nach dem Essen im Wohnzimmer bei einander saßen. „Sie,die Sie immer so fleißig sind!“

„Nein, ich konnte nicht mehr nach Hause gehen, ich kam zu spät aus demAtelier. Können Sie mir nicht eine Arbeit leihen, Frau Gram?“

[S. 184]

Jenny unterhielt sich mit ihr über den Preis aufgezeichneterHandarbeiten hier und in Paris, und über die Bücher, die sie ihrgeliehen hatte. Gram saß und las. Hin und wieder fühlte Jenny seineAugen auf ihr ruhen.

Gegen elf Uhr kam Helge.—

„Was ist denn geschehen?“ fragte er, als sie dann die Treppehinuntergingen. „Ist zu Haus wieder eine Szene gewesen?“

„Durchaus nicht.“ Sie sprach heftig und nervös. „Deine Mutter nahm eswohl ungnädig auf, daß ich mit deinem Vater zusammen zu euch nach Hausekam.“

„Ich finde allerdings auch, das hättet ihr vermeiden können,“ sagteHelge zaghaft.

„Ich fahre mit der Straßenbahn nach Hause!“ Uebernervös, wie sie war,riß sie sich plötzlich unbeherrscht von ihm los. „Mehr ertrage ichheute Abend nicht, hörst du? Ich will nicht jedesmal diese Szenen mitdir haben, wenn ich bei euch gewesen bin. Gute Nacht!“

„Aber Jenny! Jenny —!“ Er lief ihr nach, aber sie war bereits an derHaltestelle. Die Bahn kam im selben Augenblick, Jenny sprang auf undließ ihn stehen.

VII.

Sie ging den ganzen Vormittag über im Atelier auf und ab, ohne zuarbeiten. Sie hatte nicht die Kraft, etwas zu tun.

Der Regen trommelte unaufhörlich und laut auf dem großenMansardenfenster. Hin und wieder hielt Jenny inne und blickteüber die regennassen Schieferdächer, die schwarzen Schornsteineund Telephondrähte hinweg, an denen die Regentropfen wie Perlenentlangglitten, zusammenliefen und niederfielen, um neuen Tropfen, dieschnell herbeiliefen, Platz zu machen.

Ihr kam der Gedanke, in den Bundefjord zur Mutter und den Kindern zureisen, einige Tage wenigstens. Von all diesem hier mußte siefort. Oder sie wollte die[S. 185] Stadt verlassen, irgendwo in einem HotelWohnung nehmen, Helge bitten, nachzukommen, um mit ihm in Ruhe sprechenzu können.

Wenn sie beide nur eine Zeitlang allein sein könnten! Sie versuchte,sich ihren Lenz dort unten vor Augen zu führen, sie erinnerte sich derWärme und der grünen Campagna, der weißen Blüten, des silberfeinenDunstes über dem Gebirge und ihrer eigenen Freude. Aber Helges Bild ausjener Zeit — wie er in ihren verliebten Augen ausgesehen hatte, schiensie nicht zurückrufen zu können.

Diese Tage lagen nun schon so weit hinter ihr, und sie standen sosonderbar isoliert von ihrem übrigen Leben da. Wenn sie auch noch sogenau wußte, wie es gewesen, so konnte sie doch die Verbindungzwischen damals und heute nicht mehr fühlen.

Dieses Haus in der Welhavenenstraße — nein, dort gehörte sie nichthin. Und es war ihr, als entschwinde Helge ihr dort gleichsam vor ihrenAugen. Es war unfaßbar, sie wollte es einfach nicht glauben, daß dieseMenschen zu ihr gehören sollten, für alle Zukunft.

Nein. Er, Gram, hatte Recht. Sie mußten aus all diesem heraus.

Sie wollte reisen. Sofort. Ehe Helge käme und eine Erklärung für dengestrigen Tag forderte.

Eben hatte sie die Handtasche gepackt und zog den Regenmantel über, alses klopfte — mehrmals. Sie erkannte Helges Zeichen.

Jenny stand mäuschenstill und wartete, bis er gegangen war. Kurz daraufergriff sie ihre Reisetasche, verschloß das Atelier und ging.

Als sie ein Stück die Treppe hinuntergekommen war, sah sie einen Mannin einem der Flurfenster sitzen. Es war Helge. Er hatte sie bereitsgesehen. So ging sie denn zu ihm hinunter. Einen Augenblick starrtensie sich an.

„Warum wolltest du mir eben nicht öffnen?“ fragte er.

Jenny antwortete nicht.

„Hörtest du nicht, daß ich klopfte?“

[S. 186]

„Doch. Ich hatte aber kein Verlangen mit dir zu sprechen.“

Er erblickte ihren Handkoffer.

„Willst du zu deiner Mutter fahren?“

Jenny überlegte einen Augenblick:

„Nein. Ich gedenke einige Tage nach Holmestrand zu reisen. Ich wolltedir dann schreiben und dich bitten, nachzukommen. Wir konnten dann eineWeile zusammen sein, ohne daß sich Unbeteiligte hineinmischen und unsSzenen machen. Ich würde gern mit dir in Ruhe und Frieden reden.“

„Ich hätte auch gern mit dir gesprochen. Können wir nicht zu dirhinaufgehen?“

Sie antwortete nicht gleich.

„Ist jemand bei dir oben?“ fragte er.

Jenny richtete ihre Augen auf ihn:

„Jemand oben? Wenn ich gegangen bin?“

„Es könnte ja jemand sein, mit dem du nicht zusammen fortgehen magst.“

Sie wurde brennend rot.

„Wie meinst du das, ich konnte ja gar nicht wissen, daß du mir hierauflauertest.“

„Liebe Jenny, du kannst dir doch denken — ich meine doch nicht, daßvon deiner Seite etwas Unrechtes darin läge.“

Jenny erwiderte nichts, sondern stieg die Treppe wieder hinauf. Obenim Atelier setzte sie den Koffer nieder, blieb im Mantel stehen undbeobachtete Helge, wie er seinen Regenmantel ablegte und den Schirm ineinen Winkel stellte.

„Vater erzählte es mir heute morgen, daß du bei ihm gewesen bist, unddaß Mutter draußen vorbeiging—.“

„Ja.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Es ist eine merkwürdigeAngelegenheit bei euch zu Hause — so auf der Lauer zu liegen. Es wirdmir recht schwer, mich daran zu gewöhnen, muß ich sagen.“

Helge wurde rot:

[S. 187]

„Liebste Jenny, ich mußte mit dir sprechen. Die Portierfrausagte, sie glaubte ganz bestimmt, du seiest oben. Du weißt doch wohl,daß ich nicht dir mißtraue—“

„Ich weiß bald nicht mehr aus noch ein,“ antwortete sie aufgebracht.„Ich kann das nicht mehr aushalten — all den Argwohn, dieseGeheimnistuerei, diesen Unfrieden und die Häßlichkeit. Herrgott, Helge— kannst du mich denn nicht ein wenig dagegen schützen!“

„Arme Jenny.“ Er erhob sich und ging zum Fenster, den Rücken ihrzugewandt.

„Ich habe mehr darunter gelitten, Jenny, als du ahnst. Es ist zumVerzweifeln. Denn — begreifst du das nicht selber — MuttersEifersucht ist doch nicht ganz unbegründet.“

Jenny zuckte zusammen. Helge wandte sich um und sah es.

„Ich glaube natürlich nicht, daß Vater sich dessen bewußt ist. Sonstwürde er seinem Verlangen, mit dir zusammen zu sein — nicht in diesemMaße nachgeben. Obgleich —. Er sprach auch mit mir darüber, daß wirbeide fort müßten, fort aus dieser Stadt. Ich weiß nicht — hat er dichnicht überhaupt auf die Reise gebracht?“

„Auf diese Reise nach Holmestrand bin ich selbst gekommen. Er sprachaber gestern mit mir davon, daß wir nicht hier in der Stadt wohnendürften — wenn wir verheiratet wären—“

Sie ging auf ihn zu und legte beide Hände auf seine Schultern. IhreStimme war klagend:

„Helge, mein Freund — ich muß ja reisen, wenn es so ist — Helge,Helge — was sollen wir tun?“

„Ich reise,“ sagte er kurz. Er nahm ihre Hände von seinen Schultern undpreßte sie an seine Wangen. So standen sie einen Augenblick still.

„Auch ich muß reisen. Kannst du denn nicht verstehen? Als ich nochdachte, deine Mutter sei ungerecht — ja, und auch unfein — konnteich ihr gegenüber tun, als ginge es mich nichts an. Aber jetzt — duhättest das nicht sagen dürfen, Helge — selbst wenn du dich irrtest.Ich[S. 188] kann nicht mehr dorthin gehen, wenn ich darüber nachgrübeln muß,ob sie auch nur einen leisen Schein von Recht hat; ich werde unsicher,ich weiß, ich kann ihr gegenüber nicht meine Fassung bewahren — ichkomme mir vor wie eine Schuldige ...“

„Komm.“ Er zog sie mit sich zum Sofa und setzte sich neben sie. „Ichwill dich etwas fragen.“

„Liebst du mich, Jenny?“

„Das weißt du,“ sagte sie hastig und bang.

Er nahm ihre Hand in seine beiden:

„Ich weiß, du hast es eine Zeitlang getan. Gott weiß, ich begriff nie,aus welchem Grunde. Aber ich wußte, du sprachst die Wahrheit, wenn dues sagtest. Dein ganzes Wesen gegen mich war Liebe, Güte und Freude.Aber ich hatte immer Angst, daß der Tag kommen würde, an dem du michnicht mehr liebtest.“

Sie blickte ihm in das weiße Gesicht:

„Ich bin dir so gut, Helge.“

„Ich weiß es wohl.“ Er lächelte flüchtig. „Ich weiß wohl, du bist nichteine von denen, deren Herz erkaltet gegen den Mann, den sie einstmalsliebten. Ich weiß auch, du willst mir nicht wehe tun — du wirst selbstleiden, wenn du mich nicht mehr liebst. — Ich habe dich so grenzenloslieb, siehst du—“

Er senkte seinen Kopf und weinte. Sie zog ihn fest an sich:

„Helge. Mein Junge. Mein lieber, lieber Junge.“

Er hob wieder den Kopf und schob sie sanft zurück:

„Jenny — damals in Rom — ich hätte dich nehmen können. Du wolltestmein werden — ganz. Du hattest den guten Willen — in deiner Seeleherrschte kein Zweifel darüber, daß unser Zusammenleben für uns Glückbedeuten würde. Ich war nicht so sicher — darum wohl wagte ich esnicht —. Später, hier zu Hause ... Ich sehnte mich so unsagbar. Ichwollte dich ganz besitzen, da ich fürchtete, dich eines Tages zuverlieren. Aber ich merkte, wie du immer auswichest, wenn du fühltest,daß dies Begehren in mir aufstieg.“

[S. 189]

Sie blickte ihn erschrocken an. Es war so! Sie hatte es sich nichtgestehen wollen — aber er hatte Recht.

„Wenn ich dich jetzt bäte. In dieser Stunde!?“

Jenny bewegte die Lippen. Dann sagte sie schnell und fest:

„Ja.“

Helge lächelte traurig und küßte ihre Hand:

„Willig und gern? Weil du mein sein willst? Weil du dir einGlück ohne mich und dich nicht denken kannst? Nicht nur, weil du miretwas Liebes antun willst? Nicht nur, weil du nicht dein Wort brechenwillst? Antworte aufrichtig!“

Sie warf sich weinend über seine Knie:

„Laß mich fortreisen! Ich will ins Gebirge fahren. Hörst du, Helge —ich muß mich selber wiederfinden — ich will deine Jenny werden,wie in Rom. Ich will, Helge — ich weiß weder aus noch ein, aberich will. Wenn ich ruhiger geworden bin, schreibe ich an dich;dann kommst du nach und dann bin ich nur deine, ganz deine Jenny—.“

„Jenny,“ sagte Helge leise. „Ich bin meiner Mutter Sohn. Wir habenuns voneinander entfernt — wir haben uns schon jetzt voneinanderentfernt. Du müßtest mich davon überzeugen, daß ich dir das Höchste aufErden bin, das Einzige, mehr als alles andere — aber du kannst nicht.Ich fühle ja, daß du zu deiner Arbeit, deinen Freunden mehr gehörstals zu mir, während du dich unter den Menschen fremd fühlst, die mirnahestehen—.“

„Ich fühle mich deinem Vater gegenüber nicht so fremd,“ flüsterte Jennyunter Tränen.

„Nein. Aber Vater und ich sind uns fremd. Jenny — da ist deine Arbeit,in der ich niemals ganz eins mit dir werden kann. Ich weiß jetzt,daß ich auch darauf eifersüchtig bin. Jenny, verstehst du nicht, ichbin ja ihr Sohn. Fühle ich nicht sicher, daß ich für dich allesauf der Welt bedeute, so muß ich eifersüchtig sein, fürchten, daß einesTages einer kommt, den du ganz lieben wirst,[S. 190] der dich besser versteht—. Ich bin von Natur eifersüchtig—.“

„Du darfst es nicht sein, Helge. Dann zerbricht alles. Ich duldekein Mißtrauen gegen mich. Hörst du — ich kann leichter verzeihen,wenn du mich betrügst, als wenn du an mir zweifelst—.“

„Das könnte ich nicht.“ Er lachte gequält.

Jenny strich sich das Haar aus der Stirn und trocknete die Augen:

„Helge. Wir haben uns doch gern. Wenn wir alles um uns her verließenund wenn wir beide den Willen hätten, alles gutzumachen.Wenn zwei Menschen einander gut sein und einander glücklich machenwollen—.“

„Ich habe zu viel gesehen. Ich wage nicht auf meinen und deinen Willenzu bauen. Da sind andere, die auch auf den guten Willen gehofft haben.Ich habe gesehen, wie zwei Menschen einander das Leben zur Hölle machenkönnen. — Du sollst mir auf das antworten, was ich dich fragte. Liebstdu mich? Willst du mein sein — wie in Rom? Darf ich heute Nacht beidir bleiben? Ist das dein Wunsch, der höchste, den du hast?“

„Ich bin dir doch gut, Helge.“ Sie schluchzte verzweifelt und leise.

„Ich danke dir,“ sagte er. Er ergriff ihre Hand und küßte sie. „Dukannst ja nichts dafür, armes Liebes, daß du mich nicht liebst. Dasweiß ich wohl.“

„Helge!“ klagte sie flehend.

„Du kannst mir nicht sagen, Jenny, daß ich bleiben soll, weil du ohnemich nicht leben kannst. Wagst du es, die Verantwortung für alle Folgenzu übernehmen, wenn du sagst, du liebtest mich, nur damit ich jetztnicht traurig von dir gehe—?“

Jenny starrte in ihren Schoß.

Helge zog den Regenmantel an und griff nach seinem Schirm.

„Leb wohl, Jenny.“ Er nahm ihre Hand.

„Gehst du von mir, Helge?“

„Ja, Jenny, ich gehe.“

[S. 191]

„Kommst du nicht wieder?“

„Nur, wenn du mir sagen kannst, was ich dich fragte.“

„Das kann ich jetzt nicht sagen,“ flüsterte sie verzweifelt.

Helge strich ihr flüchtig übers Haar. Dann ging er.

Jenny blieb weinend auf dem Sofa sitzen. Sie schluchzte bitterlich undlange — ohne zu denken. Und inmitten der tiefen Müdigkeit, die darauffolgte, der Mattigkeit nach der kleinlichen Quälerei, der kleinlichenDemütigung und dem kleinlichen Hader der letzten Monate fühlte sie ihrHerz so leer und kalt. Helge hatte Recht.

Nach einer Weile verspürte sie Hunger. Als sie nach der Uhr sah, war essechs.

Sie hatte vier Stunden so dagesessen. Als sie ihren Mantel anziehenwollte, entdeckte sie, daß sie ihn gar nicht abgelegt hatte.

Drüben an der Tür hatte sich eine Wasserpfütze gebildet — zwischeneinigen Bildern im Blendrahmen. Jenny suchte nach einem Lappen undtrocknete den Boden auf. Da fiel ihr plötzlich ein, daß das Wasser vonHelges Schirm herrührte. Sie lehnte die Stirn an den Türrahmen undweinte wieder.

VIII.

Das Mittagessen war schnell beendet. Sie versuchte die Zeitung zu lesenund eine Weile ihre Gedanken auszuschalten. Es war aber umsonst. Sowürde es doch besser sein, heimzugehen und sich dort hinzusetzen—.

Als sie kam, stand ein Mann wartend auf dem obersten Treppenabsatz. Erwar groß und schmächtig. Sie sprang die letzten Stufen hinauf und riefHelges Namen.

Sie erkannte seinen Vater. „Es ist nicht Helge,“ entgegnete er.

Jenny streckte ihm atemlos beide Hände entgegen:

[S. 192]

„Gert — was ist — ist etwas Schlimmes geschehen?“

„Still, still, Jenny.“ Er ergriff ihre Hand. „Helge ist fortgereistnach Kongsberg zu einem Freund, einem Schulkameraden, der dort Arztist. Zu Besuch. Herrgott, Kind, du fürchtest doch nichts anderes —.“Er lächelte ganz leise.

„Oh, ich weiß nicht—.“

„Nein. Aber liebe Jenny — du bist ja ganz außer dir—.“

Sie ging ihm vorauf durch den Gang und schloß das Atelier auf. Drinnenwar es taghell und Gert Gram betrachtete sie. Er war selbst bleich.

„Ist dir so weh ums Herz, Jenny? — Helge sagte — ich verstand ihnjedenfalls so — daß ihr übereingekommen seid ... ihr fändet beide, daßihr nicht zueinander paßt—.“

Jenny schwieg. Wie sie jetzt einen Dritten es aussprechen hörte, war esihr, als müsse sie widersprechen. Sie hatte es vorhin nicht begriffen,daß es vorbei sein sollte. Aber da stand er und sagte: sie seien sichklar geworden, daß es so das Beste wäre. Helge war fortgereist, und dieLiebe, die sie einmal für ihn empfunden, war gestorben — sie konntesie nicht mehr in sich finden — und daher war es eben vorbei. AberGott im Himmel, wie war es denn möglich, daß es zu Ende sein sollte,zumal sie es ja gar nicht gewollt—.

„Ist es so schwer für dich, Jenny?“ fragte er wieder. „Hast du ihn dochnoch lieb—?“

Jenny warf den Kopf zurück:

„Natürlich bin ich Helge gut.“ Ihre Stimme bebte leise: „Man hört dochnicht ohne weiteres auf, einen Menschen gern zu haben, den man geliebthat. Es ist einem doch nicht gleichgültig, ob man einem anderen wehetut—.“

Gram antwortete nicht gleich. Er setzte sich aufs Sofa, drehte seinenHut zwischen den Händen und betrachtete ihn:

„Ich verstehe ja, daß es schmerzlich und schlimm für euch beide ist.Aber Jenny — wenn du es dir[S. 193] überlegst — glaubst du nicht selbst, daßes das Beste für euch ist—?“

Sie entgegnete nichts.

„Wie innig froh ich war, Jenny, als ich dich traf und sah, wie die Frauwar, die mein Sohn erwählt hatte — das kann ich dir nicht beschreiben.Es schien mir, als sollte mein Junge alles das besitzen, worauf ichin meinem Leben hatte verzichten müssen. Du warst so schön und fein,ich hatte den Eindruck, als seiest du ebenso gut, wie du klug, starkund selbständig warst; und dann warst du eine begabte Künstlerin, dieweder an Ziel noch Mitteln zweifelte. Du sprachst froh und warm vondeiner Arbeit, und froh und warm von deinem Freunde ... Dann kam Helgeheim. Da fand ich, daß du dich verändertest — merkwürdig schnell.Die peinlichen Vorkommnisse, die in meinem Hause nun einmal an derTagesordnung sind, machten also einen zu starken Eindruck auf dich.Ich dachte, es sei unmöglich, daß Dinge wie eine — unbehagliche,zukünftige Schwiegermutter einem jungen liebenden Weib vollständigdas Glück verbittern könnten. Ich begann zu fürchten, daß tiefereMißverhältnisse, die du jetzt nach und nach entdecktest, Schuld wären.Daß du vielleicht sahest, daß deine Liebe zu Helge nicht so felsenfestwar, wie du geglaubt. Daß dir klar wurde, daß ihr im Grunde nichtzusammen paßtet, wie du natürlich angenommen hattest. Daß mehr eineAugenblicksstimmung euch zusammengeführt hatte —. Dort unten, ihrBeide allein, losgelöst von jedem alltäglichen, heimlichen Band, alleinin der neuen Umgebung, Beide jung und frei, glücklich durch die Arbeitund wohl Beide mit der Liebessehnsucht der Jugend im Herzen — sollteall das nicht vorübergehende Sympathie und Verständnis erwecken können,selbst wenn diese Sympathie, dieses Verständnis nicht in die tiefstenWinkel eurer beider Seelen gedrungen war?“

Jenny stand drüben am Fenster und blickte zu ihm hinüber. Sie empfandeinen seltsam heftigen Unwillen, als er sprach. Herrgott, vielleichthatte er Recht. Aber[S. 194] er verstand ja gar nicht, was ihr eigentlich dasHerz so schwer machte, während er ihr alles so klar auseinandersetzte:

„Das ändert nichts an der Sache — selbst, wenn etwas an dem ist, wasdu sagst. Möglich, daß du Recht hast—.“

„Es ist jedenfalls besser, Jenny, daß ihr es jetzt eingesehen habt.Besser, als wenn es später gekommen wäre, wenn die Bande festergeknüpft waren und es schmerzlicher gewesen wäre, sie zu lösen—.“

„Das ist es ja nicht, ach, das ist es ja gar nicht!“ Sie unterbrachihn plötzlich heftig. „Ich — ich verachte mich selbst. Man gibteiner solchen lächerlichen Stimmung nach, lügt sie herbei. Man sollwissen, daß man, ehe man sagt, man liebt, für sein Worteinstehen kann. Eine solche Leichtfertigkeit habe ich immer amallermeisten verachtet. Nun sitze ich selbst in der Schande.“

Gram blickte plötzlich scharf zu ihr hinüber. Er wurde bleich — unddann glühend rot. Nach einer Weile sagte er mühsam:

„Ich sagte, es sei das Beste, daß, wenn zwei Menschen nicht zueinanderpassen, sie es entdecken, ehe das Verhältnis so tief in ihr Lebeneingegriffen hat, daß Beide — und besonders sie — nie wieder dieSpuren auslöschen können. Ist es zu spät, so muß man eher versuchen, obman nicht — mit ein wenig Resignation und viel gutem Willen von beidenSeiten — eine Harmonie zuwege bringen kann. Erweist sich das als eineUnmöglichkeit, so kann man ja noch immer —. Ich weiß ja nicht, ob duund Helge ... wie tief es gegangen ist—.“

Jenny lachte spöttisch:

„Ah, ich verstehe, was du meinst. Für mich ist es ebenso bindend, daßich Helge habe angehören wollen — mein Wort gegeben habe und esnun nicht halten kann. Ebenso demütigend — vielleicht mehr als wennich wirklich sein gewesen wäre—.“

[S. 195]

„Du wirst das nicht sagen, wenn du einmal einem Manne begegnest, den dumit großer, wahrer Liebe lieben kannst,“ sagte Gram leise.

Jenny zuckte mit den Schultern:

„Glaubst du übrigens an die große und wahre Liebe, von der du dasprichst?“

„Ja, Jenny.“ Gram lächelte schwach. „— Ich weiß, der Ausdruck kommteuch jungen Menschen heutzutage komisch vor. Ich glaube indessen an sie— aus guten Gründen.“

„Ich glaube, eines jeden Menschen Liebe ist wie er selbst. Wergroßzügig veranlagt ist und wahrhaftig gegen sich selbst, wirft sichnicht in kleinen Liebeleien fort. Ich dachte, ich selber ... Aber ichwar achtundzwanzig Jahre alt, als ich Helge traf, und ich hatte niegeliebt. Dessen war ich überdrüssig und wollte es gern versuchen. Erwar verliebt, warm und jung, aufrichtig, und das lockte mich. So logich denn mir selber etwas vor, genau wie all die anderen Frauenzimmer— seine Wärme ging auf mich über, und ich bildete mir schleunigst ein,ich sei warm. Obwohl ich wußte, daß man diese Illusion nicht langeaufrecht erhalten kann, jedenfalls nur solange, als von dieser Liebenicht etwas verlangt wird. Andere Frauen begehen dergleichen in allerHarmlosigkeit, weil sie zwischen Gut und Böse nicht unterscheidenkönnen und sich immer etwas vorlügen — so etwas kann ich aber zumeiner Entschuldigung nicht anführen —. Ich bin also in Wirklichkeitebenso klein und egoistisch und verlogen wie die anderen. Daher kannstdu sicher sein, Gert, daß ich schwerlich deine große und wahrhafteLiebe kennen lernen werde—.“

„Jenny,“ und wieder lächelte Gert sein melancholisches Lächeln,„ich, siehst du, — Gott weiß, ich bin weder groß noch stark, inLüge und Schlechtigkeit hatte ich zwölf Jahre lang gelebt, und ich warzehn Jahre älter als du jetzt bist — ich sah da eine, die mich an diesGefühl, von dem du jetzt so höhnisch sprichst, glauben lehrte — sofest, daß ich niemals daran zweifeln werde.“

[S. 196]

Eine Weile war es still.

„Und du — bliebst bei ihr,“ sagte Jenny leise.

„Wir hatten beide Kinder. Ich sah damals noch nicht ein, daß ich nichtden geringsten Einfluß auf meine eigenen Kinder gewinnen würde. Schongar nicht, wenn eine andere als ihre Mutter mein ganzes Herz und meineganze Seele besaß. Sie war auch verheiratet. Schlecht verheiratet.Hatte ein kleines Mädchen. Das hätte sie wohl mit sich nehmen können.Der Mann war ein Trinker.

Ja, das war auch ein Teil der Strafe, siehst du — Strafe für dasVerhältnis, in das ich mich eingelassen hatte — mit jener. Das mirnie etwas anderes gegeben hat als Befriedigung meiner Sinne —. UnserVerhältnis war zu schön, als daß es aus Lüge bestehen konnte. Unsereschöne, herrliche Liebe mußten wir verbergen wie ein Verbrechen —. Oh,kleine Jenny! — Es gibt kein anderes Glück, siehst du—.“

Sie ging zu ihm hin, während er sich erhob. Sie standen dichtbeieinander, ohne sich zu rühren, und ohne zu sprechen.

„Ich muß gehen, Kleines,“ sagte er plötzlich gezwungen und trocken.„Ich muß zur üblichen Zeit zu Hause sein, weißt du. Sonst wird sie nurargwöhnisch—.“

Jenny nickte.

Gert Gram ging zur Tür, Jenny begleitete ihn.

„Du darfst nicht fürchten, daß dein Herz nicht lieben kann,“ lachte erplötzlich still. „Ich glaube, es ist ein stolzes kleines Herz, Jenny —und warm! Willst du mich weiter zu deinen Freunden rechnen?“

„Ja,“ sagte Jenny leise und reichte ihm die Hand. Er beugte sich niederund küßte sie lange — länger als sonst.

IX.

Gunnar Heggen und Jenny Winge wollten im November zusammen eineAusstellung veranstalten. Aus diesem Anlaß kam er nach Kristiania. DenSommer hatte[S. 197] er in Smaalene zugebracht, roten Granit, grüne Zweige undblauen Himmel gemalt. Später war er nach Stockholm gefahren, wo er einBild verkaufte.

„Wie geht es Cesca?“ fragte Jenny, als sie an einem Vormittag in ihremAtelier bei einem Glase Whisky saßen.

„Ja — Cesca ...“ Gunnar trank einen Schluck aus seinem Glase, rauchteund blickte Jenny an und Jenny ihn.

Es war so traulich, wieder mit ihm zusammen zu sitzen und von Menschenund Dingen zu sprechen, von denen sie sich so weit entfernt hatte. Ihrwar, als habe sie ihn und Cesca einst weit, weit fort von hier in einemLande am Ende der Welt getroffen, dort mit ihnen gearbeitet, mit ihnenzusammen gelebt und die Freude gesucht.

Sie betrachtete das offene, sonnenverbrannte Gesicht vor ihr mit derschiefen Nase. Er hatte einmal als Kind einen Schlag darüber bekommen.„Und das hat Gunnars Physiognomie gerettet,“ pflegte Cesca zu sagen,„sonst wäre er der schrecklichste Typ eines schönen Mannes geworden.“Das war damals in Viterbo gewesen.

Im Grunde hatte sie Recht. Zug um Zug besehen war er eigentlich einerichtige Bauernburschenschönheit mit seiner niedrigen, breiten Stirnunter dem braungelockten Haarschopf, mit den großen stahlblauen Augenund dem roten, vollen Munde mit der blanken Reihe weißer Zähne. Bisherab zum runden starken Hals hatte die Sonne ihn verbrannt und seinebreite, eher gedrungene Gestalt wirkte fast brutal in ihrer gesunden,muskulösen Schönheit. Im Gegensatz hierzu stand der merkwürdigunschuldige, unberührte Ausdruck, der über dem sinnlichen Mund und denvollen Augenlidern lag und das unendlich feine Lächeln, das mitunterseine Lippen umspielte. Er hatte ein Paar richtige Arbeiterhände mitdicken Sehnen und groben Gelenken an den kurzen Fingern; aber er konntesie auf eigene, lebhaft anmutige Art bewegen.

Etwas magerer war er geworden, sah aber sonst gesund und wohl aus,während sie sich so müde und[S. 198] unbefriedigt fühlte. Er hatte den ganzenSommer hindurch gearbeitet, daneben griechische Tragödien, Keats undShelley gelesen.

„Ich habe aber Lust, die Tragödien in der Ursprache zu lesen,“ sagteGunnar. „Ich muß also jetzt Griechisch und Latein lernen.“

„Herrgott!“ sagte Jenny. „Ich fürchte, du wirst soviel zu lernen haben,ehe deine Seele Ruhe findet, daß dir schließlich keine Zeit mehr zumMalen bleibt, außer nach Feierabend.“

„Doch, Jenny, ich muß es lernen. Ich will nämlich einige Artikelschreiben.“

„Du auch? Willst du jetzt auch Artikel schreiben?“ Sie lachte.

„Ja, eine ganze Reihe über verschiedene Gegenstände. Unter anderemwill ich anregen, daß wir wieder Griechisch und Latein in den Schuleneinführen, wir müssen jetzt unbedingt etwas Kultur hier unter die Leutebringen.“

„Teufel!“ sagte Jenny.

„Ja, allerdings Teufel! Es kann nämlich so nicht weiter gehen. Zumnationalen Symbol wird ein rosenrot gefärbter Grütztopf mit einigeneingeritzten Schnörkeln erhoben, was dann eine ungeschickte Nachahmungder armseligsten aller europäischen Stilarten, des Rokoko, vorstellensoll. So sieht nämlich der Nationalismus hier oben aus. Du weißtselbst, den größten Eindruck macht es hierzulande, wenn ein Künstleroder gewöhnlicher Sterblicher mit der Schule oder Tradition bricht,wenn er die Uebernahme der Volkssitte und der Begriffe, die gewöhnlichezivilisierte Menschen von geziemender Lebensweise und Anständigkeithaben, verweigert. Ich habe nun einmal die Absicht, meinen Landsleutenzu erzählen, daß es unter den Verhältnissen, wie sie hier herrschen,eigentlich notwendiger wäre, wenn man versuchte, Verbindungenanzuknüpfen, einiges von den aufgehäuften Schätzen, die man im weitenEuropa mit Kultur bezeichnet, sich anzueignen, zu erbeuten und in dieheimatliche Höhle zu schleppen. Sie aber brechen ein kleines Gliedaus dem[S. 199] Zusammenhang heraus, siehst du, ein einzelnes Ornament auseinem Stil, rein buchstäblich gesprochen, — dasselbe gilt auch füreine Geistesrichtung — schnitzen und klopfen daran herum, und zwarso ungeschickt und häßlich, bis es zuletzt unkenntlich geworden ist,und dann behaupten sie großspurig, es sei original und norwegischesNationalpatent.“

„Nun ja. Aber diese Sünden beging man auch zu jener Zeit, als dieklassische Bildung offizielle Grundlage für die ganze Bildung inunserem Lande war.“

„Ja, gewiß. Hier kannte man jedoch nur einen ganz kleinen Teil desKlassizismus. Ein Bruchstück. Ein wenig lateinische Grammatik wurdegepflegt. Nie hing bei uns ein Bild von dem, was man den klassischenGeist nennt, unter den Gemälden unserer hochehrwürdigen Vorväter.Solange das aber nicht der Fall ist, stehen wir außerhalb Europas.Solange wir nicht in der Historie der Griechen und Römer die ältesteGeschichte unserer eigenen Kultur erkennen, haben wir auch keineeuropäische Kultur. Es kommt ja nicht darauf an, wie diese Geschichtein der Wirklichkeit aussah, sondern nur darauf, wie sie uns überliefertworden ist. Nehmen wir als Beispiel die Kriege zwischen Sparta undMessene: In Wirklichkeit handelte es sich nur um einige halbwildeHirtenstämme, die sich in grauer Vorzeit bekämpften. Aber in derUeberlieferung, wie sie uns überbracht ist, waren diese Kriege derklassische Ausdruck des Triebes eines gesunden Volkes, lieber bis zumletzten Mann unterzugehen als Gewalt an seiner Individualität undseinem Recht der Selbständigkeit zu dulden. Herr im Himmel, wir habenfür unsere Ehre seit Jahrhunderten nicht mehr gekämpft, sondern stattdessen den Wanst mit einigen Millionen Sandkuchen und ganzen Ladungenvon Grütze vollgepfropft. Zum Beispiel die Perserkriege: sie wareneigentlich ganz unbedeutend, doch für ein lebensfähiges Volk bedeutenSalamis, Thermopylae und Akropolis die Blüte aller ältesten undgesündesten Instinkte. Die Worte fahren fort zu leuchten, solange dieseInstinkte Wert haben[S. 200] und solange ein Volk glaubt, seine Fähigkeitenbehaupten zu müssen und auf seine Vergangenheit, seine Gegenwart undseine Zukunft stolz sein zu dürfen. Und solange kann ein Dichter einlebendiges Werk über Thermopylae schreiben und es mit seinen eigenenlebendigen Gefühlen erfüllen. Erinnerst du dich an Leopardis Ode aufItalien — ich las sie dir einmal in Rom vor?“

Jenny nickte.

„Etwas Rhetorik ist zwar dabei — aber bei Gott, sie ist herrlich!Nicht wahr? Er erzählt von Italia, der schönsten Frau, die gefesseltim Staube liegt, mit aufgelöstem Haar, und in ihren Schoß weint.Und dann wünscht er sich, einer der jungen Griechen zu sein, die inThermopylae dem Tod entgegenschritten, unerschrocken, freudig, alsginge es zum Tanz. Ihre Namen sind geheiligt und Simonides singtsterbend Jubelgesänge vom Gipfel des Antelos. Dann gibt es all diealten, herrlichen Erzählungen, die wie Symbole und Parabeln wirken undniemals alt werden. Denk nur an Orpheus und Eurydike — wie einfach:den Glauben der Liebe schreckt selbst nicht der Tod — aber der Zweifeleines kurzen Augenblicks, und alles ist verloren. Hierzulande kennt manaber nur eine Operette darüber!

Engländer und Franzosen haben es verstanden, die alten Symbole fürihre neue, lebende Kunst zu verwenden. Dort draußen wurden in denglücklichen Zeiten doch noch Menschen geboren, deren Triebe und Gefühleso kultiviert waren, daß sie stark genug wurden, um uns der AtridenSchicksal verständlich zu machen, so daß es uns packte, als erlebtenwir es in der Wirklichkeit. Auch die Schweden haben noch lebendigeVerbindung mit dem Klassizismus. — Wir haben ihn nie gekannt. Was sindes dagegen für Bücher, die hier gelesen werden und — auch geschrieben?Sonnenstrahlerzählungen von geschlechtslosen Maskeradefiguren inEmpiregewändern — dänische Schmutzbücher, die einen Mann über sechzehnnicht interessieren können. Oder ein grüner Bengel ereifertsich über das Mystische, Ewigweibliche eines kleinen Laufmädels,das naseweis ist[S. 201] und ihn betrügt, weil er nicht genügend gesundenMenschenverstand besitzt, um zu erkennen, daß der ganze Rebus zumeistmit dem spanischen Röhrchen zu lösen ist.“

Jenny lachte. Gunnar wanderte im Zimmer auf und ab.

„Hjerrild arbeitet wahrscheinlich jetzt auch an einem Buch überdie Sphinx. Zufällig kenne ich die Heldin etwas näher. Nun ja, siestand mir nicht so nahe, daß ich es der Mühe für wert hielt, siedurchzuprügeln. Aber immerhin hatte ich sie doch gern, und die ganzeSache widerte mich daher an. Mir wurde übel, als ich entdeckte, daß sieeben diese Heldin sein sollte. Aber durch die Arbeit bin ich darüberhinweggekommen, weißt du. — Im großen und ganzen, Jenny, gibt es keinLeid, das nicht durch die Arbeit zu überwinden wäre, glaube ich.“

Jenny schwieg eine Weile.

„Aber Cesca ...?“ fragte sie dann.

„Ach, Cesca! Sie hat sicher, seit sie verheiratet ist, keinen Pinselangerührt. Als ich sie besuchte, öffnete sie mir selbst die Tür —sie haben kein Mädchen. Sie trug eine gestreifte Küchenschürze undhielt einen Besen in der Hand. Ihre Wohnung besteht aus einem Atelierund zwei kleinen Löchern, und im Atelier können sie natürlich nichtbeide zugleich arbeiten, und außerdem legt die Wirtschaft ihre ganzeZeit mit Beschlag, wie sie sagte. Am ersten Vormittag, als ich dortwar, krabbelte sie die ganze Zeit auf dem Fußboden herum — Ahlin warfort. Erst fegte sie mit einem Besen aus, dann kroch sie umher undwirtschaftete mit einer Hasenpfote unter den Möbeln, sie war nachdiesen kleinen Flocken in den Winkeln aus, weißt du. Und dann scheuertesie und wischte Staub, aber Herr im Himmel, wie ungeschickt sie allesanpackte! Dann ging ich mit ihr fort und kaufte zum Mittagessen ein,ich sollte bei ihnen essen. Später kam Ahlin; da verschwand sie in derKüche, und als das Essen endlich fertig war, da waren ihre kleinenLöckchen ganz naß vom Schweiß. Das Mittagessen war aber nicht schlecht.Sie wusch dann[S. 202] auf — aber wie ungeschickt und schwerfällig — ranntefort und spülte jedes Stück unter der Wasserleitung ab. Ahlin und ichhalfen ihr. Zum Abendessen lud ich sie in die Stadt ein — die armeCesca genoß es, sie freute sich, auf diese Weise nicht kochen undaufwaschen zu müssen. Kommen da noch Kinder hinzu — und das wird janicht ausbleiben — so kannst du sicher sein, daß es mit Cescas Malereiaus ist. Und das wäre bei Gott eine Schande — ich kann mir nichthelfen, aber es wäre sehr schade.“

„Ach, ich weiß nicht, Gunnar. Für eine Frau sind ja doch Mann undKinder die Hauptsache. Früher oder später wird man sich jedenfalls dochdanach sehnen.“

Gunnar blickte zu ihr hinüber. Dann seufzte er.

„Wenn sie sich nur gern haben! Glaubst du, daß Cesca glücklich mitAhlin ist?“

„Wenn ich das wüßte, Jenny! Ja, ich glaube wohl, sie hat ihn sehrgern. Es ging jedenfalls dauernd ‚Lennart meint‘ und ‚findest du dieSauce gut, Lennart‘ und ‚willst du‘ und ‚soll ich‘. Sie hat sichnatürlich ein fürchterliches Halbschwedisch angeeignet, wie du dirdenken kannst. Ich muß sagen, ich verstehe das Ganze nicht recht — erwar ja so verliebt in sie, und er ist nicht tyrannisch oder brutal, imGegenteil. Aber sie ist so merkwürdig gedrückt und demütig geworden,die kleine Cesca. Daran können doch nicht nur diese HausfrauensorgenSchuld sein, obgleich diese sie recht bedrücken. Ihre Anlagen waren indieser Beziehung ja nicht gerade hervorragend, andererseits aber istsie auf ihre Art ein gewissenhaftes kleines Wesen. Außerdem scheinensie in sehr kleinen Verhältnissen zu leben. — Vielleicht,“ er lachteetwas frivol, „hat sie diesen oder jenen genialen Streich vollführt.Die Brautnacht dazu benutzt, von Hans Hermann und Norman Douglas zuerzählen, von Hjerrild und ihren anderen Erlebnissen, von Anfang bis zuEnde. Das kann ja dann leicht überwältigend gewirkt haben.“

„Cesca hat nun wahrhaftig aus ihren Geschichten[S. 203] nie einen Hehlgemacht, die mußte er doch von früher her kennen.“

„Ja gewiß. Aber es konnte sich ja um diese oder jene Pointe handeln,die sie bisher verschwiegen hatte, jetzt aber vielleicht meinte, ihmbeichten zu müssen.“

„Pfui, Gunnar!“ sagte Jenny.

„Ja, zum Teufel auch — man weiß niemals, was man von Cesca eigentlichhalten soll. Ihre Schilderung der Freundschaft mit Hans Hermann istseltsam genug. Cesca hat vielleicht nichts getan, was man sozusagenunmoralisch nennt, dessen bin ich sicher. Ich begreife zum Kuckuckauch nicht, was das einem Manne ausmachen kann, ob seine Frau früherein Verhältnis oder auch mehrere gehabt hat, wenn sie dabei nurrechtschaffen und loyal gehandelt hat. Denn diese Forderung nachphysischer Unberührtheit ist ja im Grunde gemein. Hat eine Frauwirklich einen Mann geliebt und seine Liebe hingenommen, so ist esnichtswürdig, sich aus diesem Verhältnis zurückzuziehen, ohne ihm dasHöchste haben opfern zu wollen. Natürlich wäre es mir am liebsten, daßmeine dereinstige Frau keinen vor mir geliebt hätte. Und man weiß jaauch nicht, wie man bei seiner eigenen Frau urteilt. Es könnte ja sein,daß alte Vorurteile, egoistische Eitelkeit und dergleichen plötzlichauftauchen ...“

Jenny machte eine Bewegung, als wollte sie etwas sagen, schwieg dannaber.

Gunnar war am Fenster stehen geblieben. Er hatte die Hände in denHosentaschen vergraben und wandte ihr den Rücken zu:

„Nein, Jenny. Ich will dir sagen, was ich so traurig finde. Man trifftganz selten einmal auf eine Frau, die wirklich in dieser oder jenerRichtung Talente hat und Freude daran, sie zu entwickeln, zu arbeiten.Eine Frau, die Energie besitzt, die fühlt, daß sie ein Mensch ist undselbständig über Recht und Unrecht nachdenken kann. Sie hat vielleichtden Willen, ihre Fähigkeiten, soweit es sich lohnt, zu kultivieren,ihre guten und wertvollen Instinkte zu pflegen, und andere, die ihrschlecht[S. 204] und unwürdig erscheinen, zu unterdrücken. Und dann begegnetsie eines schönen Tages einem Manne. Da heißt es denn: Ade Arbeit undEntwicklung, und es ist vorbei mit der ganzen Herrlichkeit. Sie gibtihr Selbst auf eines elenden Mannes wegen. Jenny — findest du dasnicht auch traurig—?“

„Gewiß. Aber so sind wir nun einmal alle geschaffen!“

„Ich begreife euch nicht. Weißt du, warum ich glaube, daß wir Männereuch nie verstehen werden? Zu guterletzt geht es uns nicht in den Kopf,daß Wesen, die doch Menschen sein wollen, so vollständig jeglichenSelbstgefühls ledig sind. Und das ist bei euch der Fall. Die Frau hatkeine Seele — wahrhaftig! Ihr gesteht ja mehr oder weniger offen ein,daß Liebesgeschichten das Einzige sind, das euch interessiert.“

„Es gibt aber auch Männer, bei denen dasselbe zutrifft; jedenfalls läßtihr Lebenswandel darauf schließen.“

„Ja gewiß, aber ein vernünftiger Mann hat auch keinen Respekt vorsolchen Schürzenjägern. Offiziell soll es doch nur als eine Art — nunsagen wir natürlichen Zeitvertreibs aufgefaßt werden, neben unsererArbeit. Oder ein tüchtiger Mann will eine Familie gründen, weil erdie Kraft in sich fühlt, für mehrere Menschen zu sorgen, als für sichallein, und einen Nachfolger für seine Arbeit haben will.“

„Ja, aber Gunnar, die Frau hat natürlich andere Aufgaben.“

„Ach still, das ist gar nicht der springende Punkt. Sie wollen jaüberhaupt nicht Menschen sein und arbeiten, sondern nur Weibchen. Waszum Teufel soll das heißen, eine ganze Schar von Kindern in die Weltzu setzen, wenn sie doch nicht zu Menschen heranwachsen, sondern nurweiter fortpflanzen — wenn die Rohprodukte nicht bearbeitet werden?“

„Das stimmt allerdings,“ Jenny lachte.

„Natürlich stimmt das. Und was die Frau betrifft ... Ach, ich habees von Kindheit an verfolgt[S. 205] und beobachtet. Aus meiner Zeit auf derArbeiterhochschule entsinne ich mich eines Mädchens, mit dem ichzusammen englischen Unterricht hatte. Sie lernte englisch, um mit denausländischen Kriegsschiffmatrosen sprechen zu können. Das Höchste, fürdas sich diese Mädels einzusetzen vermochten, war die Hoffnung auf eineStellung in England oder Amerika. Wir Jungen, meine Kameraden und ich,wir studierten, um zu lernen, und das Gehirn zu schulen. Wir versuchtenauf jede Art und Weise, das Wenige zu ergänzen, was wir in der Schulegelernt hatten. Die Mädels dagegen lasen nur Unterhaltungsbücher.Nimm zum Beispiel den Sozialismus! Kennst du eine einzige Frau, dieüberhaupt eine Ahnung davon hat, was er eigentlich bedeutet? Sie wissenes, wenn sie einen Mann haben, der ihnen diesen Begriff klargemachthat. Versuche aber einer Frau zu erklären, warum die menschlicheGesellschaft verpflichtet ist, jedem Kinde, das geboren wird, dieMöglichkeit zu geben, seine Anlagen zu entwickeln, wenn solchevorhanden sind, und das Leben in Freiheit und Schönheit zu leben, wennes den wahren Sinn der Freiheit begreift und Schönheitssinn besitzt.

Was aber halten die Frauen für Freiheit? Es bedeutet für sie, daßsie jeder Arbeit ledig sein und ihrem Hang zur Unanständigkeit dieZügel schießen lassen dürfen. Und Schönheitssinn?! Der fehlt ihnenvollständig! Sie staffieren sich mit dem Teuersten und Abscheulichstenaus, was die Mode nur erfinden kann. Sieh dir doch ihre Häuser an! Jemehr Geld vorhanden, desto schlimmer sieht es in ihnen aus. Ist jemalseine Mode zu häßlich und schamlos, daß sie sich ihr nicht unterwerfenwürden? Nein, wenn die Mittel nur da sind, wird alles mitgemacht. Daskannst du doch nicht abstreiten? — Von der Moral der Frauen will ichkeine Silbe sagen, denn sie haben keine. Lassen wir es noch hingehen,wie sie sich gegen uns betragen — aber wenn ihr unter euch seid, sobeklascht ihr euch gegenseitig und in welchen Tonarten! Pfui Teufel!“

[S. 206]

Jenny lächelte leise. Sie mußte ihm Recht geben und auch wieder nicht,aber sie war zu einer Diskussion nicht aufgelegt. Sie fand aber, daßsie antworten müßte, so sagte sie:

„Das war eine grausame Salve — die ganze Armee auf einmal ruiniert.“

„Du kannst es schriftlich bekommen,“ sagte er zufrieden.

„Ja, du hast ja in vieler Beziehung Recht, Gunnar. Aber es sinddoch unter den Frauen Unterschiede zu machen und seien es auch nurGradunterschiede.“

„Natürlich sind Unterschiede zu machen. Aber laß es gut sein, Jenny,was ich sagte, gilt bis zu einem gewissen Grade auch allen, und weißtdu, woher das kommt? Die Hauptsache ist euch allen ein Mann — einen,den ihr habt, oder einer, der euch fehlt. Das Einzige, das im Lebenvon wirklichem Wert und wirklichem Ernst ist — das hat für euch inWirklichkeit keinen Wert. Ich meine die Arbeit. Die Besten unter euchnehmen es eine kurze Zeit hindurch ernst. Aber ich glaube wahrhaftig,das liegt daran, daß ihr die sichere Gewißheit habt, während ihr nochjung und schön seid, daß ‚er‘ wohl kommen wird. Geht die Zeit jedochhin, und er zeigt sich noch immer nicht auf dem Schauplatz, fangt ihrdann an, betagter zu werden, so laßt ihr in der Arbeit nach, geht müdeund mißmutig umher und fühlt euch unbefriedigt.“

Jenny nickte.

„Hör zu, Jenny. Ich habe dich immer ebenso hoch geschätzt wie einenganzen Mann. Du bist jetzt bald neunundzwanzig Jahre, und so alt mußman sein, ehe man anfangen kann, einigermaßen selbständig zu arbeiten.Es ist doch nicht dein Ernst, daß du jetzt, nun du endlich dein eigenesLeben zimmern kannst, dir einen Mann und Kinder, Wirtschaft mit allemDrum und Dran aufladen möchtest, was dir an allen Ecken und KantenFesseln auferlegen, in deiner Arbeit immer nur im Wege sein würde?“

[S. 207]

Jenny lachte still.

„Herrgott, Mädel! Wenn dir nun wirklich alles das beschert wäre, unddu legtest dich hin, um zu sterben, umgeben von Mann und Kindern unddeiner Welt, so würdest du doch bereuen und trauern, daß du nicht dasZiel erreichtest, wozu dir die Fähigkeiten zu Gebote standen, dessenbin ich sicher, Jenny!“

„Ja. Aber: Gesetzt den Fall, ich habe das Aeußerste erreicht, was meineKraft mir gestattete, und ich weiß, in meiner Sterbestunde, daß meinLeben und meine Arbeit mich eine Zeitlang überdauern wird, und ich binallein, es gibt kein lebendes Wesen, das mir innerlich nahe steht ...Glaubst du nicht, daß ich dann erst recht trauern und bereuen werde?“

Heggen schwieg.

„Ja gewiß,“ sagte er nach einer Pause. „Natürlich bedeutet Ehelosigkeitnicht das gleiche für Frauen wie für uns Männer. Man muß wohl inBetracht ziehen, daß sie außerhalb dessen gestanden haben, um das dieLeute nun einmal am meisten Wesen machen in diesem Leben; und daß aufdiese Weise eine ganze Reihe von seelischen wie körperlichen Organenunberührt dahinwelken muß. — Ach, Jenny, ich wünschte oft, daß duein einziges Mal nur ein wenig leichtsinnig wärest, um mit dieserUnzufriedenheit abzurechnen und dann in Ruhe und Frieden weiterarbeitenzu können.“

„Frauen, die einmal ein wenig leichtsinnig gewesen sind, wie du esnennst, Gunnar, können nicht ohne weiteres mit dieser Unzufriedenheitfertig werden. War es das erste Mal eine Enttäuschung, so hoffen sieauf mehr Glück beim nächsten. Und wieder beim nächsten und immer sofort. Man gibt sich nicht mit Enttäuschungen zufrieden. Und ehe mansich’s versieht, ist es eine ganze Reihe von Malen geworden.“

„Zu denen gehörst du aber nicht,“ sagte er schnell.

„Danke! Es ist mir übrigens neu, daß du dergleichen predigst. Du hastfrüher selber gesagt, daß Frauen, die[S. 208] sich einmal in solche Dingeverwickelt haben, immer untergehen!“

„Die meisten wohl. Aber es muß auch einige andere geben. Ich sprechenatürlich nicht von Frauen, die keine anderen Lebensinteressen haben,als einen Mann — man kann ja nicht dauernd seinen Lebenszweck ändern.Ich meine die anderen, die etwas an sich bedeuten — etwas anderessind als nur Weibchen. Warum solltest zum Beispiel du nicht ehrlichund loyal an einem Manne handeln, selbst wenn ihr Beide einsähet, daßdu nicht deine Welt aufgeben und dich verpflichten kannst, für denRest des Lebens nur sein Weib zu sein? Denn die Liebe hört ja immereinmal auf, früher oder später. Das darfst du um Gotteswillen nichtanzweifeln!“

„Ja, das wissen wir immer genau — und zweifeln trotzdem daran.“ Sielachte. „Ach nein. Entweder liebt man — und dann glaubt man auch, eswährt ewig und es ist das Einzige, das Wert hat. Oder man liebt nicht— und ist unglücklich, daß man es nicht tut.“

„Jenny, ich kann es nicht mit anhören, daß du so sprichst. Sich seinerKraft bewußt sein, alle Muskeln spannen, bereit sein, aufzunehmen undzu erobern, zu formen und zu gestalten, das Letzte aus seinem Könnenans Tageslicht bringen, arbeiten, das ist das Einzige, das Wertbesitzt, Jenny!“

X.

Jenny beugte den Kopf über Gert Grams Chrysanthemenstrauß:

„Ich bin sehr froh, daß du meine Bilder so gut findest!“

„Ja, ich mag sie gern. Besonders das Bildnis von dem jungen Mädchen mitden Korallen.“

Jenny schüttelte den Kopf.

„Es ist so wunderschön in den Farben,“ sagte Gram wieder.

[S. 209]

„Ja. Es ist aber unzusammenhängend. Der Schal und das Kleid — es hätteganz anders durchgearbeitet sein müssen. Aber gerade, als ich es malte,kam so viel anderes dazwischen, sowohl für Cesca als für mich,“ sagtesie leise.

Nach einer Weile fragte sie:

„Hört ihr etwas von Helge? Wie geht es ihm?“

„Er schreibt nicht viel. Augenblicklich arbeitet er an seinerDoktorabhandlung, du weißt, zu der er die Vorarbeiten in Rom machte.Und er sagt, es ginge ihm gut.“

Jenny nickte.

„An seine Mutter schreibt er gar nicht. Und das kränkt sie natürlichbitter. Das Zusammenleben mit ihr ist nicht gerade angenehmergeworden. Ja, die Arme — es geht ihr übrigens sicher recht schlechtaugenblicklich.“

Jenny trug die Blumen zu ihrem Schreibtisch hinüber und begann sie zuordnen.

„Ich freue mich jedenfalls, daß Helge wieder arbeitet. Gott weiß, erhatte keine Ruhe dazu diesen Sommer.“

„Dir ging es doch genau so, du Aermste.“

„Ja, allerdings. Aber das Schlimmste ist, Gert, daß ich noch immernicht wieder angefangen habe — noch nicht. Und ich bin auch durchausnicht aufgelegt. Ich hatte ja doch die Absicht, diesen Winter radierenzu lernen, aber—.“

„Es ist selbstverständlich, Jenny, daß eine solche Enttäuschung Zeitbraucht, ehe sie überwunden ist. Glaubst du nun nicht, daß deineAusstellung dir neue Arbeitslust geben wird, da sie doch so geglücktist und freundliche Aufnahme gefunden hat? Du hast ja bereits einAngebot auf dein Aventinerbild bekommen — willst du es annehmen?“

Sie zuckte die Schultern:

„Ich muß ja. Zu Hause brauchen sie immer Geld, wie du weißt. Außerdem— ich muß wegreisen. Ich sehe, daß es nicht gut für mich ist, zu Hausezu sein.“

„Du willst also fort.“ Gram sagte es leise und sah nieder. „Janatürlich. Das ist ja auch verständlich.“

[S. 210]

„Ach, die Ausstellung!“ Jenny warf sich erregt in den Schaukelstuhl.„Alle meine Bilder — die neuesten jedenfalls ... Es ist eine Ewigkeither, seit ich daran arbeitete. Das Aventinerbild — die Studie beendeteich an jenem Tag, als ich Helge zum ersten Male sah. Das Bild malteich, während wir zusammen waren — auch das von Cesca. Und das von derStenerstraße unten bei dir, während ich auf ihn wartete. Seitdem habeich nichts getan. O Gott! — So, Helge arbeitet also wieder ...“

„Es ist klar, liebes Kind, daß so etwas tiefere Spuren bei einer Frauhinterläßt—.“

„O gewiß. Bei einer Frau. Das ist ja gerade das ganze Elend. Man gehtumher, mürrisch und faul — erzfaul! Um einer Liebe willen, die nichteinmal vorhanden ist!“

„Liebe Jenny,“ sagte Gram ruhig. „Ich finde das so natürlich. Esmuß seine Zeit haben, bis du ganz hindurch bist — und auf deranderen Seite drüben. Man kommt nämlich immer auf die andereSeite, siehst du, und dann begreift man, daß man ein solches Erlebnisnicht umsonst gehabt hat. Auf die eine oder andere Art kann man immerseine Seele mit solchen Erfahrungen bereichern.“

Jenny lachte kurz auf, antwortete aber nicht.

„Du hast trotzdem sicher viele Erinnerungen aus jener Zeit, diedu nicht missen möchtest — nicht wahr? Die Erinnerung an all dieglücklichen, warmen Sonnentage mit deinem Freunde, dort unten in demwunderbaren Lande, Jenny?“

„Willst du mir nicht erklären, Gert, woher du weißt, daß man seineSeele mit derartigen Erlebnissen bereichert, wie du sagtest. Hast dudas aus eigener Erfahrung?“

Er fuhr zusammen, schmerzlich berührt und betroffen von ihrerBrutalität. Es währte einen Augenblick, ehe er ihr Antwort gab:

„Das ist etwas anderes, Jenny. Die Erfahrungen, die der Sünde Lohnsind — du verstehst doch, ich meine nicht die Sünde in orthodoxemSinne, ich meine die[S. 211] Folgen einer Handlungsweise, die eigenem besseremWissen zuwiderläuft — die sind immer bitter. Nun, immerhin glaube ich,zuguterletzt haben meine Erfahrungen vielleicht meinen inneren Menschenreicher und tiefer gemacht, als ein kleineres Unglück es vermochthätte — da mein Geschick mir ja nicht vergönnt hatte, das großeGlück zu erleben. Einmal in meinem Leben wird es in vielleicht nochhöherem Maße der Fall sein. Ich habe das Gefühl, Jenny, als könntendiese Erfahrungen mich möglicherweise das rechte Verständnis dafürlehren, was der Sinn des Lebens eigentlich ist —. Aber in bezug aufdich meinte ich etwas anderes damit. Obwohl dein Liebesglück sich alsunbeständig herausstellte, so war es die Zeit über, die es währte, reinund schuldlos — soweit du vertrauensvoll und ohne Hintergedanken daranglaubtest und niemanden betrogst außer dir selbst.“—

Jenny schwieg still. Ein Sturm von Widerspruch wogte in ihr, aber siehatte das dunkle Gefühl, als ob Gram sie nicht verstehen würde.

„Erinnerst du dich nicht der Worte Ibsens:

‚Und segelt’ ich auch meine Schute auf Grund,

So war es doch herrlich zu fahren —‘“

„Oh, daß du diese kindischen Worte in den Mund nehmen magst, Gert. Diemeisten von uns haben zuviel Verantwortungsgefühl und Selbstachtung,um diesen Ausspruch gelten zu lassen. Laß mich schiffbrüchig werdenund untergehen, ich werde versuchen, nicht mit der Wimper zu zucken,wenn ich nur die Gewißheit habe, daß ich nicht selbst meine Schute aufGrund fuhr. Soviel ich weiß, ziehen die besten Seeleute es vor, selbermit ihrem Schiff unterzugehen, wenn sie die Schuld an seinem Untergangetragen.“

„Ich bin freilich der Ansicht, daß man alle Widerwärtigkeiten nursich selber zuzuschreiben hat — jedenfalls in letzter Instanz.“ Gramlächelte. „Aber daß man meistens auch imstande sein wird, aus seinemUnglück selber geistige Werte zu holen—.“

[S. 212]

„Ich gebe dir recht im ersten Punkte. Auch im letzten. Aber nurinsoweit, als das Unglück nicht darin besteht, daß die Selbstachtungherabgemindert wird.“

„Aber, kleine Jenny, diese Sache solltest du wirklich nicht zu schwernehmen. Du bist ja ganz aufgebracht und bitter. Ja, ich besinne mich,was du an jenem Tage sagtest, als Helge reiste. Aber, Herrgott, Kind,du meinst doch nicht im Ernst, jede Verliebtheit im Entstehen erstickenzu müssen, falls du nicht vom ersten Augenblick dafür einstehen kannst,daß das Gefühl bis zum Tode dauert, alle Widrigkeiten erträgt, zu allenOpfern bereit ist und die Seele des Geliebten wie in einer Visionerfaßt und versteht, ihre geheimnisvollsten Tiefen beleuchtet, so daßeine spätere Enttäuschung ausgeschlossen ist?“

„Doch,“ sagte Jenny heftig.

„Hast du das jemals selbst empfunden?“ fragte Gert Gram leise.

„Nein, aber ich weiß es dennoch. Ich habe immer gewußt, daß es so seinmüßte.

Als ich aber achtundzwanzig Jahre alt geworden und noch immer alteJungfer war, als ich mich danach sehnte, zu lieben und geliebt zuwerden, als dann Helge kam und sich in mich verliebte, da legte ich allmeine Forderungen an mich selbst und meine Liebe beiseite undnahm, was ich bekommen konnte — natürlich bis zu einem gewissen Gradein gutem Glauben. Es wird schon gehen, dachte ich, es geht sicher,aber die innerliche vertrauende Gewißheit, daß es gehen würde, weil esanders nicht möglich war, die hatte ich nicht.

Ich will dir erzählen, was mein Freund Heggen hier eines Tages zumir sagte. Er verachtet die Frauen redlich und rechtschaffen — under hat Recht. Wir, wir haben nicht die Selbstachtung, und außerdemsind wir so träge, daß wir niemals im Ernste entschlossen sind, unsunser Leben und unser Glück selber zu zimmern, indem wir arbeiten undkämpfen. Insgeheim hoffen wir beständig darauf, daß ein Mann kommenund uns das[S. 213] Glück bescheren werde, so daß wir jeder Anstrengungüberhoben seien. Die Weiblichsten unter uns, die nur Müßiggang, Putzund Vergnügen im Sinne haben, hängen sich dem Manne an den Hals, derihnen das in reichstem Maß verschaffen kann. Ist aber wirklich dieeine oder andere darunter, die wirklich menschlich fühlt und danachstrebt, ein fester und feiner Mensch zu werden, und ernstlich diesesZiel verfolgt, so lebt doch im Unterbewußtsein die Hoffnung, daß einMann ihr auf halbem Wege begegne und ihr mit seiner Liebe helfe,leichter zum Ziele zu gelangen. Wir können wohl eine Weile arbeiten,durchaus ehrlich und ordentlich. Auch Freude an der Arbeit empfinden.Aber in aller Heimlichkeit warten wir auf eine größere Freude, als wirsie mit unserer ehrlichen Mühe erkämpfen können, auf etwas, das wieein Geschenk zu uns kommen soll —. Niemals werden wir Frauen dahingelangen, daß wir die höchste Befriedigung in unserer Arbeit finden.“

„Meinst du, die Arbeit allein genügt einem Manne? Niemals!“ sagte Gramruhig.

„Bei Gunnar zum Beispiel ist es der Fall. Du kannst dich daraufverlassen, er wird immer wissen, den Frauen in seinem Leben den rechtenPlatz anzuweisen — als Bagatellen.“

Gram lachte.

„Wie alt ist eigentlich dein Freund Heggen? Ich will um des MannesWillen hoffen, daß er mit der Zeit ein wenig anders auf dasAusschlaggebende im Leben blicken wird.“

„Ich aber nicht,“ sagte Jenny heftig. „Und ich will hoffen, auch ichlerne einmal, diesem Liebesunwesen seinen rechten Platz anzuweisen—.“

„Herrgott, Jenny, du sprichst — ich hätte beinahe gesagt, wiedu’s verstehst, aber du bist klüger, das weiß ich.“ Gram lächelteschwermütig. „Soll ich dir ein wenig erzählen, was ich von der Liebeweiß, Kleines? Glaubte ich nicht daran, wie sollte ich dann diekleinste Spur von Glauben an die Menschen haben — und an mich[S. 214] selbst?Meinst du etwa, nur ihr Frauen findet das Leben sinnlos, fühlt euchim Herzen kalt und leer, wenn ihr nichts anderes habt, das ihr liebenkönnt als eure Arbeit — nur eine Ausstrahlung eures Selbst — nichtsanderes, auf das ihr euch verlassen könnt! Glaubst du, es gibt eineeinzige Seele, die nicht Stunden kennte, in denen sie an sich selberzweifelt? Nein, Kind, man braucht einen anderen Menschen, bei dem mansein Bestes, seine Liebe und sein Vertrauen gleichsam deponiert, undsieh, auf diese Bank muß man sich verlassen können. Wenn ich dir sage,daß mein eigenes Leben seit meiner Verheiratung eine Hölle gewesenist, so brauche ich nicht zu starke Worte. Daß ich es schließlichdoch ausgehalten habe, liegt zum Teil daran, daß ich von dem Gedankenausging, Rebekkas Liebe entschuldige sie auf eine Art. Ich weiß, wassie jetzt fühlt: eine niedrige und rohe Freude an ihrer Macht, mich zupeinigen und zu demütigen, Eifersucht, Verbitterung, ein Zerrbild, ausbetrogener Liebe entstanden. Verstehst du nicht, daß ich daran eine ArtBefriedigung meines Gerechtigkeitsgefühls erblicke? Ein Grundfür mein Unglück ist vorhanden. Ich betrog sie, als ich ihre Liebeentgegennahm ohne die Absicht, ihr eine ganze Liebe zurückzugeben,mit der heimlichen Berechnung, ihr einige Brocken geben zu können,Bettelpfennige der Liebe, während sie mir das Beste bot. Straft aberdas Leben so unbarmherzig eine jede Versündigung gegen das Heiligtumder Liebe, so ist das ein Beweis für mich, daß sie das Allerheiligsteim Leben ist und daß das Leben denjenigen, der seiner eigenenLiebessehnsucht treu bleibt, mit der reinsten und schönsten Seligkeitbelohnen wird. Ich habe dir einmal von einer Frau erzählt, die ichlieben lernte als es zu spät war. Sie hatte mich geliebt, seit wirKinder waren, ohne daß ich darauf geachtet hatte oder mir etwas darausmachte. Als sie hörte, daß ich heiratete, nahm sie einen Mann, derdarauf schwor, daß sie ihn dadurch erretten und aufrichten könnte. Ja,ich weiß, du spottest über derartige Rettungsversuche. Aber ich sagedir, Kind, du[S. 215] kannst nicht urteilen, ehe du nicht den Mann, den du mitdeiner ganzen Seele liebst, in den Armen einer anderen gewußt hast,so daß dein eigenes Leben dir wertlos erschien und ehe du nicht eineverirrte Menschenseele darum betteln hörst, sie aus einem wertlosenLeben zu erretten. Nun, Helene wurde unglücklich, und ich ebenfalls.Wir trafen uns wieder und verstanden uns, es kam zu einer Aussprache.Was die Menschen unter Glück verstehen, das widerfuhr uns nicht, unddennoch —. Beide waren wir durch Bande gefesselt, die wir nicht zubrechen wagten. Ich gestehe, als meine Hoffnung, sie einstmals zumWeibe zu erhalten, langsam, langsam hinstarb, änderte sich meine Liebe.Aber noch immer leuchtet wie das herrlichste Kleinod meines Lebens dieErinnerung an sie, die jetzt weit fort in einem anderen Weltteil dafürlebt, ihren Kindern die Last zu erleichtern, die das Leben mit einemVater bedeutet, der umhergeht, vom Trunk zerrüttet, wie ein Wrack. Umihretwillen habe ich all diese Jahre hindurch an meinem Glauben anReinheit, Schönheit und Kraft der Menschenseele festgehalten — undan meinem Glauben an die Liebe. Ich weiß, daß die Erinnerung an michder Frau die geheimnisvolle Kraft gibt, weit drüben jenseits der Meerezu kämpfen und zu dulden. Denn sie liebt mich heute wie in unsererKindheit und glaubt an mich, an mein Talent, meine Liebe und daran, daßich eines besseren Schicksals würdig gewesen sei. Aber so bin ich ihrdoch heute noch etwas, nicht wahr, Jenny?“

Sie erwiderte nichts.

„Das Glück bedeutet ja nicht nur, geliebt zu werden, Jenny. Der größteTeil des Glückes ist — zu lieben.“

„Es ist doch gewiß nur ein geringes Glück, Gert, zu lieben, wenn mannicht wieder geliebt wird.“

Er schwieg lange und sah nieder. Bis er fast flüsternd sprach:

„Groß oder klein — es ist ein Glück, ein Menschenkind zu kennen, vondem man nur Gutes denkt. Eines, um dessentwillen man zu sich selberspricht: Herrgott, laß mich sie glücklich sehen, denn sie verdient es,sie[S. 216] ist ja rein und schön, warm und fein, klug und gut. So daß manbeten kann: Gott, gib ihr alles, was ich nicht besaß. Ich halte es fürein Glück, kleine Jenny, daß ich so für dich beten kann —. Nein, esist kein Grund, deswegen ängstlich aufzusehen, Kleines—.“

Er hatte sich erhoben, sie stand ebenfalls auf und machte eineBewegung, als fürchte sie, er werde sich ihr nähern. Gram hielt inne,er lachte leise:

„Wie konntest du etwas anderes denken, solch kluges, kleines Mädchenwie du. Jenny, ich glaubte, du hättest es gefühlt, lange, ehe ich esselbst recht gewußt —. Konnte es denn anders kommen? Mein Leben neigtsich jetzt seinem Ende zu, dem Alter, der Schwäche, der Finsternis,dem Tode. Schon weiß ich sicher, alles, wonach ich mein Leben langmich gesehnt — ich erlange es nie. Da begegne ich dir. Mir ist, alsseiest du die herrlichste Frau, die ich je getroffen. Du strebst nachalledem, wonach ich einst gestrebt, nach dem Ziele, das ich mir gesetzthatte. Konnte mein Herz anders als inbrünstig flehen, Gott, führ siezum Ziele, Gott, hilf ihr, laß sie nicht stranden, wie ich gestrandetbin —. Und dann warst du so lieb gegen mich, Jenny. Du kamst dorthinunter in meine Höhle, du erzähltest von dir selbst und hörtest mirzu, du hattest so viel Verständnis, deine herrlichen Augen waren vollerMitgefühl und so mild und warm —. Aber Herrgott, weinst du?“

Er ergriff ihre Hände und preßte seinen Mund darauf.

„Das darfst du nicht, Jenny. Du darfst nicht so weinen; warum weinstdu? Du bebst ja —. Worüber weinst du nur?“

„Ueber alles,“ schluchzte sie.

„Setz dich — so.“

Er lag vor ihr auf den Knien und eine Sekunde senkte er seine Stirnauf ihren Schoß. „Du darfst nicht meinetwegen so weinen, hörst du?Um nichts auf der Welt möchte ich meine Liebe zu dir hergeben. Meingeliebtes Mädchen, hast du einmal einen Menschen geliebt und hinterhergewünscht, es wäre nie geschehen? — Dann[S. 217] hast du dennoch nichtgeliebt, das, kannst du mir glauben, ist wahr. Jenny, ich möchte dasnicht missen, was ich für dich fühle, nicht um mein Leben! Doch auchum deinetwillen sollst du nicht weinen. Du wirst glücklich werden, dasweiß ich. Von allen Männern, die dich lieben werden, wird eines Tageseiner, wie jetzt ich, vor dir liegen und sagen, das ist das Leben, sovor deinen Füßen liegen zu dürfen, und du wirst selber glauben, das seidas Leben. Dann wirst du begreifen, daß so das Glück aussieht; so mitihm zu sitzen, und sei es in der armseligsten Hütte, eine einzige kurzeRuhestunde lang nach einem Tage grauester, schwerster Mühsal —. Weitweit größeres Glück ist es dir dann, als wenn du die größte Künstlerinwärest, die gelebt hat, als wenn du all das erreichtest, was man anEhren und Berühmtheit erreichen kann. Daran glaubst du selber auch,nicht wahr?“

„Ja,“ flüsterte sie unter Tränen.

„Und du sollst nicht fürchten, daß das Glück dir nicht zuteil werdenkönnte. — Nicht wahr, Jenny, die Sehnsucht fühlst auch du, nachdemdu gekämpft, um ein guter und tüchtiger Mensch und ehrlicher Künstlerzu werden, die Sehnsucht, einem Manne zu begegnen, der dir sagt, deinKampf war recht, und der dich darum lieb hat?“

Jenny nickte. Gram küßte ehrfürchtig ihre Hände.

„Du bist ja schon so gut und fein, stolz und herrlich. Ich sage es dir,und eines Tages wird ein Mann, der jünger und besser und stärker istals ich, das Gleiche sagen und du wirst froh werden, ganz froh. Bist dunicht ein ganz klein wenig glücklich darüber, daß ich sage, du seiestdas beste, liebste und wunderbarste Mädchen auf der Welt? Blick michan, Jenny. Kann ich dir nicht eine kleine Freude machen, wenn ich dirsage, ich glaube, du wirst des Lebens reichstes Glück kosten dürfen,weil du es verdienst?“

Sie blickte auf sein Antlitz nieder und versuchte[S. 218] ein schwachesLächeln. Dann senkte sie den Kopf und strich mit den Händen über seinHaar:

„O Gert — o Gert — ich kann doch nichts dafür! Ich wollte dir janicht wehe tun. Ich kann nichts dafür — nicht wahr?“

„Darüber solltest du nicht traurig sein. Kleines — ich habe dich lieb,weil du dein Ziel, nach dem du strebst, ja schon erreicht hast, weil duso bist, wie ich einmal hatte sein wollen —. Du darfst nicht traurigsein, selbst wenn du meinst, du hättest mir Leid zugefügt. Es gibtLeiden, die gut sind — gesegnet gut, glaube mir.“

Sie fuhr fort, leise zu weinen.

Nach einer Weile flüsterte er:

„Darf ich hin und wieder zu dir kommen —? Wenn du traurig bist, kannstdu mich da nicht rufen lassen? Ich will gern versuchen, ob ich nichtmeinem kleinen Mädchen ein wenig helfen kann, sprich, Jenny—?“

„Ich wage es nicht, Gert.“

„Liebe kleine Freundin, ich bin ja ein alter Mann, könnte dein Vatersein.“

„Deinetwegen — meine ich. Es ist nicht recht von mir deinetwegen.“

„O doch, Jenny. Meinst du, ich dächte weniger an dich, wenn ich dichnicht sähe. Ich möchte dich ja nur sehen, mit dir sprechen, versuchen,dir ein wenig zu sein — darf ich? — Oh, darf ich—?“

„Ich weiß nicht, Gert — ich weiß nicht. Ach, Lieber, geh jetzt, dumußt jetzt gehen — ich kann nicht — es ist so hart. — Lieber, geh.“

Er erhob sich still.

„Dann gehe ich. Leb wohl, Jenny — aber Kind, du bist ja ganz außerdir.“

„Ja,“ flüsterte sie.

„So gehe ich denn. Darf ich einmal wiederkommen? Ich will dich gernsehen, ehe du reist. Wenn du ruhiger geworden bist und wenn es dichnicht erregt. Es liegt ja kein Grund dafür vor, Jenny—.“

[S. 219]

Sie stand einen Augenblick still. Dann zog sie ihn plötzlich hastig ansich und streifte seine Wange mit dem Munde.

„Geh jetzt, Gert.“

„Ich danke dir. Gott segne dich, Jenny.“

Hinterher lief sie im Zimmer auf und ab. Sie begriff selber nicht,warum sie so bebte. Aber tief im Innern — es war vielleicht nichtgerade Freude, aber es hatte ihr wohlgetan zu hören, was er gesagt,während er auf den Knien vor ihr lag.

Oh Gert, Gert! Sie hatte ihn immer für einen schwachen Menschengehalten, für einen, der sich hatte überwinden lassen und unterdrücktworden war wie alle Charaktere ohne Widerstandskraft. Aber jetzt hattesie plötzlich erfahren, daß er ganz im Innern eine tiefe Stärke undSicherheit besaß. Er hatte da gestanden als der Reiche, der wußte, daßer helfen könne und es gern wollte. Während sie verwirrt und unsicherwar — krank vor Sehnsucht in ihrem tiefsten Innern, hinter demBollwerk von Ansichten und Gedanken, das sie sich selbst geschaffen.

Und dann hatte sie ihn gebeten zu gehen. Weshalb? Weil sie selbst sogrenzenlos arm war, weil sie ihm ihre Not geklagt, von dem sie dachte,er sei ebenso arm wie sie, während er ihr doch gezeigt hatte, wie reicher war, und ihr aus der Quelle seines Reichtums freudig eine kleineHilfe bot. Dadurch hatte sie sich gedemütigt gefühlt und ihn gebeten,sie zu verlassen. So war es sicher.

Hilfe von einer Liebe entgegennehmen, ohne etwas dafür geben zu können,hatte sie immer als schändlich angesehen. Sie hatte ja nie darangedacht, daß sie es sein würde, die solcher Hilfe bedürfte.

Er hatte sein Werk nicht vollenden dürfen, wie er gewollt. Die Liebe,der er sich hingegeben, hatte nicht ein Leben hindurch gedauert,dennoch war er nicht verzweifelt.[S. 220] Der nie versiegende Quell, worausein solches Glück geschöpft wird, um immer aufs Neue zu blühen, warVertrauen und Glaube. Es bedeutete gleichviel, woran man glaubte, wennnur die Seele dabei nicht einsam war. Allein vermochte sie den Glaubennicht zu nähren. Das Leben war unerträglich, wenn man außer sich selberniemanden hatte, den man liebte, an den man glaubte.

Mit dem Gedanken an den freiwilligen Tod hatte sie immer gespielt. Wennsie jetzt stürbe ... Sie besaß wohl einen Kreis von Menschen, die sieliebten. Sie würden um sie trauern, aber es gab keinen, der sie nichtentbehren könnte. Nicht einen, dem sie unersetzlich war, so daß sie umseinetwillen die Pflicht hätte, ihr Leben weiterzuschleppen. Die Mutterund Geschwister ... Wenn sie nicht erfahren würden, daß sie es selbstgetan, so würde ihr Leid nach einem Jahre zu milder Trauer gewordensein. Cesca und Gunnar würden sie wohl am tiefsten betrauern, denn siewürden vielleicht verstehen, daß sie unglücklich gewesen war, aber siestand ja nur an der Außenseite ihres Lebens. Derjenige, der sie ammeisten liebte, würde vielleicht am tiefsten getroffen sein — aber ihmhatte sie ja nichts zu geben. So konnte er sie ja ebenso lieb haben,wenn sie tot war. Ja, er liebte sie, dessen Glück sie war, und dabeitrug er das Glück als eine Macht in sich.

Wenn ihr selber wirklich diese Kraft fehlte, so half ihr nichts. DieArbeit konnte sie nicht in dem Maße ausfüllen, daß ihre Sehnsucht nacheinem Glücke schwieg. Und weshalb sollte sie dann leben, wenn es auchhieß, sie sei talentvoll. Niemand konnte soviel Freude daran haben,ihre Kunst zu schauen, wie sie dabei empfand, sie auszuüben. Aber dieseFreude war nicht so groß, daß sie ihr nichts zu wünschen übrig ließ.

Es war auch nicht nur das, wovon Gunnar gesprochen: daß ihre Tugendsie peinigte, um brutal zu sprechen. Dem konnte leicht abgeholfenwerden. Aber sie wagte nicht, diesen Schritt zu tun, aus Angst, daßihre Sehnsucht einst in späteren Jahren ihr wahres Ziel[S. 221] finden könnte.Das wäre ja von allem das Schlimmste, mit einem Menschen im engstenZusammenhang zu leben, und tief im Innern doch wieder einsam zu sein.O nein, nein. Einem Manne anzugehören, mit allen möglichen darausfolgenden Intimitäten, körperlichen wie seelischen — und dann einesTages vielleicht zu entdecken, daß sie ihn nie gekannt, und daß ersie nie gekannt, daß der eine niemals ein Wort von des anderen Redeverstanden hatte—.

Ach nein. Sie wollte leben, weil sie noch auf etwas wartete. Sie wolltekeinen Liebhaber, denn sie erwartete ihren Gebieter. Sie wollte auchnicht sterben, nicht jetzt, denn sie wartete.

Nein. Sie wollte ihr Leben noch nicht von sich werfen, weder auf dieeine noch auf die andere Art. Sie konnte so nicht sterben — soarm, daß sie nicht ein einziges geliebtes Wesen besaß, dem sie Lebewohlsagen konnte. Sie wagte nicht, sie durfte doch hoffen, daß es einmalanders werde.

So mußte sie sich also mit der Malerei etwas ins Zeug legen. Sonstwürde sie auf den Hund kommen, krank wie sie war vor Verliebtheit.

Sie lachte.

Das war es eben. Der Gegenstand war vorläufig nicht vorhanden, aber dieLiebe, die war da.

Durch das schräge Fenster dunkelte der Himmel veilchenblau herein.Jenny sah hinaus. Die Schieferdächer, die Schornsteine undTelephondrähte, die ganze stille Welt dort draußen breitete sich, mitweißem Reif bedeckt, in der Dämmerung aus. Von den Straßen leuchteteein rötlicher Schein auf und färbte den Frostnebel. Wagengerassel unddas Kreischen der Straßenbahn klangen jetzt so hart auf der trockenen,gefrorenen Straße.

Sie hatte wenig Lust, nach Hause zu gehen und bei der Mutter zu essen.Aber so war es verabredet. Sie schraubte den Ofen zu, zog ihren Mantelan und ging.

Draußen herrschte rauhe, klamme Kälte — der Nebel[S. 222] roch nachRuß, Gas und gefrorenem Staub. Wie hoffnungslos öde diese Straßeim Grunde war. Sie erstreckte sich vom Mittelpunkt der Stadt mitseinem lärmenden Getriebe und seinen hellerleuchteten Geschäften,wo der Menschenstrom aus- und einging, bis hinab zu den leblosen,grauen Festungsmauern. Ihre eigenen Häuserreihen lagen düster undausgestorben. Neue Geschäftshäuser aus Stein und Glas, hinter derengroßen Fenstern mit dem sanften weißen Licht arbeitsames junges Volk instiller Geschäftigkeit den flatternden Papieren Weg und Richtung gabund durch das Telephon ihre Mitteilungen in alle vier Winde sandte,wechselten sich ab mit alten Gebäuden, Ueberresten aus der ältestenZeit Kristianias. Es waren meist niedrige, graubraune Häuser mitglatter Front und Rolläden vor den Bürofenstern. Hier und da fand sichauch eine kleine Scheibe, mit Gardinen und Topfpflanzen verziert, diezu einem Kleineleuteheim gehörten, wunderlich einsamen Heimen in diesemStadtviertel, dessen Häuser des Nachts meist verlassen lagen.

Aus den Läden, die sich in dieser Gegend befanden, strömte nicht dasVolk aus und ein wie unten im Zentrum. Hier gab es nur Geschäfte fürTapeten und Gipsrosetten für Zimmerdecken. Hier fanden sich Ofen-,Herd- und Möbellager, deren Schaufenster voller leerer Mahagonibettenund gefirnißter Eichenstühle standen, die aussahen, als würden sie wohlnie in Gebrauch genommen werden.

In einem Torweg stand ein Kind — ein kleiner blaugefrorener Jungemit einem großen Korb am Arme. Er schaute einigen Hunden zu, die sichmitten auf dem Damme balgten, daß der feuchte, reifkalte Staub um sieflog. Das Kind schrie auf, als die Tiere sich zu ihm hinüberwälzten.

„Hast du vor den Hunden Angst?“ fragte Jenny.

Erst antwortete der Junge nichts. Da sagte sie:

„Soll ich dich an ihnen vorüberführen?“ Da schlüpfte er an JennysSeite, sprach aber kein Wort.

„Wo willst du denn hin — wo wohnst du?“

„Voldstraße.“

[S. 223]

„Hast du eingeholt? Ganz hier unten? Du bist ja so klein — bist aberein tüchtiger Junge.“

„Wir kaufen bei Aases in der Strandstraße, weil Vater sie kennt,“ sagteder Junge. „Und der Korb ist so schwer.“

Jenny sah die Straße hinauf und hinunter — sie war fast menschenleer:

„Komm, Kleiner, soll ich ihn dir ein Stück tragen?“

Der Knabe ließ den Korb ein wenig ängstlich fahren.

„Gib mir die Hand, du, dann will ich dich an diesen Köternvorbeiführen. Nein, wie kalt du bist! Hast du denn keine Handschuhe?“

Der Junge schüttelte den Kopf.

„Sieh her, steck die andere Hand in meinen Muff — willst du nicht? Dumeinst vielleicht, es schickt sich nicht für einen Jungen, mit dem Muffzu gehen?“

Sie dachte an Nils, als er klein war. Nach ihm hatte sie sich so oftgesehnt. Jetzt war er so groß und hatte viele Kameraden — er war indem Alter, wo sich ein Junge schämt, sich mit der großen Schwesterabzugeben. Selten kam er zu ihr herüber. In dem einen Jahre, das siedraußen war, und dann in den Monaten, als sie in all dem Wirrwarrmit Helge gelebt, hatten sie sich voneinander entfernt. Später, wenner größer geworden, würden sie vielleicht wieder Freunde werden wieehemals. Sicherlich, denn sie hatten sich lieb. Aber in seinem Alterging es auch ohne sie, das wußte sie wohl. Oh, wenn doch Nils jetzt einkleiner Junge wäre, daß sie ihn auf den Schoß nehmen und ihm Märchenerzählen könnte, während sie ihn wusch, ihn auskleidete und ihn küßte!Oder, wenn es noch wäre wie damals, als sie mit ihm über Nordmarkenwanderte, wo der Riese weit fort war und der Weg voller Abenteuer undmerkwürdiger Erlebnisse!—

„Wie heißt du denn, Kleiner?“

„Ausjen Torstein Mo.“

„Wie alt bist du, Ausjen?“

„Sechs Jahre.“

[S. 224]

„So gehst du wohl noch nicht zur Schule?“

„Nein, aber ich soll im April anfangen.“

„Freust du dich auf die Schule?“

„Nein, die Fräuleins sind so böse. Der Oskar geht auch hin, aber wirkommen nicht in dieselbe Klasse. Oskar soll in der zweiten anfangen.“

„Oskar, ist das dein Spielkamerad?“ fragte Jenny.

„Ja, die wohnen in demselben Haus wie wir.“

Dann entstand eine kleine Pause. Jenny plauderte wieder:

„Ist es nicht schade, daß wir keinen Schnee bekommen? Ihr habt ja denBerg, die Piperviken hinunter, wo ihr rodeln könnt? Hast du einenSchlitten?“

„Nein, aber ich habe Schneeschlittschuhe und auch Skier—.“

„Ja, dann freilich sollte sich der Schnee ein bißchen beeilen!“

Sie waren in die Stortingstraße gekommen. Jenny ließ seine Hand fahrenund dann den Korb. Er war aber so schwer und Ausjen so klein. Sobehielt sie ihn denn.

In der dunklen Voldstraße nahm sie wieder seine Hand und trug ihm denKorb bis zu dem kleinen Haus, wo er wohnte. Zum Abschied schenkte sieihm zehn Oere.

In der Homansstadt kaufte sie Schokolade und rote Fausthandschuhe, diesie Ausjen schicken wollte.

Herrgott, wenn sie nur einem Menschen eine kleine Freude machen könnte!Eine kleine, unerwartete Freude.

Sie wollte versuchen, ihn ein paar Stunden am Tage als Modell zubekommen. Er war wohl aber zu klein, um ihr zu stehen.

Die arme kleine Faust, sie war in der ihren ganz warm geworden. Ihrwar, als hätte es ihr gut getan, sie festzuhalten.

Doch. Sie wollte versuchen, ihn zu malen. Ein lebendiges Frätzchenhatte er. Er sollte dann Milch mit einem Tropfen dünnen Kaffee undgutes Butterbrot bekommen, und dann wollte sie arbeiten und mit Ausjenplaudern.

Drittes Buch

[S. 227]

I.

An einem lichten und lauen Maiennachmittag, der sich schon zum Abendneigte, lag Sonnenglanz über den schwarzen Bauplätzen; die nacktenBrandmauern waren rotgolden, und die Fabrikschlote glühten lederbraunim Sonnenbrand. Die Umrisse der Stadt mit hohen und niedrigen Dächern,großen und kleinen Häusern zeichneten sich gegen die grauviolette Luftscharf ab, die geschwängert war von Staub und Rauch und Dünsten.

Das Bäumchen an der roten Mauer trug klare, gelbgrüne Blättchen, durchdie das Licht schien, in diesem Jahre wie im vergangenen.

Jenny sah den Schimmel an den Bretterwänden der Lumpenbuden, wieweich und leuchtend grün er war! Die Rußflocken an den Mauern derGeschäftshäuser waren an einigen Stellen tiefschwarz und an anderen wievon einer feinen glitzernden Silberhaut überzogen.

Sie sah in die Luft hinaus. Den ganzen Vormittag hatte sie auf Bygdöverbracht, dort hatte die Himmelskuppel sich dunkelblau und heiß überden olivengoldenen Föhrenkronen und der Laubbäume bernsteinfarbenenKnospen gewölbt. Aber hier schimmerte der Himmel über den hohenHäusern und dem Netz der Telephondrähte fahlblau hinter einem feinen,opalweißen Schleier von Dunst verborgen. Im Grunde war es übrigensschöner so. Gert konnte es nicht sehen. Die Stadt war für ihn nurimmer schmutzig, häßlich und grau. Sie hatten sie alle verflucht,diese Stadt, die Jungen aus den achtziger Jahren, die hier wie zurStrafarbeit hergesandt waren. Jetzt stand[S. 228] er sicher dort oben undblickte in die Sonne hinaus, das Spiel des Lichtes mit Linien undFarbtönen sah er kaum, für ihn war es nur ein Sonnenstreifen vor denGefängnismauern.

Sie hielt ein Stück vor seinem Torweg inne und sah gewohnheitsmäßig dieStraße hinauf und hinunter. Bekannte waren hier nicht, Arbeitsleuteströmten hinüber zum „Vaterland“ oder nach der Stadt zu. Die Uhr waralso sechs.

Jenny lief die Treppe hinauf, die abscheulichen Stufen, von denenes zwischen den nackten Steinwänden widerhallte, wenn sie sich vonseinem Zimmer hoch oben herunterschlichen — in den späten Stunden derWinternächte. Es war fast, als säße in diesen Wänden immer Kälte undrauhe Luft.

Sie lief schnell über den Korridor und pochte dreimal an seine Tür.

Gram öffnete. Er zog sie mit dem einen Arm an sich, und während siesich küßten, verschloß er mit der freien Hand die Tür hinter ihr.

Ueber seine Schulter hinweg erblickte sie die frischen Blumen aufdem kleinen Tisch mit der Weinkaraffe und den ausländischen Kirschenin einer geschliffenen Kristallschale. Ein leichter Dunst vonZigarettenrauch lag über dem Raum. Sie wußte, daß er seit vier Uhr hiergesessen und auf sie gewartet hatte mit all dem, was um ihretwillenaufgebaut war.

„Ich konnte nicht früher kommen, Gert,“ flüsterte sie. „Es tat mir soleid, daß du warten mußtest.“

Als er sie freigab, ging sie zum Tisch und beugte sich über die Blumen.

„Ich darf doch zwei davon haben und mich schmücken, darf ich? O, ichwerde so verwöhnt, Gert, wenn ich bei dir bin.“ Sie streckte ihm beideHände entgegen.

„Wann mußt du hier fort, Jenny?“ fragte er, während er ihre Arme ganzbehutsam küßte.

Jenny senkte ein wenig den Kopf.

[S. 229]

„Ich mußte versprechen, zum Abendessen zu Hause zu sein, du. Mama sitztja immer auf und wartet auf mich, und sie ist müde vom Tage. Sie hat esso nötig, daß ich ihr des Abends mit diesem oder jenem zur Hand gehe,“sagte sie schnell.

„Es ist nicht so leicht, von Hause loszukommen, weißt du,“ setzte sieflehend hinzu.

Er senkte den Kopf unter ihren vielen Worten. Als sie ihm entgegenkam,zog er sie fest an sich. Sie barg ihr Antlitz an seiner Schulter.

Sie konnte nicht lügen, das arme Ding, nicht einmal so gut, daß er auchnur eine einzige barmherzige Sekunde daran glaubte. Den kurzen, kurzenWinter über, in den ersten blaugrünen Lenztagen, da hatte sie sichimmer von Hause freimachen können.

„Es ist ja traurig für uns. Aber es ist jetzt so schwer, wo ich zuHause wohne, das wirst du begreifen. Und es muß sein, Mama braucht dasGeld und außerdem muß ich ihr helfen. Du gabst mir ja recht, als ich esfür das Richtigste hielt, nach Haus zu ziehen?“

Gert Gram nickte. Sie hatten sich aufs Sofa gesetzt, dicht aneinandergeschmiegt. Jennys Kopf lag an seiner Brust, so daß er ihr Gesichtnicht sehen konnte.

„Du, ich war heute auf Bygdö, Gert. Ich ging dort umher, wie wirkürzlich zusammen. Wir fahren beide bald wieder dort hinaus, nichtwahr? Vielleicht übermorgen, wenn das Wetter sich hält? Dann findeich schon eine Ausrede daheim, daß wir den ganzen Abend zusammen seinkönnen, willst du? Du bist sicher betrübt darüber, daß ich so schnellwieder fort muß, nicht wahr?“

„Liebste Jenny, das habe ich dir doch tausendmal gesagt —,“ sie hörtees seiner Stimme an, daß er nun wieder mit seinem trüben Lächeln dasaß:„Ich bin dir für jede einzige Sekunde dankbar, die du deinem Freundeschenkst.“

„Sprich nicht so, Gert,“ bat sie gequält.

„Warum darf ich das nicht sagen, wenn es so ist? Mein geliebtes,kleines Mädchen, meinst du, ich werde[S. 230] jemals vergessen, daß alles, wasdu mir gegeben, eine fürstliche Gnade war, daß ich nie begreifen werde,wie du es mir geben konntest?“

„Gert! Im Winter, als ich merkte, daß du mir gut bist, wie gut du mirbist, sagte ich zu mir selber, daß es ein Ende haben müsse. Aber dabegriff ich auch, daß ich ohne dich nicht sein könnte, und so wurde ichdein. War das eine Gnade? Wenn ich dich nicht lassen konnte?“

„Das ist es ja eben, Jenny, daß du mich so lieben lerntest, was icheine fürstliche Gnade nenne.“

Stumm schmiegte sie sich an ihn.

„Du junge, herrliche kleine Jenny—.“

„Ich bin nicht jung, Gert. Als du mich trafst, fing ich schonan, alt zu werden, ich bin nie jung gewesen. Ich fand, du warstjung, viel jünger in deinem Herzen als ich, denn du glaubtest nochimmer an alles, was ich verlachte und Kinderträumereien nannte, bisdu mich glauben lehrtest, daß es das gab, Liebe und Wärme und all dasAndere—.“

Gert Gram lachte still vor sich hin. Dann flüsterte er:

„Vielleicht war mein Herz nicht älter als das deine, du. Ich fandjedenfalls, daß ich noch keine Jugend gehabt hatte, und ich hofftetrotzdem tief im Innern, daß sie einmal, ein einziges Mal, michstreifen würde — die Jugend. Doch war mein Haar inzwischen weißgeworden.“

Jenny schüttelte den Kopf. Sie erhob ihre Hand und legte sie auf seinenScheitel.

„Ist mein Kleines müde? Soll ich dir die Schuhe ausziehen? Willst dudich hinlegen und ausruhen?“

„Nein. Ich will so liegen. Es tut so gut.“

Sie zog die Beine hoch und schmiegte sich in seinem Schoß. Gert legteden Arm um sie. Mit der freien Hand schenkte er Wein ein und hielt ihrdas Glas an den Mund. Sie trank begierig. Dann reichte er ihr Kirschen,nahm die Steine von ihren Lippen und legte sie auf den Teller.

„Du, ich will bei dir bleiben. Ich schicke einen Boten nach Hause undlasse sagen, daß ich Heggen getroffen[S. 231] habe. Er ist sicher in derStadt. Aber ich muß nach Hause, ehe die letzte Straßenbahn fährt. —Leider.“

„Ich werde für dich gehen.“ Er ließ sie auf das Sofa niedergleiten. „Dusollst liegen und dich ausruhen. Oh, mein Kind!“

Als er gegangen, knöpfte sie die Schuhe auf und schob sie von sich. Sietrank noch etwas von dem Wein. Dann kroch sie ganz auf das Sofa hinauf,bohrte den Kopf tief in die Kissen und zog die Decke über sich.—

Sie liebte ihn ja doch. Sie wollte bei ihm sein. Wenn sie so sitzen,sich ganz zusammenrollen und in seinen Armen ruhen durfte, dann war ihrwohl. Er war ja der einzige Mensch auf der Welt, der sie auf den Schoßgenommen und sie gewärmt, der sie geborgen und kleines Mädchen genannthatte. Ja, er war der Einzige, der ihr wirklich nahe gestanden. Darumwurde sie sein.

Wenn er sie nur bei sich halten und sie schützen wollte, so daß sienichts sah, sondern nur fühlte, daß er sie umschlungen hielt undwärmte. Dann ging es ihr gut. O nein, sie durfte ihn wohl nichtverlieren. Und so mußte sie ihm denn das Wenige geben, das sie besaß,wenn sie von ihm erhielt, was sie nicht entbehren konnte.

Er durfte sie küssen, mit ihr tun, was er wollte. Wenn er nur nichtsprach. Denn dann entfernten sie sich so weit von einander. Er sprachvon Liebe, aber ihre Liebe war nicht, wie er glaubte. Sie konnte esaber nicht mit Worten erklären; sie klammerte sich nur an ihn — unddas war keine Gnade, kein fürstliches Geschenk. Es war nur eine kleine,bettelnde Liebe, für die er nicht danken durfte, er sollte sie nurliebhaben und kein Wort sagen.

Als er wieder heraufkam, öffnete sie weit die Augen. Sie schloßsie aber wieder unter seinen stillen, ehrfürchtigen Liebkosungenund lächelte leise. Dann schlang sie die Arme um seinen Körper undklammerte sich an ihn. Das schwache Veilchenparfüm, das er an sichhatte, duftete so mild und frisch. Und sie nickte still, als er siefragend aufhob. Er wollte sprechen, aber sie legte erst die Hand[S. 232] aufseinen Mund und küßte ihn dann, so daß er nichts sagen konnte, währender sie behutsam in das Nebenzimmer trug.

Gert begleitete sie zur Straßenbahn. Einen Augenblick blieb sie draußenauf der Plattform stehen und sah ihm nach, wie er drüben auf der Straßein der blauen Maiennacht verschwand. Dann setzte sie sich hinein.

Gram hatte seine Frau um die Weihnachtszeit verlassen. Er wohnte jetztallein in der Stenerstraße. Außer dem Büro hatte er noch ein Zimmer.Jenny wußte, daß er daran dachte, eine Scheidung herbeizuführen, wenneinige Zeit hingegangen und Rebekka Gram eingesehen hätte, daß er nichtzurückkehren würde. Es entsprach seiner Natur, so vorzugehen, miteinemmale einen Bruch herbeizuführen, das vermochte er nicht.

Was er eigentlich weiter von der Zukunft erwartete, wagte sie sichnicht vorzustellen. Meinte er wohl, daß sie ihn heiraten würde?

Sie konnte sich nicht verhehlen, daß sie nicht eine Sekunde dieAbsicht gehabt hatte, sich für immer an ihn zu binden. Darum aberempfand sie dies alles wie eine bittere, hoffnungslose Demütigung, wieeine Schande, sobald sie nicht bei ihm war und sich mit seiner Liebebetäuben konnte. Sie hatte ihn betrogen, die ganze Zeit über hatte sieihn betrogen.

„Das ist es ja eben, Jenny, daß du mich so lieben lerntest, was icheine unbegreifliche Gnade nenne.“

Was konnte sie dafür, daß er es mit diesen Augen ansah?

Er hätte sie nicht zu seiner Geliebten gemacht, wenn sie selbst esnicht gewollt, wenn sie ihn nicht hätte fühlen lassen, daß sie eswollte. Aber, o Gott! Sie fühlte doch, daß er sich danach sehnte, esquälte sie, bei jedem Zusammensein sich begehrt zu wissen und zu sehen,wie er kämpfte, um zu verbergen, was er viel zu stolz war zu zeigen.Ja, sie hatte gesehen, daß er stolz war, zu stolz,[S. 233] um dort zu bitten,wo er einstmals nur seine Hilfe geboten. Vielleicht auch zu stolz, umsich einer Abweisung auszusetzen. Und da sie wußte, daß sie seine Liebenicht von sich weisen, nicht den einzigen Menschen hergeben konnte, dersie liebte. Konnte sie wohl anders handeln, anders ehrenhaft bleiben,als daß sie ihm bot, was sie besaß und auf diese Weise zu vergeltensuchte, was er mit seinem Reichtum an Liebe, die sie nicht missenkonnte, an ihr tat.

Aber dann kam hinzu, daß sie Worte hatte aussprechen müssen, stärkerund heißer als ihre Gefühle. Er aber hatte ihr geglaubt und sie beiihrem Wort genommen.

Es geschah wieder und wieder. Kam sie zu ihm, freudlos, mutlos,müde vom Grübeln darüber, wie das enden solle, und sie sah, daß eres spürte, dann sagte sie ihm wieder warme Worte und heuchelte vielStärkeres als sie fühlte. Und er glaubte ihr.

Er wußte von keiner anderen Liebe als derjenigen, deren Wesen das Glückist. Unglück in der Liebe, das kam von außen her, von der Tücke desSchicksals oder von einer grausamen Gerechtigkeit, die alles Unrechtstrafte. Sie wußte, was er fürchtete: daß ihre Liebe eines Tageshinsterben könnte, wenn sie sähe, daß er zu alt sei, um ihr Geliebterzu sein. Aber niemals hatte er ahnen können, daß ihre Liebe krankgeboren war, mit dem Todeskeim in sich.

Es würde nichts nützen, ihm das zu erklären. Er würde es nichtverstehen: daß sie Zuflucht in seinen Armen gesucht, weil er derEinzige war, der sie ihr geboten hatte. Sie war so todeinsam gewesen.Als er ihr Liebe und Wärme bot, vermochte sie nicht, dies von sich zustoßen. Obgleich sie hätte wissen müssen, daß sie es nicht annehmendurfte — sie war dieser Liebe nicht würdig. Nein, er war nicht alt.Die Leidenschaft eines Zwanzigjährigen, der kindliche Glaube und dieandächtige Anbetung, eines reifen Mannes Wärme und Güte, all dieLiebe, die ein Mannesleben fassen konnte, flammten jetzt an der Grenzedes Alters noch einmal auf. Sie[S. 234] hätten einer Frau zuteil werdensollen, die mit einem gleichen Gefühl vergelten, die in den kurzenverbleibenden Jahren ihres Zusammenseins ihn das ganze Dasein, das erherbeigesehnt, wovon er geträumt und das er erhofft, durchleben lassenkönnte, so daß sie durch tausend glückliche Erinnerungen an seine Seitegekettet wäre, wenn das Alter käme — in getreuer Liebe als seinerJugend und seines Mannestums Gefährtin bei ihm ausharrend und nunauch mit ihm alternd. Aber sie —. Wenn sie auch versuchen wollte, zubleiben, was konnte sie ihm geben, wenngleich sie wollte? Nie hattesie ihm je etwas darbieten können — sie hatte nur genommen. Es nützteihr nichts, daß sie versuchte zu bleiben, auf die Dauer konnte sie ihnnicht täuschen und zu dem Glauben zwingen, daß ihre Lebenssehnsuchtdurch diese erste Liebe für immer gestillt sei.

Er würde sagen, sie solle gehen. Sie habe geliebt und gegeben, jetztliebe sie aber nicht mehr und solle wieder frei sein. So würde esin seinen Augen aussehen; nie würde er begreifen, daß sie deshalbtrauerte, weil sie nichts, nichts, nichts hatte geben können.

Ah, er peinigte sie, wenn er von ihren Gaben sprach. Ja, sie warMädchen, als sie sein wurde. Er betonte es, als wenn es ihm ein Maßstabdafür sei, wie unendlich tief und stark ihre Liebe wäre. Hatte sie ihmdoch die Reinheit ihrer Jugend geschenkt.

Die Unberührtheit ihrer neunundzwanzig Jahre. O ja, sie hatte sie wieein weißes Brautgewand gehütet, das sie nicht angetastet und nichtbefleckt hatte. In Sehnsucht und Angst, daß sie es niemals tragenwürde, in Verzweiflung über ihre eisige Einsamkeit, über ihr Unvermögenin der Liebe, hatte sie sich daran geklammert, es zerknittert und mitihren Gedanken befleckt. — War die nicht reiner, die das Leben derLiebe gelebt, als sie, die nur gegrübelt, gespäht und sich gesehnthatte, bis alle Kräfte von dieser Sehnsucht gelähmt waren?

Als sie dann sein geworden — wie wenig Eindruck hatte es auf siegemacht. Sie war nicht völlig kalt[S. 235] gewesen. Mitunter hatte seine Liebesie hingerissen. Aber sie heuchelte Glut und war nur lau. War sie nichtbei ihm, so dachte sie kaum daran, sie spiegelte ihm eine erlogeneSehnsucht vor, um ihn zu erfreuen. Ja, sie heuchelte und heuchelteseiner ehrlichen Leidenschaft gegenüber.

Und doch, es hatte eine Zeit gegeben, wo sie nicht nur geheuchelt hatte— oder, belog sie Gert, so belog sie auch sich selber. Sie hatte einenSturm in sich gefühlt, es war wohl Mitleid mit ihm und seinem Geschickund Auflehnung gegen ihr eigenes, weshalb sie Beide, jeder auf seineArt, im Verlangen nach etwas Unmöglichem sich zerrissen, und dazu kamnoch die grauenhafte Angst, wohin das alles führen solle. Damals hattesie gejubelt, daß sie ihn liebte. Sie hatte sich ja in dieses MannesArme stürzen müssen, so wahnsinnig es auch war.

An jenem Abend hatte sie in der Straßenbahn gesessen und, auf all dieschläfrigen, ruhigen Bürger blickend, triumphiert. Sie kam von ihremGeliebten, um sie und ihn lag das Unwetter des Schicksals, sie hatteda hinaus müssen und wußte nicht, wohin es sie treiben würde. Sie warstolz auf ihr Geschick gewesen, weil Unglück und Finsternis drohten.

Jetzt aber sehnte sie sich nur nach einem Ende. Machte Pläne für eineAuslandsreise, Flucht vor alledem. Sie hatte Cescas Einladung, nachTegneby zu kommen, angenommen, um den Bruch vorzubereiten.

Es war jedenfalls besser für Gert, daß er jetzt allein war. Hatte siees erreicht, daß er dem Zusammenleben mit jener ein Ende gemacht, sohatte sie ihm doch etwas Gutes getan.

Jenny gegenüber saßen zwei junge Frauen. Sie waren vielleichtnicht älter als sie, nur verkommen und verbraucht von dem Leben inlangjähriger Ehe. Vor drei, vier Jahren waren es vielleicht noch einpaar hübsche Geschäftsmädchen gewesen, die sich putzten und mit ihrenKavalieren in den Nordmarken Sport trieben. Ja, jetzt[S. 236] glaubte sie,das Gesicht der einen von dort her wiederzuerkennen — sie hatten aneinem Osterfest zusammen auf Hakloa übernachtet. Sie war Jenny sogaraufgefallen mit ihrer geschmeidigen Gestalt und weil sie so gut Skilief und so keck und schick in der Sportstracht ausgesehen hatte.

In gewisser Beziehung war sie noch heute herausgeputzt. DasStraßenkostüm war modern, aber es saß nicht und die Figur hatte keineFestigkeit mehr, sie war behäbig und dick geworden, während Schulternund Hüften dabei eckig geblieben waren. Das Gesicht erschien alt, dieZähne waren schlecht, mürrische Furchen zogen sich um den Mund. DasGanze krönte ein großer Hut mit vielen Straußenfedern. Sie predigte unddie Freundin hörte eifrig zu, mit gespreizten Knien träge dasitzend,die Hände in einem Riesenmuff auf dem schwangeren Leibe vergraben.Eigentlich war ihr Gesicht hübsch, aber fett und rotfleckig, mit einemDoppelkinn.

„Ja, den Käse muß ich also im Büfett verschließen; kommt er hinaus indie Küche, dann sind am anderen Morgen nur Rinden übrig. Ein schwererSchweizer Käse zu fast drei Kronen das Pfund!“

„Ja, das kann ich mir lebhaft vorstellen.“

„Aber nun sollen sie etwas hören! Hinter Eiern ist sie her wie —ich weiß nicht was. Neulich komme ich ins Mädchenzimmer — sie istunglaublich schmutzig — und da riecht es in der Kammer ...! Die Bettensind nicht gemacht — wer weiß wie lange Zeit. Nein, aber Solveig, sageich, und als ich die Decke hochhebe, da hat sie drei Eier und einePapiertüte mit Zucker in dem schmutzigen Bett liegen — was sagen Siedazu? Na, sie sagte, sie hätte alles selber gekauft, und das mag beidem Zucker wohl stimmen—.“

„Ja, das glaube ich auch,“ sagte die andere.

„Na ja, der war ja auch in einer Tüte, aber die Eier hat sie genommen.Ich sagte ihr das aber auch, können Sie mir glauben. Aber nun sollenSie etwas hören! Letzten Sonnabend komme ich in die Küche, wir[S. 237] solltenReisbrei zu Mittag haben, oho, da steht der Topf auf dem Gase undamüsiert sich, während das Mädel in ihrer Kammer sitzt und häkelt. Undich rufe sie und rühre inzwischen im Topf herum — und was glaubenSie, was ich mit der Kelle auffische? Ein Ei, wollen Sie das glauben?Sie kocht sich ein Ei im Reisbrei, na ich mußte lachen, aber könnenSie sich eine solche Schweinerei vorstellen? Ich sagte ihr aber meineMeinung und zwar gehörig. Was sagen Sie nur dazu?“

„O Gott, Dienstmädchen. — Ja, wissen Sie, was meine neulich gemachthat? ...“

Diese beiden hatten sich als junge Mädchen sicher auch nach Liebegesehnt — auf ihre Art. Nach einem frischen und strammen Burschenin fester Stellung, einem Manne, der sie von den einförmigenArbeitstagen im Büro oder Geschäft erlöste, sie in ein kleines Heimbrachte, in dessen drei Zimmern sie all ihre eigenen Kleinigkeitenausbreiten durften, all diese Stickereien mit Heckenröschen und blauenGlockenblumen, in die sie ihre Mädchenträume verwoben hatten.

Mädchenträume der Liebe hatten auch sie geträumt. Doch jetztbelächelten sie diese überlegen. Es war ihnen eine Genugtuung denengegenüber, die jetzt so träumten, festzustellen, wie ganz anders dieWirklichkeit doch war. Sie waren stolz darauf, zu den Eingeweihten zugehören, welche wußten, wie die Wirklichkeit aussah. Vielleicht warensie sogar zufrieden.

Glücklich dennoch, wer unzufrieden. Glücklich, wer nicht abdankte undsich damit begnügte, daß das Leben ihm ein Armeleutedasein bot. Wertrotzdem sagte, ich glaube meinen Träumen, kein anderes Glück gibt esfür mich außer dem, das ich begehrte. Ich glaube doch, dies Glück gibtes. Zeigt es sich mir nicht, so trage ich eben Schuld daran, ich wardann eine schlechte Jungfrau, die nicht imstande war, zu wachen und desBräutigams zu harren. Doch die klugen Jungfrauen werden ihn schauen,sie werden in seinem Haus Einzug halten zum Tanz—.

[S. 238]

In dem Schlafzimmer der Mutter brannte Licht, als Jenny nach Hause kam.Sie ging hinein und mußte von der Gesellschaft auf Ahlströms Ateliererzählen und wie es Heggen ging.

Ingeborg und Bodil schliefen hinten im Halbdunkel, die schwarzenFlechten hingen über die Kissen herab.

Es rührte Jenny nicht im geringsten, dastehen und der Mutter etwasvorlügen zu müssen. Sie hatte es immer getan, seit sie als Schulmädchenin munterem Tone von den Kindergesellschaften berichten mußte, aufdenen sie einsam dagesessen und der Anderen Tanz zugeschaut hatte,unglücklich und verlassen, ein kleines Mädchen, das nicht mittanzenkonnte und nichts sagte, was den Jungen Vergnügen machte.

Wenn Ingeborg und Bodil vom Balle kamen, saß die Mutter aufrecht imBett, fragte und hörte zu und lachte, vom Lampenlicht mit jugendlicherRöte übergossen. Sie konnten der Mama immer die Wahrheit sagen, denndie war munter und lachend. Vielleicht unterschlagen sie das eine oderandere kleine Erlebnis, das so lustig war, daß sie es für sich behaltenwollten. Was tat das, ihr Lächeln war doch echt.

Jenny küßte die Mutter und wünschte ihr Gute Nacht. Im Wohnzimmer rißsie aus Versehen eine Photographie herunter. Sie hob sie auf und wußteim Dunkeln, wer es war. Sie stellte einen Bruder von Jennys rechtemVater dar, mit seiner Frau und seinen Töchtern. Er hatte in Amerikagelebt, so daß sie ihn nie zu Gesicht bekamen. Jetzt war er tot, undniemand dachte mehr an das Bild. Sie wischte dort jeden Tag Staub undsah es gar nicht, es war wie jeder andere Nippesgegenstand.

Als sie in ihrem Kämmerchen war, begann sie ihr Haar zu lösen.

Sie hatte ja immer ihrer Mutter etwas vorgelogen. Wie hätte sie ihrgegenüber denn ehrlich sein können, ohne ihr Kummer zu bereiten? Undwozu sollte sie es auch—?

[S. 239]

Niemals würde die Mutter sie verstanden haben. Bei ihr hatten Glückund Trauer sich abgelöst, seit sie ganz jung war. — So war sie mitJennys Vater glücklich gewesen und weinte über seinen Tod. Dann hattesie mit dem Kinde allein fortgelebt und war zufrieden gewesen. Alssie Nils Berner traf, hatte er ihr Dasein mit neuem Glück und neuemElend erfüllt. Und wieder lebte sie weiter in den Kindern. Die Kinderbedeuteten das Glück des Mutterseins, das greifbare Ausgefülltseineiner Leere, ein Glück, das mit tatsächlichen Leiden erkauft, das allzukörperlich, klein und warm in ihrem Arme gelegen hatte, um angezweifeltzu werden. Ja, sein Kind zu lieben, das mußte wohl tun. Diese Liebe warso natürlich, daß man darüber nicht zu grübeln brauchte. Eine Mutterzweifelte nicht daran, daß sie ihr Kind liebte, daß sie sein Bestesim Auge hatte, und zu seinem Wohle handelte, auch nicht daran, daßdas Kind sie wiederliebte. So groß aber ist die Gnade der Natur gegendie Mütter, daß der Kinder innerster Instinkt es nicht zuläßt, diebittersten und unheilbarsten Sorgen zur Mutter zu tragen. Sie erfahrenvon nicht viel Anderem als von Krankheit und Geldsorgen. Niemals vondem Unwiederbringlichen — der Schande, der Niederlage im Leben — undwenn das Kind wimmerte vor Leid — eine Mutter glaubt nicht, daß dasVerlorene unersetzbar sei.

Nichts dürfte die Mutter von ihrem Kummer erfahren — die Natur selbsthatte dort eine Mauer errichtet. Niemals würde Rebekka Gram den zehntenTeil von dem erfahren, was ihr Kind um ihretwillen gelitten hatte. Wiehatte Frau Lund um ihren schönen Sohn geweint, als er verunglückte.Noch immer trauerte sie tief und wehmütig über ihren Jungen und träumtevon der reichen Zukunft, der er entrissen worden. Seine Mutter wardie Einzige, die nicht ahnte, daß er sich erschossen hatte, um nichtirrsinnig zu werden.

Die Mutterliebe stand auch keinem anderen Glück im Wege. Von dieseroder jener Mutter wußte sie, daß[S. 240] sie Liebhaber gehabt hatte undglaubte, die Kinder sähen es nicht. — Da gab es solche, die sichscheiden ließen und auf andere Art glücklich wurden. Nur, wenn die neueLiebe eine Enttäuschung war, so jammerten sie und waren reuig. IhreMutter hatte sie vergöttert, und doch hatte ihre Liebe für Berner Raumgehabt, sie war mit ihm glücklich gewesen. Gert hatte seine Kindergeliebt, und eines Vaters Liebe war wohl nachdenklicher, verstehender,weniger instinktiv, als die einer Mutter. Und doch hatte er in diesemWinter kaum an Helge gedacht.

II.

Jenny hatte drinnen beim Stationsvorsteher die Post geholt. Sie gabFranziska die Zeitungen und ihren Brief und öffnete ihren eigenen.Draußen auf dem Kiese des Bahnsteiges mitten im Sonnenbrand stehend,überflog sie Gerts langes Schreiben. Die liebevollen Worte am Anfangund am Schlusse las sie, während sie das Uebrige überging. Es waren nurlange allgemeine Betrachtungen über die Liebe.

Jenny steckte den Brief wieder in den Umschlag und legte ihn in ihreHandtasche. Oh, diese Briefe von Gert — sie war fast nicht imstande,sie zu lesen. Die Worte allein zeigten ihr, daß sie sich doch nichtverstanden. Sie fühlte es, wenn sie miteinander sprachen; beimSchreiben trat es aber klar zutage.

Und dennoch war Wesensverwandtschaft zwischen ihnen. Warumkonnten sie dann nicht harmonieren?

War er stärker oder schwächer als sie? Er hatte verloren und verloren,hatte resigniert und sich an allen Ecken und Kanten beugen müssen —und fuhr fort zu hoffen, fuhr fort zu leben und fuhr fort zu glauben.— War das Weichheit oder Lebenskraft? Sie verstand ihn nicht.

Vielleicht lag es doch am Altersunterschied. Er war nicht alt.Aber seine Jugend stammte aus einer anderen Zeit. Er gehörte zu eineJugend, die jetzt ausgestorben[S. 241] war, einer Jugend mit gesünderemGlauben und mehr Naivität. Vielleicht war auch sie naiv — mitihrem Glauben und ihren Zielen. Aber dann war es eine andere Artvon Naivität. Die Worte wechseln im Laufe von zwanzig Jahren ihreBedeutung, ob es letzten Endes das war?

Der Kies leuchtete rotviolett und die graugelbe Farbe an der Mauer desStationsgebäudes platzte in der Sonnenhitze auf. Es dunkelte einenAugenblick vor ihren Augen, als sie vom Abhang in die Höhe blickte. Eswar seltsam, aber sie vertrug die Hitze in diesem Jahre nicht gut.

Ueber das Kirchspiel hin zitterte der heiße Dunst von Heuwiesen undweißen Aeckern, ganz bis hinüber zum Waldrande, der sich schwarzgrüngegen den sommerlich blauen Himmel abhob. Die wenigen Laubbäume vor denGehöften trugen bereits dunkle Kronen.

Cesca las noch immer an ihrem Brief. Er war von ihrem Manne. IhrLeinenkleid leuchtete weiß gegen den blauen Kies des Bahnsteigs.

Gunnar Heggen hatte sein Gepäck auf dem hinteren Sitz des Wägelchensverstaut. Er liebkoste das Pferd und plauderte mit ihm, während er aufdie Damen wartete.

Cesca steckte ihren Brief fort, hob den Kopf und machte eine Bewegung,als wollte sie etwas verjagen.

„Ja, du mußt entschuldigen, mein Junge — jetzt können wir fahren.“ Sieund Jenny setzten sich auf den Vordersitz; Cesca lenkte selbst. „Dasist furchtbar gemütlich, Gunnar, daß du kommen konntest! Ist es nichtfamos, daß wir drei wieder einige Tage zusammen sein können? Ich solleuch beide von Lennart grüßen!“

„Danke. Geht es ihm gut?“

„O ja. Er berichtet nur Gutes. Es war wirklich genial von Papa undBorghild, daß sie wegreisten. Ich bin jetzt mit Jenny allein aufdem Hof, siehst du, und die alte Gina steht Kopf für uns — das istherrlich!“

„Ja, es macht Freude, euch wiederzusehen, Mädelchen!“

Er lachte sie beide so offenherzig an. Aber Jenny bildete sich ein,sie hätte einen merkwürdig ernsten[S. 242] Schimmer dahinter gesehen. Siewußte, daß sie verwelkt und müde aussah, Cesca in dem billigen,fertiggekauften Leinenkleid glich einem Backfisch, der alt zu werdenanfing, ohne erwachsen gewesen zu sein. Es war ihr, als sei Cescakleiner geworden in diesem Jahre, aber sie zwitscherte und plauderte ineinem fort — was sie zum Mittagessen bekamen und zum Kaffee, ob sieihn im Garten trinken sollten, und von all dem Likör und Whisky undSelterwasser, was sie eingekauft hatte.

Als Jenny in der Nacht in ihr Zimmer hinaufkam, setzte sie sich auf dasFensterbrett und ließ sich den frischen Luftzug, der mit den Gardinenspielte, über das Antlitz wehen. Sie war ziemlich berauscht — ganzunbegreiflich war es ihr, aber Tatsache.

Sie konnte nicht verstehen, wie es zugegangen war. Anderthalb GlasWhisky und einige Gläschen Likör war alles, was sie getrunken, undsogar nach dem Abendessen — allerdings hatte sie nicht viel gegessen,aber sie hatte augenblicklich keinen Appetit. Starken Kaffee hatte esauch gegeben.

Vielleicht war gerade der Kaffee schuld — und die Zigaretten. Obgleichsie jetzt weniger rauchte als früher.

Jedenfalls hatte sie Herzklopfen und ein widerliches Hitzegefühldurchrann sie in großen Wogen, so daß sie in Schweiß gebadet war. DasBild dort draußen drehte sich langsam vor ihren Augen — vorwärts undzurück — die graugefärbte Ebene, das blaßleuchtende Blumenbeet und diedunklen Baumkronen des Gartens an dem weißlichen Sommernachtshimmel.Das Zimmer lief rund um sie her.

Sie wankte, als sie die Waschschüssel mit Wasser füllte. Unsicher inden Bewegungen war sie auch. Das ist doch aber ein Skandal. Es gehtbereits bergab mit dir, mein Kind. Nun verträgst du keinen Alkoholmehr. Früher hatte sie das Doppelte trinken können, ohne etwas zuverspüren.

[S. 243]

Erst hielt sie die Hände mit dem Puls unter Wasser. Dann badete sielange ihr Gesicht. Riß sich die Kleider vom Körper und ließ das Wasservon dem nassen Schwamm über den ganzen Leib rieseln.

Gott weiß, ob Gunnar und Cesca etwas gemerkt hatten. Sie selbst hattezwar erst jetzt, als sie heraufkam, etwas verspürt. Wie gut, daß derOberstleutnant und Borghild nicht zu Hause waren.

Es wurde besser, als sie sich eine Weile gewaschen hatte. Sie zog ihrNachthemd über und setzte sich wieder ans Fenster.

Die Gedanken schwirrten ziellos zwischen Fragmenten der Gespräche desTages mit Gunnar und Cesca umher. Mitten drin stand ihre Verwunderunghellwach still — vor der Erkenntnis, daß sie sich betrunken hatte! Eswar ihr noch nie zuvor begegnet — sie kannte das Gefühl kaum, auchwenn sie einmal viel trank.

Jetzt war es übrigens sicher vorbei, sie fühlte sich matt und schläfrigund kalt. Sie stand auf und taumelte in das große Himmelbett. Wenn sienun erst am späten Vormittag erwachte — jedenfalls würde es eine neueErfahrung sein.

Soeben hatte sie sich in den Kissen zurechtgelegt und die Augengeschlossen, als die widerwärtige üble Hitze sie wieder überflutete, sodaß der Schweiß aus allen Poren brach. Das Bett wankte wie ein Schiffim Wellengang, so daß sie seekrank wurde. Sie lag eine Weile still daund versuchte, Herr über diese widerliche Empfindung zu werden — ichwill nicht, ich will nicht. Aber es nutzte nichts — der Mund liefvoller Wasser. Es war gerade noch Zeit genug, zum Zimmer zu gelangen,ehe sie sich erbrach.

Aber du großer Gott, war sie wirklich so betrunken? Jetzt wurde esgeradezu unangenehm. Aber nun war es wohl vorüber. Sie brachte alleswieder in Ordnung, trank einen Schluck Wasser und legte sich nieder.Jetzt konnte sie vielleicht schlafen.

[S. 244]

Aber als sie kurze Zeit mit geschlossenen Augen gelegen hatte,begann der Seegang von neuem, ebenso Schweiß und Uebelkeit. Es warerstaunlich, da sie doch jetzt völlig klar im Kopfe war. Trotzdem mußtesie noch einmal auf.

Im Augenblick, als sie zum Bett zurückging, blitzte ein Gedanke in ihrauf.—

Still. Sie legte sich hin und bohrte den Nacken ins Kopfkissen. Eswar ja unmöglich. Sie wollte nicht daran denken. Aber sie konnte esnicht lassen und überlegte sich: Sie hatte sich die ganze letzte Zeithindurch nicht wohl gefühlt.

Müde und zermürbt war sie natürlich. Zerquält und nervös. Deshalbhatte sie vielleicht nicht das winzige Bißchen gestern Abend vertragenkönnen. Wahrhaftig, sie begriff, daß Menschen Abstinenzler wurden nacheinigen solchen Nächten.

An das Andere wollte sie nicht denken. War es traurigeWirklichkeit, so erfuhr sie es noch zeitig genug. Nur sich nicht mitBeängstigungen plagen, ehe es notwendig war.

Jenny öffnete das Nachtkleid und strich sich über die Brüste.

Sie wollte schlafen. — Jetzt könnte sie natürlich nichtaufhören, an diesen Unsinn zu denken — ach. Sie war doch so müde.

In der ersten Zeit mußte sie natürlich immer daran denken, daß es wohlFolgen haben könnte und war einige Male ängstlich gewesen. Sie hatteaber ihre eigene Furcht beim Schopfe gepackt und sich gezwungen, sie invernünftigem Lichte zu sehen — ja, wenn nun etwas geschähe? Zum großenTeil war es ja sinnloser Aberglaube, diese Furcht davor, ein Kind zubekommen. Derartiges geschah eben häufig — wollte sie schlechter seinals alle die Arbeiterinnen, die sich allein mit dem Kind zurechtfanden?Der größte Teil des Schrecks stammte ja von der Zeit, als eineunverheiratete Frau in solchem Falle zum Vater oder zu Verwandten gehenund bekennen mußte,[S. 245] daß sie leichtsinnigen Vergnügungen nachgegangenwar, und daß sie nun die Kosten bezahlen sollten — sogar mit derAussicht, später niemals ihre Versorgung auf jemand anders abschiebenzu können. So daß diese dann mit gutem Recht erbittert waren.

Aber niemand hatte das Recht, sich über sie zu erbittern. Schlimmwar es natürlich der Mama wegen. Aber Herrgott, wenn ein erwachsenerMensch versuchte, sein Leben nach eigenem Gewissen zu leben, so hattendie Eltern zu schweigen. Sie hatte versucht, ihrer Mutter so viel zuhelfen, wie es ihr möglich war, hatte sie nie mit Sorgen geplagt,niemals ihren Ruf einer leichtsinnigen Tat wegen aufs Spiel gesetzt— in Vergnügen oder Bummeln. Aber dort, wo ihre Ansichten über Rechtund Unrecht mit denen guter Bürger auseinander gingen, hatte sie deneigenen zu folgen, selbst wenn es der Mutter weh tun würde, daß dieBürger häßlich von ihr redeten.

War ihr Verhältnis mit Gert sündig, so bestand die Sünde jedenfallsnicht darin, daß sie zuviel gegeben hatte, sondern zu wenig. Und wie esauch endete, so mußte sie dafür leiden und durfte nicht mucksen.

Ein Kind zu versorgen, müßte sie eigentlich genau so gut imstande seinwie alle die Mädchen, die nicht ein Zehntel von dem konnten, was siean Fähigkeiten besaß. Etwas Geld hatte sie ja auch noch übrig, so daßsie fortreisen konnte. War es auch ein kümmerlicher Beruf, den sie sichgewählt — viele ihrer Kollegen mußten doch sogar Frau und Kinder damiternähren. Außerdem hatte sie, seit sie annähernd erwachsen war, anderenhelfen müssen.

Natürlich wäre es ja das Beste, der Sache zu entgehen. Bisher war es jagut gegangen.

Sie wollte nicht daran denken.—

Gert würde wohl verzweifelt sein.

Oh, aber Herrgott — wenn es zutraf — jetzt! Wäre es wenigstens damalsgekommen, als sie ihn liebte — oder ihn zu lieben glaubte. Damit siein diesem Glauben hätte von ihm fortreisen können. Aber jetzt, jetzt,wo alles, was zwischen ihnen bestanden hatte, in kleine Stückchen[S. 246]zerbröckelte, von ihrem Denken und Grübeln aufgezehrt.

Sie hatte es in diesen Wochen hier auf Tegneby klar empfunden,daß es so nicht weitergehen könne. Sie hatte sich hinausgesehnt,nach neuen Verhältnissen, neuer Arbeit. Ja, die Arbeitssehnsuchtwar zurückgekehrt. Sie hatte dieses krankhafte Verlangen vonsich abgeschüttelt, sich an einen Menschen anzuklammern, von ihmumschmeichelt, umsorgt und „kleines Mädchen“ genannt zu werden.

Sie hatte sich im Schmerz zusammengekrampft, wenn sie an den Bruchdachte, und daß sie ihm wehe tun mußte. Aber Herrgott — sie hatteihm doch gegeben, solange sie konnte. Gert war glücklich gewesen.Jedenfalls war er dem erniedrigenden Sklavendasein mit ihr — der Frau— entronnen.

Was sie selbst betraf, so hatte sie resigniert. Arbeit und Einsamkeitwürden ihr Leben bedeuten. Diese Monate aus ihrem Dasein auslöschen,das wußte sie, konnte sie nicht. Sie würde die Erinnerung daranbehalten und die bittere Lehre dieser Zeit, daß die Liebe, die vielengenügte, nicht für sie ausreichte, mit sich nehmen. Für sie schien esbesser, zu entbehren, als sich zu begnügen.

O ja, vergessen würde sie diese Monate nicht. Aber gemildert würdensie vor ihr stehen, und umgedichtet zu Erinnerungen an das kurze,schmerzdurchzogene Glück und die bittere, reueerfüllte Qual. Mit derZeit wollte sie die Erinnerung an den Mann, gegen den sie blutigesUnrecht verübt hatte, halbwegs auszulöschen suchen.

Und jetzt trug sie vielleicht sein Kind.

Aber es war ja undenkbar. Es war ja sinnlos, darüber nachzugrübeln.Aber wenn es doch Wahrheit wurde?

Jenny schlummerte endlich ein. Draußen war es schon ganz hell. Sieschlief traumlos und tief. Als sie aber auffuhr, hellwach, war es nichtviel lichter. Der Himmel war drüben über den Baumkronen des Gartens einwenig gelblicher und die Vögel zwitscherten schläfrig.

[S. 247]

Die gleichen Gedanken stellten sich im selben Augenblick wieder ein.Jenny wußte, daß sie diese Nacht kaum mehr schlafen würde. Resigniertgab sie nach und dachte alles von neuem durch.

III.

Heggen reiste ab und Oberstleutnant Jahrmann kehrte mit seiner ältestenTochter zurück. Diese fuhren dann wieder weiter zu einer verheiratetenSchwester Franziskas.

Cesca und Jenny waren nun wieder allein auf Tegneby. Sie gingen jedefür sich umher, in ihre Gedanken eingesponnen.

Jenny wußte jetzt bestimmt, daß sie schwanger war. Was es aber inWirklichkeit bedeutete, hatte sie sich noch nicht klargemacht.Versuchte sie, ein wenig in die Zukunft zu denken, so streikte ihrePhantasie. Eigentlich war ihr jetzt ungleich wohler zumute, als in denverzweifelten Wochen, als sie unablässig darauf wartete, daß es sichals Irrtum erweisen sollte.

Sie tröstete sich damit, daß sich wohl ein Ausweg für sie, wie für dievielen anderen, finden würde. Von ihrer Reise ins Ausland hatte sieja schon seit dem Herbst gesprochen. Wie an eine schwache Möglichkeitdachte sie an Paris — dorthin zu fahren und zu einer age-femmeszu gehen. Aber sie mochte es sich nicht genauer überlegen.

Ob sie überhaupt Gert gegenüber erwähnen wollte, wie es mit ihr stand,wußte sie nicht. Sie hatte die Absicht, es nicht zu tun.

Wenn sie nicht mit sich selbst beschäftigt war, so dachte sie an Cesca.Mit ihr war auch etwas nicht so, wie es sollte. Trotzdem war siesicher, daß Cesca Ahlin sehr gern hatte. War er es, der sich nichtsmehr aus ihr machte?

Cesca hatte es schwer gehabt das Jahr hindurch, während sie verheiratetgewesen, das merkte Jenny. Sie war so klein und schüchtern geworden.Furchtbar beschränkt[S. 248] waren ihre Verhältnisse, und sie saß abendseine Stunde nach der anderen auf Jennys Bettrand und klagte über ihrehäuslichen Widerwärtigkeiten. Stockholm war so teuer und billiges Essenherzustellen war schwer, wenn man so etwas nicht gelernt hatte. AlleHausarbeit ging schwer von der Hand, wenn man so irrsinnig erzogenworden war wie sie. Und es war zum Verzweifeln, daß man die Arbeit,kaum daß sie getan war, wieder von neuem in Angriff nehmen mußte.Sowie sie das Haus gereinigt hatte, war es wieder schmutzig, undkaum war sie mit dem Essen fertig, mußte aufgewaschen werden — unddann hatte sie schon wieder Essen zu kochen und wieder abzuwaschen.— Wenn Lennert auch versuchte, ihr zu helfen, so war er doch ebensoungeschickt und unpraktisch wie sie selbst. Dazu kamen ihre Sorgenum ihn — das Monument hatte er nicht bekommen — niemals begegneteer einer Anerkennung, trotzdem er doch so begabt war. Er war abernur zu vornehm, sowohl als Mensch wie als Künstler. Das war nun ebennicht zu ändern, sie wünschte ja auch nicht, daß er anders wäre. Danndiese langwierige Krankheit im Frühling — zwei Monate hatte er anScharlachfieber und Lungenentzündung und anderen Krankheiten, dieeine Folge davon waren, gelegen — diese Zeit hatte Cesca furchtbarangegriffen.

Da war aber etwas anderes, wovon Cesca nicht sprach — das fühlteJenny. Jenny wußte auch, sie konnte nicht so gegen Cesca sein wiefrüher, sie hatte nicht mehr das ruhige Herz und den offenen Sinn, umanderer Sorgen hinnehmen und trösten zu können. Es schmerzte sie, daßsie Cesca nicht helfen konnte.

Cesca war eines Tages nach Moß gefahren, um Einkäufe zu machen. Jennywollte sie nicht begleiten, so blieb sie denn daheim und vertrieb sichdie Zeit im Garten. Sie las, um nicht zu denken, und begann, Muster zustricken, weil sie die Gedanken nicht bei ihrer Lektüre sammeln konnte.Aber sie verzählte sich bei der Arbeit, mußte trennen und stricktewieder, indem sie sich zwang, aufzupassen.

[S. 249]

Cesca kam nicht zum Essen nach Hause, wie sie versprochen hatte. Jennyaß schließlich allein und beschäftigte sich den Nachmittag über, sogut es ging. Sie rauchte, aber die Zigaretten schmeckten nicht, siestrickte, aber die Arbeit sank ihr jeden Augenblick in den Schoß.

Endlich gegen zehn Uhr fuhr Cesca die Allee herauf. Jenny war ihrentgegengegangen. Gleich nachdem sie zu ihr auf das Wägelchen gestiegenwar, sah sie, daß irgendetwas vorgefallen sein mußte. Aber keine vonihnen sprach.

Erst gegen Ende der Mahlzeit, als sie bei der letzten Tasse Tee saßen,sagte Franziska, ohne Jenny anzublicken, leise:

„Weißt du, wen ich heute in der Stadt traf?“

„Nein?“

„Hans Hermann. — Er ist zu Besuch auf Jelö. Dort lebt ein altes,reiches Fräulein Oehrn, bei der er wohnt. Sie protegiert ihn sozusagenin Allem.“

„Ist seine Frau mit?“ fragte Jenny nach einer Weile.

„Nein, sie sind jetzt geschieden. Die Aermste, sie verlor ihren kleinenJungen im Frühling, ich las es in der Zeitung.“

Dann begann Cesca von anderen Dingen zu sprechen.

Als Jenny sich aber niedergelegt hatte, schlich sie zu ihr hinüber.Sie kroch ins Himmelbett hinauf, setzte sich ans Fußende, zog dieBeine hoch und deckte ihren Nachtrock darüber. Die Arme über dieKnie verschränkt, saß sie in der weißen Dämmerung des Bettes; dasschwarzhaarige Köpfchen hob sich wie ein dunkler Schattenfleck gegendie hellen Gardinen ab.

„Du, ich reise morgen nach Hause. Ich telegraphiere morgen früh anLennart, und mittags fahre ich dann. Du weißt ja, Jenny, daß dudurchaus hier bleiben darfst, solange du Lust hast. Du mußt mich nichtfür rücksichtslos halten, aber ich wage es nicht, ich reise sofort.“

Sie atmete schwer.

[S. 250]

„Ich verstehe es nicht, Jenny. Ich habe mit ihm gesprochen und er hatmich geküßt, und doch schlug ich nicht nach ihm. Ich hörte allem zu,was er mir sagte, und ich schlug ihm nicht einmal mitten ins Gesicht.Ich liebe ihn nicht mehr, das weiß ich jetzt, und dennoch hat erdiese Macht über mich. Weißt du, daß ich Furcht habe? Ich wage nichthierzubleiben, denn ich weiß nicht, wozu er mich verleiten könnte.Wenn ich jetzt an ihn denke, so hasse ich ihn, aber ich werdegeradezu versteinert, wenn er spricht. Ich kann nicht verstehen, daßein Mensch so zynisch sein kann, so brutal, so schamlos! Esist geradezu, als könne er nicht begreifen, daß es etwas gibt, wasEhre und Scham heißt. Er rechnet nicht damit und glaubt nicht, daß esandere tun. Er geht ohne weiteres davon aus, daß es nur aus Berechnunggeschieht, wenn wir anderen an Recht und Unrecht glauben. Es istmir, als hypnotisierte er mich damit. Denk dir, ich bin den ganzenNachmittag mit ihm zusammen gewesen, und ich hörte mir an, was ersagte. Ach Gott, er sprach davon, daß ich jetzt verheiratet sei und daßich nun meiner Tugend wegen nicht so zimperlich zu sein brauchte oderwie er sagte. Uebrigens deutete er an, daß er jetzt frei sei und daßich mir irgendwie Hoffnungen machen dürfte, glaube ich. Er küßte michim Park, und mir war, als müßte ich aus vollem Halse schreien, aberich konnte nicht einen Laut hervorbringen. O Gott, wie war mir Angst!Er sagte, er käme übermorgen hier hinaus — morgen haben sie großeGesellschaft. Und die ganze Zeit ging er mit dem Lächeln umher, vor demich schon früher solche Furcht hatte.—

Muß ich nicht reisen, wenn es so mit mir steht?“

„Doch, Cesca.“

„Ich bin sicher eine Gans. — Aber du begreifst —“ rief sie plötzlichheftig aus. „Ich wage es nicht, mich auf mich selbst zu verlassen.Aber eines kannst du mir glauben: wäre ich Lennart untreu geworden,weiß Gott, ich ginge geradenwegs zu ihm und erzählte es ihm, und dannbrächte ich mich sofort vor seinen Augen um—.“

[S. 251]

„Liebst du deinen Mann?“ fragte Jenny leise.

Franziska schwieg einen Augenblick.

„Ich weiß es nicht. Wenn ich ihn richtig lieb hätte, so wie man soll,dann hätte ich keine Angst vor Hans Hermann. Meinst du nicht auch, daßich Hans dann hätte ohrfeigen müssen, wenn er mich so behandelte undmich küßte? Aber jedenfalls weiß ich, daß ich nicht würde weiterlebenkönnen, wenn ich Lennart Unrechtes angetan hätte, verstehst du. Währendich Franziska Jahrmann war, war ich nicht weiter vorsichtig mit demNamen. Aber jetzt heiße ich Franziska Ahlin. Und hätte ich nur denSchatten eines Mißtrauens auf diesen Namen fallen lassen — seinenNamen — so verdiente ich, daß er mich wie eine Dirne niederschösse.Dazu ist Lennart nicht imstande, aber ich bin es, das weiß ich—.“

Sie löste ihre Glieder plötzlich aus der verschlungenen Stellung undschmiegte sich dicht an Jenny.

„Nicht wahr, du glaubst an mich? Meinst du wohl, daß ich leben könnte,wenn ich etwas Ehrloses getan hätte?“

„Nein, Cesca.“ Jenny zog sie an sich und küßte sie. „Ich glaube nicht,daß du es könntest.“

„Ich weiß nicht, was Lennart denkt. Er versteht mich nicht, siehst du.Wenn ich aber nach Hause komme, so sage ich ihm alles. Wie es ist. Dasmuß sein.“

„Cesca,“ sagte Jenny sanft. Aber dann wollte sie doch nicht fragen, obCesca glücklich war.

Aber Cesca begann von selbst zu erzählen.

„Ich habe es die ganze Zeit über schwer gehabt, siehst du. Es ist nichtalles so einfach gegangen, das kannst du glauben. Ich war in vielerBeziehung so unvernünftig, als ich mich verheiratete. Ich nahm Lennartja, weil Hans wieder anfing, mir zu schreiben, nachdem er geschiedenwar, und weil er schrieb, daß er mich jetzt haben wollte. Ichhatte aber vor ihm Angst und wollte nicht wieder mit dergleichenbeginnen. Das alles sagte ich Lennart, und er war so fein und lieb; erverstand alles und ich fand, er sei der großartigste Mensch auf der[S. 252]ganzen Welt. Das ist er auch, das weiß ich sehr gut. Aber danntat ich etwas Entsetzliches. Lennart kann es nicht verstehen und ichweiß, er wird es mir nie verzeihen. Vielleicht ist es verkehrt von mir,es zu erzählen, aber ich verstehe es doch nicht, Jenny. Ich mußeinen Menschen fragen, ob es so schlimm ist, daß ein Mann es nieverzeihen kann. Und du mußt mir ganz offen antworten, ganz offen, hörstdu, ob du glaubst, daß es nie wieder gutzumachen ist .... Wir reistennachmittags, nach Rocca di Papa, nachdem wir getraut waren. Du weißtja, welch furchtbare Angst ich davor hatte und wie mir davor graute.Dann am Abend, als Lennart mich in unser Zimmer führte und ich dasgroße Doppelbett sah, begann ich fürchterlich zu weinen. Lennart waraber so lieb — ich sollte dem entgehen, so lange ich selbst wollte.Das war an einem Sonnabend. Wir hatten es nicht besonders gemütlich,das heißt Lennart nicht, glaube ich. Ich wäre ja heilfroh, auf dieseArt verheiratet zu sein. Jeden Morgen, wenn ich erwachte, war ich sodankbar, aber ich durfte fast nicht meinen eigenen Gatten küssen. Dannam Mittwoch waren wir auf den Gipfel des Monte Cavo hinaufgestiegen. Eswar so wunderbar schön dort oben. Wir schrieben Ende Mai und die Sonneschien. Der Kastanienwald, eben aufgesprungen, leuchtete, der Goldregenblühte wie toll an den Hängen herab, und am Wege entlang standenunzählige weiße Blumen und Lilien. Die Luft war ganz dunstig von derSonne — es hatte einige Stunden vorher geregnet — und der Nemisee undAlbanersee lagen silberweiß vor uns unter dem Waldabhang, umgeben vonall den kleinen weißen Städten. Drüben die ganze Campagna und Rom ineinen weißen Nebelschleier gehüllt. Und ganz fern das Mittelmeer wieein matter Goldrand am Horizont. O, es war so herrlich, so herrlich,und ich fand das Leben so wunderbar, nur Lennart war traurig. — Ichfühlte, er war der vorzüglichste Mensch auf der Welt und ich hatte ihnso grenzenlos lieb, das andere war nur furchtbarer Unsinn, das empfandich plötzlich. Da schlang ich die Arme um[S. 253] seinen Hals und sagte:‚Jetzt will ich ganz dein werden, denn ich liebe dich —.‘“

Cesca schwieg und atmete schwer.

„Ach Gott, Jenny, der Junge wurde so glücklich, der Aermste.“Sie verschluckte ihre Tränen. „Ja, er wurde froh. ‚Jetzt,‘ sagteer, ‚hier?‘ Er nahm mich auf den Arm und wollte mich in den Waldhineintragen. Ich aber wehrte mich und sagte: ‚heute Nacht, heuteNacht!‘ O, Jenny, ich verstehe ja nicht, warum ich es tat, eigentlichwollte ich es aber doch. Es wäre schön gewesen, in dem tiefen Wald mitder Sonne über uns. Aber ich tat, als wollte ich nicht — Gott magwissen, warum. Dann am Abend, als ich mich zur Ruhe gelegt und nundie vielen Stunden hindurch auf diesen Augenblick gewartet hatte, alsdann Lennart kam — ja, da begann ich denn wieder zu heulen —. Dochda raste er hinaus, siehst du, und blieb die ganze Nacht über weg. Ichlag wach. Ich weiß nicht, wo er geblieben war. Wir reisten am nächstenVormittag nach Rom zurück und wohnten im Hotel. Lennart mietete zweiZimmer, aber ich ging zu ihm hinein. Schön war es aber dann nicht mehr.Seitdem ist es zwischen mir und Lennart nie wieder gut geworden. Ichverstehe wohl, daß ich ihn furchtbar gekränkt haben muß. Aber du sollstmir sagen, Jenny, ob du glaubst, daß ein Mann so etwas vergessen oderverzeihen kann?“

„Er müßte später eingesehen haben,“ sagte Jenny leise und unsicher,„daß du es damals nicht verstandest, die Gefühle nicht kanntest, die dugekränkt hast.“

„Nein.“ Cesca erschauerte. „Ich verstehe es jetzt. Ich verstehe, daß esetwas Fleckenloses, Reines und Schönes war, das ich beschmutzte. Aberich wußte es damals nicht. Jenny — kann eines Mannes Liebe das niemalsüberwinden?“

„Sie müßte es können. Du hast ja späterhin bewiesen, daß du seinegute, treue Frau sein wolltest. Jetzt im Winter rackertest du dich ab,mühtest du dich ab und[S. 254] klagtest nicht. Im Frühling, als er krank war,wachtest du Nacht für Nacht, pflegtest ihn Woche für Woche.“

„Das war ja gar nichts,“ sagte Cesca eifrig. „Er war so gut undgeduldig und half mir, so viel er konnte, bei meiner mühevollen Arbeit,wie du es nennst. Und während seiner Krankheit kamen hin und wiederFreunde von ihm und halfen bei der Nachtwache. In der Woche, als erfast im Sterben lag, hatten wir übrigens auch eine Schwester, aber ichwachte trotzdem, weil ich so gern wollte, verstehst du, aber ich hättees natürlich nicht nötig gehabt.“

Jenny küßte Cesca auf die Stirn.

„Aber etwas habe ich dir noch nicht erzählt, Jenny. Ja, du hast michauch vor dem gewarnt, wofür mir der Instinkt fehlte, und Gunnar hattegescholten. Fräulein Linde sagte sogar einmal frei heraus, weißt dunoch, daß ein Mann, wenn man ihn aufreizte, zu einer anderen ginge—.“

Jenny erstarrte vor Schreck.

Cesca nickte in die Kissen:

„Ja, ich fragte ihn also so etwas Aehnliches — an jenem Morgen—.“

Jenny lag vollkommen sprachlos da.

„Ich kann mir denken, daß er das nicht vergessen kann. Und nichtverzeihen. Wenn er es nur ein wenig entschuldbar fände, sich vorstellenkönnte, wie grenzenlos unerfahren ich alles ansah. Aber später —“ Siesuchte nach Worten. „Es ist — so unharmonisch zwischen uns geworden— alles. Es ist, als wollte er mich nicht anrühren; geschiehtes, dann ist es gegen seinen Willen und hinterher ist er böse, sowohlauf sich selbst als auf mich. Trotzdem ich versucht habe, es ihm zuerklären. Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht recht, was eigentlichdabei ist. Ich habe keinen Widerwillen mehr dagegen, wenn ich ihm eineFreude damit machen kann. Alles, womit ich Lennart eine Freude bereitenkann, ist gut und schön für mich. Er glaubt, es seien Opfer, aber dasist nicht wahr, im Gegenteil. O, ich habe Nacht[S. 255] für Nacht in meinemZimmer geweint, weil ich wußte, er sehnte sich nach mir, ich habeversucht, ihn herbeizulocken, Jenny, mit dem Bißchen, das ich konnte —und er stößt mich von sich —. Ich habe ihn so gern, Jenny. Sag mir,kann man nicht sehr gut einen Mann auf diese Art liebhaben? Kann ichnicht sehr gut sagen, ich liebe Lennart?“

„Doch, Cesca.“

„O, wie verzweifelt war ich! Aber ich kann doch nichts dafür, daß ichso geschaffen bin. Dann, wenn wir mit anderen Künstlern ausgingen, warer schlechter Stimmung. Er sagt nichts, aber ich weiß, er findet, daßich mit ihnen kokettiere. Das ist sicher wahr, denn ich werde guterLaune, wenn ich auswärts essen darf und einen Abend kein Essen zukochen und hinterher nicht aufzuwaschen brauche. Manchmal war ich auchfroh, nicht mit Lennart allein sein zu müssen, trotzdem ich ihn gernhabe und er mich — das tut er, o ja, das weiß ich wohl, und frage ichihn danach, so sagt er: das weißt du ja, und lacht dann so seltsam undbitter. Aber er vertraut mir nicht, weil ich ihn nicht so — sinnlich— lieben kann und trotzdem kokett bin. Einmal sagte er, ich ahnte janicht, was Liebe bedeute, und es wäre wohl seine Schuld, daß er michnicht habe erwecken können, es würde aber vielleicht ein anderer kommen— o Gott, wie ich weinte. Dann jetzt im Frühjahr. Du weißt ja, wirhaben nicht viel zum Leben. Gunnar verkaufte mir das Stilleben, das ichvor drei Jahren ausgestellt hatte, für dreihundert Kronen. Wir lebtenviele Monate von diesem Geld, aber Lennart mochte nicht, daß wir Geldverbrauchten, das ich verdient hatte. Ich verstehe ja nicht, was dasausmachen soll, wenn wir uns liebhaben. Aber er sagt immer, daß er michins Elend hinabgezerrt habe. Schulden haben wir auch, natürlich. Ichwollte dann einmal an Papa schreiben und ihn bitten, mir einige hundertKronen zu schicken. Aber das durfte ich nicht. Ich fand es so ungerecht— Borghild und Helga hatten zu Hause gelebt und alles von Papabekommen. Er hat[S. 256] sie ins Ausland geschickt, während ich mich von demkleinen Erbteil von Mama durchgespart und durchgeschlagen habe, seitich mündig wurde, weil ich nicht einen Oere von Papa annehmen wollte,nachdem er das zu mir gesagt hatte, als ich mit Leutnant Kaarsenauseinanderging und dieses Gerede über mich und Hans entstand. Aberer hat es zurückgenommen und gibt jetzt zu, daß ich Recht hatte. Eswar gemein, sowohl von Kaarsen als von denen zu Hause, mich zwingen zuwollen, weil er mich zu der Verlobung verleitet hatte, als ich siebzehnJahre alt war und nicht wußte, daß eine Ehe etwas anderes bedeutet alsdas, was in den verdammten Backfischbüchern steht. Als ich anfing, eszu verstehen, wußte ich, daß ich mich lieber umbringen würde als michmit ihm zu verheiraten. Hätten sie mich aber dazu gebracht — oh, ichwäre reizend geworden, ich hätte alle Liebhaber genommen, die ich hättebekommen können, nur aus Trotz, um mich an ihnen allen zu rächen. Papaversteht es jetzt und hat gesagt, daß ich Geld von ihm bekommen könne,wenn ich wolle —. Als aber Lennart so krank war und so elend, als siedann sagten, er müßte aufs Land, um gut zu leben, und als ich selbstso müde und elend war, da sagte ich zu ihm, daß ich aufs Land müßte,um mich auszuruhen, weil ich ein Kindchen bekäme. So durfte ich dennan Papa schreiben und um Geld bitten, wir reisten hinauf nach Vermlandund lebten dort so herrlich, Lennart erholte sich gut und ich begann,wieder zu malen. Aber allmählich merkte er natürlich, daß ich doch keinKind bekam. Als er fragte, ob ich mich nicht geirrt hätte, sagte ichihm, ich hätte gelogen, denn ich wollte ihn jetzt nicht wieder belügen.Darüber ist er aber auch böse, das weiß ich. Ich glaube, er traut mirnicht recht und das ist so schrecklich. Wenn er mich verstände, somüßte er doch an mich glauben, meinst du nicht?“

„Doch, Cesca.“

„Ich habe es früher schon einmal gesagt, daß ich ein Kindchen bekommenwürde — im Herbst, als er so traurig war und es uns so schlecht ging.Damit er[S. 257] fröhlich werden sollte und lieb zu mir. Das war er dann auch— o, du kannst dir nicht denken, wie herzlich es war. Ich hattegelogen, aber denke dir, ich glaubte zum Schluß selber daran, daß eswahr wäre. Ich meinte, Gott würde es so einrichten, damit ich ihn nichtzu enttäuschen brauchte. Aber daraus wurde freilich nichts. Ich bin soverzweifelt, daß ich kein Kind bekomme. Jenny, glaubst du, daß es wahrist: manche sagen —“ sie flüsterte bebend — „daß eine Frau, die keinesolche — Leidenschaft empfinden kann, keine Kinder bekommt?“

„Nein,“ sagte Jenny hart. „Das ist bestimmt nur Unsinn.“

„Ich weiß ganz sicher, daß dann alles gut würde. Lennert wünscht es sofurchtbar. Und ich — ja, ich glaube, ich würde ein wahrer Engel werdenaus Freude, wenn ich mein eigenes Kindchen hätte. Kannst du dir soetwas wunderbar Schönes vorstellen?“

„Ja,“ flüsterte Jenny mühsam. „Wenn ihr euch doch liebt. Es würde überviele Hindernisse hinweghelfen.“

„Ach gewiß. Wenn es nicht so peinlich wäre, würde ich einmal zu einemArzt gehen. Ich glaube übrigens, daß ich es eines Tages tue. Meinstdu nicht, daß ich es sollte? Wenn ich mich nur nicht so genierte —aber das ist dumm. Es ist ja übrigens einfach meine Pflicht, wennich verheiratet bin. Ich kann ja zu einer Aerztin gehen, zu einerverheirateten Frau, die Kinder und alles hat. O denk dir nur: einkleines winziges Wesen, das einem selbst gehört, wie froh würde Lennartsein!“

Jenny biß in der Dunkelheit die Zähne zusammen.

„Meinst du nicht, daß ich morgen reisen sollte?“

„Doch.“

„Ich sage Lennart alles. Ich weiß nicht, ob er es verstehen wird, wennich es auch selbst nicht kann. Aber ich will ihm immer dieWahrheit sagen. Muß ich das nicht, Jenny?“

„Wenn du es für richtig hältst, so sollst du es tun. Ach, Cesca, mansollte immer das tun, was man für[S. 258] recht hält und niemals das, wovonman nicht sicher weiß, ob es richtig ist, Cesca.“

„Ja, das ist wahr! Gute Nacht, meine Jenny, ich danke dir.“ Sie drückteplötzlich die Freundin heftig an sich. „Es ist so herrlich, sich mitdir auszusprechen. Du verstehst es so gut, mich richtig zu nehmen. Du— und Gunnar. Ihr bringt mich immer auf den rechten Weg. Ich wüßtenicht, was ich ohne dich tun sollte.“

Sie stand einen Augenblick neben dem Bett:

„Kannst du nicht im Herbst über Stockholm fahren? O, tu es doch! Dukannst bei uns wohnen, ich bekomme jetzt tausend Kronen von Papa, dassoll nämlich auch Borghild für eine Pariser Reise erhalten.“

„Ich weiß nicht recht. Ich hätte schon Lust?“

„Ach tu es doch! Bist du schläfrig? Soll ich gehen?“

„Ja, ich bin ein wenig müde.“ Sie zog Cesca zu sich herab und küßtesie. „Gott behüte dich!“

Cesca schlürfte mit den bloßen Füßen über den Fußboden. In der Türsagte sie mit ihrer kleinen traurigen Kinderstimme:

„Ich wünschte so sehr, daß Lennart und ich glücklich würden, du!“

IV.

Gert und Jenny gingen unter den mageren Nadelbäumen Seite an Seite überden Weg hinab. Einmal stand er still und pflückte einige vertrockneteErdbeeren, sprang ihr nach und steckte sie ihr in den Mund. Sielächelte ein wenig zum Dank und er nahm ihre Hand, während sie hinuntergingen, dem Wasser zu, das hinter den Bäumen unter der Sonnenbrückebläulich schimmerte.

Er sah fröhlich und jung aus in dem hellen Sommeranzug. Der Panamahutverbarg sein Haar.

Jenny setzte sich an den Waldrand und Gert streckte sich vor ihr imSchatten der großen Hängebirken aus.

Es war glühend heiß und still. Der Grashügel, der am Strande auslief,war gelbgefärbt vom Sonnenbrand.[S. 259] Ueber Nesodden stand eine metallblaueDunstwolke, hinter deren Rand einige Wölkchen hervorglitten, rauchgelbund weißlich. Der Fjord breitete sich lichtblau aus, von quirlendenStromstreifen unterbrochen; die Segler weit draußen lagen still undweiß auf der Fläche und der Rauch der Dampfschiffe stand unendlichlange in grauen Streifen in der schwülen Luft.

Aber zwischen den Steinen, die von der Ebbe bloßgelegt waren, rieseltedas Wasser, und die rankenartigen Zweige der Hängebirken bewegtensich ganz sacht über ihnen, indem hin und wieder ein Blatt, in derTrockenheit verdorrt, herniedersank.

Gert nahm eines, das sich in ihrer lichten Haarflut verfangen hatte,fort, sie hatte den Hut abgelegt. Er betrachtete das Blatt:

„Ist es nicht sonderbar, daß es in diesem Jahre nicht regnen kann, du?Ihr Frauen habt es gut, ihr dürft so dünn gekleidet gehen. Dein Kleidsieht übrigens wie Halbtrauer aus, wenn du nicht die hellrosa Perlenträgst, aber es steht dir außerordentlich gut!“

Das Kleid war weiß und durchsichtig, mit kleinen schwarzen Blumengemustert, überall gekräuselt und von einem strammen schwarzseidenenGürtelband zusammengehalten. Der Strohhut, den sie im Schoß hatte, warebenfalls schwarz, mit schwarzen Sammetrosen geziert. Nur die blaßrotenKrystallperlen leuchteten auf der reinen Haut des Halses.

Er beugte sich vor, so daß er ihren Fuß gerade über dem Ausschnitt desSchuhes küssen konnte. Dann strich er mit zwei Fingern über die feineBiegung des Spanns mit dem durchsichtigen Strumpf und faßte um ihreKnöchel.

Kurz darauf schob sie behutsam seine Hand zurück, er griff nach derihren, hielt sie fest und lächelte zu ihr empor. Sie lächelte zurück,dann drehte sie den Kopf nach der anderen Seite.

„Du bist so still, Jenny, ist dir die Wärme lästig?“

„Ja,“ sagte sie. Dann schwiegen sie wieder.

[S. 260]

Ein Stück Weges von ihnen entfernt, dort wo sich ein Villengarten biszum Wasser erstreckte, trieben einige halbwüchsige Jungen auf derBadehausbrücke ihr Spiel. Oben im Hause schnarrte ein Grammophon. Abund zu wehten Klänge der Musik vom Seebade zu ihnen herüber.

„Du, Gert —“ Jenny hielt plötzlich seine Hand fest. „Wenn ich einigeTage oben bei Mama gewesen und dann wieder in die Stadt zurückgekehrtbin, reise ich fort.“

„Wieso?“ Er stützte sich auf seinen Ellenbogen. „Wohin willst dureisen?“

„Nach Berlin,“ sagte Jenny. Sie fühlte selbst, wie ihre Stimme zitterte.

Gert blickte ihr ins Gesicht, schwieg aber still. Auch sie sprach nicht.

Schließlich meinte er:

„Wann hast du dich dazu entschlossen?“

„Eigentlich ist es die ganze Zeit hindurch meine Absicht gewesen — dasweißt du ja — wieder ins Ausland zu gehen—“

„Ja, gewiß. Aber, wann hast du dich entschlossen, jetzt zureisen?“

„Im Sommer auf Tegneby.“

„Ich wünschte, du hättest es mir eher gesagt, Jenny,“ sagte Gram.Obgleich seine Stimme leise und ruhig klang, schnitt sie ihr in dieSeele.

Sie zögerte.

„Ich wollte es dir sagen, Gert. Nicht schreiben, sondern sagen.Als ich an dich schrieb und dich bat, gestern hierher zu kommen, hatteich es dir sagen wollen. Aber ich kam nicht dazu—.“

Sein Antlitz färbte sich steingrau.

„Ich verstehe. Aber Gott des Himmels, Kind, wie mußt du es schwergehabt haben!“ rief er plötzlich aus.

„Ja,“ sagte Jenny ruhig. „Am meisten deinetwegen, Gert. Ich bitte dichnicht, mir zu verzeihen.“

„Ich — dir? Ach, du großer Gott, kannst du mir verzeihen, Jenny—? Ich ahnte ja, daß dieser Tag kommen würde.“

[S. 261]

„Das ahnten wir wohl beide,“ sagte sie wie vorher.

Er warf sich plötzlich auf den Boden und bohrte das Gesicht in denSand. Sie beugte sich nieder und legte ihre Hand auf seinen Nacken.

„Kleine, kleine, kleine Jenny — oh, kleine Jenny, was habe ich dirgetan!“

„Lieber —“.

„Mein weißes Vögelchen, habe ich dich mit meinen häßlichen, schmutzigenFäusten berührt, deine weißen Flügel befleckt?“

„Gert!“ Sie ergriff seine Hände und sprach schnell und heftig. „Hör zu.Du hast mir doch nur Gutes erwiesen, ich bin es ja, die —. Ich warso müde, und du botest mir eine Ruhestätte, ich fror, und du wärmtestmich. Ich mußte ausruhen und ich mußte gewärmt werden,ich mußte fühlen, daß ein Mensch mich liebte. Herrgott, Gert, ichwollte dich nicht betrügen, aber du konntest es nicht verstehen, ichhätte dir niemals erklären können, daß ich dich auf andere Art liebte,so — armselig. Kannst du nicht begreifen?“

„Nein, Jenny. Ich glaube nicht daran, daß ein junges,unschuldiges Mädchen einem Manne alles schenkt, wenn sie nicht sichermeint, ihre Liebe würde immer dauern.“

„Das gerade bitte ich dich, mir zu vergeben. Ich wußte, daß du es nichtverstehen würdest, und ich nahm dennoch alles hin, was du mir gabst. Sowurde es eine Qual für mich selbst — schlimmer und schlimmer, und ichfühlte, ich war nicht imstande, so fortzufahren. Ich habe dichdoch gern, Gert, aber wenn ich nur annehmen soll und in Wahrheit nichtsbesitze, womit ich es dir vergelten kann ...“

„Wolltest du mir das gestern sagen,“ fragte Gert kurz darauf.

Jenny nickte.

„Und statt dessen —“.

Er wurde glühend rot.

[S. 262]

„Ich konnte nicht, Gert. Du kamst so froh an. Ich wußte, daß dugewartet und dich gesehnt hattest.“

Er erhob brüsk den Kopf:

„Das hättest du nicht tun sollen, Jenny. Nein. Hättest mir nicht so ein— Almosen geben sollen.“

Sie bedeckte ihr Gesicht. Die qualvollen Stunden fielen ihr ein, diesie oben in ihrem verstaubten Atelier in der sonnendurchglühten,eingeschlossenen Luft zugebracht, in steter Ruhelosigkeit umhergehend,aufräumend und ihn erwartend, während ihr Herz sich vor Schmerzzusammenkrampfte. Aber sie war nicht fähig, es ihm zu sagen.

„Ich war mir über mich selbst nicht klar, als du kamst. Ich dachteeinen Augenblick — ich wollte versuchen.“

„Almosen.“ Er schüttelte einen Augenblick schmerzlich das Haupt. „Dieganze Zeit, Jenny — alles was du mir gabst!“

„Gert, ich bin es ja, die von dir Almosen entgegengenommen hat — immer— begreifst du denn nicht?“

„Nein,“ sagte er heftig. Er preßte sein Gesicht wieder in den Boden.

Nach kurzer Zeit erhob er den Kopf:

„Jenny, ist da — irgend ein anderer?“

„Nein,“ sagte sie heftig.

„Glaubst du, ich würde dir einen Vorwurf machen, wenn ein andererzwischen uns getreten wäre, ein junger Mensch — deinesgleichen? Ichwürde das besser verstehen.“

„Kannst du dir denn nicht denken —? Ich finde nicht, daß daran einanderer Schuld sein muß.“

„Nein, nein.“ Er glitt wieder nieder. „Ich fände es natürlicher. —Als mir dann einfiel, was du mir geschrieben hattest, daß Heggen aufTegneby gewesen und nach Berlin gefahren ist—.“

Jenny wurde wieder blutrot:

„Glaubst du denn, ich hätte — gestern —“.

Gert schwieg. Kurz darauf sagte er müde:

„Ich verstehe dich ja doch nicht.“

[S. 263]

Da schoß plötzlich in ihr das Verlangen hoch, ihm wehe zu tun:

„Einesteils kann man doch sagen, eine zweite oder dritte Person spielteine Rolle dabei.“

Er sah auf, fragend. Dann griff er plötzlich nach ihr:

„Jenny, Herr Jesus — was meinst du—!“

Sie bereute es schon, rot und hastig sagte sie:

„Nun — meine Arbeit — also die Kunst.“

Gert Gram hatte sich vor ihr auf die Knie erhoben:

„Jenny — ist etwas — Besonderes — du sollst die Wahrheit sagen — dudarfst nicht lügen. Ist etwas mit dir vorgefallen? — Sprich—“

Einen Augenblick versuchte sie, ihm frei in die Augen zu schauen. Dannsenkte sie den Kopf. Gert Gram aber sank vorn über, das Gesicht inihrem Schoß bergend:

„O Gott, o Gott. Ach Gott im Himmel—“

„Gert! Lieber, Lieber! Ach, nicht doch Gert! Du reiztest mich mitdeinen Vermutungen über einen anderen,“ sagte sie gedemütigt. „Ichhätte es nicht sagen sollen. Ich hatte nicht die Absicht, es dir zusagen — vielleicht später.“

„Das hätte ich dir nie verziehen,“ sagte Gram. „Wenn du es mir nichtgesagt hättest. Aber — du mußt es doch schon eine Zeitlang gewußthaben,“ meinte er plötzlich. „Weißt du — wie weit du bist?“

„Im dritten Monat,“ sagte sie kurz.

„Aber Jenny,“ er faßte entsetzt ihre beiden Hände, „jetzt kannstdu dich ja nicht — von mir trennen, so ohne weiteres, meine ich.Jetzt können wir ja nicht auseinandergehen.“

„Doch.“ Sie strich ihm liebkosend über das Gesicht. „Doch. Wärees nicht so gekommen, so hätte ich es wohl noch eine Zeitlang soweitergetrieben. Aber jetzt mußte ich der Sache in die Augen schauen —und alles klarstellen.“

Er lag eine Weile still da.

„Hör einmal zu, Kind. Du weißt, ich wurde im vergangenen Monatgeschieden. In zwei Jahren bin ich[S. 264] frei. Dann komme ich zu dir.Ich gebe dir — und dem da — meinen Namen. Ich verlange nichts,verstehst du — nichts. Aber ich fordere mein Recht, dich wiederaufzurichten, wie ich es dir schuldig bin. Weiß Gott, ich werde genugdarunter leiden, daß es nicht eher sein kann. Aber ich verlange nichts,das ist selbstverständlich. Du sollst nicht im geringsten an mich altenMann gebunden sein—“

„Gert. Ich bin froh, daß du von ihr geschieden bist. Aber ich sagedir ein für allemal: ich heirate dich nicht, wenn ich nicht deinerichtige Frau werden kann. Es ist nicht der Jahre wegen, die zwischenuns liegen. Hätte ich nicht das Gefühl, Gert, daß ich niemals ganz deingewesen bin, wie es hätte sein sollen, so bliebe ich bei dir, als deinWeib, solange du jung wärst, als deine Freundin, wenn das Alter käme,deine Krankenschwester, gern, willig und glücklich. Aber ich weiß, ichkann dir nicht das sein, was eine Frau sein soll. Um der Leute willengehe ich aber nicht hin und verspreche etwas, was ich nicht haltenkann, weder vor dem Pfarrer, noch dem Bürgermeister.“

„Oh, aber Jenny, das ist doch Wahnsinn von dir.“

„Du bringst mich jedenfalls nicht davon ab,“ sagte sie hastig.

„Ja, aber Kind, was willst du denn tun? Nein, ich kann es nichtzulassen. Was soll denn mit dir werden? Kleines, du mußt verstehen —du mußt mich dir helfen lassen, Jenny.“

„Still, lieber Freund. Du siehst ja, ich trage es ganz ruhig. Wenn manerst davorsteht, ist es eigentlich nicht so gefährlich, wie man sichimmer einbildet. Glücklicherweise habe ich noch etwas Geld.“

„Aber die Menschen, Jenny — sie werden häßlich gegen dich sein — dichin Verruf bringen.“

„Das vermag niemand. Meine einzige Schande ist, Gert, daß ich dichdeine Liebe an mir verschwenden ließ.“

„Ach, dieser Unsinn! Nein, aber die Leute — du weißt nicht, wieherzlos sie sind, wie sie dich mit ihrer[S. 265] Bosheit mißhandeln, dichkränken und dich verletzen werden.“

„Daraus mache ich mir nicht viel, Gert.“ Sie lachte ein wenig.„Uebrigens bin ich Gott sei Dank Künstlerin. Man erwartet fastnichts anderes von uns, als daß wir hin und wieder einen Skandalheraufbeschwören.“

Er schüttelte den Kopf. Aus einem plötzlichen, verzweifelten Reuegefühldarüber, daß sie es ihm gesagt, daß sie ihm wehgetan hatte, zog sie ihnfest an sich:

„Du Lieber, du darfst nicht so unglücklich sein, hörst du? Ichbin es auch nicht, wie du siehst. Im Gegenteil, manchmal bin ich froh.Wenn ich versuche, richtig darüber nachzudenken, was es eigentlichbedeutet, daß ich ein Kind bekomme, mein eigenes, kleines, süßes Kind,so kann ich es gar nicht fassen. Ich glaube sicher, daß ich glücklichwerde, so glücklich, daß ich es mir noch gar nicht vorstellen kann. Einlebendiges, kleines Menschlein, das nur mir gehört, das ich lieben, fürdas ich leben und arbeiten werde. Manchmal denke ich, daß erst jetztSinn in mein Leben und meine Arbeit kommt. Glaubst du vielleicht nicht,daß ich mir einen Namen machen könnte, der für mein Kind gut genug ist,Gert? Nur das macht mich noch etwas mutlos, daß ich noch nicht rechtweiß, wie es wird, und dann, daß du so traurig bist. O Gert, ich binvielleicht arm und nüchtern, egoistisch und all so etwas, aber ich binschließlich eine Frau, ich muß mich doch darüber freuen, daß ichMutter werde.“

„Jenny.“ Er küßte ihre Hände. „Arme, kleine tapfere Jenny. Es istbeinahe noch schlimmer für mich, daß du es so auffaßt,“ sagte er leise.

Jenny lächelte weh:

„Oh, es wäre doch wohl schlimmer für dich, wenn ich es andersauffaßte.“

[S. 266]

V.

Zehn Tage später reiste Jenny nach Kopenhagen. Die Mutter und BodilBerner gaben ihr in der frühen Morgenstunde das Geleite zum Bahnhof.

„Du hast es gut, du Glückspilz,“ sagte Bodil und lachte über ihr ganzesweiches braunes Gesichtchen. Dann gähnte sie, daß die Tränen ihr in dieAugen stiegen.

„Es muß auch solche geben.“ Jenny lachte ebenfalls. „Dir geht es auchnicht gerade schlecht, finde ich.“

Aber sie fühlte mehr und mehr, daß sie nahe daran war, in Tränenauszubrechen, während sie ihre Mutter zum Abschied küßte. Sie stand amAbteilfenster und starrte sie an. Ihr war, als hätte sie diese ganzeZeit hindurch ihre Mutter niemals richtig angesehen. Diese schlanke undschmächtige, ein wenig gebeugte Gestalt. Man sah fast nicht, wie graudas Haar geworden, so blond war Frau Berner. In ihren Zügen lag etwasseltsam Unberührtes, Mädchenhaftes, trotz der vielen Fältchen. Aberes war, als ob die Jahre und nicht das Leben ihr Gesicht gezeichnethatten. Trotz allem, was sie durchgemacht hatte.

Wenn sie es nun einmal erführe. Nein, Jenny würde nie den Mut haben, eszu sagen und zuzusehen, wie die Mutter den Schlag ertragen würde. Sie,die nichts gewußt hatte und nichts verstehen würde. Hätte Jenny nichtfortreisen können — dann wußte sie, hätte sie es nicht überlebt. Nichtaus Liebe, aus Feigheit. Einmal mußte sie es ja sagen, und von draußenher war sie eher dazu imstande.

In dem Augenblick, als der Zug anruckte und davon zu gleiten begann,erblickte sie Gert. Er kam langsam den Bahnsteig herauf; hinter denanderen, Mutter und Schwester, die mit ihren Taschentüchern winkten,grüßte er herüber. Wie bleich er war.

Der erste September. Jenny saß am Fenster und sah hinaus in dievorübergleitende Landschaft.

Es wurde ein schöner Tag. Die Luft war so klar und frisch, der Himmelso dunkelblau und die Wolken so weiß.[S. 267] Der Tau lag schwer und grauüber den saftiggrünen Wiesen, auf denen der Margueriten später Florschimmerte. Nach dem heißen Sommer waren die Birken am Waldrandeganz gelb und über den Waldboden hin schlängelte sich kupferrotesBlaubeerengebüsch. Die Büschel der Ebereschen waren blutrot, aber aneiner etwas tiefgelegenen fruchtbaren Stelle hingen sie noch dunkelgrünim Laub. Welche Farben!

Auf den kleinen Hügeln zwischen den Wiesen lagen die alten,silbergrauen Gehöfte, auch neue, weißschimmernde und gelbe, mit rotenNebengebäuden. Davor standen alte verkrüppelte Apfelbäume mit gelbenund glasgrünen Früchten in dunklem Laub.

Immer wieder blendeten Tränen ihren Blick. Wenn sie zurückkehrte — obsie jemals hierher zurückkam?

Bei Moß trat der Fjord leuchtend blau hervor. Die Stadt zog sichmit ihren roten Fabrikmauern am Kanal entlang, die kleinen buntenHolzhäuser inmitten der Gärten lachten herüber. Sie hatte so oftgedacht, wenn sie vorüberfuhr, hier wollte sie sich einen Sommer überniederlassen und malen.

Der Zug brauste an der kleinen ländlichen Station vorüber, wo man nachTegneby ausstieg. Jenny sah über die Aecker, dort lief die Fahrstraße.Der Hof lag weit drüben hinter dem Nadelwäldchen.

Sie erblickte den Kirchturm. Eigenartige kleine Cesca, sie ging oftin die Kirche, fühlte sich sicher und geborgen in der alten Stimmung,die dort überirdischen Kräften entsprang. Sie glaubte an etwas, wußteselbst nicht, was, aber sie hatte sich eine Art Gott zurechtgemacht.

Sie war doch froh darüber, daß Cesca jetzt besser mit ihrem Mannzusammenzuleben schien. Er habe sie nicht verstanden, schrieb sie,aber er sei doch so wunderbar zart und lieb gewesen, und fest davonüberzeugt, daß sie mit Willen nie etwas Schlechtes tun würde.

Seltsame kleine Cesca. Ihr mußte es ja schließlich gut gehen.Cesca war rechtschaffen und gut. Gerade[S. 268] das aber war sie selber nicht,keines von beiden im eigentlichen Sinne.

Wenn sie nur der Mutter Tränen nicht sah, so konnte sie es eherertragen, ihr Kummer zu machen. — Das hieß mit anderen Worten nur, siefürchtete Tränen.

Und Gert. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Ein geradezu körperlicherSchmerz durchfuhr sie — Verzweiflung, Widerwillen, so tief, daß siefast alle Kraft verlor und völlig gleichgültig wurde gegen alles.

Diese fürchterlichen letzten Tage in Kristiania mit ihm. Schließlichhatte sie nachgegeben.

Er wollte nach Kopenhagen kommen. Sie hatte versprechen müssen,irgendwo in Dänemark aufs Land zu gehen, wo er sie besuchen könnte.Gott mochte wissen, ob sie der Sache jemals würde ein Ende machenkönnen.

Schließlich blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als ihm das Kind zuübergeben und ihn zu verlassen. Ja, denn alles, was sie ihm gesagthatte, daß sie sich darauf freute und so weiter, war Lüge. Auf Tegnebyhatte sie ein solches Gefühl des öfteren gehabt, denn dort hatte sienur daran gedacht, daß es ihr Kind war und nicht das seine. Sollte esjedoch eine lebendige Fessel zwischen ihr und ihrer Schande werden, sowollte sie es um keinen Preis behalten. Sie würde es hassen müssen —sie haßte es ja schon, wenn sie an die letzten Tage in der Stadt dachte.

Das krankhafte Verlangen, aus Herzenslust zu schluchzen, war vorüber.Sie fühlte sich trocken und hart, als ob sie niemals wieder weinenkönnte.

Eine Woche später, als Gert Gram kam, war sie so müde und gleichgültig,daß sie gute Laune vortäuschen konnte. Wenn er ihr vorgeschlagen hätte,in sein Hotel hinüberzuziehen, so hätte sie es getan. Sie veranlaßteihn, mit ihr ins Theater zu gehen, außerhalb zu Abend zu essen undeines Tages bei schönem Wetter mit ihr nach Fredensborg zu fahren. Siesah, daß es ihm gut tat, wenn sie sich munter und frisch gab.

[S. 269]

Sie dachte kaum mehr nach. Ohne Anstrengung konnte sie ihre Gedankenausschalten. In Wirklichkeit war ihr Gehirn kraftlos. Wie ein dauerndesmahnendes Erinnern war es nur, daß sich ihr die Brust schmerzhaftspannte und daß das Korsett sie behinderte.

Jenny hatte sich bei einer Lehrerswitwe auf Westseeland eingemietet.Gram begleitete sie dorthinaus und reiste am Abend nach Kopenhagenzurück. So war sie endlich allein.

Sie hatte aufs Geratewohl gemietet. Während ihres Studienaufenthaltesin Kopenhagen war sie einen Tag über mit einigen Kameradinnen in demDorfe gewesen; sie hatten im Krug gegessen und bei den Dünen gebadet.Sie entsann sich, daß es dort schön war, und als auf ihre Anzeige eineFrau Rasmussen dort sich erboten hatte, die junge Dame aufzunehmen, dieihre Niederkunft erwartete, da griff sie zu.

Eigentlich fühlte sie sich wohl. Allerdings wohnte die Lehrerswitwein einem elend häßlichen, winzigkleinen gelben Backsteinhaus etwasaußerhalb des Dorfes, an der Landstraße, die sich staubig und ohne Endezwischen offenen, bestellten Feldern hinzog. Aber Jenny mochte ihrZimmer gern mit der Tapete in Berlinerblau und den Lithographien nachExner an den Wänden, mit den weißen, gehäkelten Deckchen ringsumher,auf dem Bett, dem amerikanischen Schaukelstuhl und der Kommode, auf dieFrau Rasmussen bei Jennys Ankunft einen großen Rosenstrauß gestellthatte.

Draußen vor den beiden Fensterchen lief die Landstraße vorbei. ImVorgärtchen blühten Rosen, Geranien und „Christi Blutstropfen“,ungeachtet all des Staubes, mit dem sie gepudert waren. Jenseits derStraße erhob sich ein nackter Hügelkamm im Acker. Steinwälle, an derenHängen struppige, leuchtende Herbstblumen zwischen Brombeerheckenwucherten, teilten den Hügel in weiße Stoppelfelder, blaugrüneRübenäcker und braungrüne Wiesen, umrändert von zackigen, zerzaustenWeidenbüschen. War die Abendsonne aus Jennys Kammer geschwunden,[S. 270] soflammte der Himmel über dem Hügelkamm und den spärlichen Zweiglein derWeiden auf.

Hinter ihrem Zimmer ging eine kleine puppenstubenartige Küche mitrotem Backsteinfußboden, auf den Hof hinaus, wo die Hühner der Witwegackerten und die Tauben gurrten. Ein kleiner Flur lief quer durch dasganze Haus. Auf der anderen Seite lag Frau Rasmussens Stube mit Blumenvor den Fenstern und gehäkelten Decken überall, Daguerreotypien undPhotographien an den Wänden, einem kleinen Bücherschrank mit religiösenSchriften in schwarzem Pappeinband, einigen Jahrgängen von „Frem“ undGyldendals Serien in Prachtbänden. Dahinter befand sich ein Zimmerchen,in dem die Luft immer merkwürdig dick war, und das ein unbestimmbarerGeruch erfüllte, obgleich es vor Sauberkeit blitzte. Hier schlief sieselbst und konnte nicht hören, wenn sich ihre Pensionärin jenseits desGanges Nacht für Nacht in den Schlaf weinte.

Frau Rasmussen war übrigens nicht so schlimm. Groß und schlottrigschlürfte sie in einer Art von Filzschuhen leise umher; immer sah siegleichmäßig sorgenvoll aus mit ihrem langen gelben Pferdegesicht,unter dem graugesprenkelten Haar, das mit einem drolligen kleinenSchwung über jedem Ohr weggestrichen war. Sie sprach fast gar nicht,höchstens stellte sie einige besorgte Fragen, ob das gnädige Fräuleinmit dem Essen und dem Zimmer zufrieden sei. Selbst wenn Jenny nach demMittagessen sich hin und wieder mit ihrer Handarbeit in das Wohnzimmerzu Frau Rasmussen setzte, schwiegen sie still. Jenny war ihr besondersdafür dankbar, daß Frau Rasmussen niemals ihren Zustand erwähnte; nurein einziges Mal hatte sie ängstlich gefragt, als Jenny mit ihremMalgerät hinausging, ob das wohl dem gnädigen Fräulein nicht schadenkönnte.

Sie arbeitete in der ersten Zeit eifrig, stand hinter einem Steinwallmit ihrer Feldstaffelei, die der scharfe Wind fast umblies. Unter demWall erstreckte sich das gelbe Stoppelfeld eines endlosen Roggenackersbis zum Moor hinab, wo sich weißes Wollgras an blauen Wasserlöchern[S. 271]hinzog, wo samtschwarze Torfmieten auf saftiggrünem Wiesengrund lagen.Hinter dem Sumpf wellte sich das Land mit grünen Rübenfeldern, Wiesenund gemähten Roggenäckern, mit kalkweißen Bauernhöfen in üppigen,dunkelgrünen Hainen — bis hinüber zum frischen, blauen Fjord. DerStrand lief in Bogen und Zungen, mit weißgelbem Sand und kurzem,vergilbtem Gras, in die See hinaus. Gegen Norden fiel der Hügel, vomHeidekraut braun gefärbt, mit der Windmühle auf der Spitze, in steilen,gelben Sanddünen zum blauen Fjord ab. Schatten und Licht wechselten aufdem offenen Lande ab, je nachdem wie die Wolken über den weißen, ewigblauen unruhigen Himmel wanderten.

Wenn Jenny müde wurde, legte sie sich am Walle nieder, starrte in denHimmel und über den Fjord. Sie konnte nicht längere Zeit hintereinanderstehen, doch das reizte sie nur, weiterzuarbeiten. Zwei kleinere Bildervollendete sie oben auf dem Wall, und freute sich selbst an ihnen.Eines malte sie vom Dorfe unten, wo die weißgekalkten Häuser, umgebenvon Kletterrosen und Georginen, um einen sammetgrünen Dorfteich lagen.Ihre Strohdächer hingen bis über die Fensterscheiben hinab, die roteBacksteinkirche erhob ihren treppengiebligen Turm über die Laubmassendes Pfarrhausgartens. Es machte sie aber nervös, daß die Leute zuihr kamen und ihr zusahen; die weißhaarigen Jungen umstanden sie inKnäueln, während sie malte. Als das Bild dann fertig war, zog sie mitihrer Staffelei wieder hinauf zum Wall, der See entgegen.

Dann kam aber im Oktober der Regen; es goß ein oder zwei Wochen lang.Ab und zu klärte es sich etwas auf und ein trüber, gelber Lichtstreifenglitt durch die Wolken, über dem Hügel mit den traurigen Weidenbüschenhin, und die Wasserpfützen lagen ein Weilchen blank da. Dann regnete eswieder.

Jenny lieh sich Frau Rasmussens Bücher und ließ sich die Muster dergestrickten Spitzen an ihren Gardinen zeigen. Aber es wurde nicht viel,weder mit dem Lesen[S. 272] noch mit dem Stricken. Sie saß den lieben langenTag im Schaukelstuhl am Fenster und war nicht einmal imstande, sichordentlich anzuziehen, sondern schlüpfte nur in ihren verwaschenenKimono.

Sie litt furchtbar darunter, daß ihre Schwangerschaft nach und nachsichtbar wurde.

Da meldete Gert Gram seinen Besuch. Schon zwei Tage später kam er amfrühen Morgen in strömendem Regen angefahren. Er blieb eine Woche,wohnte im Bahnhofshotel, eine halbe Meile entfernt, war aber denganzen Tag bei ihr draußen. Als er abreiste, versprach er, baldwiederzukommen, vielleicht schon in sechs Wochen.

Jenny lag die Nächte hindurch bei brennender Lampe wach. Sie wußte nur,sie konnte das nicht mehr ertragen. Es war zu furchtbar gewesen.

Unerträglich war es — alles — von seinem ersten teilnehmenden,besorgten Blick an, als er sie in dem neuen dunkelblauen Hängerkleiderblickte, welches das Nähmädchen im Dorf für sie angefertigt hatte.„Wie schön du bist,“ hatte er gesagt und gemeint, sie gliche einerMadonna. Reizende Madonna! O ja. — Sein vorsichtiger Arm um ihrenLeib, seine langen behutsamen Küsse auf ihre Stirn — ihr war, alssollte sie sterben vor Scham. Ja, wie er sie gepeinigt hatte mit seinerliebevollen Besorgnis um ihre Gesundheit, mit seinen Ermahnungen, fürBewegung zu sorgen. Als einmal eine Pause zwischen den Regenschauerneintrat, hatte er sie mit hinaus auf einen Spaziergang geschleppt, undsie mußte sich um jeden Preis bei ihm einhängen und sich auf seinen Armstützen. Eines Abends besah er verstohlen ihre Handarbeit — er hattesicher erwartet, daß sie damit beschäftigt sei, Windeln zu säumen.

Es war ja keine böse Absicht von ihm. Aber darum war auch keineHoffnung vorhanden, daß es besser sein würde, wenn er wiederkam, imGegenteil. Aber sie konnte auch nicht mehr.—

[S. 273]

Eines Tages bekam sie einen Brief von ihm, in dem er unter anderemschrieb, daß sie auf jeden Fall einen Arzt zu Rate ziehen müsse.

Am nämlichen Abend schrieb sie einen kurzen Brief an Gunnar Heggen:sie erwarte im Februar ein Kind; ob er ihr die Adresse eines stillenOrtes in Deutschland verschaffen könne, wo sie bleiben könne, bis esüberstanden sei.

Er antwortet umgehend:

Liebe Jenny!

Ich habe in zwei hiesigen Zeitungen annonciert und schicke dir alleBriefe zu, wenn sie kommen; dann kannst du sie dir selbst ansehen.Falls du willst, daß ich irgendwo hinreise und mir für dich etwasansehe, ehe du mietest, so weißt du, daß ich es mit Vergnügentue, und überhaupt kannst du in jeder Weise über mich verfügen.Schreibe, wann du reisest und welchen Weg, ob du willst, daß ich direntgegenkommen, oder ob ich dir mit irgend etwas anderem helfen kann.Was du mir erzählst, hat mich sehr betroffen, aber ich weiß ja, dubist verhältnismäßig stark genug, um einen Stoß zu vertragen. Willstdu mir bitte schreiben, ob ich dir noch in anderen Sachen beistehenkann? Du weißt, ich würde mich freuen, dir einen Dienst zu erweisen.— Ich höre, du hast ein gutes Bild auf der Staatsausstellung —herzlichen Glückwunsch!

Viele Grüße von Deinem alten Freunde

G. H.

Einige Tage später kam ein ganzes Paket Briefe. Jenny buchstabiertesich durch einen Teil der Schreiben hindurch, die vielfach mitfürchterlichen Krähenfüßen bemalt waren. Dann schrieb sie an FrauSchlessinger in der Umgegend von Warnemünde und mietete dort vomfünfzehnten Oktober ab, teilte Gunnar ihren Entschluß mit und kündigteFrau Rasmussen.

Erst am letzten Abend schrieb sie an Gert Gram:

[S. 274]

Lieber Freund!

Ich habe einen Entschluß gefaßt, der Dir, wie ich fürchte, wehe tunwird. Aber Du darfst mir nicht zürnen. Ich bin so müde und nervös,weiß selbst, daß ich ungerecht und häßlich gegen Dich war, als Duhier warst, und das möchte ich so ungern. Daher will ich Dich nichteher sehen, als bis alles überstanden ist und ich wieder in normalemZustande bin. Ich reise morgen früh ins Ausland — meine Adressegebe ich vorläufig nicht an, Briefe kannst Du mir aber durch FrauFranziska Ahlin, Varberg, Schweden, senden; ich schreibe vorläufigüber sie an Dich. Du darfst Dich meinetwegen nicht ängstigen; ichbin frisch und es geht mir recht gut, aber, Lieber, versuche nicht,bis auf weiteres anders mit mir in Verbindung zu kommen, ich bitteDich inständig. Und sei mir nicht allzu böse, aber ich glaube, dieserAusweg ist für uns beide der beste. Versuche, um meinetwillen sowenig betrübt und besorgt zu sein, wie es Dir möglich ist.

Deine
Jenny Winge.

So zog sie denn zu einer neuen Witwe in ein neues Häuschen, diesmal einrotes mit weißgekalkten Fenstersimsen. Es lag in einem kleinen Gartenmit fliesenbedeckten Wegen und Muscheln am Rande der Beete, auf denenschwarze, verfaulte Astern und Georginen standen. Etwa zwanzig bisdreißig solcher Häuser lagen an einem Stückchen Straße entlang, die voneinem Bahnhof bis zu einem Fischerhafen hinabführte, wo die See sich anlangen Steinmolen brach. Eine Strecke entfernt, drüben auf dem weißenStrand, wo der Tang in Massen hereintrieb, lag ein kleines Badehotelmit verschlossenen Läden. Ins Land hinein erstreckten sich endlose Wegemit nackten, struppigen Pappeln, die sich im Winde neigten, vorbei ankleinen Steingehöften mit einem Stümpfchen Vorgarten und ein bis zweigroßen schwarzen Heumieten, über unendliche[S. 275] schwarze Felder und Moore.Des Morgens war das Land mitunter von wässriggrauem frischem Schneebedeckt, der im Laufe des Tages schwand.

Jenny wanderte die Straßen hinauf, so weit sie konnte, dann kam sienach Haus und saß in ihrem Zimmerchen, das diesmal mit den prächtigstenNippessachen überfüllt war, mit farbigen Gipsreliefs von Ritterburgenund munteren Wirtshausszenen in Messingrahmen. Sie war nicht einmalimstande, das nasse Schuhzeug zu wechseln, Frau Schlessingerzog ihr Stiefel und Strümpfe aus, ununterbrochen schwatzend undJenny ermahnend, guten Mutes zu sein. Sie erzählte von all denLeidensgenossinnen Jennys, die sie im Hause gehabt hatte — jetzt wardie eine oder andere verheiratet und es ging ihnen gut, ja!

Sie hatte etwa einen Monat hier gewohnt, als Frau Schlessingerhereinkullerte, aufgeregt und strahlend — es sei ein Herr gekommen,der das gnädige Fräulein begrüßen wollte.

Jenny saß gelähmt vor Angst. Dann konnte sie fragen, wie der Herraussähe. Ganz jung, sagte Frau Schlessinger, und sie lächelte lauernd.Sollte es Gunnar sein? Sie erhob sich, — aber dann warf sie dasReiseplaid über, hüllte sich ganz darin ein und kroch in den tiefstenLehnstuhl.

Frau Schlessinger wackelte entzückt hinaus, um den Herrn hereinzuholen.Sie führte Gunnar zu Jenny hin und verweilte, glücklich lächelnd, einenAugenblick in der Tür, ehe sie verschwand.

Er preßte ihre Hände, daß es wehe tat. Aber er lachte strahlend:

„Ich muß doch einmal nach dir sehen, wie es dir geht. — Ich findeallerdings, du hast dir ein trauriges Stück Erde ausgesucht, aberjedenfalls ist hier frische Luft.“ Er schüttelte ein wenig Wasser vonseinem Filzhut, den er in der Hand gehalten hatte.

Jenny machte eine Bewegung, als ob sie sich erheben wollte, bliebjedoch sitzen und sagte errötend: „Vielleicht[S. 276] bist du so lieb undläutest für mich. Du sollst jetzt Tee — und Essen bekommen!“

Heggen aß wie ein Wolf und plauderte unterdeß beständig. Er warbegeistert von Berlin; er wohnte oben in Moabit, im Arbeiterviertel,und sprach mit gleichem Entzücken von deutschen Sozialdemokraten wievom Militarismus — „ja, an denen ist so was herrlich Maskulines,siehst du. Das eine folgt außerdem aus dem anderen.“ Er hatte ein paargroßindustrielle Betriebe zu sehen bekommen, auch das Nachtleben hatteer ein wenig studieren müssen, da er auf einen norwegischen Ingenieurgestoßen war, der sich dort auf der Hochzeitsreise befand, und aufeine norwegische Familie mit zwei reizenden, anmutigen Töchtern — diejungen Damen waren förmlich begeistert nachdem sie das Laster ein wenigaus der Nähe gesehen hatten.

„Uebrigens entzweite ich mich mit ihnen. Ich schlug nämlich FräuleinPaulsen eines späten Abends vor, mit zu mir nach Haus zu kommen—.“

„Nein, aber Gunnar —“.

„Ja, Teufel auch, ich war eben etwas betrunken, das kannst du dir wohldenken, und dann war es doch nur Scherz, weißt du. Das hätte ja bloßgefehlt, daß sie darauf eingegangen wäre — dann hätte ich hübsch inder Tinte gesessen. Hätte mich vielleicht mit einem Mädel verheiratenmüssen, das sich damit amüsiert, an solchen Dingen zu schnuppern —nein, danke. Es machte mir nur Spaß, zu sehen, wie sie sich sittlichentrüstete. Nun, Gefahr war nicht vorhanden — diese Art Mädchen gibtnicht ihr Kleinod hin, ohne sich die Valuta zu sichern—.“

Er wurde plötzlich rot. Es kam ihm in den Sinn, daß Jenny es taktlosfinden könnte, wenn er so zu ihr sprach — jetzt. Aber sie lachte nur:

„O, bist du verrückt, Junge!“

Die unnatürliche, quälende Scheu war nach und nach von ihr gewichen.Heggen fuhr fort zu plaudern. Einige Male, wenn sie es nicht sah,hingen seine Augen ängstlich an ihrem Gesicht. Herrgott, wie war siemager und[S. 277] hohläugig geworden — so gefurcht um den Mund. Die Sehnen amHalse traten hervor, und ein paar häßliche Streifen zogen sich über dieKehle.

Es war trockenes Wetter geworden, so daß sie einen Spaziergang mit ihmmachen wollte.

Ueber die öde Landstraße mit den verwehten Pappeln hin gingen sie durchden Seenebel, Jenny schwerfällig und müde.

„Nimm doch meinen Arm,“ sagte Gunnar beiläufig, was sie auch tat.

„Ich finde es hier schrecklich trübselig, Jenny. Weißt du was, wäre esnicht besser, du reistest nach Berlin?“

Jenny schüttelte den Kopf.

„Dort hast du die Museen und so viel anderes. Jemand, mit dem duzusammen sein kannst. Oder mach’ wenigstens eine kleine Reise dorthinunter, um dich aufzumuntern. Ich finde, hier muß es langweilig sein.“

„Ach nein, Gunnar, du kannst dir doch denken — nicht jetzt—.“

„In diesem Ulster siehst du so hübsch aus,“ sagte er kurz daraufvorsichtig.

Jenny senkte den Kopf.

„Ich bin ein Tolpatsch,“ erklärte er plötzlich heftig. „Verzeih! Dumußt mirs sagen, Jenny, wenn ich dich quäle.“

„Nein, das tust du nicht.“ Sie sah auf. „Ich bin froh, daß du kamst.“

„Ich verstehe ja, daß es schwer sein muß.“ Seine Stimme klang jetztganz anders. „Ja, Jenny, ich verstehe es. Aber es ist mein Ernst, ichglaube, du machst es dir noch schwerer, wenn du hier umherläufst — indiesem Zustand. Ich finde, du solltest an einen anderen Ort reisen,der weniger — trostlos ist!“ Er blickte hinaus über die dunklenWiesenstrecken und die Pappelreihen, die sich im Nebel verloren.

„Frau Schlessinger ist aber so freundlich,“ sagte Jenny ausweichend.

[S. 278]

„Ja, Armes, das stimmt schon.“ Er begann zu lachen. „Sie verdächtigtsicher mich, der Missetäter zu sein!“

„Ja,“ sagte Jenny, ebenfalls lachend.

„Nun ja, Teufel auch.“ Sie gingen schweigend weiter. „Du — hast du dirschon überlegt, wie du dir dein Leben einrichten willst in Zukunft?“

„Ich weiß noch nicht recht. Du meinst wohl mit — dem Kinde? Ichlasse es vielleicht — bis auf weiteres — bei Frau Schlessinger. Siewird es sicher ordentlich pflegen. Oder es adoptieren.“ Sie lachte.„Man adoptiert ja mitunter solche Kinder. Du weißt, ich könnte michFrau Winge nennen und darauf pfeifen, was die Leute denken—.“

„Du bist also fest entschlossen, wie du schriebst, jegliche Verbindungmit — dem betreffenden Vater des Kindes abzubrechen?“

„Ja,“ sagte sie hart. „Es ist nicht der, mit dem ich — verlobt war,“fügte sie nach einer Weile hinzu.

„Na, Gott sei Dank!“ Es klang so herzlich, daß sie unwillkürlichlächelte „Ja, weißt du was, Jenny, er war es wahrhaftig nicht wert,reproduziert zu werden, für dich jedenfalls. Er hat übrigens seinenDoktor gemacht, sah ich kürzlich. Nun ja, es hätte also schlimmer seinkönnen — ich fürchtete ja, siehst du—.“

„Es ist sein Vater,“ sagte sie plötzlich.

Heggen hielt inne.

Als sie in Tränen ausbrach, wild und herzzerreißend, umfing er sie.Er legte seine Hände um ihr Gesicht, während sie fortfuhr, an seinerSchulter zu schluchzen.

Sie begann zu erzählen, während sie so standen. Einmal blickte sie ihmins Antlitz — es war ganz bleich und verzerrt — da weinte sie aufsneue.

Als es vorüber war, hob er einen Augenblick ihren Kopf:

„Herr Jesus, Jenny — so ist es dir ergangen! Ich begreife es nicht.“—

Sie gingen schweigend wieder zur Stadt zurück.

„Komm mit mir nach Berlin,“ sagte er plötzlich[S. 279] bestimmt. „Ich ertrageden Gedanken nicht. Es geht nicht, daß du hier allein bleibst und überall das nachgrübelst—.“

„Ich habe fast aufgehört zu grübeln,“ flüsterte sie matt.

„Das Ganze ist überhaupt sinnlos!“ Er wurde so heftig, daß sie stehenblieb. „Den Besten von euch geht es so! Und wir ahnen nicht, wie ihr estragt! Das ist sinnlos!“

Heggen blieb drei Tage in Warnemünde. Jenny verstand es selber kaum,warum ihr nach seinem Besuch so viel besser zumute war. Aber diesesunleidliche Gefühl der Demütigung war geschwunden, sie sah ihr Geschickjetzt mit viel ruhigeren und natürlicheren Augen an.

Frau Schlessinger lief umher und lächelte froh und untertänig, obgleichJenny ihr erklärt hatte, daß dieser Herr ihr Vetter war.

Er hatte ihr angeboten, ihr seine Bücher zu schicken, und bald kam eineganze Kiste voll an, zum Weihnachtsfest sandte er Blumen und Konfekt.Jede Woche schrieb er lange Briefe von allen möglichen Dingen undschickte Ausschnitte aus norwegischen Zeitungen. Zu ihrem Geburtstagim Januar kam er selbst herauf und blieb zwei Tage, ihr einige neuenorwegische Bücher vom Fest her zurücklassend.

Aber gleich nach seinem letzten Besuch erkrankte sie. Sie war elend,matt, zerquält und hatte in der letzten Zeit nicht schlafen können.Vorher hatte sie nur selten an die Geburt selbst gedacht und sich nichtdavor gefürchtet. Jetzt, bei den ständigen Schmerzen ergriff sie einefürchterliche Angst vor dem, was ihr bevorstand. Als sie sich dannschließlich legen mußte, war sie von Angst und Schlaflosigkeit völligentkräftet.

Es war eine schwere Geburt. Jenny war dem Tode näher als dem Leben, alsder Arzt, der von Warnemünde herbeigeholt worden war, endlich ihrenJungen in seinen blutigen Händen hielt.

[S. 280]

VI.

Jennys Knabe lebte sechs Wochen — genau vierundvierzig und einenhalben Tag, sagte sie bitter zu sich selber, wenn sie wieder und wiederdie kurze Zeit überdachte, während der sie gewußt hatte, was es heißt,glücklich zu sein.

Sie weinte die ersten Tage danach nicht, ging nur um das tote Kindherum und würgte tief in der Kehle. Sie nahm es hoch und liebkoste es:

„Bübchen — Mutters kleiner, kleiner, süßer Junge — du darfst nicht —hörst du — Bübchen darf nicht tot sein, verstehst du mich denn nicht—.“

Der Knabe war klein und schwächlich gewesen, als er zur Welt kam. AberJenny wie auch Frau Schlessinger meinten, daß er gedeihen und großartigwachsen würde. Dann wurde er eines Morgens krank und starb gegen Mittag.

Als er begraben war, begann sie zu weinen, und jetzt konnte sienicht innehalten. Sie schluchzte fast andauernd, Tag und Nacht,wochenlang. Krank wurde sie auch, bekam eine Brustentzündung, so daßFrau Schlessinger den Arzt holen mußte, der sie dann schnitt. — Diekörperlichen Schmerzen und die Verzweiflung ihrer Seele flossen zueinem zusammen, den fürchterlichen Fiebernächten.

Frau Schlessinger schlief im Zimmer nebenan. Wenn sie die merkwürdigtierischen, erstickten Klagelaute aus dem Zimmer des jungen Mädchensvernahm, wackelte sie entsetzt herbei und setzte sich auf einen Stuhlvor dem Bett: „Um Gotteswillen, Fräulein—.“

Sie pflegte Jenny und streichelte ihre mageren, klammen Hände mit ihrendicken, warmen. Sie redete ihr gut zu. Es sei Gottes Wille, vielleichtdas Beste für den Jungen wie für das gnädige Fräulein selber. Fräuleinsei ja noch so jung —. Frau Schlessinger hatte selbst ihre beidenKinder verloren, die kleine Bertha, als sie zwei Jahre alt war, undWilhelm mit vierzehn Jahren,[S. 281] so einen kecken Burschen. Sie waren dochin gesetzlicher Ehe geboren und hatten ihre Stütze sein sollen, aberdieser Kleine hier, er wäre ja nur eine Fessel an Fräuleins Fuß gewesen— und Fräulein sei doch so jung und nett. Ach Gott, gewiß war er liebgewesen, der kleine Engel, ja, schwer genug sei es schon—.

Ihren Mann hatte Frau Schlessinger auch verloren — ja. Und es gabviele Leidensgenossinnen von Jenny, die Frau Schlessinger im Hausegehabt hatte, deren Kinder gestorben waren — ja, einige seien frohgewesen, einige hätten sie geradezu vernachlässigt, um sie loszuwerden— ja, es war häßlich, aber was soll man dazu sagen? Einige hatten auchgeweint und gejammert wie jetzt Jenny, aber sie kamen mit der Zeitdarüber hinweg; die eine und die andere war jetzt verheiratet und hattees glücklich getroffen. Aber eine solche Verzweiflung wie beim gnädigenFräulein habe sie doch noch nie erlebt. Herrgott im Himmel!

Daß der Vetter nach dem Süden gereist war, erst nach Dresden unddarauf nach Italien, gerade in jenen Tagen, als der Knabe starb, demschrieb Frau Schlessinger in ihrem Herzen einen großen Teil von JennysVerzweiflung zu. Ja, ja, so waren sie nun einmal, die Mannsleute.

Unauflöslich verbunden mit der Erinnerung an diese wahnwitzigen,qualerfüllten Nächte war seitdem für Jenny das Bild von FrauSchlessinger, wie sie dort auf dem Stühlchen vor dem Bette saß, währenddas Lampenlicht sich in den Tränen brach, die aus ihren freundlichenAeuglein sickerten und über ihre runden roten Apfelwangen tropften.Ihr Mund, der nicht einen Augenblick still stand, ihr kleiner grauerabstehender Zopf und ihre weiße Nachtjacke mit dem Zackenbesatz, ihrUnterrock aus rosa und grau gestreiftem Flanell mit den gesticktenZacken rings herum. Und das kleine Zimmer mit den Gipsreliefs inMessingrahmen.

Sie hatte Heggen von ihrem großen Glück geschrieben. Er hatte auchgeantwortet; er wäre gern gekommen, um sich den Buben anzuschauen, aberdie Reise war lang[S. 282] und teuer, außerdem war er im Begriff, nach Italienaufzubrechen. Später sei sie mit dem Prinzen willkommen und er sendedie besten Glückwünsche!—

Als das Kind starb, war Heggen in Dresden: sie bekam einen langenschönen Brief von ihm.

An Gert hatte sie einige Zeilen geschrieben, sobald sie konnte. Sie gabgleichzeitig ihre Adresse auf, bat ihn jedoch, nicht vor dem Frühlingherunterzukommen, dann wäre der Kleine groß und hübsch geworden. Jetztkönnte wohl nur die Mutter sehen, wie prächtig er war. — Als siewieder aufgestanden war, sandte sie ihm ein längeres Schreiben.

Am Tage, als das Kind begraben wurde, schrieb sie wieder und teilte inwenigen Worten seinen Tod mit. Gleichzeitig erwähnte sie, daß sie amselben Abend nach dem Süden reise und daß er nicht erwarten dürfe, vonihr zu hören, bis sie ruhiger geworden: „Du brauchst dich nicht um michzu ängstigen,“ schrieb sie, „ich bin jetzt soweit vollkommen ruhig undgefaßt, aber natürlich grenzenlos traurig.“

Dieser Brief kreuzte sich mit einem von Gert Gram. Dieser lautete:

Meine kleine Jenny!

Ich danke Dir für Deinen letzten Brief. Zu allererst muß ich Dirsagen, da Du Dir scheinbar Vorwürfe machst in bezug auf DeinVerhältnis zu mir; liebes kleines Mädchen, ich mache Dir ja keine,und darum darfst Du es auch nicht. Du bist ja immer nur gut undweich und liebevoll gegen Deinen Freund gewesen. Nie werde ichDeine Zärtlichkeit und Deine Wärme aus der kurzen Zeit, da Du michliebtest, vergessen — Deine süße Jungfräulichkeit und feine, sanfteHingebung in den Tagen unseres kurzen Glücks.

Unser Glück konnte nur kurz sein; das hätten wir beide wissenmüssen. Ich hätte es wissen müssen. Du hättest es wohl wissenkönnen, wenn Du nachgedacht[S. 283] hättest; aber was denken zweiMenschen, die sich zu einander hingezogen fühlen? Daß Du eines Tagesaufhörtest, mich zu lieben — glaubst Du, ich werfe Dir das vor? Wennes mir auch das bitterste Leid verursachte in meinem sonst nicht ebenglücklichen Leben — doppelt bitter für mich, da ich gleichzeitigerfuhr, daß Du für unser Verhältnis nun durch dein ganzes Leben büßenmußt.

Aber nun sehe ich aus Deinem Briefe, daß diese Folgen, über dieich sicher viel verzweifelter war als Du, was Du auch an Sorgenund körperlichen Leiden durchgemacht haben magst, Dir dennoch einetiefere Freude, ein größeres Glück geschenkt haben, als es Dir sonstim Leben begegnet ist. Ich sah, daß die Mutterfreude Dich ganz mitFrieden, Lebensmut und Zufriedenheit erfüllte, so daß Du meinst, mitDeinem Kinde im Arm genug Kraft zu besitzen, um alle Schwierigkeiten,ökonomische wie soziale zu überwinden, die die Zukunft einer jungenFrau in Deiner Lage bringen kann. Daß Du dies schreibst, macht michfroher, als Du ahnen kannst. Für mich ist dies wiederum ein Beweisfür das Walten jener ewigen Gerechtigkeit, an der ich ja nichtzweifle. Dir, die Du einen Irrtum begingst, weil Dein Herz warm undzärtlich war und nach Zärtlichkeit dürstete, wird gerade dieserIrrtum, der Dir so verzweifelte Stunden gebracht hat, schließlich alldas bescheren, wonach Du so brennend verlangtest, besser, schönerund reiner, als Du es je erträumt. Schon jetzt, da dein Herz ganzvon Liebe zu Deinem Kinde erfüllt ist und später in noch höheremMaße, wenn der kleine Bursche heranwächst, seine Mutter kennen lernt,sich an sie hängt und ihre Liebe erwidern kann, stärker, tiefer undbewußter mit jedem Jahre, das dahingeht.

Und mir, der ich Deine Liebe entgegennahm, obgleich ich hättewissen müssen, daß ein Liebesverhältnis zwischen uns unmöglich undunnatürlich war — mir haben diese Monate unerträgliches Leidenund Trauern[S. 284] gebracht — und einen Verlust, Jenny, einen Verlust,wie Du ihn Dir nicht vorstellen kannst, den Verlust Deiner Person,Deiner Jugend, Deiner Schönheit, Deiner gesegneten Liebe. Jedekleinste Erinnerung an diese Dinge war durch die Reue verbittert —diese ständig nagende Frage, wie konnte ich sie es tun lassen, wiekonnte ich es annehmen, wie konnte ich an ein Glück für mich mit ihrglauben? Ja, Jenny, ich habe daran geglaubt, so wahnsinnig es auchklingt, weil ich mich bei Dir so jung fühlte. Vergiß nicht, daß ichmeiner eigenen Jugend verlustig ging, und dies, als ich weit jüngerwar als Du jetzt bist; der Jugend arbeitsfrohes Leben und frohesLiebesglück durfte ich — durch eigene Schuld — nicht kennen lernen.Und dies war die Strafe. Gespenstisch kehrte meine tote Jugendzurück, als ich Dich gesehen — mein Herz fühlte sich nicht älter alsdas Deine. Oh, Jenny, nichts auf der Welt ist fürchterlicher, alswenn ein Mann alt und sein Herz jung geblieben ist.

Du schreibst, Du sähest es gern, wenn ich später, sobald der Knabegrößer geworden ist, Dich besuchte, um mir unser Kind anzusehen.Unser Kind — es ist ein so widersinniger Gedanke. Weißt Du,woran ich dauernd denken muß? Kannst Du Dich des alten Josephentsinnen auf den italienischen Altarbildern, der immer abseitsoder im Hintergrunde zur Seite steht, zärtlich und wehmütig dasgöttliche Kind und dessen junge, herrliche Mutter betrachtend, diesebeiden, die ganz von einander in Anspruch genommen sind, und seineAnwesenheit gar nicht beachten. Liebe Jenny, mißverstehe mich nicht,ich weiß ja, daß das Kindchen, das jetzt in Deinem Schoß liegt, auchmein Fleisch und Blut ist und doch — wenn ich jetzt an Dich denke,die Mutter geworden ist, dann komme ich mir wie der arme alte Josephvor, der draußen steht.

Aber deshalb solltest Du ebensowenig Bedenken tragen, den Namenals meine Gattin anzunehmen und den Schutz, der für Dich und DeinKind darin liegt,[S. 285] wie Maria, als sie sich dem Joseph anvertraute.Eigentlich finde ich, es ist nicht ganz richtig von Dir, dem Kindeden Vatersnamen zu rauben, auf den es doch ein Anrecht hat — Dumagst soviel Selbstvertrauen haben wie Du willst. Selbstverständlichist es, daß Du im Falle einer solchen Ehe ebenso frei und ungebundenbleibst wie sonst, und daß diese Ehe auch, sobald du es wünschest,gesetzlich aufgehoben wird. Ich bitte Dich inständig, Dir dieszu überlegen. Wir können uns im Auslande trauen lassen, wenn Dues wünschest, und schon einige Monate danach können Schrittezur Trennung getan werden. Du brauchst nie wieder nach Norwegenzurückzukehren, geschweige denn unter einem Dach mit mir zu wohnen.

Von mir selbst ist nicht viel zu berichten. Ich habe zwei kleineZimmer hier oben auf dem Haegdehaug ganz in der Nähe jenesLandhauses, in dem ich geboren bin und bis zu meinem zehnten Jahregelebt habe, als mein Vater im Numetal Vogt wurde. Von meinemFenster aus sehe ich die Spitzen der beiden großen Kastanien an derEingangstür meines Vaterhauses. Sie haben sich nicht sonderlichverändert. Hier oben beginnen die Abende bereits lang und licht undlenzhaft zu werden, die Bäume zeichnen ihre nackten braunen Kronenin den fahlgrünen Himmel, an dem einzelne goldene Sterne durch diescharfe klare Luft funkeln. Abend für Abend sitze ich hier an meinemFenster und starre in die Ferne, während mein ganzes Leben in Träumenund Erinnerungen an mir vorüberzieht. Ach, Jenny, wie hatte ichjemals vergessen können, daß ein ganzes Leben zwischen Dir und mirlag, ein Leben, fast doppelt so lang wie das Deine, ein Leben, vondem mehr als die Hälfte in ununterbrochener Demütigung, Niederlageund Schmerz dahingeschleppt worden ist.—

Daß Du ohne Zorn und Bitterkeit an mich denkst, ist mehr, als icherhofft und erwartet habe. Das Glück, das durch jede Zeile DeinesBriefes atmet, hat mir so unsagbar wohlgetan. Gott segne und behütemein[S. 286] Kind und Dich; alles Glück der Welt wünsche ich auf Dich unddas Kind herab. Ich habe Dich so unsäglich lieb, Du kleine Jenny, dieeinst mein war.

Dein treuer
Gert Gram.

VII.

Jenny blieb bei Frau Schlessinger wohnen. Dort war es billig — und siewußte nicht, wohin mit sich.

Es lag Lenzeswehen in der Luft, über die gewaltige, offeneHimmelskuppel hin segelten schwere, vom Sonnenlicht verbrämte Wolken,die wie Gold und Blut brannten und sich an den Abenden im unruhigenMeer spiegelten, wenn sie draußen auf der Mole war. Die trübseligen,dunklen Flächen im Lande wurden lichtgrün, die Pappeln schimmertenbraunrot von neuem Sproß, und dufteten lind und weich. Am Eisenbahndammwimmelte es von Veilchen und kleinen weißen und gelben Blumen.Schließlich war die Ebene üppig grün, es sprühte von Farben an denWegrainen, schwefelgelbe Iris und große weiße Doldenpflanzen spiegeltensich in den Wasserlöchern der Torfmieten. Eines schönen Tages strömtesüßer Heuduft über Land, der sich in dem salzigen Algengeruch vomStrande her mischte.

Das Badehotel wurde eröffnet und Sommergäste zogen in die kleinenHäuser an der Mole. Es wimmelte von Kindern auf dem weißenSandstreifen. Sie kugelten sich im Sand und platschten barfuß insWasser hinaus, Mütter, Kindermädchen und Ammen in Spreewäldertrachtsaßen nähend im Grase und beaufsichtigten sie. Die Badehäuschen warenins Wasser gerollt worden, und kleine deutsche Backfische schrien undjuchten dort draußen. Luxussegler legten an der Mole an; Besuch kam ausder Stadt, abends war Tanz im Badehotel; die kleine Tannenplantage warvoller Spaziergänger. Hier hatte Jenny zu Beginn des Frühlings in demstruppigen Gras gelegen, dem Wellenschlag[S. 287] und dem Sausen des Windes inden zerzausten Kronen lauschend.

Diese oder jene der Damen sandte ihr einen interessierten oderteilnehmenden Blick nach, wenn sie den Weg am Badestrand entlangspazierte, mit ihrem schwarzweißen Sommerkleide angetan. Die Badegästeim Ort hatten natürlich erfahren, daß sie eine junge Norwegerin war,die ein Kind bekommen hatte, über dessen Tod sie so furchtbar trauerte.Einige waren auch darunter, die es mehr rührend als skandalös fanden.

Im übrigen wanderte sie meist landeinwärts; dorthin kamen niemalsSommergäste. Ganz selten ging sie bis hinauf zur Kirche und zumKirchhof, wo der Knabe lag. Sie saß dann und starrte auf das Grab, dassie nicht hatte herrichten lassen. Sie legte dann einige wilde Blumennieder, die sie unterwegs gepflückt hatte, aber ihre Phantasie weigertesich, den kleinen, grauen Erdhügel, auf welchem Unkraut und Gräser indie Höhe schossen, mit ihrem Bübchen in Verbindung zu bringen.

An den Abenden saß sie in ihrem Zimmer mit einer Handarbeit, die sienicht anrührte, und starrte in die Lampe. Sie dachte immer an dasGleiche, rief die Tage wieder zurück, als sie ihren Jungen besessenhatte, die erste Zeit, das matte, friedliche Glück, während sie lagund genas, später, wenn sie aufrecht im Bett saß und Frau Schlessingerihr das Baden und Wickeln, das An- und Auskleiden des Kindes zeigte,dann, als sie zusammen nach Warnemünde reisten, um feinen Stoff,Spitzen und Band zu kaufen, als sie heimkehrte, zuschnitt, nähte,zeichnete und stickte — ihr Junge sollte feine Sachen haben stattdes schlechten fertiggekauften Zeuges, das sie aus Berlin bestellthatte. Eine drollige Gartenspritze hatte sie gekauft mit Abziehbildernauf dem grünbemalten Blech: ein Löwe und ein Tiger standen zwischenPalmen an einem himmelblauen Meer und betrachteten entsetzt diedeutschen Panzerungetüme, die den afrikanischen Besitzungen des Reichszudampften. Sie fand das Ding so lustig — Bübchen sollte es zumSpielen haben, wenn[S. 288] er einmal groß genug geworden war. Erst mußte erja Mutters Brust finden, an der er sich jetzt nur blind festsog — undseine eigenen kleinen Finger, die er nicht voneinander bekommen konnte,sobald er sie ineinander verfilzt hatte — bald würde er die Mutterkennen, nach der Lampe blinzeln und nach Mutters Uhr, die sie vor ihmschaukeln ließ — da war so viel, was Bübchen lernen mußte.

In einer Schieblade lagen alle seine Sachen, sie nahm sie nie heraus.Sie wußte ja doch, wie jedes Stück aussah und wie es sich auf derHandfläche anfühlte — das glatte, weiche Linnen, die rauhe Wolle unddie halbfertige Jacke aus grünem Flanell, die sie mit Butterblumenbestickt hatte, die sollte er haben, wenn er ausgefahren wurde.—

Sie hatte ein Bild vom Strande angefangen mit den roten und blauenKindern auf dem weißen Sandstrand. Einige der teilnehmenden Damen kamenherbei, schauten zu und versuchten, eine Bekanntschaft anzubahnen: „Wienett!“ Sie war aber unzufrieden mit der Skizze und mochte sie nichtbeendigen, auch eine neue wollte sie nicht anfangen.—

Eines Tages schloß das Badehotel wieder, es stürmte auf See, und derSommer war vorüber.

Gunnar schrieb aus Italien und riet ihr, herunterzukommen. Cesca wolltesie nach Schweden haben. Die Mutter, die nichts wußte, schrieb undbegriff nicht, warum sie dort blieb. Jenny dachte daran, fortzureisen,konnte aber zu keinem Entschluß kommen. Obgleich doch allmählich eineunbestimmte Sehnsucht in ihr wach wurde. Sie wurde selbst dadurchnervös, daß sie so umherging und nichts tun konnte. Sie mußte einenEntschluß fassen — wenn sie auch nur eines Nachts von der Mole aus indie See spränge.

Eines Abends hatte sie die Kiste mit Heggens Büchern hervorgeholt.Unter ihnen befand sich ein Band italienischer Gedichte — Fioridella poesia italiana. Eine Ausgabe,[S. 289] für Touristen berechnet, ineinfaches Leder gebunden. Sie blätterte darin, um zu sehen, ob sie allihr Italienisch vergessen hätte.

Sie schlug das Buch zufällig bei Lorenzo von Medicis Karnevalsliedauf und fand ein zusammengefaltetes Stück Papier, von Gunnars Handbeschrieben:

„Liebe Mutter. Jetzt kann ich Dir endlich berichten, daß ichglücklich und wohl in Italien angekommen bin, und daß es mir in jederHinsicht gut geht, sowie —“ Der Rest des Bogens war mit Vokabelnbedeckt. Bei den Verben standen zugleich die Deklinationen. Auch amRande des Buches standen Vokabeln — ganz dicht, an dem tragischfrohen Karnevalsgedicht entlang. „Wie schön ist die Jugend, die soschnell entflieht“.

Selbst die gewöhnlichsten Worte waren aufgeschrieben. Gunnar mußteversucht haben, das Lied zu lesen, gleich nachdem er nach Italiengekommen war — ehe er etwas von der Sprache konnte. Sie sah auf demTitelblatt nach: G. Heggen, Firenze und die Jahreszahl stand dort. Daswar, ehe sie ihn kennengelernt hatte.

Sie blätterte und las hier und da. Dort stand Leopardis Hymne anItalia, für die Gunnar so begeistert war. Sie las sie. Der Rand warschwarz von Vokabeln und Tintenflecken.

Es schien wie ein Gruß von ihm, eindringlicher als alle seine Briefe.Er rief sie, jung und gesund, fest und voller Tatendrang. Er batsie, zum Leben zurückzukehren und zur Arbeit. Ja, wenn sie sich dochzusammennehmen und wieder anfangen könnte. Sie mußte versuchen, zuwählen zwischen Leben — oder Tod. Sie wollte wieder dort hinab,wo sie sich einst frei und stark gefühlt hatte, allein, nur mitihrer Arbeit. Sie sehnte sich danach, und nach den Freunden, denzuverlässigen Kameraden, die einander nicht so nahe kamen, daß Leiddaraus entstand, sondern Seite an Seite, jeder in seiner eigenen Welt,die auch all den anderen gehörte, miteinander dahinlebten, im Vertrauenauf ihr Können, in der Freude an ihrem[S. 290] Schaffen. Sie wollte das Landwiedersehen, das felsige Land mit den stolzen, strengen Linien und densonnedurchtränkten Farben.

Kurz darauf reiste sie nach Berlin. Sie lief einige Tage in der Stadtumher, so auch in den Galerien. Aber sie fühlte sich müde, fremd undüberflüssig. So fuhr sie weiter nach München.

In der Alten Pinakothek sah sie Rembrandts Heilige Familie. Siebetrachtete das Bild gar nicht als Malerei an sich, sie sah nur diejunge Bauersfrau, das Hemd von der milchgefüllten Brust weggezogen unddas Kind anschauend, das eingeschlafen war. Liebkosend griff die Mutterum sein eines bloßes Füßchen. Ein häßlicher kleiner Plebejerjungewar es, aber strotzend vor Gesundheit, und er schlief so gut, warso herrlich und lieb. Josef guckte über der Mutter Schulter auf ihnnieder. Es war aber kein alter Josef, und Maria war keine weltfremdeHimmelsbraut. Es war ein kräftiger, mittelalterlicher Handwerker mitseiner jungen Frau, und das Kind war ihrer beider Lust und Freude.

Am Abend schrieb sie an Gert Gram. Einen langen Brief, zart und traurig— aber es war ein Lebewohl für immer.

Am nächsten Tage löste sie eine Karte direkt bis Florenz. Beim erstenMorgengrauen saß sie am Abteilfenster nach einer schlaflosen Nachtim Zuge. Wildbäche hüpften silbrig über waldbewachsene Felshänge. Eswurde licht und lichter, die Städte, an denen sie vorüberflog, nahmenmehr und mehr italienischen Charakter an. Rostbraune und moosgoldeneDachziegel, Loggien an den Häusern, grüne Stabjalousien an rotgelbenHauswänden, barocke Kirchenfassaden, die Bogenreihen der Steinbrückendraußen im Fluß. Die Schilder auf den Stationen trugen jetzt deutschenund italienischen Text. Weinberge zeigten sich außerhalb der Städte undgraue Burgruinen erschienen auf den Bergkuppen.

Ala. Sie stand an der Zollschranke, die verdrießlichen Passagiere ausder ersten und zweiten Klasse betrachtend[S. 291] — und war so sinnlos froh.Nun war sie wieder in Italien. Der Zollbeamte lächelte sie an, weil sieblond war, und sie lächelte zurück, weil er sie für die Kammerjungferdieser oder jener Herrschaft hielt.

Die Felsketten wichen zur Seite, lehmgrau mit blauen Schatten in denKlüften, das Erdreich leuchtete rostrot, die Sonne flammte weiß undglühend auf.

In Florenz aber war es bitter kalt und trübe in diesen Novembertagen.Müde und verfroren irrte sie etwa vierzehn Tage in der Stadt umher,ihr Herz blieb kalt gegen all die Schönheit, die sie erblickte, undmelancholisch und mutlos, weil sie sich nicht wie früher an ihr wärmenkonnte.—

Eines Morgens fuhr sie nach Rom. Die Felder in der toskanischenLandschaft waren von weißem Reif bedeckt. Später am Tage lichtete sichder Nebel und die Sonne erschien. Sie sah die Stelle wieder, die sienie vergessen konnte: Der Trasimenische See lag fahlblau zwischen denFelsen im Dunst. Ins Wasser hinaus schoß eine Landzunge mit den Türmenund Zinnen einer kleinen steingrauen Stadt. Eine Zypressenallee führtevom Bahnhof aus dort hinüber.—

In Rom hielt sie in strömendem Regen ihren Einzug. Gunnar war auf demBahnhof und nahm sie in Empfang. Er preßte ihre Hände, als er siewillkommen hieß. Während sie im Regen, der vom grauen Himmel auf dasStraßenpflaster niederklatschte, nach der Wohnung ratterten, die er ihrverschafft hatte, fuhr er mutig fort zu plaudern und zu lachen.—

VIII.

Heggen saß am äußersten Ende des Marmortisches und nahm an derUnterhaltung fast nicht teil. Ab und zu schielte er zu Jenny hinüber,die sich, Whisky und Selter vor sich, in eine Ecke geklemmt hatte. Sieunterhielt sich übertrieben lebhaft quer über den Tisch mit[S. 292] einerjungen schwedischen Frau und nahm nicht im geringsten Notiz von denneben ihr sitzenden Dr. Broager und der kleinen dänischen Malerin,Loulou von Schulin, die beide versuchten, ihre Aufmerksamkeit auf sichzu lenken. Heggen sah, sie hatte wieder zuviel getrunken.

Sie bildeten eine kleine Schar von Skandinaviern und einigen Deutschen,die in einer Weinkneipe zusammengetroffen und jetzt am Ende derNacht im hintersten Winkel eines düsteren Cafés gelandet waren. DieGesellschaft hatte dem Alkohol reichlich zugesprochen und war sehrwenig gewillt, den Aufforderungen des Wirtes nachzukommen, zu gehen, daes weit über die vorgeschriebene Polizeistunde sei und er zweihundertLire Strafe zu zahlen haben würde, ja sicher!

Gunnar Heggen war der einzige, der es mehr als gern gesehen hätte, daßdas Trinkgelage ein Ende nähme. Er war der einzig Nüchterne und hatteschlechte Laune.

Dr. Broager brachte alle Augenblicke seinen schwarzen Schnurrbart aufJennys Hand an. Wenn sie diese an sich zog, versuchte er es auf ihremnackten Arm. Die andere Hand hatte er hinter ihr aufs Sofa gelegt. Siesaßen zusammengedrängt im Winkel, so daß jeder Versuch, sich ihm zuentwinden, umsonst gewesen wäre. Im übrigen war ihr Widerstand auchziemlich schwach, und sie lachte ohne Zorn über seine Zudringlichkeit.

„Pfui!“ sagte Loulou von Schulin und zog die Schultern hoch. „Daß Siedas ertragen können! Finden Sie ihn denn nicht widerlich, Jenny?“

„O doch, natürlich. Aber Sie sehen ja, er ist genau so wie eineSchmeißfliege — es nützt nichts, ihn wegzujagen. Pfui, hören Sie dochauf, Doktor—“

„Pfui,“ sagte die andere wie vorher. „Daß Sie das aushalten können!“

„Pah! Ich kann mich ja mit Seife abwaschen, wenn ich nach Hause komme.“

„So?“ Loulou von Schulin warf sich über Jennys Schoß und streichelteihre Arme. „Wir geben jetzt auf die armen schönen Hände acht!Sehen Sie!“ Sie hob[S. 293] die eine Hand in die Höhe und zeigte sie derTafelrunde. „Ist sie nicht entzückend?“ Dann löste sie ihren giftgrünenAutomobilschleier vom Hute und hüllte Arme und Hände darin ein. „InsFliegennetz — seht doch nur!“ Und sie streckte Broager blitzschnelldie Zunge heraus.

Jenny blieb einen Augenblick, die Arme in den grünem Schleiergewickelt, sitzen. Dann machte sie sich frei und zog Jacke undHandschuhe an.

Broager versank in einen kleinen Halbschlummer. Aber Fräulein Schulinhob ihr Glas:

„Prost! Herr Heggen!“

Er tat, als hörte er nicht. Erst, als sie es wiederholte, griff er nachseinem Glase. „Pardon — ich sah nicht,“ trank und sah wieder fort.

Dieser oder jener lächelte. Da Heggen und Fräulein Winge Tür an Tür imobersten Stockwerk irgendwo drüben zwischen Babuino und Corso wohnten,glaubte man genug zu wissen. Was aber Fräulein von Schulin betraf, sowar sie vorübergehend mit einem norwegischen Schriftsteller legitimverheiratet gewesen, reiste dann von ihm und dem Kinde in die weiteWelt hinaus, wo sie wieder ihren Mädchennamen, die Anrede Fräuleinund Malerin angenommen hatte, und außerdem Freundschaften mit Frauenunterhielt, worüber besonders üble Gerüchte im Umlauf waren.

Der Wirt kehrte wieder zur Gesellschaft zurück und parlamentierteeindringlich, um sie zur Tür hinauszubekommen. Die beiden Kellnerlöschten die Gasflammen drüben im Lokal und stellten sich abwartend amTische auf. Es blieb also nichts anderes übrig, als zu bezahlen unddann zu gehen.

Heggen gehörte zu den letzten, die das Lokal verließen. Drüben aufdem Marktplatz im Mondenschein sah er, wie Fräulein Schulin JennysArm ergriff. Sie liefen auf eine leere Droschke zu, die die anderenim Begriff waren zu stürmen. Er sprang hinüber und hörte von weitemJenny rufen: „Ihr wißt, die in der Via Paneperna.“[S. 294] Sie hüpfte in dieüberfüllte Droschke und fiel irgend jemanden auf den Schoß.

Aber einige Damen wollten wieder ins Freie, andere in den Wagen —ununterbrochen sprang jemand aus der einen Wagentür hinaus und in dieandere hinein. Der Kutscher saß unbeweglich auf dem Bock und wartete.Der Gaul schlief, den Kopf bis fast aufs Steinpflaster gesenkt.

Jenny stand wieder auf der Straße, aber Fräulein Schulin streckte dieHand nach ihr aus — es war noch Platz.

„Es ist eine Schande um das Pferd,“ sagte Heggen kurz. So begann siedenn zu gehen, neben ihm, als letzte in der Schar derer, die in derDroschke nicht Platz gehabt hatten. Der Wagen rollte langsam vorauf.

„Du willst doch nicht behaupten, daß du länger mit diesen Menschenzusammen sein magst, ganz bis zur Via Paneperna hinaustrotten nurdeswegen?“ sagte Heggen.

„Oh, wir werden schon unterwegs eine leere Droschke finden—“

„Daß du dazu Lust hast — betrunken wie die Lumpen sind sie auch —alle miteinander,“ wiederholte er.

Jenny lachte müde.

„Das bin ich sicher auch.“

Heggen antwortete nicht. Sie waren bis zur Piazza di Spagna gekommen.Da stand sie still:

„Du willst also nicht mitgehen, Gunnar?“

„Wenn du es durchaus noch weiter mitmachen willst, dann ja — sonstnicht.“

„Du brauchst doch um meinetwillen nicht — du kannst dir doch denken,daß ich schon nach Hause finden werde.“

„Gehst du mit, so gehe ich auch mit. Ich erlaube dir nämlich nicht,dich allein mit diesen betrunkenen Menschen herumzutreiben.“

Sie lachte, das gleiche matte und gleichgültige Lachen.

„Zum Teufel, dann bist du morgen so müde, daß du mir auch nicht sitzenkannst.“

[S. 295]

„Oh, ich werde das schon fertigbringen.“

„Das glaube ich nicht. Ich kann jedenfalls nicht ordentlich arbeiten,wenn wir so die ganze Nacht durchbummeln.“

Jenny zuckte mit den Schultern. Aber sie schlug die Richtung nachBabuino ein, den anderen entgegengesetzt.

Zwei Polizisten in ihren Umhängen gingen an ihnen vorüber. Sonst warnicht die Spur von Leben auf dem öden Platz. Der Springbrunnen rieseltevor der Spanischen Treppe, die inmitten der immergrünen, schwarzen undsilberblinkenden Büsche der Anlagen vom Mondenschein weiß übergossendalag.

Jenny sagte plötzlich hart und spöttelnd:

„Ich weiß, es ist gut gemeint, Gunnar. Es ist nett von dir, daß duversuchst, auf mich aufzupassen. Aber es hat keinen Zweck.“

Er schwieg.

„Nein, wenn du selbst nicht willst,“ sagte er kurz nach einer Weile.

„Willst,“ äffte sie ihm nach.

„Ja, ich sagte ‚willst‘.“

Jenny atmete kurz und heftig, als wollte sie etwas antworten, hieltaber an sich. Ekel stieg in ihr auf — halbbetrunken war sie, daswußte sie selbst sehr wohl. Es fehlte ja noch, daß sie hier aufschrie,jammerte und heulte, berauscht, wie sie war, Gunnar gegenüber. Sie bißdie Zähne zusammen.

So kamen sie zu ihrer Haustür. Heggen schloß auf, entzündete einWachshölzchen und begann, die endlos dunkle Treppe hinaufzuleuchten.

Ihre beiden Zimmerchen lagen für sich auf einem halben Stockwerk obenam Ende der Treppe. An den Türen vorüber lief ein kleiner Gang, der ineiner Marmortreppe zum flachen Dach des Hauses endigte.

In ihrer Tür reichte sie ihm die Hand:

„Gute Nacht, Gunnar — hab Dank,“ sagte sie leise.

„Ich danke dir. Schlaf gut—“

„Gleichfalls.“

[S. 296]

Drinnen in seinem Zimmer öffnete er das Fenster. Gerade gegenüberglänzte der Mondschein auf einer ockergelben Hauswand mit geschlossenenFensterläden und schwarzen eisernen Balkons. Der Pincio erhob dahinterseinen Gipfel mit den scharfabstechenden dunklen Laubmassen gegen denmondlichtblauen Himmel. Darunter lagen alte, moosbewachsene Dächer; wodes Hauses kohlschwarzer Schatten endete, hing leichenfahle Wäsche zumTrocknen auf einer niedrigen Terrasse. Gunnar beugte sich weit überdas Fenstersims, traurig und angewidert. Tod und Teufel, war er dennengherzig oder — aber Jenny in diesem Zustande zu sehen—!

Aber gerade er hatte sie zuerst in dieses Getriebe hineingezogen. Umsie aufzumuntern. Sie verkümmerte ja in den ersten Monaten wie einkranker Vogel. Er hatte geglaubt, es würde für sie Beide eine boshafteUnterhaltung sein, die anderen zu beobachten — diese Affen. Er hatteja nicht geahnt, daß es eine derartige Wirkung haben könnte.

Er hörte sie aus ihrem Zimmer und hinauf zum Dache gehen. Heggenzauderte einen Augenblick. Dann folgte er ihr.

Sie saß in dem einzigen Stuhl dort oben, hinter der kleinenWellblechlaube. Die Tauben gurrten schläfrig in ihrem Schlage, der aufdem Laubendach angebracht war.

„Bist du noch nicht zu Bett gegangen?“ sagte er leise. „Du wirst dicherkälten.“ Er holte ihren Schal aus der Laube und reichte ihn ihr, dannsetzte er sich auf den Mauerrand zwischen die Blumentöpfe.

Eine Weile starrten sie so schweigend über die Stadt, derenKirchenkuppeln im Mondenlicht schwammen. Die Linien der fernenHöhenzüge waren vermischt.

Jenny rauchte. Auch Gunnar zündete sich eine Zigarette an.

„Ich merke übrigens, ich vertrage fast nichts mehr — beim Trinkenmeine ich. Es wirkt sofort,“ sagte sie gleichsam entschuldigend.

[S. 297]

Er sah, daß sie jetzt völlig nüchtern war.

„Ich finde, du solltest es jetzt eine Weile lassen, Jenny. Auch dasRauchen, solltest jedenfalls nur ganz wenig rauchen. Du hast ja überdein Herz geklagt.“

Sie antwortete nicht.

„Im Grunde bist du ja über diese Menschen der gleichen Meinung wieich. Ich begreife nicht, daß du dich dazu herablassen magst, mit ihnenzusammen zu sein — in dieser Art und Weise.“

„Mitunter,“ sagte sie leise, „braucht man — Betäubung, gerade herausgesagt. Und was das Sichherablassen betrifft —.“ Er blickte ihr indas weiße Antlitz. Das unbedeckte blonde Haar flimmerte im Mondlicht.„Mitunter finde ich: nicht. Obgleich — jetzt in diesem Augenblick zumBeispiel, schäme ich mich. Jetzt bin ich also ungewöhnlich nüchtern,siehst du.“ Sie lachte ein wenig. „Manchmal ist das nicht der Fall,selbst wenn ich nichts getrunken habe. Dann überkommt mich dasVerlangen, mit dieser Sorte zusammen zu sein.“

„Es ist gefährlich, Jenny,“ flüsterte er. Und nach einer Weile: „Ichkann mir nicht helfen, aber ich fand das heute Abend widerlich. Ichhabe manches gesehen — wie es zugeht. Ich möchte dich doch nicht gernsinken sehen, so enden sehen wie etwa Loulou—.“

„Du kannst durchaus ruhig sein, Gunnar. So ende ich nicht. Im Grundebin ich zu so etwas gar nicht fähig. Ich werde schon vorher einen Punktmachen—.“

Er blickte still auf sie.

„Ich weiß, was du meinst,“ sagte er schließlich leise. „Aber Jenny,andere haben ebenso gedacht. Und wenn man dann eine Zeitlang den Stromabwärts geschwommen ist — so tut man es nicht mehr — das, was dueinen Punkt machen nennst.“

Er glitt von der Mauerkante herab, ging auf sie zu und ergriff ihreHand:

„Du Jenny, hör damit auf — ja?“

Sie erhob sich und lachte kurz.

[S. 298]

„Vorläufig wenigstens. Ich bin sicher für eine lange Zeit von meinerBummelsucht geheilt, glaube ich.“

Sie standen einen Augenblick still. Dann schüttelte sie seine Hand:

„Gute Nacht, mein Junge. — Und morgen sitze ich dir,“ sagte sie aufder Treppe.

„Ja, danke.“

Heggen verweilte noch etwas, nachdenklich, während er ein wenigfröstelte. Dann ging er in sein Zimmer hinunter.

IX.

Sie saß ihm am nächsten Tage nach dem Frühstück, bis es zu dämmernbegann. Ruhte sie sich aus, so wechselten sie einige gleichgültigeWorte, während er fortfuhr, am Hintergrund zu arbeiten oder die Pinselwusch.

„So!“ Er legte die Palette fort und ordnete den Malkasten. „Für heutebist du erlöst!“

Sie ging zu ihm, und sie betrachteten das Bild.

„Das Schwarz ist sehr fein — findest du nicht, Jenny?“

„Doch. Ich finde, es läßt sich gut an.“

„Ja,“ er blickte auf die Uhr. „Es ist eigentlich Essenszeit — gehenwir zusammen?“

„Ja, gern. Ich will nur mein Kostüm anziehen, wartest du so lange?“

Kurz darauf, als er an ihrer Tür pochte, stand sie fertig da, den Hutvor dem Spiegel aufsetzend.

Wie schön sie ist, dachte er, als sie sich ihm zuwandte. Schlank undhell in dem festanliegenden stahlgrauen Kleide, wirkte sie so damenhaftfein und zugeknöpft, kühl und stilvoll. Und er wollte nicht glauben,was er selbst gedacht hatte—.

„Hattest du nicht übrigens mit Fräulein Schulin verabredet, sie heuteNachmittag zu besuchen, um dir ihre Sachen anzusehen?“

[S. 299]

„Ja, ich gehe aber nicht hin.“ Sie wurde sehr rot. „Ehrlich gesagt,habe ich keine Lust, diese Bekanntschaft zu pflegen — an ihren Sachenist wohl auch nicht viel zu sehen?“

„Nein, das weiß der Herrgott! Ich begreife nur nicht, wie du ihreAnnäherungen gestern Abend zulassen konntest. Pfui, ich würde liebereinen Teller mit lebenden Mehlwürmern essen.“

Jenny lachte. Dann sagte sie ernst:

„Die Aermste, im Grunde ist sie wohl unglücklich.“

„Pah — unglücklich! Ich begegnete ihr in Paris vor einigen Jahren.Das Schlimmste ist ja, daß sie von Natur sicher gar nicht perversist. Nur dumm und eitel. Nun war das interessant. Wäre esmodern gewesen, tugendhaft zu sein, so hätte sie auf einer Emporegesessen und Kinderstrümpfe gestopft, vielleicht sich hin und wiederdamit beschäftigt, Rosen zu malen mit Tauperlen darauf. Sie wäre dietugendsamste aller Johanne Luisen im Danneweg gewesen — und obendreinfröhlich. Aber als sie den ‚Etatsrätlichen‘ entronnen war, von denensie stammte, da wollte sie den übrigen nicht nachgeben, befreit undMalerin, und meinte, sie müsse sich jetzt einen Liebhaber anschaffenum ihrer Selbstachtung willen. Unglücklicherweise erwischt sie danneinen Tolpatsch, der sie in andere Umstände bringt. Er ist altmodischund will, daß sie sich — völlig unmodern — heiraten und verlangt, siesolle das Kind warten und die Wirtschaft führen.“

„Du kannst ja gar nicht wissen — es kann ja zum Teil auch PaulsensSchuld gewesen sein, daß sie ihm davonlief.“

„Ja, natürlich war es seine Schuld. Er war altmodisch, wie gesagt, undfand Geschmack am häuslichen Glück, er bot ihr wohl zu wenig an Liebeund keine Prügel.“

„Ja ja, Gunnar. Du willst nun absolut haben, daß das Leben so verfluchtleicht zu übersehen sein soll.“

[S. 300]

Heggen setzte sich rittlings über einen Stuhl und schlang die Arme umdie Lehne.

„Das wenige Gewisse im Leben, an das wir uns halten können, istwahrlich leicht genug zu übersehen. Man muß seine Rechnung und seineAnsichten danach in Ordnung bringen. Mit all dem Ungewissen aufräumen,so gut man kann, sobald es auf dem Tapet erscheint.“

Jenny setzte sich aufs Sofa und stützte den Kopf in die Hand:

„Ich habe nicht mehr das Gefühl, daß es irgend etwas im Leben gibt,worüber ich die genügende Uebersicht habe, so daß ich es als Grundlagefür meine Anschauungen gebrauchen oder meine Rechnung danach machenkönnte,“ sagte sie ruhig.

„Das ist nicht dein Ernst.“

Sie lächelte nur.

„War es nicht immer,“ sagte Gunnar.

„Es gibt wohl niemanden, der immer dasselbe meint.“

„Doch, immer, wenn man nüchtern ist. Wie du heute Nacht sagtest, manist nicht immer nüchtern, auch wenn man nichts getrunken hat.“

„Jetzt — wenn ich mich hin und wieder nüchtern fühle —“ Sie brach abund schwieg.

„Du weißt, was auch ich weiß. Du hast es immer gewußt. Im großen undganzen leitet der Mensch sein Geschick selbst. Man ist seines eigenenSchicksals Herr — in der Regel. Hin und wieder ist man es nicht. —doch dann tragen Umstände die Schuld, über die man nicht gebietet. Aberes ist eine gewaltige Uebertreibung, zu behaupten, daß es oft der Fallsei.“

„Gott mag wissen, mir ist es nicht ergangen, wie ich gewollt, Gunnar.Ich habe viele Jahre hindurch den Willen gehabt und nach meinem Willengelebt.“

Sie schwiegen beide eine Weile still.

„Eines Tages,“ sagte sie langsam, „änderte ich einen Augenblick denKurs. Ich fand es so kalt und hart, dieses Leben zu leben, das, wieich glaubte, das würdigste sei. So einsam, weißt du. So bog ich denneinen Augenblick[S. 301] zur Seite, wollte jung sein und ein wenig spielen.Und dadurch geriet ich in eine Strömung hinaus, die mich trieb — ichendete in Dingen, mit denen in Berührung zu kommen, ich niemals eineSekunde für möglich gehalten hatte.“

Heggen schwieg.

„Es gibt einen Vers,“ sagte er dann leise. „Rosetti — er ist nämlichein weit besserer Dichter als Maler:

Was that the landmark? What, — the foolish well

Whose wave, low down, I did not stoop to drink

But sat and flung the pebbles from its brink

In sport to send its imaged skies pell-mell,

(And mine own image, had I noted well!) —

Was that my point of turning? — I had thought

The stations of my course should raise unsought,

As altarstone or ensigned citadel.

But lo! The path is missed, I must go back,

And thirst to drink when next I reach the spring

Which once I stained, which since may have grown black.

Yet thought no light be left nor bird now sing

As here I turn, I’ll thank God, hastening,

That the same goal is still on the same track.“

Jenny erwiderte nichts.

That the same goal is still on the same track,“ wiederholteGunnar.

„Glaubst du,“ fragte Jenny, „daß es so leicht ist, zu seinem Zielzurückzufinden?“

„Nein. Aber müßte man es nicht?“ sagte er beinahe kindlich.

„Was für ein Ziel hatte ich übrigens,“ sagte sie plötzlich hastig. „Ichwollte so leben, daß ich mich niemals zu schämen brauchte, weder alsMensch noch als Künstlerin. Niemals wollte ich etwas tun, von dem ichwußte, daß es nicht richtig sei. Rechtschaffen wollte ich sein, festund gut und wollte niemals eines Menschen Schmerz auf mein Gewissenladen. Und darin bestand[S. 302] dann das ganze Verbrechen, das den Anfangbildete — woraus alles andere folgte? Daß ich mich nach Liebe sehnte,ohne daß ein bestimmter Mann da war, dem diese Sehnsucht galt. Wardas so seltsam? Daß ich so gern glauben wollte, als Helge kam, daß eres war, nach dem ich mich gesehnt? Daß ich es schließlich wirklichglaubte? Das war ja der Anfang, worauf das andere folgte. Gunnar — ichhabe geglaubt, daß ich sie glücklich machen könnte — und danntat ich ihnen nur weh.“

Sie hatte sich erhoben und wanderte im Zimmer auf und nieder:

„Glaubst du, daß die Quelle, von der du sprichst — glaubst du, daßsie jemals wieder rein und klar wird bei einer, die weiß, daß sieselber sie getrübt hat? Meinst du, es würde mir jetzt leichter, zuresignieren? Ich sehnte mich nach dem, wonach sich alle Frauen sehnen.Und ich sehne mich jetzt — wieder danach. Nur mit dem Unterschied,daß ich jetzt weiß, ich habe eine Vergangenheit. Und eine Folge davonist, daß ich das einzige Glück, das ich anerkenne, nicht annehmen darf— denn es sollte frisch und gesund und rein sein — und das alles binich selbst nicht mehr. Ich muß weiter eine Sehnsucht mit mir schleppen,deren Erfüllung — oh, ich weiß es — unmöglich ist. Diese Sehnsuchtist also mein Schicksal, mein ganzes Leben ist durch sie gezeichnet.“

„Jenny,“ — Gunnar erhob sich ebenfalls — „ich behaupte dennoch, eskommt auf dich selbst an — es muß so sein. Ob es dein Willeist, daß diese Erinnerungen dich vernichten oder ob du sie als einLehrgeld betrachten willst, so grausam hart es sich auch anhört. DasZiel, das du einstmals vor dir hattest, war, glaube ich, das richtige— für dich.“

„Kannst du dir denn nicht vorstellen, daß das unmöglich ist, meinJunge. Es hat sich etwas in mich hineingeschlichen wie eine Säure, diealles zerfrißt, was einst mein Wesen war; ich fühle selber, wie ichinwendig zerfalle. — Oh. Und ich will doch nicht, ich will nicht. Undich habe ein Verlangen nach — ich weiß nicht —.[S. 303] Will alle Gedankenzum Stillstand bringen. Sterben —. Oder leben — ein wahnsinniges,abscheuliches Dasein, zugrunde gehen in einem Elend, das nochfürchterlicher ist als dies —. Laß mich so tief in den Schmutz treten,daß ich spüre, hiernach kommt das Ende. Oder —“ sie sprach leise undwild, es klang wie erstickte Schreie — „mich unter einen Eisenbahnzugschleudern — mit dem Bewußtsein der letzten Sekunden, daß jetzt —jetzt gleich — mein ganzer Körper, Nerven und Hirn und Herz, — alles— zu einem einzigen zuckenden blutigen Klumpen zermalmt ist.“

„Jenny!“ schrie er auf. Er war fahl im Gesicht geworden. Dann flüsterteer mühsam: „Ich kann dich nicht so sprechen hören.“

„Ich bin hysterisch,“ sagte sie beruhigend. Aber sie ging trotzdem zudem Winkel, wo ihre Leinwand stand und schleuderte sie fast die Wandentlang:

„Man kann doch nicht leben und bestehen, um so etwas da zu bearbeiten.Oelfarben auf die Leinwand zu kleistern — du siehst ja, etwas andereswird nicht daraus — tote Malkleckse. Du großer Gott, du hast gesehen,wie ich die ersten Monate hindurch gearbeitet habe, wie ein Sklave —ich kann überhaupt nicht mehr malen.“

Heggen betrachtete die Bilder. Es war ihm trotzdem, als fühle er wiederfesten Grund und Boden unter den Füßen.

„Du darfst ruhig deine aufrichtige Meinung über diese — Schweinereisagen,“ meinte sie herausfordernd.

„Ja, es sind nicht gerade schöne Sachen — das will ich gern zugeben.“Er stand, mit den Händen in den Hosentaschen, und betrachtete dieBilder. „Aber das ist doch etwas, was einem jeden von unsbegegnen kann — Perioden, wo wir nicht können. Was das betrifft, somüßtest du wissen, meine ich, daß es etwas Vorübergehendes ist — fürdich. Ich glaube nicht daran, daß man sein Talent einbüßen kann, undwenn man noch so unglücklich ist. Deine Arbeit hat übrigens zu langegeruht. Man muß sich doch wieder erst einarbeiten, die Herrschaft überseine Schaffensmöglichkeiten zurückgewinnen, siehst du.[S. 304] Allein dieModellstudie dort, Mädel — es ist wohl bald drei Jahre her, seit dueinen Akt zeichnetest. So etwas bleibt nicht ungestraft, das weiß ichaus Erfahrung.“

Er trat an das Regal und wühlte unter Jennys alten Skizzenbüchern:

„Denk nur daran, wie du dich in Paris hochgearbeitet hattest — ichwerde dir Einiges zeigen.“

„Nein, nein — nicht das da,“ sagte Jenny hastig und streckte die Handnach dem Buche aus.

Heggen hielt es zusammengeklappt in der Hand und sah sie erstaunt an.Sie wandte das Antlitz ab:

„O, du darfst übrigens ruhig hineinsehen. Ich versuchte nur, einesTages den Jungen zu zeichnen.“

Heggen blätterte langsam darin herum. Jenny hatte sich wieder aufs Sofagesetzt. Er betrachtete eine Weile die kleinen Bleistiftzeichnungen vondem schlafenden Kindchen. Dann legte er das Buch behutsam fort.

„Es war traurig, daß du deinen kleinen Jungen verlorst,“ sagte er leise.

„Ja. — Hätte er gelebt, so wäre ja alles andere gleichgültig gewesen,weißt du. Du sprichst vom Willen, aber eines Menschen Wille kann nichteinmal — seines Kindes Leben — festhalten, und dann —. Ich bin nichtdazu imstande, nach Höherem zu streben, Gunnar, denn ich sah, dieswar das Einzige, wozu ich etwas taugte, woraus ich mir etwas machte— meines kleinen Knaben Mutter zu sein. Ja, ihn konnte ich lieben.Vielleicht bin ich ein Egoist durch und durch, denn jedesmal, wenn ichden Versuch machte, die anderen zu lieben, so erhob sich mein eigenesIch wie eine Mauer zwischen uns. Doch der Knabe war mein. Hätte ichihn, so könnte ich arbeiten — ach, wie würde ich dann arbeiten! Ichschmiedete Pläne. Mir fiel es wieder ein im vergangenen Herbst, alsich hierher reiste, — ich wollte ja den Sommer mit ihm in Bayernverbringen. Ich fürchtete, die Seeluft würde zu scharf für ihn sein. Ersollte im Wagen liegen und unter den Apfelbäumen schlummern, währendich arbeitete. Siehst du, ich könnte an keinen Ort der Welt kommen,wo ich[S. 305] nicht im Traum schon mit dem Kind gewesen wäre. Es gibt aufder Welt nichts Gutes und Schönes, von dem ich nicht gedacht, daß eres lernen oder sehen sollte. Ich besitze nichts, was nicht auch ihmgehörte, das rote Plaid brauchte ich, um ihn darin einzuhüllen. Dasschwarze Kleid, in dem du mich malst, wurde in Warnemünde für michgenäht, nachdem ich genesen war, ich wählte diese Form, damit es bequemwäre, ihn zurecht zu legen. Im Futter sind noch Milchflecken.

Ich kann nicht arbeiten, weil ich ganz von ihm beherrscht bin. Ichsehne mich so heftig nach ihm, daß es mich fast lähmt. Des Nachts rolleich mein Kopfkissen zusammen, nehme es in den Arm und wimmere nachBübchen. Ich rufe ihn und rede mit ihm, wenn ich allein bin. Ich hatteihn malen wollen, so daß ich Bilder von ihm aus jedem Alter gehabthätte. Jetzt wäre er bald ein Jahr alt gewesen, denk nur — hätteZähnchen bekommen und würde kriechen können, hätte sich aufgerichtetund wäre vielleicht ein bißchen gelaufen. Jeden Monat, jeden Tag denkeich, heute wäre er so und so alt gewesen — wer weiß, wie er wohlausgesehen hätte. — Alle Frauen, die mit einem bambino auf demArme herumlaufen — alle Jungen, die ich auf der Straße sehe, erinnernmich daran, wie wohl meiner ausgesehen hätte, wenn er größer gewordenwäre—.“

Sie schwieg wieder. Heggen saß ganz still vornübergebeugt.

„Ich glaubte nicht, daß es so sei, Jenny,“ sagte er leise und heiser.„Ich sah wohl, daß es schmerzlich war, aber ich dachte, andererseits —wäre es besser so. Hätte ich gewußt, wie es sich wirklich verhielt, sowäre ich zu dir gekommen—.“

Sie antwortete nicht und fuhr fort in ihren Gedanken:

„Und dann starb er — so winzig, winzig klein. Es ist ja nur Egoismusvon mir, daß ich es ihm nicht gönne — gestorben zu sein, ehe eranfing, das allergeringste zu verstehen. Er konnte nur nach dem Lichteblinzeln oder schreien, wenn er zurechtgemacht werden sollte oder[S. 306]hungrig war. Er suchte nach meiner Wange in dem Glauben, es sei dieBrust. Er kannte mich auch noch nicht, jedenfalls noch nicht richtig.Ein ganz schwacher Schimmer von Bewußtsein war vielleicht in seinemkleinen Köpfchen erwacht, aber stell dir vor, er hat nie gewußt, daßich seine Mutter war —. Einen Namen hat er auch nicht gehabt, derArme, nur Mutters Bübchen war er. Keinerlei Erinnerung habe ich an ihn,außer dieser rein körperlichen.“ Sie erhob die Hände, als drückte siedas Kind an sich. Dann fielen sie tot und leer auf den Tisch zurück.

„Das erste Mal, als ich sein Gesichtchen an meine Wange legte, warseine Haut so weich, ein wenig feucht, wie etwas Eingeschlossenes,die Luft hatte sie ja noch kaum berührt, weißt du. Ich glaube, manwürde angewidert sein, einem neugeborenen Kinde zu nahe zu kommen,wenn es nicht das eigene Fleisch und Blut ist. Seine Augen, siehatten noch keine richtige Farbe, waren dunkel, ich glaube übrigens,sie wären graublau geworden. Sie sind so seltsam, die Augen solcherkleinen Kinder — mystisch, hätte ich beinahe gesagt. Und sein kleinesKöpfchen — wenn er bei mir lag und die Brust bekam, wenn er dann seineNasenspitze flach drückte und es oben in der kleinen Fontanelle pochte,das dünne, flaumige Haar — er hatte soviel Haar, als er geboren wurde— dunkles —. Ich fand ihn so entzückend. Ach, sein ganzer kleinerKörper. Ich denke ja an nichts anderes. Ich kann ihn in meinen Händenspüren. Die Lenden waren so rund — er war am dicksten in der Mitte,weißt du —. Und sein Hinterteilchen war so komisch zusammengeklemmt,ein wenig spitz — ich fand natürlich auch das wunderhübsch. O Gott,wie süß war er, mein kleiner Junge —. Und dann starb er. — Ich hattemich gefreut auf alles, was kommen sollte, so daß ich nachher meinte,ich hätte dem, was war, nicht genügend Beachtung geschenkt, der Zeit,als ich ihn hatte; ich hätte ihn nicht genügend geküßt oder betrachtet,obwohl ich in all den Wochen nichts anderes tat. — Und zurück bliebdann nur die Lücke — du kannst dir nicht denken, wie das war. Mirschien, als arbeite mein ganzer Körper[S. 307] in der Sehnsucht nach ihm. Ichbekam eine Entzündung in der Brust, der Schmerz und das Fieber warennur die Sehnsucht, die hinauswollte. Ich vermißte ihn in den Armen,zwischen den Händen und an der Wange —. Manchmal, in den letztenWochen, schloß er die Hand um meinen Finger, wenn ich ihn hinstreckte.Einmal hatte er ganz von selbst einige von meinen Haaren erwischt, diesich gelöst hatten —. Die süßen, süßen kleinen Hände.“

Sie legte sich über den Tisch, schluchzte leise und heftig, daß siebebte.

Gunnar war aufgestanden, zögerte, im Zweifel mit sich, ein Weinen inder Kehle. Dann lief er plötzlich zu ihr hin, hastig und verlegen küßteer sie heftig auf den Scheitel.

Sie blieb eine Zeitlang liegen und weinte. Aber schließlich richtetesie sich auf, ging zum Waschtisch und badete ihr Gesicht im Wasser:

„O Gott, wie sehne ich mich nach ihm,“ sagte sie unvermittelt, mitverweinter Stimme.

„Jenny —.“ Er wußte nichts anderes zu sagen: „Jenny. — Ich wußte janicht, daß es dir so ergangen war —“.

Sie kam zurück und legte einen Augenblick ihre Hände auf seineSchultern:

„Ja, ja, Gunnar. Du sollst nicht so viel an das denken, was ichvorher sagte. Mitunter weiß ich nicht, wohin mit mir selbst. Aber dukannst dir denken, wenn auch nur um des Jungen willen: mich geradezuAusschweifungen hinzugeben, das bringe ich wohl doch nicht fertig.Eigentlich will ich natürlich selber versuchen, das Bestmöglichste ausdem Leben zu machen — weißt du. Versuchen, wieder zu arbeiten, wenn esauch im Anfang nicht so leicht wird. Man hat ja immer den einen Trost,daß man nicht länger lebt, als man selber will—.“

Sie setzte sich wieder den Hut auf und suchte nach einem Schleier:

„Gehen wir also zum Essen, du mußt ja hungrig geworden sein, so spätwie es ist—.“

[S. 308]

Gunnar Heggen wurde blutrot über sein ganzes junges Gesicht. Bei ihrenWorten merkte er plötzlich, daß er einen Bärenhunger hatte, aber erschämte sich, jetzt etwas derartiges zu empfinden. Er trocknete dieTränen von seinen nassen, heißen Wangen und nahm seinen Hut vom Tisch.

X.

Ohne es verabredet zu haben, gingen sie an dem Restaurant vorüber, wosie sonst zu essen pflegten und immer viele Skandinavier trafen. Sieschritten immer weiter durch die Dämmerung, nach der Tiber und über dieBrücke bis in die alten Borgo-Viertel. In einem Winkel am Petersplatzlag ein kleines Restaurant, wo sie mitunter gegessen hatten, wenn sievom Vatikan kamen. Hier traten sie ein.

Sie aßen, ohne mit einander zu sprechen. Jenny zündete sich eineZigarette an, als sie fertig war, nippte an ihrem Rotwein und rieb dieduftenden Mandarinenschalen zwischen ihren Fingern.

Heggen rauchte ebenfalls und starrte vor sich hin. Sie befanden sichfast allein im Lokal.

„Hast du Lust, den Brief zu lesen, den ich kürzlich von Cesca bekam?“fragte Jenny plötzlich.

„Danke. Ich sah es, daß ein Brief für dich gekommen war. Ist er ausStockholm?“

„Ja. Sie sind jetzt dort, werden auch den Winter über da wohnenbleiben.“

Jenny holte den Brief aus ihrer Handtasche hervor und reichte ihnGunnar.

Cescas Brief lautete:

„Meine liebe, süße Jenny!

Du darfst mir nicht böse sein, daß ich Dir noch nicht für Deinenletzten Brief gedankt habe. Ich hatte jeden Tag die Absicht, es zutun, aber es wurde nichts[S. 309] daraus. Ich freue mich so sehr, daß Duwieder in Rom bist und daß Du malst, besonders auch, daß Du mitGunnar zusammen bist.

Wir sind jetzt also nach Stockholm zurückgekehrt und wohnen wieder inder alten Wohnung. Es war unmöglich, in unserem Dörfchen zu bleiben,als es wirklich kalt wurde, denn dort zog es schrecklich und wirkonnten es nur in der Küche ordentlich warm bekommen. Wenn wir es unsdoch leisten könnten, das kleine Häuschen zu kaufen, aber es wirdzu teuer, denn wir müßten zuviel daran ausbessern, die Scheune alsAtelier für Lennart umbauen und überall Oefen setzen lassen. Aber wirhaben es für den nächsten Sommer wieder gemietet, und darüber freueich mich, denn es ist mir der liebste Platz auf der Welt. Du kannstDir etwas so Schönes wie die Westküste nicht vorstellen. Sie ist soeigentümlich, öde und verwittert mit den grauen Hügeln und dem vomSturm zerzausten Gestrüpp in den Felsspalten, mit den Geißblattrankenund den armseligen kleinen Häusern, dem Meer und dem wunderbarenHimmel. Die Bilder, die ich davon gemalt habe, seien gut, sagt man,und Lennart und ich leben dort so herrlich miteinander. Jetzt sindwir für immer Freunde, und wenn er findet, daß ich merkwürdig bin,so küßt er mich nur und sagt, ich sei eine kleine Seejungfrau, undirgend sowas Nettes, und mit der Zeit schlage ich auch völlig Wurzelbei ihm.

Aber jetzt sind wir wieder in der Stadt. Aus der Pariser Reisewird diesmal nichts, und das ist auch gleich. Ich finde es beinaheherzlos, Dir darüber etwas zu schreiben, Jenny, denn Du bist viel,viel besser als ich, und es war so bitter und fürchterlich, daß DuDeinen kleinen Jungen hergeben mußtest und ich finde, ich habe esnicht verdient, das Glück, meinen heißen Wunsch erfüllt zu sehen,aber ich erwarte also ein kleines Baby. Es dauert nur noch fünfMonate. Ich wollte es zuerst selbst nicht glauben, aber jetzt ist[S. 310]es ganz sicher. Ich versuchte, es so lange wie möglich Lennart zuverheimlichen, ich schämte mich furchtbar der beiden Male wegen, dieich ihn damit an der Nase herumgeführt, und hatte Angst, daß ichmich täuschen könnte, so daß ich es erst ableugnete, als er es zuahnen begann. Aber schließlich mußte ich mich ja zu einem Bekenntnisbequemen, ich begreife es aber eigentlich noch nicht, daß ichwirklich einen kleinen Buben bekomme. Lennart sagt übrigens, er willam liebsten noch eine kleine Cesca haben, aber das tut er bloß, ummich im voraus zu trösten, wenn es so würde, denn ich bin überzeugt,eigentlich will er am liebsten einen Sohn haben. Aber Du weißt, wirdes ein Mädchen, so freuen wir uns ebenso sehr darüber, und außerdem,haben wir erst eins, so können wir ja immer mehr bekommen.

Jetzt bin ich so froh, daß es mir eigentlich gleichgültig ist, wo wirsind; jedenfalls sehne ich mich nicht nach Paris; denke Dir,Frau Lundquist fragte, ob ich nicht ärgerlich sei, daß dieser Jungeuns nun die ganze Pariser Fahrt über den Haufen würfe; kannst Du soein Menschenkind begreifen, und dabei hat sie die zwei entzückendstenKnaben von der Welt. Aber sie verwahrlosen vollständig, wenn sienicht bei uns sind, und Lennart sagt, sie würde sie uns gernschenken, und könnte ich es mir leisten, so nähme ich sie auch. Dannhätte der Kleine gleich zwei große liebe Brüder zum Spielen, wenn erkommt; es wird einen Spaß geben, wenn wir ihnen den kleinen Vetterzeigen — sie sagen Tante zu mir, eine drollige Sitte, finde ich.

Aber nun muß ich schließen. Weißt Du, worüber ich auch froh bin —unter diesen Umständen kann Lennart doch unmöglich eifersüchtigwerden, nicht wahr? Uebrigens glaube ich, das hat aufgehört, dennjetzt weiß er sehr gut, daß ich eigentlich nur ihn wirklich liebgehabt habe.

Findest Du das häßlich von mir, daß ich Dir soviel von all diesemschreibe, und daß ich so glücklich[S. 311] bin? Aber ich weiß ja doch, daßDu es mir so herzlich gönnst.

Grüß alle Bekannten, die Du dort unten triffst, und Gunnar zuallererst viele Male. Du darfst ihm dies hier ruhig erzählen, wenn Dumagst. Und nun leb wohl. Zum Sommer besuchst Du uns!

Tausend liebe Grüße von Deiner treuen kleinen Freundin

Cesca.

PS. Jetzt fällt mir plötzlich ein: Wird es ein Mädchen, sosoll es meiner Treu Jenny heißen, was auch Lennart sagen mag. Ichsollte übrigens von ihm grüßen.“

Gunnar reichte Jenny den Brief zurück, die ihn wieder wegsteckte.

„Ich bin froh,“ sagte sie leise. „Ich freue mich über jedenMenschen, den ich glücklich weiß. Diese Freude ist mir geblieben ausalter Zeit — wenn es auch das Einzige ist.“

Sie gingen nicht nach der Stadt zurück, sondern schlenderten über denPetersplatz, der Kirche zu.

Im Mondschein fielen die Schatten kohlschwarz über den Platz.Gleißendes Licht und nächtliche Finsternis lösten sich gespenstisch indem einen der gewölbten Säulengänge ab. Der andere lag ganz im Dunkeln;nur die Konturen der Statuenreihe auf dem Dache waren von flimmerndemLicht umspielt. Auch die Fassade der Kirche lag im Schatten, währenddie Kuppel hoch oben hier und da wie silbriges Wasser schimmerte.

Die beiden Fontänen jagten ihre weißen Strahlen funkelnd und schäumendzum mondblauen Himmel auf. Wirbelnd schoß das Wasser in die Höhe,plätscherte gegen die Porphyrschalen, um in die Becken zurückzurieselnund abzutropfen.

Gunnar und Jenny gingen langsam zur Kirche hinüber, im Schatten desSäulenganges.

„Jenny“, sagte er plötzlich. Seine Stimme klang ganz ruhig undalltäglich. „Willst du mich heiraten?“

[S. 312]

„Nein,“ sagte sie ebenso ruhig und lachte ein wenig.

„Es ist mein Ernst.“

„Ja, aber du wirst wohl begreifen, daß ich das nicht will.“

„Warum eigentlich nicht?“ Sie gingen weiter, der Kirche zu. „Wie ichverstanden habe, bist du augenblicklich selbst der Ansicht, dein Lebensei nicht lebenswert. Mitunter hast du die Absicht, dich ums Lebenzu bringen, wie ich gemerkt habe. Wenn du dich aber in einem solchenAufruhr befindest, weshalb kannst du dich denn nicht ebenso gut mit mirverheiraten? Du kannst es doch auf jeden Fall versuchen, meine ich!“

Jenny schüttelte den Kopf:

„Ich danke dir, Gunnar, aber das heißt, finde ich, die Freundschaftunerlaubt weit treiben.“ Sie wurde mit einem Male ernst: „Erstens mußtdu dir doch sagen, daß ich das nicht annehme. Zweitens: würdest du michdazu bringen, dich als Rettungsplanke anzusehen, so wäre ich nichtwert, daß du dich bemühtest, mir nur den kleinen Finger zu reichen.“

„Es ist nicht Freundschaft, Jenny.“ Er zögerte einen Augenblick.„Sondern ich habe — dich lieb gewonnen. Ich sage es nicht, um dirzu helfen — natürlich will ich dir auch gern helfen. Aber mir istplötzlich klar geworden — wenn es mit dir ein böses Ende nähme — ichweiß nicht, was ich dann täte. Ich bin nicht fähig, daran zu denken.Nichts auf der Welt würde ich scheuen, um dir zu helfen — weil ich dirso gut bin, verstehst du?“

„O nicht doch, Gunnar.“ Sie stand still und blickte erschrocken zu ihmauf.

„Ja, natürlich weiß ich, daß du mich nicht liebst. Aber deshalbkönntest du dich doch gut mit mir verheiraten, dies ebenso gut wieirgend etwas anderes tun, wenn du doch des Ganzen müde bist und meinst,du hättest dich selber aufgegeben.“ Seine Stimme klang heiß und bewegt,als er ausrief: „Du mußt mich ja eines Tages liebgewinnen, ich weiß esso sicher — weil ich dich so lieb habe!“

[S. 313]

„Du weißt, daß ich dich gern mag,“ sagte sie ernst. „Aber das ist keinGefühl, mit dem du dich auf die Dauer begnügen könntest. Zu einemganzen und starken Gefühl bin ich aber nicht fähig.“

„Natürlich bist du das. Alle Menschen sind es. Ich war doch soüberzeugt, daß ich nie etwas anderes als diese — Geschichtchen erlebenwürde. Ich glaubte eigentlich nicht daran, daß es etwas anderes gäbe—.“ Er senkte die Stimme. „Du bist ja die erste, die ich liebe.“

Sie stand stumm und still.

„Dies Wort, Jenny, habe ich noch niemals ausgesprochen. Ich hatte eineArt von Scheu, Ehrfurcht davor. Ich habe bisher nie eine Frau geliebt.Etwas anderes war dieses dauernde Verliebtsein — in dies oder jenesan ihnen. Cescas Grübchen, wenn sie lachte — das unbewußt Raffiniertean ihr. Dies oder jenes, das meine Phantasie in Bewegung setzte, dasmich anregte, Märchen über sie zu dichten, Abenteuer, die ich erlebenwürde. Einmal war ich in eine Frau verliebt, weil sie das erste Mal,als ich sie sah, ein so wundervolles tiefrotes seidenes Kleid trug,ganz schwarz in den Falten wie die dunkelsten Rosen, ich stellte siemir immer in diesem Kleide vor. Und du damals in Viterbo. Du warst sofein und still, so zurückhaltend, gleichsam als trügst du Handschuhebis hinauf zu den Ellenbogen, sowohl innen wie außen, und du hattesteinen Schimmer in den Augen, wenn wir anderen lachten, als wolltest dugern mit uns spielen, du konntest aber nicht und wagtest nicht. Da warich verliebt in den Gedanken, dich ausgelassen und lachend zu sehen. —Aber nie zuvor habe ich ein zweites, lebendes Wesen geliebt.“

Er wandte einen Augenblick die Augen von ihr und starrte zur Säule desSpringbrunnens hinauf, die im Mondlicht funkelte. So spürte er dasneue Gefühl in sich aufsteigen und funkeln, sein Sinn war voller neuerWorte, die in Ekstase über seine Lippen sprangen:

„Verstehst du mich, Jenny — ich liebe dich so, daß ich finde, allesandere ist gleichgültig. Ich trauere nicht[S. 314] darüber, daß du mich nichtliebst, denn ich weiß, daß es eines Tages der Fall sein wird; ich fühleja, daß meine Liebe dich dahin bringen wird. Ich habe Zeit zu warten,denn es ist wunderbar, dich so zu lieben. Als du davon sprachst, dichniedertrampeln zu lassen, dich unter eine Lokomotive zu werfen, dageschah etwas mit mir. Ich wußte nicht, was es war, ich wußte nur, ichkonnte es nicht mit anhören, ich wußte, ich durfte es nicht geschehenlassen. Es war, als gelte es mein Leben. Du sprachst vom Kinde — esschmerzte mich so wahnsinnig, daß du so gelitten hattest, und ichkonnte dir nicht helfen, ja, ich wußte es noch nicht, aber der Wunschwar auch schon in mir wach, daß du mir gut sein mögest.

Ich verstand alles, Jenny, die grenzenlose Liebe und den furchtbarenVerlust, so lieb habe ich dich. Als wir drüben in der Trattoria saßen,als wir dann hier hinübergingen, da war mir plötzlich alles klar undwie grenzenlos lieb und teuer du mir bist. — Jetzt ist mir, als seies immer so gewesen. Alle Erinnerungen an dich gehören mit zu meinerLiebe. Jetzt verstehe ich auch, warum ich so niedergedrückt war, seitdu hierher kamst. Ich sah, wie schwer dich dein Geschick drückte, wiestill und trostlos du in der ersten Zeit warst, und wie du später diesewilden Anfälle bekamst. Ich besinne mich auf den Tag in Warnemünde aufder Landstraße, als du dastandst und weintest — auch das gehört mitdazu, weswegen ich dich liebe. Die anderen Männer, die du gekannt hast,Jenny, auch der Vater des Knaben — o ich weiß, wie es gewesen ist.Du hattest mit ihnen geredet und geredet — über all deine Gedanken,und es war schließlich nur ein Gerede von Gedanken. Selbst, wenn duversuchtest, ihnen klar zu machen, wie du fühltest, sie konnten janicht verstehen, wie du warst. Aber ich weiß es. Was du an jenem Tag inWarnemünde sagtest, und auch heute, das — du weißt, daß du darüber nurmit mir sprechen kannst; das sind alles Dinge, die ich allein verstehenkann. Ist es nicht so?“

Sie senkte überrascht, zustimmend den Kopf.

[S. 315]

„Ich weiß, daß ich der einzige bin, der dich von Grund auf versteht,und ich weiß genau, wie du bist. Ach. So lieb wie ich dich habe! Wärstdu voller Flecken und blutiger Wunden in deinem Gemüt, ich möchtenur dich haben und all das fortküssen, bis du wieder rein und gesundwärest. Ich will dir ja mit meiner Liebe nur dazu verhelfen, Jenny, sozu werden, wie du’s erstrebst und erreichen mußt, um dich glücklichzu fühlen. Auf welche schlimmen Gedanken du auch kämst — ich würdeglauben, du seiest krank, etwas Fremdes habe sich in dein Wesengeschlichen. Wenn du mich auch betrögst, wenn ich dich betrunken imRinnstein fände — du bist dennoch meine eigene geliebte Jenny. Hörstdu? Kannst du nicht mein werden — nur mir gehören, dich in meine Armelegen und dich zu meinem Eigen machen lassen? Du wirst wieder gesundund glücklich werden. — Ich weiß noch nicht recht, wie ich es anfangenwerde, aber ich weiß, meine Liebe wird einen Weg finden. Du wirst jedenMorgen ein wenig froher erwachen, und jeder Tag wird etwas lichter undwärmer sein als der vorhergegangene und deine Trauer etwas wenigerschwer. Können wir nicht nach Viterbo fahren, irgend wohin? — Ach, laßmich dich mein nennen — ich will dich hegen wie ein krankes Kind. Undwenn du wieder geheilt bist, dann hast du mich liebgewonnen und weißt,wir Beide können gar nicht ohne einander leben. — Hörst du mich, Jenny— du bist krank, du kannst nicht allein auskommen. Schließ nur dieAugen und gib mir deine Hände, so nehme ich dich und liebe dich gesund— ach, ich weiß, daß ich es kann.“

Jenny wandte ihm ihr weißes Antlitz zu. Sie hatte sich an eine Säulegelehnt und lächelte weh in den Mondenschein hinaus:

„Wie sollte ich diese große Bosheit und Sünde gegen Gott begehenkönnen.“

„Meinst du, weil du mich nicht liebst? Ich sage dir ja, es machtnichts. Ich weiß, daß meine Liebe so mächtig ist, daß sie dich einesTages geweckt haben wird,[S. 316] wenn du nur eine Zeitlang von der meinenumsponnen warst.“

Er umfing sie, küßte ihr ganzes Gesicht, badete es in Küssen. Sie warwillenlos. Aber nach einer Weile flüsterte sie trotzdem:

„Tu es nicht, Gunnar — sei lieb.“

Er ließ sie zögernd fahren:

„Warum darf ich es nicht tun?“

„Weil du es bist. Wäre es ein anderer gewesen, der mir gleichgültiggewesen wäre — dann weiß ich nicht, ob ich hätte Widerstand leistenmögen.“

Gunnar nahm sie bei der Hand, während sie im Licht des Mondes auf undab gingen.

„Ich verstehe dich. Als du deinen kleinen Buben bekommen hattest,sahest du in deinem Leben wieder einen Sinn — nach all dem Sinnlosen.Denn du liebtest ihn, und er brauchte dich. Als er dann starb,wurdest du gleichgültig gegen dich selber, denn du fandest, du seiestüberflüssig.“

Jenny nickte:

„Ich kenne einige Menschen, die ich gern habe, um deretwillen es michschmerzen würde, wüßte ich, daß sie traurig sind, und um deretwillenich froh wäre, wenn es ihnen gut ginge. Aber ich vermag ihnenweder größere Trauer noch Freude zu bringen. So ist es immer gewesen.Und gerade das hat mich früher insgeheim so unglücklich und sehnsüchtiggemacht, daß ich umherlief und mein Dasein keines Menschen Glückbedeutete. Das aber wollte ich sein, Gunnar, eines anderen MenschenGlück. Ich habe nie an ein anderes Glück geglaubt. Du sprachst von derArbeit, aber ich war nie davon überzeugt, daß sie uns erschöpft — eswäre mir auch so egoistisch vorgekommen. Die tiefste Freude, die mandabei empfindet, ist ja die eigene — und die kann man mit niemandenteilen. Aber es gibt keine Freude, die zugleich Glück bedeutet, wennman sie nicht mit anderen teilen kann. Außer dem, was uns einzelneAugenblicke in unserer Jugend als Glück empfinden lassen. Das habe ichauch[S. 317] gefühlt, wenn ich meinte, ich hätte etwas erreicht in meinemStreben, besser zu werden. Aber es ist ja töricht, irgendwelcheReichtümer zu sammeln, wenn man sie nicht anwenden will. Bei einer Fraujedenfalls. Ich finde, das Leben einer Frau hat keinen Sinn, wenn sienicht irgend jemandem zur Freude dient. Mir war es nie beschieden, ichhabe nur einigen Menschen Leid gebracht, die kleine, armselige Freude,die ich gab, konnte wohl irgend eine andere auch geben, denn sieliebten mich ja nur, weil sie etwas anderes in mir sahen, als das, wasich wirklich war. — Nachdem Bübchen dann gestorben war, gelangte ichzu der Ansicht, es sei gut, daß niemand mir so nahestand, daß ich ihmernstlich Leid zufügen konnte. Es gab niemanden, dem ich unersetzlichwar. — Und nun sagst du mir dies. Dich hätte ich vielleicht amallerwenigsten in mein verwirrtes Leben hineingezogen. Eigentlichhabe ich dich immer am liebsten gehabt von allen, die ich kannte. Mirtat es wohl, daß wir Freunde waren auf diese Art. Daß Liebe und alldergleichen Gefährliches und Unruhiges sich nicht zwischen uns drängenkonnte! Ich hielt dich für zu gut dafür. Ach Herrgott, wie innigwünschte ich, es hätte sich nichts geändert.“

„Ich habe heute nicht mehr die Empfindung, als sei es jemals andersgewesen,“ sagte er leise. „Ich liebe dich. Und ich glaube, du brauchstmich. Ich bin so fest überzeugt, daß ich dich wieder zum Glückezurückführen kann. Und wenn mir nur das gelingt, so hast du michglücklich gemacht.“

Jenny schüttelte den Kopf:

„Wäre nur das Geringste zurückgeblieben von meinem Glauben an michselbst! Betrachtete ich mich nicht als so unwiederbringlich abgetan— dann vielleicht. Aber Gunnar, wenn du davon sprichst, daß du michliebst, so weiß ich, daß das, was du an mir liebst, tot und vernichtetist. Dann aber ist es ja wieder die alte Sache, du bist verliebt inetwas, was du dir an mir nur einbildest, vielleicht etwas, was ichgewesen bin oder hätte sein können.[S. 318] Aber dennoch — eines Tageswirst du mich sehen, wie ich jetzt bin und dann wirst auch du nurunglücklich.“

„Wie es auch endet — niemals werde ich es als ein Unglück betrachten,daß ich dich liebe. Ich weiß viel besser als du selbst, in demZustande, in dem du jetzt bist, bedarf es nur eines Stoßes, und dustürzest — in etwas ganz Wahnwitziges hinaus. Aber ich fühle michdir nah. Denn ich kann den ganzen Weg übersehen, der dich bis hierhergebracht hat, und wenn du stürztest, so würde ich dir folgen undversuchen, dich auf meinem Arm zurückzutragen und dich dennoch zulieben.“

Als sie nachts oben im Gang vor ihren Zimmern standen, ergriff er ihreHände:

„Jenny, soll ich nicht heute Nacht lieber bei dir bleiben, anstatt dichallein zu lassen? Glaubst du nicht, dir würde wohl sein, wenn du in denArmen eines Menschen einschliefest, dem du alles bist — und wenn dumorgen so erwachtest?“

Sie blickte auf und lächelte bedeutsam in den goldenen Schein derWachskerze:

„Vielleicht heut Nacht. Aber ich glaube nicht morgen.“

„Ach Jenny.“ Er schüttelte heftig den Kopf. „Es ist vielleicht gut, daßich heute Nacht zu dir komme. Ich finde, ich habe das Recht — ich tätedamit nichts Schlechtes. Ich weiß, es wäre das Beste für dich, wenn —du mein würdest. Wirst du böse — wirst du traurig, wenn ich komme?“

„Ich glaube, ich würde traurig werden — hinterher. Deinetwegen. — Achnein, tu es nicht, Gunnar. Ich will nicht dein werden, wenn ich weiß,daß es für mich ebenso gut ein anderer sein könnte—“

Er lachte kurz, mutwillig und schmerzlich zugleich:

„Wärest du erst mein, dann würdest du dich keinem anderen geben, so gutkenne ich dich, Jenny. Aber wenn du bittest — ich kann warten. — Aberriegele deine Tür zu,“ sagte er mit demselben Lachen.

[S. 319]

XI.

Den ganzen Tag hindurch war das Wetter trübe gewesen, mit kalten,fahlgrauen Wolken hoch oben am Himmel. Jetzt gegen Abend zeigten sicheinige dünne, messinggelbe Streifen über dem westlichen Horizont.

Jenny war am Nachmittag auf den Monte Celio gegangen, um zu zeichnen.Es war nichts daraus geworden — sie hatte nur auf der großenFreitreppe vor San Gregorio gesessen und gedankenverloren in den Haingeblickt, dessen große Bäume unter dem fahlen Himmel lenzhaft zuknospen begannen und in dem die Tausendschön hell unter dem grünenGrase leuchteten.

Sie ging jetzt durch die Allee, die unter dem Südhang des Palatinsdahinläuft, wieder zurück. Ueber die Palmen des Klosters auf demGipfel ragte die Masse der Ruinen grau und verwittert gen Himmel. DenAbhang hinab zogen sich die ewiggrünen Büsche, jetzt fast schwarz mitKalkstaub gepudert.

Vor dem Konstantinsbogen, auf dem Platz zwischen den Ruinen desColosseum, des Palatin und des Forums schlichen einige verfroreneAnsichtskartenverkäufer umher. Nur wenig Touristen waren heute draußen.Einige spindeldürre Damen feilschten in unmöglichem Italienisch miteinem wandernden Mosaikkrämer.

Ein kleiner Bursche, vielleicht drei Jahre alt, klammerte sich anJennys Mantel fest und hielt ihr einen Büschel Stiefmütterchenentgegen. Er hatte seltsam schwarze Augen, war langhaarig und inNationaltracht herausgeputzt, mit spitzem Filzhut, Sammetjacke undSandalen über den weißwollenen Socken. Als er um einen Soldo bat, hörtesie, daß er noch nicht richtig sprechen konnte.

Jenny reichte ihm die Münze, als plötzlich seine Mutter an ihre Seitefegte und das Geldstück dankend in Verwahrung nahm. Auch sie hatte denVersuch gemacht, ihrer Tracht einen leichten nationalen Anstrich zugeben, hatte ein rotes Sammetkorsett über ihre schmutzige, karierte[S. 320]Bluse geschnürt und ein Tuch im Viereck über das Haar gebreitet. ImArme trug sie ein kleines Kind.

Es sei drei Wochen alt, erfuhr Jenny, als sie fragte. Das arme Wesenwar krank.

Das Kind war nicht viel größer als Jennys Knabe nach der Geburt. SeineHaut war rot und wund und schälte sich, es atmete pfeifend, als seiendie Luftröhren voller Schleim, und die Augen blickten glanzlos unterden entzündeten halbgeschlossenen Lidern hervor.

Ja, sie ginge jeden Tag mit ihm zur Poliklinik, sagte die Mutter. Abersie meinten, es würde sterben. Es wäre auch für das arme Ding dasBeste. Die Frau sah müde und mißmutig aus, obendrein war sie häßlichund zahnlos.

Jenny fühlte ein Weinen in der Kehle aufsteigen. Armes, kleines Wesen.Ja, für das Kind wäre es das Beste, wenn es stürbe. Armer kleinerKrüppel. Sie strich liebkosend über das häßliche Gesichtchen.

Sie hatte der Frau noch etwas Geld gegeben und wollte eben gehen. Indiesem Augenblick ging ein Herr vorüber. Er grüßte, zögerte einenAugenblick, ging dann aber weiter, da Jenny den Gruß nicht erwiderte.Es war Helge Gram.

Sie hatte es gar nicht begriffen, daß sie hätte grüßen müssen. Siehockte sich vor den kleinen Burschen mit den Blumen und ergriff seineHände, zog das Kind näher zu sich heran und plauderte mit ihm, indemsie versuchte, das wahnsinnige Beben niederzuzwingen, das durch ihrenKörper raste.

Einmal wandte sie den Kopf und blickte in die Richtung, in der erweitergegangen war. Drüben auf der Treppe, die zum Platz am Colosseumführte und zur Straße hinauf, stand er und sah herüber.

Sie fuhr fort, in hockender Stellung mit der Frau und dem Kinde zusprechen. Als sie wieder aufsah, war er gegangen — aber sie wartete,noch lange, nachdem sein grauer Hut und Mantel verschwunden war.

[S. 321]

Dann rannte sie förmlich nach Hause zu, durch Hintergäßchen undSchlupfwinkel, vorsichtig um jede Ecke biegend, voller Angst, daß erihr hier begegnen könnte.

Weit drüben jenseits des Pincio hielt sie inne. Sie aß dort in einerTrattoria zu Abend, in der sie vorher nie gewesen war.

Als sie ein wenig verweilt und einige Schluck Wein getrunken hatte,wurde sie ruhiger.

Wenn sie nun Helge begegnete und er sie anredete, so war esnatürlich peinlich. Selbstverständlich würde sie es am liebstenvermeiden. Aber wenn es sich nun so traf, brauchte sie deshalb eineso sinnlose Furcht zu hegen? Sie waren ja beide fertig miteinander;für das, was geschehen war, nachdem sie auseinander gegangen waren,hatte er sie nicht zur Rechenschaft zu ziehen. Wenn er es tat, so kamihm kein Recht dafür zu. Was er auch wußte, was er auch sagen mochte,sie wußte ja selbst, was sie getan. Sich selber hatte sie Rechenschaftablegen müssen — was war alles andere dagegen!

Brauchte sie sich vor irgendeinem Menschen zu fürchten? Niemand konnteihr schlimmeres Leid zufügen, als sie selbst sich angetan.

Aber es war wieder ein böser Tag gewesen, daran lag es. Einer von denTagen, an denen sie nicht nüchtern war. Jetzt war es besser geworden.

Sie war jedoch kaum wieder auf der Straße, als die tolle, verzweifelteAngst sie wieder überfiel. Diese Angst peitschte sie, so daß sievorwärtsstürmte, ohne es zu wissen. Sie faltete ihre Hände und sprachhalblaut mit sich selbst.

Einmal riß sie die Handschuhe von den Händen, denn ihr war glühendheiß geworden. Jetzt erst fiel ihr ein, daß sie einen nassen Fleck aufdem einen bemerkt hatte, nachdem sie das kranke Kind gestreichelt.Angewidert schleuderte sie die Handschuhe von sich.

Als sie zu Hause ankam, stand sie im Gange still. Sie klopfte anGunnars Tür. Er war aber nicht daheim.[S. 322] Dann blickte sie auf das Dachhinaus, aber auch dort war niemand.

Sie ging in ihr Zimmer und zündete die Lampe an. Die Arme auf der Brustverschränkt, saß sie und starrte in die Flamme, erhob sich, wanderteruhelos im Zimmer auf und ab und setzte sich schließlich nieder.

Angespannt horchte sie auf jeden Laut im Treppenflur. Ach, wenn dochGunnar käme und nur der andere nicht! — Aber er wußte ja nicht, wosie wohnte. Er konnte aber jemanden getroffen und gefragt haben. AchGunnar, Gunnar, komm!

Dann wollte sie gleich zu ihm gehen, sich in seine Arme werfen und ihnbitten, sie hinzunehmen.

Von dem Augenblick, als sie Helge Grams goldbraunen Augen begegnetwar, hatte die ganze Vergangenheit, die unter dieser Augen Blick ihrenAnfang genommen, sich gegen sie aufgelehnt. Alles überfiel sie aufsneue, der Ekel, der Zweifel an der eigenen Fähigkeit, zu fühlen, zuwollen und zu wählen, der Zweifel, ob sie das wirklich nicht wolle,was sie abzulehnen sich einbildete. — Und sie sah sich wieder, wiesie sich damals gesehen, verlogen, verträumt, schlaff, während sie vorsich selber tat, als fordere sie ein reines, starkes und ganzes Gefühlvon sich, während sie sagte, sie wolle ehrlich, arbeitsam, mutig,opferwillig, diszipliniert sein. Dabei ließ sie Stimmungen und Triebemit sich Fangball spielen, gegen die zu kämpfen sie sich nicht dieMühe machte, obgleich sie wußte, sie müßte es tun. Sie spiegelte Liebevor, um sich einen Platz unter Menschen zu erschleichen, den sie niegewonnen hätte, solange sie ehrlich gewesen—.

Sie hatte sich umwandeln wollen, um sich zu den Menschen rechnen zukönnen, unter denen sie, wie sie immer gewußt hatte, eine Fremde war,weil aus anderem Holz geschnitzt. Aber sie war nicht imstande gewesen,allein zu bleiben, eingesperrt in ihrer eigenem Natur. Sie hatte Gewaltan ihrer Natur verübt. Widerwärtig, unnatürlich war ihr Verhältnis zuden Menschen geworden, die ihr im tiefsten Innern wesensfremd waren.Der[S. 323] Sohn und der Vater —. Und was nachfolgte — ihr eigenes inneresWesen war dadurch entstellt, jeder feste Halt, den sie in sich selbstbesessen hatte, ließ sie im Stich, zerbröckelte zu einem Nichts. Sielöste sich innerlich auf.

Kam Helge, traf sie ihn, so würden, fühlte sie, die Verzweiflungund ihr Lebensüberdruß sie überwältigen. Sie wußte nicht, was danngeschehen würde, nur soviel, daß, mußte sie ihm von Angesicht zuAngesicht gegenüberstehen, ihre Kräfte sie verlassen würden—.

Ach, Gunnar! Ob sie ihn liebte oder nicht, daran hatte sie in diesenWochen, als er um sie gebettelt hatte, wie sie war, nicht nachgedacht.Er hatte geschworen, ihr hinüberhelfen zu können, alles wieder in ihraufzurichten.

Mitunter hatte sie nur den Wunsch, er nähme sie mit Gewalt. Dannbrauchte sie sich nicht selbst zu entscheiden. Denn es war, wie ersagte; wählte sie, sein zu werden, so sagte ihr der letzte Rest vonStolz, daß sie die Verantwortung trüge. Dann mußte sie daswerden, was sie gewesen, das, wofür er sie hielt, und das, was dieZukunft aus ihr machen sollte. Ob sie dazu imstande war oder nicht, siemußte sich wieder hocharbeiten aus alledem, worin sie jetzt herumwühlte— unter einem neuen Leben mußte sie alles begraben, was geschehen war,seit sie Helge Gram den Kuß gegeben, mit dem sie ihren eigenen Glaubenund ihr ganzes Leben bis zu dem Frühlingstage in der Campagna verratenhatte.

Ob sie sich Gunnar zu eigen geben wollte —? Liebte sie ihn denn, derganz so war, wie sie hatte werden wollen? Dessen ganzes Wesen alles inihr wachrief, was sie einstmals entwickeln und pflegen wollte — jedesTalent, das sie zu fördern für wert erachtet hatte—.

Die Liebe, die sie auf wirren Pfaden gesucht, dort, wohin ihrkrankhaftes Sehnen und ihre heiße Ruhelosigkeit sie getrieben hatten— bestand sie denn nur in dem Selbstverständlichen, die Augen zuschließen und sich in die Gewalt des Mannes zu begeben, der alleinihr Vertrauen[S. 324] besaß, den alle Instinkte das Gewissen und den rechtenRichter nannten—?

Aber sie hatte es doch nicht über sich bringen können — die ganzenWochen hindurch hatte sie es nicht gekonnt. Sie wollte nur erst etwasweiter aus diesem Schlamm, in dem sie sich befand, heraus, durch eigeneKraft. Sie wollte erst fühlen, daß ihr eigener Wille aus fernen Tagenwieder die Herrschaft über ihr zerrissenes Gemüt ergriffen hatte. Wennsie dann nur wieder einen Funken Achtung und Vertrauen zu sich selbstzurückgewinnen könnte.

Durfte sie weiterleben, so war Gunnar als Mensch alles, was das Lebenfür sie bedeutete. Ach, ein paar Worte, die er auf ein Stück Papiergekritzelt hatte, ein Buch, das als Bote zu ihr kam, von irgendeinem Zug seines Wesens kündend — gerade das hatte ja das letzteaufflackernde Sehnen nach dem Leben in ihr geweckt, damals, als siesich nach des Kindes Tode wie ein zuschanden geschlagenes Tier durchsDasein schleppte—.

Kam er jetzt, so durfte er sie nehmen. Er mußte sie das erste Stück desWeges tragen. Später wollte sie versuchen, allein zu schreiten—.

Und ihre Seele, die sich zerfleischte, während sie dort wartend saß,gelangte zu diesem Ergebnis:

Kam er, so wollte sie leben. Kam der andere, mußte sie sterben.

Als sie dann Schritte auf der Treppe hörte und es nicht GunnarsSchritte waren, als es an ihre Türe pochte, senkte sie das Haupt undging bebend, um Helge Gram zu öffnen. Ihr war es nur, als öffnete siedem Schicksal, das sie selbst über sich heraufbeschworen hatte.

Sie folgte ihm mit den Blicken, während er ins Licht trat und den Hutauf einen Stuhl warf. Auch jetzt begrüßte sie ihn nicht.

„Ich wußte, du seiest in der Stadt,“ sagte er. „Ich kam vorgestern an.Aus Paris. Ich sah deine Adresse im Verein — hatte die Absicht, dicheinmal zu besuchen. Dann traf ich dich heute nachmittag auf der Straße.Ich erkannte schon von weitem dein graues Pelzwerk.“[S. 325] Er sprach schnell— fast atemlos. „Willst du mir nicht Guten Abend wünschen, Jenny —bist du böse, daß ich zu dir gekommen bin?“

„Guten Abend, Helge,“ sagte sie und nahm die Hand, die er ihrentgegenstreckte. „Bitte sehr, willst du nicht Platz nehmen?“

Sie selbst setzte sich aufs Sofa. Sie vernahm ihre eigene Stimme —ganz ruhig und alltäglich klang sie. Aber im Gehirn verspürte sie dasgleiche sonderbare, taumelnde Angstgefühl wie vordem.

„Ich wollte dich gern begrüßen,“ sagte Helge und setzte sich neben sieauf einen Stuhl.

„Das ist nett von dir,“ entgegnete Jenny.

Sie schwiegen wieder.

„Du wohnst jetzt in Bergen,“ sagte sie dann. „Ich sah, daß du deinenDoktor gemacht hast — ich gratuliere.“

„Danke.“

Wieder entstand eine Pause.

„Du hast jetzt sehr lange im Auslande gelebt —. Manchmal hatte ich dieAbsicht, dir zu schreiben, aber dazu kam es nie. Heggen wohnt, wie ichsah, im selben Haus wie du—.“

„Ja. Ich schrieb an ihn und bat ihn, etwas für mich zu mieten, einAtelier, aber die sind so teuer hier und so schwer zu bekommen. DiesZimmer hat jedoch auch ganz gutes Licht—.“

„Ich sehe, du hast eine ganze Anzahl Bilder stehen—.“

Er erhob sich plötzlich, ging durch das Zimmer, kam aber gleich daraufzurück und setzte sich wieder hin. Jenny senkte den Kopf, sie fühlte,wie er sie dauernd anstarrte.

Dann sprach er wieder — sie versuchten, sich mit einander zuunterhalten, er fragte nach Franziska Ahlin und anderen gemeinsamenBekannten. Doch das Gespräch starb schnell wieder hin, und er saß stummda und starrte sie an wie vorher.

„Weißt du, daß meine Eltern sich scheiden ließen?“ fragte er plötzlich.

Sie nickte.

[S. 326]

„Ja.“ Er lachte kurz. „Sie hielten ja unsertwegen solange miteinanderaus. Prallten aneinander und rieben sich wie zwei Mühlsteine, bis allunser Gut zwischen ihnen zu Pulver vermahlen war. Jetzt war wohl nichtsmehr übrig, was zerrieben werden konnte, so blieb die Mühle stehen —.O ja. Ich besinne mich auf die Zeit, als ich ein Knabe war. Wenn siemiteinander sprachen — sie schlugen sich ja nicht gerade. Aber inihren Stimmen lag etwas —. Mutter schalt übrigens, hatte einen großenMund und weinte schließlich. Vater war nur ruhig und still, aber einKlang war in seiner Stimme, ein Haß, so kalt und hart, daß es wie mitMessern schnitt. Ich lag drinnen im Schlafzimmer und wurde von einerArt Zwangsvorstellung geplagt, wenn ich es so nennen darf. Welch einGenuß müßte es sein, eine Stricknadel zu nehmen und quer durch den Kopfzu stechen, in das eine Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus. DieStimmen schmerzten rein physisch im Trommelfell, verursachten einenSchmerz, der sich gewissermaßen durch den ganzen Kopf fortpflanzte,weißt du —. Das war also der Anfang. Nun haben die beiden ihre Pflichtals Eltern getan. Jetzt ist es aus—.“

Er nickte ein paar Mal vor sich hin.

„Es ist so häßlich. Diesen Haß meine ich — alles wird so häßlich, wasin seine Nähe kommt. Ich besuchte vergangenen Sommer meine Schwester.Wir sympathisierten ja nie miteinander — aber —. Es war abscheulich,sie mit dem Manne zusammen zu beobachten. Manchmal küßte er sie,nahm die Pfeife aus dem dicken, feuchten Munde und küßte seine Frau.Ein Papst auf dem Predigerstuhl, und daheim praßt er —. Sofie wurdemitunter ganz weiß, wenn er sie anrührte. Dann du und ich. Ich fandes später so selbstverständlich, daß alles zerbrechen mußte, all dasfeine, weiche Lichtgrüne zwischen uns — erfrieren mußte in dieserLuft. Als ich dich damals verlassen hatte, bereute ich es. Ich wollteschreiben — aber weißt du, warum ich es nicht tat? Ja, ich erhielteinen Brief von meinem Vater, er erzählte, daß er bei dir gewesensei. Es war eine Mahnung, weißt du, daß ich[S. 327] versuchen sollte, dieVerbindung mit dir wieder aufzunehmen —. Darum schrieb ich nicht, ichhatte eine abergläubische Furcht davor, einem Rat aus jener Richtungzu folgen —. Dann habe ich mich die ganze Zeit über nach dir gesehntund von dir geträumt, Jenny. Alle Erinnerungen wieder und wiederhervorgeholt. Weißt du, welchen Ort ich hier in Rom zuerst aufsuchte —gestern? Ich war draußen auf der Montagnola. Ich fand unsere Namen inden Kaktusblättern wieder—.“

Jenny saß bleich mit geballten Händen da.

„Du siehst genau so aus wie früher. Und hast doch drei Jahre verlebt,von denen ich nichts weiß,“ sagte Helge leise. „Jetzt, wo ich wiedermit dir zusammen bin, kann ich es nicht fassen. Es ist, als sei esalles nicht wahr, was zwischen uns liegt, seit wir uns hier in Romtrennten —. Und jetzt gehörst du vielleicht einem anderen—.“

Jenny erwiderte nichts.

„Bist du — verlobt?“ fragte er leise.

„Nein.“

„Jenny!“ Helge senkte den Kopf, so daß sie sein Antlitz nicht sehenkonnte. „Weißt du — alle diese Jahre hindurch habe ich gehofft,geträumt, dich zurückzugewinnen. Ich habe mir ausgemalt, daß wir beideuns wiedersehen — und einander verstehen würden; du sagtest ja, ichsei der Erste gewesen, den du geliebt hast. Jenny — ist es unmöglich?“

„Ja,“ sagte sie.

„Heggen?“

Erst antwortete sie nicht.

„Ich bin immer eifersüchtig auf Heggen gewesen,“ sagte Helge leise.„Ich fürchtete, er war der Rechte —. Als ich sah, daß ihr zusammenwohnt — —. Nun habt ihr — euch also — lieb?“

Jenny schwieg noch immer.

„Liebst du ihn?“ fragte Helge wieder.

„Ja. Aber ich will ihn nicht heiraten.“

„Ah, auf diese Art,“ sagte er hart.

[S. 328]

„Nein.“ Sie lächelte flüchtig. Müde und erregt senkte sie das Haupt.„Ich bin nicht mehr zu irgend einem Verhältnis einem Menschen gegenüberfähig — jetzt nicht mehr. Ich bin zu nichts fähig. Ich wünschte, dugingest, Helge.“

Aber er blieb sitzen.

„Ich kann nicht fassen, daß alles wieder aus sein soll. Ich habe es niegeglaubt, und jetzt, wo ich dich wiedersehe —. Ich habe nachgedacht,immer und immer wieder, es war meine eigene Schuld. Ich bin so verzagt,wußte nie, was das Richtige war. Es hätte anders sein können. Ichdachte an den letzten Abend, als ich in Rom mit Dir zusammen war. Ichmeinte immer, dieser Augenblick müßte wiederkehren. Ich ging damals,weil ich glaubte, es sei das Beste. Ich kann dich doch wohl nichtdeswegen verloren haben—.“

„Damals“ — er blickte nieder — „hatte ich noch nie ein Weib berührt.Ich war scheu geworden durch die Zustände daheim. — Träume undPhantasien — mitunter schufen sie eine Hölle, aber immer war dieFurcht am stärksten —. Ach. Jetzt bin ich neunundzwanzig Jahre alt.Ich habe nichts Schönes und Glückliches erlebt — außer dem kurzen Lenzmit dir. Begreifst du denn nicht, daß ich den Gedanken an dich nieaufgeben konnte? Begreifst du nicht, wie ich dich liebe — das einzigeGlück, das ich gekannt habe? Ich kann nicht ohne dich sein — jetztkann ich nicht mehr—.“

Sie hatte sich erhoben, bebend, und auch er war aufgestanden. Sie wichunwillkürlich einige Schritte zurück.

„Helge — ein anderer ist dagewesen.“

Er stand still und blickte sie an.

„So — ein anderer ist also dagewesen. Ich hätte es sein können — unddann wurde es ein anderer. Aber, ich will dich haben, was kümmert esmich. Jetzt will ich dich besitzen, denn einst hast du es mir zugesagt—.“

Als sie erschrocken an ihm vorbeizuschlüpfen suchte, riß er sie mitGewalt an sich.

[S. 329]

Es dauerte einige Augenblicke, ehe es ihr recht bewußt wurde, daß erihren Mund küßte. Sie glaubte, Widerstand zu leisten, aber sie lagwehrlos in seinen Armen.

Sie wollte sagen, daß er nicht dürfe. Sie wollte ihm sagen, wer derandere gewesen. Aber sie konnte nicht, denn sie hätte dann gesagt, daßsie ein Kind gehabt hatte. Und in dem Augenblick, als sie an den Knabendachte, fühlte sie, daß sie ihn nicht zu nennen vermochte — inmittendieses Kampfes. Ihr Kind mußte sie von dem Untergang fernhalten, der,wie sie wußte, jetzt kam —. Und dieser Gedanke erschien ihr wie einezarte Liebkosung des toten Kleinen, die sie wärmte und ihr wohltat,sodaß ihr Körper einen Augenblick in seinen Armen weich und nachgiebigwurde.

„Du bist mein — mein bist du, Jenny — ja, ja, ja,“ flüsterte Helgeüber ihr.

Sie sah einen Augenblick in sein Gesicht. Dann riß sie sich von ihm losund rannte zur Tür. Gleichzeitig rief sie laut nach Gunnar.

Er sprang ihr nach und riß sie zurück:

„Er bekommt dich nicht — du bist mein, du—.“

Dann kämpften sie wortlos an der Tür. Jenny war es, als käme alles nurdarauf an, ob sie öffnen und in Gunnars Zimmer gelangen könnte. Wie sieaber dann Helges Körper an dem ihren spürte, heißer, stärker als ihreigener, wie er sie festhielt mit Armen und Knien, da war es ihr, alssollte es so sein, als sollte sie sich ergeben. Und sie warf sich ihmfreiwillig in die Arme.

Im Dämmerlicht, während er sich ankleidete, trat er alle Augenblicke anihr Bett und küßte sie:

„Herrliche du! Wie schön du bist Jenny! Jetzt bist du mein. Alles wirdwieder gut, nicht wahr? O, wie ich dich liebe! — Du bist müde? Dusollst schlafen ich gehe jetzt. Morgen Vormittag komme ich wieder zudir. Schlaf gut, süße, geliebte Jenny. Bist du so müde?“

[S. 330]

„Ja, sehr müde, Helge.“ Sie lag mit halbgeschlossenen Augen daund blickte in das fahle Morgenlicht, das Helge durch die Ladenhereingelassen hatte.

Dann küßte er sie. Er hatte den Mantel angezogen und hielt den Hut inder Hand. Noch einmal ließ er sich auf den Knien vor dem Bette niederund schob den Arm unter ihre Schultern:

„Ich danke dir für diese Nacht, Jenny —. Besinnst du dich darauf, daßich dasselbe an jenem ersten Morgen in Rom sagte, draußen auf Aventin?Erinnerst du dich dessen?“

Jenny nickte, in die Kissen vergraben.

„Schlaf wohl. Gib mir noch einen Kuß — so, Gute Nacht meine herrlicheJenny!“—

In der Tür hielt er inne:

„Gibt es einen Schlüssel zu der Tür? Oder ist es eine von denaltmodischen mit einer Klinke innen?“

„Ja, es ist die gewöhnliche Art,“ sagte sie, „du öffnest ohne weiteresvon innen—.“

Sie blieb mit geschlossenen Augen liegen. Aber sie sah ihren eigenenKörper, wie er unter der Decke lag, weiß, nackt, schön, ein Ding, dassie von sich geschleudert hatte, wie sie den beschmutzten Handschuhheut Nachmittag fortgeworfen. Er gehörte ihr nicht mehr.

Plötzlich durchfuhr sie ein Ruck. Sie hörte Heggen die Treppeheraufkommen, langsam, hörte ihn die Türe zu seinem Zimmer öffnen. Erging eine Weile dort drinnen auf und ab, dann wieder hinaus, zum Dachhinauf. Jetzt hörte sie seine eiligen Schritte über ihrem Kopfe — aufund ab.

Sie war überzeugt, daß er es wußte. Aber es machte keinen Eindruck aufihr müdes Hirn. Sie fühlte keinen Schmerz mehr. Es war ihr, als müssealles ihm ebenso selbstverständlich und unabwendbar vorkommen wie ihr.

Was sie vorhatte, war nicht ihr freier Entschluß. Es mußte geschehenwie das andere geschehen war, — wie[S. 331] eine unabänderliche Folge dessen,daß sie gestern Helge die Türe geöffnet hatte.

Jenny streckte einen Fuß unter der Decke hervor und betrachtete ihn wieeinen fremden Gegenstand, der nicht ihr gehörte. Er war hübsch. Siekrümmte ihn, so daß der Spann sich straffte. Hübsch war er, weiß undblaugeädert, mit feinem Rot an der Ferse und den Zehen.

Sie war so müde. Diese Müdigkeit tat wohl. Als hätte sie Schmerzengehabt, die jetzt vorüber waren. Während er bei ihr war, hatte nurein Gefühl sie beherrscht, als würde sie in die Finsternis gestoßenund sänke und sänke. Es war Wollust, so zu vergehen, seines Willensberaubt, sich aus dem Leben treiben lassen, hinab auf den Grund, wo esstill war. Sie wußte dunkel, daß sie seine Liebkosungen erwidert, sichan ihn geschmiegt hatte. Jetzt war sie müde, und was ihr zu tun nochübrig blieb, tat sie mechanisch.

Sie stand auf und kleidete sich an. Als sie Strümpfe, Leibchenund Unterrock angezogen hatte, steckte sie die Füße in ein PaarGoldkäferschuhe, die sie im Hause trug. Sie wusch sich und steckte dasoffene Haar vor dem Spiegel hoch, ohne zu wissen, daß sie ihr eigenesAntlitz erblickte.

Dann ging sie zu dem kleinen Tisch, auf dem ihre Malgeräte lagen. Siekramte in dem Kasten mit ihrem Radierwerkzeug. An das spitze dreieckigeSchabeisen hatte sie in der Nacht denken müssen. Früher hatte sie esmanchmal halb spielerisch gegen ihre Pulsadern gehalten.

Jenny nahm es auf und prüfte es, befühlte es mit dem Finger. Dann legtesie es zurück und ergriff ein Taschenmesser. Sie hatte es einmal inParis gekauft, es hatte Korkzieher, Büchsenöffner und viele Klingen.Die eine war kurz, spitz und breit — diese öffnete sie.

Dann ging sie zurück und setzte sich aufs Bett. Sie legte dasKopfkissen über den Rand des Nachttisches, — stützte die linke Handdarauf und schnitt die Pulsader durch.

Das Blut spritzte hoch auf, der Strahl schoß gegen ein kleinesAquarell, das sie an der Wand über dem Bett[S. 332] aufgehängt hatte. Alssie das sah, rückte sie die Hand zur Seite. Sie legte sich nieder— streifte unwillkürlich mit den Füßen die Schuhe ab und legte sieganz aufs Bett. Als sie sah, wie das Blut spritzte, verbarg sie dieverwundete Hand unter der Decke.

Sie hatte keinen Gedanken und keine Angst, fühlte nur, daß sie sichdem Unabwendbaren hingab. — Der Schmerz selbst, als sie sich schnitt,war nicht stark — scharf und klar, gleichsam auf die eine Stellekonzentriert.

Aber nach einer Weile durchrieselte sie ein unbekanntes, sonderbaresGefühl — eine Angst, die wuchs und wuchs. Nicht die Furcht vor etwas— das Gefühl selbst bestand nur in einer fürchterlichen Angst in derHerzgegend — als würde sie erwürgt. Sie öffnete die Augen — aberschwarze Fetzen nisten an ihren Blicken vorüber. Sie konnte nicht atmen— das Zimmer überfiel sie von allen Seiten —. Sie taumelte aus demBett, wankte zur Tür, blindlings die Treppe zum Dach hinauf, bis sieauf der obersten Stufe zusammenbrach ——

Helge war Gunnar Heggen begegnet, als er gerade aus dem Tore trat. Siehatten sich beide angeblickt, während sie zum Hute griffen. Dann warensie aneinander vorbeigegangen — ohne ein Wort.

Aber diese Begegnung hatte Helge nüchtern gemacht. Nach dem Rausch derNacht schlug seine Stimme plötzlich um. Was er erlebt hatte, erschienihm plötzlich unglaubhaft, unbegreiflich und unheimlich.

Dieses Zusammentreffen mit ihr, wovon er die ganzen Jahre hindurchgeträumt hatte. Sie, von der er geträumt, sie hatte fast nichtgesprochen, nur stumm und kalt dagesessen und sich dann plötzlich inseine Arme geworfen. Wild und wahnsinnig, doch ohne einen Laut. Jetztplötzlich erinnerte er sich — sie hatte nichts gesagt, nichts erwidertauf alle seine Liebesworte heute Nacht.

Eine fremde, unheimliche Frau war das — seine Jenny? Er wußte miteinem Male, sie war nie sein gewesen.

[S. 333]

Helge schritt immer weiter durch die morgenstillen Straßen. Den Corsoauf und nieder.

Er versuchte, sie sich vorzustellen. Die Erinnerungen von den Träumenloszulösen. Sie aus jener Zeit sich vor Augen zu führen, als sieverlobt waren. Aber er konnte sie nicht festhalten — er wußte miteinem Male, daß er es nie gekonnt. Immer war etwas dahinter gewesen,das er nicht hatte sehen können, er hatte nur gefühlt, es war da.

Nichts wußte er von ihr. Heggen konnte jetzt bei ihr sein — er wußtees nicht. Ein anderer war dagewesen, hatte sie selbst gesagt — welcherandere — welche anderen — welches andere, das er nicht kannte unddoch immer gefühlt hatte?

Nach diesem Ereignis aber konnte er sie auch nicht aufgeben, er wußtees. Jetzt weniger als je zuvor. Und dabei kannte er sie nicht. Wer warsie, die ihn in ihrer Gewalt hatte —? Wem hatte er angehört mit jedemeinzigen Gedanken, drei Jahre lang—?

Furcht war es, Raserei, die ihn trieb, während er zu ihrer Türzurückjagte. Sie stand offen. Er lief die Treppen hinauf, sie sollteihm Rede stehen — sie kam nicht frei, bis sie ihm alles gesagt—.

Ihre Türe stand offen. Helge blickte hinein — auf das leere Bett, dieblutigen Laken und das Blut auf dem Fußboden. Er wandte sich um und sahsie zusammengekrümmt auf der obersten Stufe liegen, sah das Blut aufder weißen Marmortreppe.

Er schrie auf und sprang hinzu — riß sie hoch, hielt sie in seinenArmen. Er spürte ihre erschlafften Brüste an seiner Hand und einenkleinen lauen Rest von Lebenswärme, am Rande des Leibchens verborgen.Doch Arme und Hände fielen kalt herab. Und er begriff, schaudernd,greifbar, daß dieser Körper, den er vor wenigen Stunden in seinen Armengehalten hatte, heiß und bebend vor Leben, jetzt ein Leichnam war, derbald zerfallen sein würde—.

[S. 334]

Er sank nieder mit ihr und schrie wild auf—.

Heggen riß die Tür zur Terrasse auf. Sein Antlitz war weiß undvergrämt. Da sah er Jenny—.

Er ergriff Helge und schleuderte ihn zur Seite — ließ sich vor ihr aufdie Knie nieder.

„Sie lag hier — als ich zurückkam, lag sie hier—.“

„Laufen Sie nach einem Arzt! — Schnell —!“ Gunnar hatte ihr Hemdaufgerissen — inwendig gefühlt — um ihren Kopf gefaßt — die Armehochgehoben, da erblickte er die Wunde. Jetzt riß er das hellblaueSeidenband von ihrem Leibchen und band es fest über ihrem Handgelenkzusammen.

„Ja, ja, wo wohnt—“

Rasend schrie Gunnar auf. Dann sagte er halblaut:

„Ich werde gehen. Tragen Sie sie hinein —,“ aber er schlang selbst dieArme um sie und ging auf ihre Türe zu. Als er das blutige Bett sah,verzog er plötzlich das Gesicht. Dann wandte er sich um und stieß dieTür zu seinem Zimmer auf. Er legte sie auf sein eigenes unberührtesBett nieder. Dann sprang er auf.

Helge war neben ihm geblieben, den Mund wie in einem erstarrten Schreihalb geöffnet. Aber in Gunnars Tür hielt er inne. Als er allein mit ihrwar, schlich er herbei und berührte mit den Fingerspitzen ihre Hand.Dann brach er auf dem Fußboden zusammen, den Kopf an die Bettkantegelehnt und weinte jämmerlich, sich zusammenkrampfend vor Grauen.

XII.

Gunnar schritt über den schmalen, grasbewachsenen Weg zwischen hohen,weißgekalkten Gartenmauern dahin. Auf der einen Seite lag die Kaserne,eine Terrasse mußte dort drinnen sein — hoch über seinem Kopf standeneinige Soldaten, lachend und leise plaudernd. An der Ecke wippte einBüschel gelber Blumen, die in einem Mauerspalt wucherten. Doch auf deranderen Seite des[S. 335] Weges ragten die gewaltigen alten Pinien an derCestiuspyramide und der dichte Zypressenwald auf dem neuen Teil desKirchhofs zum blauen, silberbewölkten Himmel empor.

Vor dem Gittertor saß ein halberwachsenes Mädchen im Gras und häkelte.Sie öffnete ihm und knickste dankend, als er ihr eine Münze reichte.

Die Luft war lenzhaft feucht, klar und weich. Hier drinnen auf demFriedhof in dem dichten, grünen Schatten wurde sie treibhausartig warmund naß. Die Narzissen in den Rabatten am Wege dufteten heiß und schwül.

Die alten Zypressen umstanden dicht wie ein Hain die Gräber, die sich,dunkelfarbig von dem kriechenden Laube des Immergrüns und der Veilchenin Terrassen bis zur epheubewachsenen alten Stadtmauer hinzogen.Die Gedenktafeln der Toten leuchteten — kleine Marmortempel, weißeEngelstatuen und schwere große Sarkophage. Moos breitete sich darüberaus und schimmerte an den Stämmen der Zypressen. Hier und da war eineweiße und rote Blüte in den dunkelleuchtenden Kronen der Kamelienbäumezurückgeblieben, doch der größte Teil lag braun und welk auf demschwarzen, feuchten Humus, dessen herber, klammer Duft zu ihm aufstieg.Ihm fiel etwas ein, was er einmal gelesen hatte — die Japaner liebtendie Kamelien nicht, denn ihre Blüten fielen voll und frisch ab wieabgehauene Köpfe.—

Jenny Winge war am weitesten drüben auf dem Friedhof begraben worden,in der Nähe der Kapelle. Am äußersten Rande eines lichtgrünen, vonTausendschön übersäten Grashügels, wo erst wenige Gräber lagen. AmRasenplatz entlang waren Zypressen gepflanzt worden. Sie waren abernoch winzig klein, glichen Spielzeug mit den spitzen, schwarzgrünenKronen über den ranken, gezwirbelten braunen Stämmen, die an Säulen imKreuzgang eines Klosters gemahnten.

Ihr Grab lag ein wenig für sich auf dem Anger. Das Gras war ringsherumabgestochen worden, so daß der Hügel von einem Erdstreifen umgeben war.Er war[S. 336] hellgrau, die Sonne schien darauf und die Zypressen erhobensich dahinter wie eine Mauer.

Gunnar preßte die Hände gegen sein Gesicht und ließ sich auf die Knienieder, bis sein Kopf ganz auf den welken Blumenkränzen lag.

Er fühlte die Müdigkeit des Lenzes in allen Gliedern, und das Blut rannkrank vor Trauer und Leid bei jedem schweren Schlage seines Herzens.Jenny — Jenny — Jenny — ihren lichten Namen hörte er in jedemVogelpfiff des Frühlings — und sie war tot—.

Sie lag dort drunten in der Finsternis. Eine Locke ihres blonden Haareshatte er abgeschnitten und trug sie in seinem Taschenbuch bei sich. Ernahm sie wohl hervor und ließ sie in der Sonne funkeln — die kleinenarmseligen Fünkchen waren alles, was die Sonne jetzt zünden konnte vonall ihrem schweren, schimmernden Haar.

Sie war tot und fort. Einige Bilder hatte sie hinterlassen, und einAbschnitt über sie stand in den Zeitungen. Eine Mutter und einigeSchwestern blieben zurück, die über ihre Jenny trauerten — diewahre hatten sie nie gekannt, sie wußten nichts über ihr Leben undihren Tod. Da waren die anderen — die starrten verzweifelt nach derJenny, die sie gekannt —. Sie wußten einiges, verstanden aber nichts.

Es war nur seine Jenny, sie, die hier lag.

Helge Gram war zu ihm gekommen. Er hatte gefragt und hatte erzählt, erhatte gejammert und gebettelt:

„Ich verstehe ja nichts. Weißt du es — oh, erkläre es mir, Heggen.Du weißt es. Kannst du mir nicht sagen, was du weißt!“

Er hatte nicht geantwortet.

„Da war ein anderer. Sie selbst sagte es. Wer war es? Warst du es?“

„Nein.“

„Weißt du, wer es war?“

„Ja, aber ich will es nicht sagen. Es nützt nichts, daß du fragst,Gram.“

[S. 337]

„Ja, aber ich werde verrückt, hörst du, Heggen — ich werde wahnsinnig,wenn du mir nicht erklären kannst—.“

„Du hast kein Recht, Jennys Geheimnisse zu wissen.“

„Aber weshalb tat sie es denn? Meinetwegen — seinetwegen —deinetwegen?“

„Nein. Sie tat es allein ihretwegen.“

Dann hatte er Gram gebeten, zu gehen. Jetzt war er fortgereist. Siehatten sich seitdem nicht wieder gesehen.

Es war oben im Borghesegarten gewesen, als Gram zu ihm kam. EinigeTage nach der Beerdigung. Er hatte dort im Sonnenschein gesessen. Erwar so müde. Er hatte alles ordnen und die nötigen Erklärungen nachallen Richtungen abgeben müssen — anläßlich der Untersuchung desSelbstmordes, des Begräbnisses — an Frau Berner hatte er geschrieben,daß ihre Tochter plötzlich an Herzschlag verstorben sei. Aber etwas inall dem hatte ihm gut getan. Die Tatsache, daß niemand von seinem Leidewußte. Daß die große Erklärung, die er kannte, die einzig wahre war —und die behielt er für sich. Das hatte seinen Schmerz so unendlich tiefin ihn versenkt. Jetzt würde er nie zu einem Menschen davon sprechen.Er war sein eigen, ganz allein. Er würde den innersten Kern seinerSeele für alle Zeiten bilden.

Er würde sein Wesen färben und von seinem Wesen seine Farbe erhalten.Er würde seinem Leben Richtung geben — und von ihm gelenkt werden— würde Farbe und Form mit ihm wechseln, aber nie aus seinem Lebengetilgt werden können. Zu jeder Stunde des Tages in dieser ganzen Zeitwar er verschiedenartig — aber immer war er da, und so würde es immersein.

Gunnar entsann sich des Morgens, als er zum Arzt lief, während derandere mit ihr allein geblieben war — damals hatte er Helge Gram sagenwollen, was er wußte, und es ihm sagen wollen, daß des anderen Herz zuAsche zerfiel — wie sein eigenes.

Aber während der Tage, die dazwischen lagen, war alles, was er wußte,zu einem Geheimnis zwischen der[S. 338] toten Frau und ihm geworden, zumGeheimnis ihrer Liebe. Alles, was geschehen war, war geschehen, weilsie war, wie sie war, und so, wie sie war, hatte er sie geliebt. HelgeGram aber war ein gleichgültiger und zufälliger Fremder für ihn undfür sie, und er empfand nicht das Bedürfnis, sich an ihm zu rächen,ebensowenig wie er Mitleid mit Helges Trauer hatte und mit seinemEntsetzen über das Unfaßliche, was geschehen war.

Diesen Menschen hatte ja nur der Zufall gesandt. Weil sie war, wie siewar, geschah das alles. Ihr Sinn mußte sich eines Tages verwirrt einemWindstoß beugen und fügen, weil er so rank und schlank emporgewachsenwar. Er selbst hatte geglaubt, sie könnte wachsen wie ein Baum, undhatte nicht verstanden, daß sie nur wie eine Blume emporkeimte,um Sonne zu bekommen und Blüten zu treiben mit all ihren schweren,sehnsuchtsvollen Knospen. Auch sie war nur ein kleines Mädchen gewesen.Und das würde als ewiger Schmerz in seinem Herzen zurückbleiben, daß erdas erst begriffen, nachdem es zu spät war.

Sie konnte sich nicht wieder aufrichten, nachdem sie einmal geknicktwar. Sie war wie eine Lilie, die auch nicht aus der Wurzel aufs neuetreiben konnte, wenn der erste Stengel gebrochen wurde. In ihrem Wesenlag nichts Geschmeidiges und Ueppiges. Aber er liebte sie, wie sie war.

Und ihre Eigenart gerade verstand nur er allein. Er allein wußte, wieblond und rein sie gewesen, wie aufstrebend, stark und rank, und dochwie zerbrechlich und spröde mit ihrer empfindsamen Ehre, von der einFleck niemals abgewaschen werden konnte, weil er seine Furchen zu tiefeingrub.

Jetzt war sie tot. Und er war mit seiner Liebe viele Tage und Nächteallein gewesen. Seines ganzen Lebens Tage und Nächte mußte er nun mitihr allein bleiben.

Es hatte Nächte gegeben, in denen er verzweifelte Schreie in denKissen seines Bettes erstickte. Sie war[S. 339] tot, und er hatte sie niebesessen. Ihn aber hatte sie lieben, ihm hatte sie angehören sollen,und sie war die einzige, die er geliebt. Sie war tot, und ihrenherrlichen, schlanken weißen Körper, der ihre Seele umschloß wie einesammetene Scheide eine schmale und feine, spröde Klinge, hatte er nieberührt, nie gesehen. Andere hatten ihn besessen und nie gewußt, welchwunderbarer und seltener Schatz es war, der sich in ihre Hände verirrthatte. Jetzt lag er vergraben in der Erde, häßlich, häßlich würde erverändert werden, verzehrt und aufgelöst, bis er zu einem Häuflein Erdeinmitten der Erde zerfiele.

Gunnar lag, erschüttert von Schluchzen, auf dem Erdboden.

Andere hatten sie besessen. Sie aber hatten sie besudelt undvernichtet, und hatten nicht gewußt, was sie taten. Er hatte sie niegehabt.

Solange er lebte, würden Stunden kommen, wo er jammerte wie jetzt, daßes so war.

Und doch hatte nur er allein sie besessen. Nur in seiner Hand konnteihr goldenes Haar jetzt funkeln. Sie selbst, sie lebte jetzt in ihm,ihre Seele und ihr Bild spiegelten sich in ihm, so klar und scharf wiein einem stillen Wasser. Sie war tot, ihr Leid gehörte ihr nicht mehr— es war jetzt in ihm — dort lebte es weiter und würde nicht sterben,bis er selbst einst starb. Weil es lebte, würde es aber wachsen undsich verändern — er konnte nicht wissen, wie sein Leid in zehn Jahrenaussehen würde, aber es konnte zu etwas Großem und Herrlichem wachsen.

Solange er lebte, würden Stunden kommen, in denen er eine merkwürdigschwere und tiefe Freude empfinden würde, daß es so war.

Doch jene Morgenstunden, als er auf der Terrasse über ihrem Haupte aufund ab ging, während sie ihrem Leben ein Ende machte. Er entsann sichdunkel, welche Gefühle ihn beherrscht hatten. Ein Aufruhr hatte in[S. 340]ihm getobt, sein Herz war in Harm und Zorn über ihre Tat, gegen sieerbittert. Er hatte gebettelt und gefleht, um ihr helfen zu dürfen,um sie aus dem Sumpf zu retten, in den sie sich verirrt — und siehatte ihn von sich gewiesen und sich vor seinen Augen weggeworfen, aufFrauenart, eigensinnig, verantwortungslos, töricht, trotzig.

Aber als er sie dann liegen sah — er hatte auch darüber gerast,verzweifelt. Er würde sie dennoch nicht aufgegeben haben. Was sie auchgetan hätte — er hätte sie freigesprochen, ihr geholfen, ihr seinVertrauen, seine Liebe geschenkt, trotz allem.

Solange er lebte, würden Stunden kommen, in denen er ihr vorwerfenwürde, daß sie den Tod gewählt hatte — Jenny, du hättest es nicht tunsollen. Aber es würden auch Stunden kommen, da er finden würde, siehatte es tun müssen, so wie sie war. Auch darum liebte er sie — ewig,solange er lebte.

Nur eines würde nie eintreten — der Wunsch, daß er sie nie geliebthätte.

Wie er geweint hatte, verzweifelt, würde er wieder weinen müssen.Darüber, daß er sie nicht eher geliebt. Ueber die Jahre, die er nebenihr dahingelebt hatte, als sie sein Freund und Kamerad war, und ernicht sah, daß sie das Weib war, das seines Lebens Gefährtin seinsollte.

Aber nie würde der Tag kommen, an dem er wünschte, er sei niemalssehend geworden, wenn auch nur, um zu entdecken, daß es zu spät war.

Gunnar richtete sich auf den Knien auf. Er holte eine kleine flachePappschachtel aus der Tasche hervor und öffnete sie. Darin lag einekleine Perle von Jennys rosa Kristallhalskette. Als er ihre Sachenordnete, fand er die Kette im Nachttisch; die Schnur war zerrissen.Eine Perle hatte er an sich genommen und verwahrte sie.

Er nahm etwas Sand vom Grabe und legte ihn in die Schachtel. Die Perlerollte hin und her und wurde über und über mit grauem Staub bedeckt,aber das[S. 341] klare Rosa leuchtete hindurch, und die feinen Funken imKristall schimmerten und brachen sich im Sonnenlicht.

All ihr Eigentum hatte er sorgfältig verpackt und an ihre Angehörigengeschickt, sorgsam alle Briefe gesammelt und sie verbrannt. In einemversiegelten Pappkasten lag ihr Kinderzeug. Das hatte er Franziskageschickt, da Jenny eines Tages davon gesprochen hatte, daß sie es tunwollte.

Ihre Mappen und Skizzenblätter hatte er durchgeblättert und siedarauf zusammengepackt. Aber erst hatte er vorsichtig einige Blättermit Zeichnungen von ihrem Buben herausgeschnitten und sie in seinemTaschenbuch verwahrt.

Sie waren sein. Alles, was in ihrem Leben ihr allein gehört hatte, daswar jetzt sein.

Draußen auf dem Rasen wuchsen einige rotviolette Anemonen. Er erhobsich gedankenlos und pflückte sie.

Ach Frühling, Frühling.

Er entsann sich des letzten Males, als er im Frühling daheim war, eswar jetzt zwei Jahre her.

Auf der Umsteigestation erwartete ihn ein Karren mit einer roten Mähredavor. Der Besitzer des Gefährtes war ein alter Schulkamerad. An einemsonnenklaren Märzvormittag fuhr er auf dem Feldweg daher. Unter demlichtblauen Himmel breiteten sich Felder mit gelblichfahlem altemGrase aus. Wo der verwitterte Hügel sich über der Ebene erhob, standenWacholder, Birken und Ebereschen in kleinen Gruppen bei einander,die nackten glatten Zweige in die Luft streckend. Die Düngerhaufenauf den gepflügten Feldern glänzten wie goldbrauner Sammet. Gehöftetauchten auf, eines nach dem anderen, mit den bekannten Umrissen derScheunen, mit gelben, grauen und roten Häusern, mit Aepfelgärtenund Fliederbüschen davor. Um den Ort zog sich der Wald, olivengrün,mit einem lenzhaften, violetten Schimmer über den Birkenästen. Einvereinzelter Streifen Schnee lag nordwärts grünlichweiß im Schatten.

[S. 342]

Ueber das ganze Kirchspiel herab rieselten an jenem Tage Trillerunsichtbarer Lerchen.

Er nahm zwei weißschöpfige Bürschchen mit, die mit einem Eimer vollEssen über den Weg trabten. Armselig gekleidet, in Holzschuhentrotteten sie durch den Schmutz.

„Wo wollt ihr hin, Jungens?“

Sie blieben stehen und betrachteten ihn mißtrauisch.

„Wollt ihr vielleicht dem Vater Essen bringen?“

Sie gaben es zögernd zu, ein wenig überrascht, daß der fremde Mann daswissen konnte.

„Klettert herauf, dann dürft ihr mitfahren.“

Er hob sie in den Wagen.

„Wo arbeitet euer Vater denn, was?“

„Auf Brustad.“

„Brustad — ah so — ist das nicht der Schule gegenüber?“

So ging das Gespräch hin und her. Der dumme, unwissende erwachseneMann fragte und fragte, wie Erwachsene immer mit Kindern sprechen.Der Erwachsene fragt, und die Kleinen, die so viel Weisheit besitzen,konferieren stumm mit Augenblinzeln und geben mit Vorbehalt nur so vielzum besten, als sie für angemessen halten.

Hand in Hand trabten sie über den Erdboden unter den rostbraunenPalmweiden an dem brausenden Bach entlang, nachdem er sie abgesetzthatte. Er sah ihnen eine Weile nach, wendete den Wagen und fuhr seinemeigenen Ziele zu.

Daheim hatten sie abends Lesestunde. Ingeborg, seine Schwester, saßdrüben neben dem alten Eckschrank aus Birkenholz und lauschte mitekstatisch bleichem Antlitz und stahlblau glänzenden Augen einemSchuhmachermeister aus Fredriksstad, der von Gnade sprach. Dann sprangsie auf und sprach ihr Glaubensbekenntnis, zitternd vor Leidenschaft.

Ingeborg, seine schöne, frische Schwester! Wie wild war sie einstgewesen, wie hatte sie Tanz und Vergnügen geliebt! Und Lesen undLernen! Während er in der Stadt arbeitete, mußte er ihr Bücher undBroschüren[S. 343] senden und den „Socialdemokraten“ in Paketen zweimal dieWoche. Alles wollte sie wissen und lernen. Dann, als sie dreißig Jahrealt war, wurde sie erweckt. Jetzt redete sie mit Zungen.—

Ihre ganze Liebe hatte sie auf ihren kleinen Brudersohn Andersgeworfen, und das kleine Mädelchen, das sie in Pflege hatten, einuneheliches Kind aus Kristiania. Mit blitzenden Augen erzählte sieihnen von Jesus, dem Kinderfreund.

Am Tage darauf schneite es. Er hatte die Kinder ins Lichtspieltheatereingeladen, in einer kleinen Stadt eine halbe Meile von ihremKirchspiel entfernt.

Sie trabten an einem Steinwall zwischen dem Nadelwald und den Feldernentlang. Alles war grauweiß von nassem Märzschnee — nur ihre Fußspurenblieben dunkel hinter ihnen zurück. Er versuchte, die Kinder zuunterhalten; fragte, und sie gaben ihre bedächtigen, zurückhaltendenAntworten.

Aber auf dem Heimwege waren es die Kinder, die fragten, undgeschmeichelt antwortete er ihnen ausführlich, ohne Vorbehalt. Siehatten Bilder von Cowboys in Arizona gesehen, und einer Kokosernte aufden Philippinen. Er wurde eifrig und tat sein Bestes, um ordentlichBescheid zu geben und sich nicht festzufahren.

O Frühling, Frühling!

Es war auch ein Frühlingstag, als er mit ihnen, Jenny und Franziska,nach Viterbo gefahren war.

Schlank hatte sie in ihrem schwarzen Kleide dagesessen und aus demFenster gestarrt. Wie groß und grau ihre Augen waren — genau erinnerteer sich dessen.

Ueber die Campagna — hier, wo keine Ruinen standen, die die Touristenan sich zogen, höchstens hin und wieder in weiten Zwischenräumen einezusammengestürzte, formlose und namenlose Mauermasse, oder dieser undjener kleine Pachthof mit zwei Pinien und einigen spitzen Strohmietenvor dem Hause — hier fegten Sturmwolken grauschwarze, zerfetzteRegenschleier über die öde, braune Weite hin. Die Schafherden druntenim Tale, wo hin und wieder[S. 344] etwas dorniges Gebüsch an dem Bette einesBächleins entlang wucherte, drängten sich zusammen.

Dann fuhr der Zug zwischen Bergrücken und Wäldern hindurch,hochstämmigem Eichwald, wo es weiß und blau und gelb in dem altenverwelkten Laub blühte, wie daheim. Weiße Anemonen, blaue undschwefelgelbe Primeln. Sie sehnte sich danach, hinauszukommen und siezu pflücken, sagte sie — zu sammeln und zusammenzuraffen im fallendenRegen, unter den triefenden Zweigen, in dem nassen Laube. „Es ist wieim Frühling daheim,“ sagte sie.

Es hatte hier geschneit — graunasser Frühlingsschnee lag in den Lüften— an den herabgefallenen Zweigen schmolz er zu hellen Streifen ein.Die Blumen senkten ihre zusammengeklebten Kelche herab, naß und schwervom Schlamm.

Kleine Wildbäche sprudelten die Abhänge hinab und schlüpften unter denBahnkörper. Hier färbte sie der Erdboden rostrot.

Dann peitschte ein Regenschauer gegen die Abteilfenster und blendetesie, trieb den Rauch der Lokomotive zur Erde nieder. Später klärte essich ein wenig auf, ein Lichtschimmer breitete sich über Tälern undwaldbestandenen Berghalden aus, der Nebel wich über die Gebirge zurück.

Einige seiner Sachen hatte er in einen der Koffer der jungen Mädchengepackt. Abends, als es ihm einfiel, hatten sie bereits begonnensich auszukleiden. Sie lachten und plauderten drinnen, als er kamund an ihre Türe pochte. Jenny öffnete einen Spalt und reichte ihmdas Erbetene hinaus. — Sie trug eine durchsichtige Frisierjacke mitkurzen Aermeln, so daß der schmächtige, weiße Arm entblößt war. Derhatte ihn zum Küssen verlockt, und doch wagte er nur einen einzigen soflüchtigen, scherzhaften, daß dieser Kuß von selber um Verzeihung bat.

Damals war er verliebt in sie gewesen. Als er berauscht war vomLenz, vom Wein und dem munteren, peitschenden Regen, den hastigenSonnenstrahlen und[S. 345] seiner eigenen Jugend und Lebenskraft. Er hatte dasVerlangen, sie mit zum Tanz zu nehmen, das hohe, lichte Mädchen, das sobehutsam lachte, als versuche sie eine neue Kunst, die sie nie zuvorgetrieben. Sie, die mit ihren grauen Augen hinausstarrte, ernst undsehnsuchtsschwer, auf all die Blumen, an denen sie vorüber fuhren unddie sie so gern hatte pflücken wollen.

Oh, Herr mein Gott, wie hätte alles sein können! Das trockene, bittereSchluchzen erschütterte ihn von neuem.

An jenem Tage, als sie zum Montefiascone emporstiegen, regnete es auch,daß es um der beiden Frauen geraffte Röcke und schmale Knöchel und Füßevom Steinpflaster hoch aufspritzte. Wie hatten sie aber gelacht, diedrei, während sie durch die steilen, schmalen Straßen wateten, wo derRegen ihnen, Wasserfällen gleich, entgegenrauschte.

Als sie dann auf der Rocca angelangt waren, der Burgklippe inmitten deskleinen alten Städtchens, da teilten sich die Wolken.

Sie beugten sich alle drei über die Brustwehr und blickten an denBolsenersee hernieder, der tief unter den grünen Hängen mit denOlivenhainen und Weingärten schwarz dalag. Die Wolken schwebtenniedrig über den Bergkuppen rings um den See. Dann aber lief einsilberschlanker Regenschauer über den dunklen Wassersspiegel, breitetesich aus und wurde blau, der Nebel wallte zurück und glitt in Senkungenund Klüfte, während die Linien der Gebirge hervortraten. Die Sonnebrach durch die herabsinkenden Wolken, die sich golden und bleiernblauum den Fuß kleiner, von steingrauen Burgstädten gekrönter Berge legten.Im Norden, weit entfernt, tauchte eine hohe, kegelförmige Spitze auf.Cesca behauptete, es sei der Monte Amiata.

Ueber den frisch gewaschenen, blauen Lenzhimmel hin zogen sich dieletzten Reste der Regenwolken fort, schwer und silberverbrämt, vor derSonne zerfließend; das Unwetter flüchtete westwärts, dunkel drohend,dorthin, wo die etrurische Hochebene sich braunschwarz und einsam[S. 346] zumfernen, weißgelben Glanzstreifen des Mittelmeeres herabsenkte.

Oede, groß und streng war das Land weithin, wie eineHochgebirgslandschaft daheim, trotz der grauen Olivenhaine undWeinranken, die sich zwischen den Reihen der Ulmen auf den grünenHügeln am See hinzogen.

In den kleinen Anlagen oben rings um die Burgruine warfen dieSteineichen ihre eisenschwarzen alten Blätter von den Zweigen ab, dieschon neue Knospen trugen. Hier waren Hecken von einer Art immergrünenBuschwerks mit lederartigem Laub. Das junge neue von diesem Frühlingglänzte in unnatürlichem Goldgrün.

Gemeinsam mit ihr hatte er sich in den Schutz der Hecke gehockt undseine Jacke vorgehalten, damit sie sich eine Zigarette anzünden könnte.Der Lenzwind blies eisig scharf und rein hier oben, so daß sie in ihrennassen Kleidern leicht erschauerte. Ihre Wangen waren rot und die Sonneglänzte auf dem feuchten, goldenen Haar, das sie sich mit der freienHand aus den Augen strich.

Dort hinauf wollte er reisen. Morgen schon.

Dort wollte er den Lenz grüßen, den frierenden, nackten,erwartungsvollen Lenz, dessen Blütenaugen ringsum geblendet sind vonNässe, vor Kälte im Winde zittern und dennoch blühen.

Der Lenz und sie — sie waren jetzt eins für ihn. O Gott — sie, diedort oben stand und fror und lachte, in dem unbeständigen Wetter, undalle Blumen in ihrem Schoße sammeln wollte.

„Ach, du meine kleine Jenny, du konntest nicht all die Blumen pflücken,wie du gewollt, deine Träume erblühten nie — und jetzt träume ich sie.

Wenn ich dann lange genug gelebt habe, so daß mich Sehnsucht erfülltwie einst dich — vielleicht tue ich dann wie du und spreche zu meinemSchicksal, gib mir einige Blüten nur, ich begnüge mich mit weitGeringerem, als ich ersehnte, da ich mein Leben begann.[S. 347] Und dennochsterbe ich nicht, wie du gestorben bist, denn dir konnte es doch nichtgenügen. Ich behalte nur die Erinnerung an dich, küsse deine Perleund dein goldenes Haar und denke, nein, sie konnte nicht leben, wennsie nicht die Beste sein und das Beste als ihr Recht fordern durfte.Dann sage ich vielleicht, dem Himmel sei Dank, daß sie lieber den Todwählte, als so weiterzuleben.

Aber heute Nacht gehe ich hinaus auf den Petersplatz und lausche desSpringbrunnens ekstatischer Musik, die niemals schweigt und träumemeinen eigenen Traum.

Ja, Jenny, denn nun bist du mein Traum, niemals habe ich einen anderengehabt.—

Ach, Träume, Träume.

Wenn dein Kind gelebt hätte, Jenny, so wäre es nicht geworden, wie dues dir geträumt hattest, als du den Knaben in deinen Armen hieltest undihm deine Brust reichtest. Gut und schön hätte er werden können — oderschlecht und häßlich — nur wie du ihn erträumtest, so wäre er nichtgeworden.—

Keine Frau hat je das Kind geboren, von dem sie träumte, als sieschwanger ging. Kein Künstler hat je das Werk geschaffen, das er in derStunde der Eingebung vor sich sah. Wir erleben Sommer auf Sommer, aberkeiner ist wie der, den wir herbeisehnten, als wir uns niederbeugtenund die ersten nassen Blüten unter den Sturmschauern des Lenzespflückten.

Keine Liebe wurde so, wie sie zwei erträumten, die einander zum erstenMale küßten. Hätten wir, du und ich, zusammen gelebt — wir hättenglücklich oder auch unglücklich mit einander werden können; wir konnteneinander unsagbare Freude oder unsagbares Leid zufügen. Jetzt aberwerde ich niemals erfahren, wie unsere Liebe geworden wäre, wenn dumir angehört hättest. Das Einzige, was ich weiß, ist: so, wie ichsie erträumte in jener Nacht, als ich mit dir zusammenstand, und derSpringbrunnen im Mondenschein plätscherte — so wäre unsere Liebe nichtgeworden. Und das ist bitter. ——

Dennoch.—

[S. 348]

Herr mein Gott — ich wünsche nicht, daß ich diesen Traum nie geträumthätte. Und ich möchte den Traum nicht missen, dem ich mich jetzthingebe.

Jenny, mein Leben wollte ich opfern, könntest du mir droben auf derBergklippe begegnen wie einst, könntest du mich küssen, mir nahe sein— einen Tag nur, eine Stunde. — Ständig, unablässig muß ich darandenken, wie unser beider Leben sich gestaltet hätte, wenn du nichtvon mir gegangen, wenn du mein eigen geworden wärest. Ach Jenny, eingrenzenloses Glück ist verspielt. Du bist nicht mehr und hast mich soarm, so arm gemacht. Nur meine armseligen Träume umweben dich und irrenruhelos umher, dich zu suchen. — Und dennoch. Messe ich meine Armutan der Anderen Reichtum, so dünkt sie mich überwältigend reich undstrahlend. Sollte ich sie auch mit meinem Leben bezahlen, so würde ichdoch nimmer meine Liebe zu dir, meine Träume und meinen Gram um dich,wie er mich jetzt zerreißt, hingeben ....“

Gunnar Heggen wußte nicht, daß er in seines Herzens grenzenlosemAufruhr seine Arme gen Himmel streckte und halblaut vor sichhinflüsterte. Die Anemonen, die er gepflückt, hielt er noch immer inseinen Händen, aber er wußte es nicht.

Die Soldaten auf der Kasernenmauer lachten über ihn, aber er sah esnicht. Er preßte die Blumen gegen seine Brust und murmelte leise vorsich hin, während er sich von dem Sonnenschein, der über dem Grabe lag,langsam dem dunklen Zypressenhain zuwandte.

Ende.

In demselben Verlage erschienen:

HARALD BERGSTEDT

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Welt am Montag v. 20. 12. 20:

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W—r.

Vossische Zeitung v. 12. 6. 21:

.... Dieser Roman ist mit einem ganz brillanten Witz, mit einerungewöhnlich scharfen Satire erzählt, mit barocken Zwischenstrophendurchsetzt. In überraschender Fülle drängt sich Bild an Bild. Manliest in atemloser Spannung, kommt aus dem Lachen nicht heraus,und überlacht doch niemals den Ernst des Ganzen. Das ist dieergötzlichste Universal-Zivilisationskarikatur, die mir seitlangem vorgekommen ist. Dieser dänische Küsterssohn hat in seinerkleinen Provinzstadt — Saeby — ein Buch von europäischer Geltunggeschrieben. ....

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Welt am Montag v. 20. 12. 20:

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ur.

Neues Wiener Tageblatt v. 27. 4. 21:

.... Buchholtz setzt die Linie der großen skandinavischen Erzählereiner älteren Generation fort. Die Gestalt dieses Egholm, einesTypus des nordischen Menschen, ist mit Meisterhand gezeichnet, wieüberhaupt der Roman von hohem, dichterischem Können Zeugnis gibt.Kein falsches Wort stört, und keine Konzession an sentimentaleHerzen, und er ist von einer weltabgewandten, in sich ruhendenGedanklichkeit durchströmt.

Dr. Hugo Greinz.

LAURIDS BRUUN

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M.30.—

Hamburger Correspondent v. 6. 4. 21:

.... alle diese Schilderungen zeugen von unübertrefflicherGestaltungskraft. „Oanda“ ist ein sozialer Roman im besten Sinne desWortes, in eigentümlicher Weise verklärt durch die fast märchenhaftanmutende Gestalt der Heldin selbst. Die musterhafte Übersetzungund die ausgezeichnete äußere Ausstattung erhöhen noch den Wert desBuches.

Dr. Nagel.

Vorwärts v. 5. 6. 21:

.... Wer Laurids Bruuns frühere Bücher, insbesondere sein van ZantensBuch kennt, weiß, daß der Verfasser von einem Utopia der Menschengüteträumt, weiß auch, daß er seinen Träumen Gestalt zu geben versteht.....

Literarisches Echo, 23. Jahrgang, Heft 13:

Aus den Romanen Laurids Bruuns, die wie sonnige glückliche Inseln imtrüben Meer unserer literarischen Erinnerungen liegen, kehren manchevertrauten, edlen Menschen in diesem Buche wieder, so daß wir alsbaldin ihm heimisch sind und die Vorgänge sofort Relief und Perspektivebekommen. ....

EJNAR MIKKELSEN

Sachawachiak
der Eskimo

Ein Erlebnis aus Alaska

180 Seiten

Preis:

broschiert

M.16.—

geb. in starkem Pappband

M.20.—

Deutsche Allgemeine Zeitung v. 8. 5. 21:

.... Dieses Buch hätte niemand schreiben können, der nicht selbsteine Zeit seines Lebens fern von der Kultur, dem Abenteuerhingegeben, Entbehrungen und Gefahren auf sich genommen hat; aber derwagemutige Forscher allein hätte es ebensowenig zustande gebracht.Es gibt in der Erzählung einige Partien, etwa die Schilderung derrasenden Jagd, in der Sachawachiak seinen Peiniger verfolgt, die andie grobe Volksepik, an alte Heldenlieder erinnern, an Gogols „TarasBulba“ oder Selma Lagerlöfs „Gösta Berling“. ....

Weser-Zeitung v. 5. 2. 21:

.... Da sind Urlaute, da pulst — trotz Schnee und Eis — ein wildesLeben. Die Fabel ist eigentlich nur Mittel zum Zweck. Gewiß: dieZertrümmerung einer primitiven Kultur durch Branntwein und Syphilissoll sich gestalten, in der Hauptsache aber will der Verfasser, derals arktischer Forscher einen guten Namen hat, den eigenartigenDaseinsrhythmus jener nördlichen Himmelsstriche, wo Menschen wohnen,vergegenwärtigen. ....

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Author: Otha Schamberger

Last Updated: 10/31/2022

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Name: Otha Schamberger

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